Die andere Seite des Virus

Covid-19 Während sich der reiche Norden mit Lockdowns vor Corona schützt, haben solche Maßnahmen im Süden fatale Folgen: Wirtschaftssysteme kollabieren und Menschen leiden. Über zwei zeitgleiche, und doch grundverschiedene Pandemien
Rosenvernichtung auf der Bliss Flora Farm in Nakuru, Kenia
Rosenvernichtung auf der Bliss Flora Farm in Nakuru, Kenia

Foto: Getty Images

In den vergangenen zwei Jahren litten Menschen überall auf der Welt unter einer Pandemie – allerdings nicht unbedingt unter derselben. In der reichen Welt wurde eine Atemwegserkrankung, Covid-19, plötzlich zu einer der maßgeblichen Todesursachen. In großen Teilen des ärmeren globalen Südens hingegen hatte nicht das Virus die verheerendste Zerstörungskraft, sondern die Maßnahmen, mit denen Regierungen darauf reagierten. Reichere und ärmere Nationen sind, wie sich einmal mehr zeigt, auf unterschiedliche Weise verwundbar.

Wenn ich mich mit meiner Familie in Ghana, Nigeria und Namibia unterhalte, wird mir klar, dass ein globales Ereignis ganz unterschiedliche lokale Formen annehmen kann. Das Medianalter in den drei Ländern liegt zwischen 18 und 22 Jahren. Wenn die Pandemie dort tödlich wirkt, dann nicht unbedingt durch das Coronavirus an sich, sondern vielmehr durch andere Krankheiten: Es handelt sich um eine Art Schattenpandemie.

Allein in Afrika leben 26 Millionen Menschen mit HIV, von denen pro Jahr Hunderttausende daran sterben. Und die für Kinder und Babys besonders gefährliche Malaria fordert alljährlich fast 400.000 Menschenleben. Das sind große Zahlen, und doch waren sie schon viel größer – nur durch einen enormen gesundheitspolitischen Kraftakt war es gelungen, sie zu senken. Unter den Bedingungen der Pandemie aber suchen viele Leute kein Krankenhaus mehr auf. Einer Untersuchung des in Genf ansässigen Globalen Fonds zufolge gingen in Afrika und Asien die pränatalen Vorsorgeuntersuchungen von April bis September 2020 um zwei Drittel zurück. Die Zahl der Arztbesuche von Kindern unter fünf Jahren sank um drei Viertel.

Gesundheitsexperten fürchten, dass sich in der Pandemie die Zahl der Menschen, die an Malaria sterben, weltweit verdoppeln könnte. In den kommenden Jahren könnten 400.000 Menschenleben zusätzlich der Tuberkulose zum Opfer fallen und eine halbe Million zusätzlich an HIV sterben. Wer also das tatsächliche Ausmaß der Opfer des Coronavirus berechnen will, muss auch die Malaria-, Tbc-, HIV- und Diabetestoten einbeziehen, die normalerweise hätten gerettet werden können.

Die Geschichte dieser Schattenpandemie handelt nicht von einer Krankheit – sie handelt von Armut, Hunger, vorenthaltener Bildung und verkümmertem Leben. Diese Disparitäten zwischen globalem Norden und globalem Süden dürften zu den Wesensmerkmalen künftiger Krisen zählen. Die Geschichte zweier Pandemien ist die Geschichte von zweierlei Weltordnung.

Erst Geschäftsfrau, dann arm

In den relativ jungen Gesellschaften der Entwicklungsländer hat Covid weniger gesundheitliche Auswirkungen gezeigt als in reicheren (und ausnahmslos älteren) Gesellschaften, dafür verheerende ökonomische Auswirkungen. So musste die Hälfte der ländlichen Haushalte in Kenia Mahlzeiten einschränken oder ausfallen lassen. In Sierra Leone sogar fast 90 Prozent.

„Für Menschen, die von der Hand in den Mund leben, bedeutet Lockdown fast ein Todesurteil“, stellt der in Indien lebende Ökonom Jean Drèze fest. Die Anzahl der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben, ist erstmals seit 1997 gestiegen. Afrika hatte für das Jahr 2020 ein Wirtschaftswachstum von 3,2 Prozent erwartet. Jetzt schätzt man die Rate auf 0,8 Prozent.

Taleni Ngoshi, eine 32-jährige Geschäftsfrau in Namibia, beschreibt die dortige Situation so: „Die Kluft zwischen Reichen und Armen ist hier sehr tief, wobei die Grenze zwischen der Mittelschicht und den Armen sehr durchlässig ist.“ Ngoshi gehört den Ovambo aus dem Norden Namibias an, wo sie in einem Städtchen ohne Elektrizität geboren wurde und später in einer Baumschule Arbeit fand. Sie gründete dann in Windhoek, der Hauptstadt des Landes, einen kleinen Gärtnereibetrieb. Geschichten wie die ihre erklären, warum die Weltbank Namibia vor einem guten Jahrzehnt neu einstufte: von einem Land mit „mittlerem Einkommen im unteren Bereich“ (lower-middle-income economy) in die nächsthöhere Kategorie (upper-middle-income economy).

Kenias Blumen welken

Doch mit der Pandemie kam das Geschäftsleben zum Stillstand, auch für Ngoshi. Die meisten Stammkunden kündigten ihre Verträge, aus Furcht vor Besuchern jeglicher Art. Ihr Mann verdient als kleiner Staatsbediensteter nicht viel, sorgt aber zumindest dafür, dass Essen auf den Tisch kommt. So einen Zusatzverdiener haben Ngoshis drei Teilzeitbeschäftigte nicht – und die sechs oder sieben Angehörigen, die von jedem dieser drei abhängen.

Viertausend Kilometer weiter nordöstlich, in Kenia, sank das Bruttoinlandsprodukt erstmals nach fast dreißig Jahren, und Millionen Familien, die am Rande des Existenzminimums leben, gerieten in Not. Eines der wichtigsten Exportgüter Kenias sind Schnittblumen – Lilien, Nelken, Schleierkraut und Rosen. So ist das Land in den vergangenen Jahren zum Hauptlieferanten der EU für Schnittrosen aufgestiegen, mit einem Marktanteil von fast vierzig Prozent. Im Schnittblumenanbau sind – direkt oder indirekt – zwei Millionen Kenianerinnen und Kenianer beschäftigt. Rund um den Naivashasee, der etwa eine Autostunde nordwestlich von Nairobi 1.800 Meter hoch über dem Meeresspiegel liegt, finden sich Dutzende ausgedehnter Anbaubetriebe. Dort ist es sonnig und es gibt reichlich Wasser für die Blumenfelder. Trotz der Transporterfordernisse macht der CO2-Fußabdruck pro Stiel einen Bruchteil desjenigen aus, den der Anbau in beheizten niederländischen Treibhäusern hinterlässt.

Während der zurückliegenden Monate welkte der Blumenabsatz jedoch dahin. Social Distancing bedeutete, dass es weniger Zusammenkünfte gab wie Hochzeiten, Bestattungen, Feierlichkeiten jeglicher Art, und das wiederum hieß: weniger Blumennachfrage. Als die meisten Bestellungen storniert wurden, mussten Millionen von Rosenstielen entsorgt werden. Beschäftigte wurden entlassen oder erlitten Lohneinbußen. Mit der Ausbreitung der Pandemie brach jeglicher Absatz ein.

In Westafrika – besonders in Ghana und der Elfenbeinküste – handelt die Geschichte nicht von Rosen, sondern von Schokolade. Kakaobäume sind wählerisch, was Temperatur, Feuchtigkeit und Boden betrifft, und weite Flächen dieser westafrikanischen Länder eignen sich ideal für ihren Anbau. Zusammen decken sie zwei Drittel des weltweiten Kakaobedarfs. Für die Elfenbeinküste ist Kakao ihr größtes Ausfuhrgut. In Ghana liegt der Geldwert der Gold- und Ölexporte höher, aber deren Bedeutung ist für das Land geringer, weil der Gold- und Ölsektor nicht so viele Menschen beschäftigt und weniger öffentliche Einnahmen generiert. Wirtschaftswissenschaftler schätzen, dass nicht weniger als ein Drittel der Erwerbsbevölkerung Ghanas direkt oder indirekt vom Kakao abhängt.

Schwangere 16-Jährige im Slum bei Nairobi

Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

Während der Pandemie sank jedoch der Schokoladenverbrauch. Nicht unbedingt der individuelle Konsum von Ihnen oder von mir, es handelt sich vielmehr um Geschenke, um Mitbringsel vom Flughafen oder um spontane Käufe, die wegen des Lockdowns wegbrachen. Man denke auch an all die Schokolade, die für Zusammenkünfte zu Weihnachten, Ostern oder Halloween gekauft wird – oder eben nicht gekauft wird, wenn all diese Festlichkeiten ausfallen.

Ghana und die Elfenbeinküste hatten für 2020 große Pläne. In beiden Ländern gibt es Staatsagenturen, die für den An- und Verkauf der Kakaoernte zuständig sind, und sie waren übereingekommen, einen Preisaufschlag für Kakaoexporte in Höhe von 400 US-Dollar pro Tonne einzuführen. Das Vorhaben sollte den Bauern zugutekommen. Schokolade setzt pro Jahr weltweit 130 Milliarden US-Dollar um, aber nur wenige Prozentpunkte davon gehen an die Millionen westafrikanischer Kleinbauern, die den Kakao produzieren. Dabei haben diese es schwer genug: Im Durchschnitt kultiviert jeder von ihnen etwa 3,5 Hektar und hat ein halbes Dutzend Familienmitglieder zu versorgen. Die Arbeit ist hart. Die Bäume sind sonnenempfindlich und die Kakaobohnen wachsen in Fruchtkapseln, die etwas kleiner als Rugbybälle sind. Die Reifung dauert Monate, und während dieser Zeit können Krankheiten die Früchte befallen. In den vergangenen fünf Jahren zwang das Cacao-Swollen-Shoot-Virus die Bauern dazu, auf Hunderttausenden Hektar Kakaopflanzen zu vernichten.

Raus aus dem System?

Für viele Kakaobauern reicht ihr Verdienst kaum zum Leben. 2018 veranschlagte ein Unicef-Bericht das durchschnittliche Tageseinkommen eines westafrikanischen Kakaofarmers auf 0,50 bis 1,25 US-Dollar. Als 2019 der Preisaufschlag angekündigt wurde, hofften die Bauern auf bessere Konditionen und steigerten ihre Produktion.Doch dann mussten sie feststellen, dass ihre Lagerkapazitäten nicht ausreichten, solche Mengen an Kakaobohnen zu verwahren. Und als Covid den Schokoladenmarkt einbrechen ließ, stornierten westliche Abnehmer ihre Bestellungen.

Welkende Blumen, verfaulender Kakao – bei all den Geschichten darüber, wie schlecht der globale Süden unter den gegebenen Welthandelsbedingungen bedient worden ist, verwundert es nicht, dass manche auf einen Rückzug aus dem bestehenden Handelssystem drängen. Unter afrikanischen und asiatischen Wissenschaftlern lebt mancherorts das Interesse an den Argumenten Samir Amins wieder auf. Der ägyptisch-französische Politökonom hatte für eine „déconnexion“ plädiert – für die Auskoppelung aus einer ungerechten Ordnung, in der Entwicklung und Unterentwicklung zwei Seiten derselben Medaille seien. Amin verlangte, dass Entwicklung „national und volksbezogen“ sein und größere Autonomie anstreben müsse. Er sprach von einer „Souveränität im Dienst der Völker“. Echte politische Unabhängigkeit setzt seiner Ansicht nach wirtschaftliche Unabhängigkeit voraus. Die „Außenbeziehungen“ eines Landes seien den Erfordernissen seiner inneren Entwicklung nachzuordnen.

Toblerone – aber aus Ghana

Nun wirken allerdings die Erfahrungen mit jenen postkolonialen Regimes in Afrika, die so etwas umzusetzen versuchten – etwa Guinea unter Sékou Touré –, leider wenig ermutigend. Denn die Entstehungsgeschichte der globalen Interdependenz ist auch eine Geschichte zunehmender Gleichheit zwischen den Ländern. Im Verlauf der zurückliegenden zwei Jahrzehnte sind, wenn man den offiziellen Weltbank-Zuschreibungen folgt, mehr als dreißig Länder aus der Lower-income- in die Middle-income-Kategorie aufgestiegen. Zweifellos hat auch Ghana, das Land meiner Kindheit, im 21. Jahrhundert enorme Fortschritte erlebt. Das Pro-Kopf-BIP verfünffachte sich zwischen 2002 und 2016. In den vergangenen Jahren fanden sich sogar die meisten der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in Afrika.

Nichtsdestotrotz gilt es, aus der durch die Pandemie offengelegten Verletzbarkeit des globalen Südens Lehren zu ziehen. Eine besteht darin, dass Programme der Landesentwicklung nicht funktionieren, wenn sie Marktrealitäten schlicht ignorieren oder es versäumen, interne Hemmnisse zu überwinden. Ghanas Kakaoproblem bietet hierzu ein anschauliches Beispiel. Im Februar 2020 reiste Präsident Nana Akufo-Addo in die Schweiz und verkündete, sein Land werde sich nicht länger vom Rohstoffexport abhängig machen. Es werde vielmehr selbst in die Schokoladenproduktion ein- und in der Wertschöpfungskette weit aufsteigen – so wie Ghanas Wappentier, der Raubadler, in schwindelnde Höhen steigt.

Welch ein Kontrast: Hatten doch einige Generationen zuvor Ghanas Führer sich noch beeilt, eine Stahlindustrie aufzubauen – so sah Modernisierung damals aus. Akufo-Addo setzte nun auf eine ganz andere Industrialisierungsidee: Warum sollte Ghana nicht eigene Großbetriebe vom Typ Toblerone besitzen, mit temperaturgesteuerten Gärungsbottichen, mit Fließbändern und Verpackungsmaschinen? Gewiss, dem Land fehlt eine Molkereibranche und sein Zuckersektor ist eher kümmerlich, aber an Kakaobohnen herrscht kein Mangel.

Allerdings sieht Ghana sich zwischen verschiedenen Interessen zerrissen. So braucht Ghanas Zentralbank US-Dollar als Devisen für den Außenhandel. Daher muss die staatliche Kakaoagentur das Rohprodukt an multinationale Konzerne verkaufen. Die Regierung würgt die heimische Produktion ab, indem sie den Inlandsabsatz von Schokolade und Kakao-Halberzeugnissen mit einer 60-prozentigen Steuer belegt. Steuervergünstigungen bleiben Firmen vorbehalten, die ihre Produktion exportieren. All diese Auflagen konterkarieren Akufo-Addos Hoffnungen, in der Produktionskette aufsteigen zu können. Hätte Ghanas Kakao-Politik ein Wappentier, wäre es nicht der Raubadler – es wäre ein Fabelwesen mit zwei Köpfen am jeweils entgegengesetzten Ende seines Körpers.

Solche Dilemmata sind für Entwicklungsländer typisch. Überall in Afrika und Lateinamerika steht der Export von aus Fischerei, Landwirtschaft oder Bergbau stammenden Rohprodukten im Zentrum der jeweiligen Volkswirtschaften. Die meisten davon durchlaufen minimale Verarbeitungsprozesse, bevor sie weiterverkauft werden – entsprechend mager fällt die „Wertschöpfung“ aus. Eine große Rolle spielen dabei Formen der Subsistenzwirtschaft, Prekarität und geringe Rücklagen. Inzwischen macht die Klimakrise alles schlimmer. Westafrikas Harmattan-Winde – heiß, trocken und staubig – breiten sich weiter aus. Tatsächlich gleichen die Turbulenzen des Klimawandels denen von Covid – nur in Zeitlupe. Den Preis zahlen jene, die ihn sich am wenigsten leisten können.

Homeoffice ohne Strom

Hinzu kommt: Die dauerhaftesten Auswirkungen der aktuellen Schattenpandemie des Weltsüdens könnten das Bildungswesen betreffen – also das, was Ökonomen als Humankapital bezeichnen. Weltweit ist für 1,6 Milliarden Schüler der Unterricht unterbrochen worden, doch in Afrika waren die Schulräume länger geschlossen als im globalen Durchschnitt – dabei handelt es sich um einen Kontinent, dessen Medianalter unter 20 Jahren liegt. Low-income-Länder könnten, Experten der Weltbank zufolge, „mehr als drei volle Jahre ihrer Grundbildungsinvestitionen“ verlieren, was zu entsprechenden Verlusten an künftigen Arbeitseinkommen führen dürfte.

Für viele Familien besteht das Problem nicht im Zugang zum Internet, sondern in mangelnder Elektrizität. Ein Team von Human Rights Watch (HRW) hat zwischen April und August 2020 quer durch Afrika Befragungen durchgeführt und herausgefunden, dass sehr viele Kinder überhaupt keinen Unterricht erhielten. Im kenianischen Garissa berichtete ein Teenager dem HRW-Team, dass ein örtlicher Radiosender Unterrichtsstunden anbot – „aber wir“, sagte er, „besitzen gar kein Radio“.

Ein Handyverkäufer schläft an seinem Arbeitsplatz in Kampala, Uganda

Foto: Badru Katumba/AFP/Getty Images

Schülerinnen leiden besonders darunter: Für sie wächst das Risiko von Kinderehe und -schwangerschaft, häuslichem Missbrauch und Ausbeutung durch Kinderarbeit. UNESCO-Experten fürchten, dass weltweit bis zu elf Millionen Mädchen nie wieder zum Schulunterricht zurückkehren werden. Man könnte das als eine weitere Long-Covid-Variante betrachten.

Schätzungen besagen, dass Frauen mit jedem zusätzlichen Schuljahr später im Leben um 11,5 Prozent höhere Löhne erzielen – mehr Zuwachs als bei Männern. Lawrence Summers, ein bemerkenswert nüchterner Ökonom, hat es einmal so formuliert: „In die Mädchenbildung zu investieren, könnte durchaus die ertragreichste Investition sein, die in der Entwicklungswelt zur Verfügung steht.“ Frauen mit höherem Bildungsniveau haben meist weniger Kinder, investieren aber mehr in jedes einzelne Kind. Ihre Kinder sind ihrerseits besser ausgebildet. Gebildete Frauen nehmen auch intensiver am gesellschaftlichen Leben teil.

Wenn Entwicklungsexperten mit der Prognose recht haben, dass die pandemiebedingten Unterrichtsausfälle 72 Millionen Schülerinnen und Schüler und Auszubildende in – wie die Weltbank es nennt – „Lernarmut“ zu stürzen drohen, haben wir es mit einer riesigen Verschwendung menschlichen Potenzials zu tun. Covid habe gezeigt, „dass wir nackt sind“, sagte Sanyade Okoli, eine bekannte, aus Sierra Leone stammende Wirtschaftsberaterin in Lagos. Covid „offenbarte all die Schwächen unseres Gesundheitswesens, Bildungswesens und der Governance-Strukturen“.

Nun besteht die Lösung nicht darin, abzuspringen. Selbst wenn wir uns nur noch um den eigenen Garten kümmern wollen, sind wir abhängig von anderen, sobald es um unser Saatgut geht, um unseren Dünger und – wie wir alle lernen mussten – um unser Wetter. Der Wiederaufbau einer Post-Covid-Welt ist nicht durch einen Rückzug vom Internationalismus, sondern nur durch dessen Stärkung zu bewältigen.

Als reiche Länder in Europa und Nordamerika sich für Lockdowns entschieden, um die Pandemie auszubremsen, boten die Regierungen den Bürgerinnen und Bürgern gezielte Hilfsmaßnahmen an. Etwas Vergleichbares brauchen wir in internationaler Größenordnung. Die reiche Welt profitiert, unter dem Strich, enorm von der Globalisierung: Es geht nicht nur um Schokolade und Rosen, sondern auch um Aluminium, Lithium, Tantalum, Yttrium und Neodymium, ohne die es unsere Smartphones nicht gäbe. Es handelt sich um ein Kooperationssystem, das uns allen zugutekommt. Manche haben allerdings, wie wir alle wissen, mehr davon als andere. Und wenn die Handelspartner der reichen Länder dem System nicht mehr vertrauen, könnten sie versucht sein, es abzuschreiben. Deshalb lässt dieses Kooperationssystem sich nur aufrechterhalten, wenn es von einem gemeinsamen Verantwortungsgefühl erfüllt ist. Wenn gesundheitspolitische Maßnahmen reicher Länder die Inzidenzkurve zuhause flach halten, Menschen aber anderswo auf dem Planeten in Not bringen, dann ist das auch unser Problem.

Die Debatte über unsere internationalen Verantwortlichkeiten in Covid-Zeiten wird oft absurd engstirnig geführt – als ob wir lediglich mehr Impfstoffe in Länder mit unzureichend geimpfter Bevölkerung transportieren müssten. Ja, Programme wie das internationale Vakzin-Verteilungssystem Covax müssen besser ausgestattet werden. Aber alle Impfstoffe dieser Welt können die Übel der bestehenden Ungleichheit nicht beseitigen. In reicheren Ländern stürzen wirtschaftliche Turbulenzen mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit. In ärmeren Ländern bringen sie mehr Menschen ins Grab. Sanyade Okoli erinnerte sich, dass sich Wohlhabende zu Beginn der Pandemie darum bemühten, Bedürftige zu unterstützen. „Es gab so ein Gefühl“, bemerkte sie bissig, „dass sie uns, wenn wir sie nicht füttern, fressen werden“.

Die Covidpandemie ist, wie der renommierte Wirtschaftshistoriker Adam Tooze formuliert, „die erste wahrhaft allumfassende Krise des Anthropozän-Erdzeitalters“. Seiner Ansicht nach hat sie die „Jahrtausendvision“ zunichtegemacht, dass die Globalisierung die ganze Welt zu mehr ökonomischer und sozialer Gleichheit führen wird. Es fragt sich, was nun an die Stelle dieser Vision treten wird.

Das ist nicht hereingebrochen

Wie lässt sich die Schuldenlast von Staaten restrukturieren, erlassen oder auf andere Weise erleichtern? Wie lässt sich Landwirtschaft nachhaltiger betreiben? Wie können wir inklusiv handelnde Weltinstitutionen schaffen und erhalten? Die Botschaft, die uns seit Covid in den Ohren dröhnt, hatte die Klimakrise schon lange vorher verkündet: Was an einem Ort geschieht, kann sich auf viele Orte auswirken. Deshalb dürfen wir die Pandemie nicht als eine aus heiterem Himmel über uns hereingebrochene Gesundheitskrise auffassen: Sie ist etwas viel Umfassenderes.

Ich erinnere mich, wie mir Taleni Ngoshi in Namibia von ihrer Verbundenheit mit den Menschen erzählte, deren Lebensunterhalt von ihr abhing. „Es gibt Tage, wenn du aufwachst und dir, noch im Bett, durch den Kopf geht: Ich bin es leid!“, sagte sie. „Und eine Minute später denkst du: Ich muss etwas tun. Wenn ich im Bett bleibe und in Selbstmitleid schwelge – was werden dann die anderen morgen zu essen haben?“ Die anderen sind auf Taleni angewiesen, genau wie sie selbst auf sie angewiesen ist. Handel ohne Verantwortlichkeit ist ein Risiko, dass wir uns nicht leisten können – auch wenn es so verlockend sein mag wie Schokolade, ist es doch ebenso leicht verderblich wie Schnittblumen.

Die ungekürzte Fassung dieses Textes erschien im britischen Guardian sowie in der neuen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik (1/2022)

Kwame Anthony Appiah ist ein britisch- ghanaisch-amerikanischer Philosoph und lehrt als Professor an der New York University

Übersetzung: Karl D. Bredthauer

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Geschrieben von

Kwame Anthony Appiah | The Guardian

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