Die Bewohner von Gaza müssen den Frieden wählen

Unser Autor ist Mitglied der israelischen Knesset und äußert sich zur Operation "Gegossenes Blei".

Die Unterzeichnung der Oslo-Abkommen durch Yitzak Rabin und Yassir Arafat im Jahr 1993 weckte Hoffnungen auf beiden Seiten der Grenze zwischen Israel und Gaza. Zehntausende Palästinenser fanden Arbeit in Israel. Gemeinsam mit ihren israelischen Nachbarn, größtenteils Landwirten, die Felder entlang der Grenze kultiviert haben, wurde der Traum gemeinsamen Friedens und gemeinsamen Wohlstandes gesponnen.

Ich war in diesen Tagen Bürgermeister der Region, die sich an der Grenze zwischen Gaza und Israel erstreckt. Der Optimismus dieser Zeit gestattete mir und meinen palästinensischen Nachbarn eine vielfältige Beziehung zueinander aufzubauen - hunderte junger Einwohner von Gaza studierten an unseren Hochschulen, Frauenorganisationen taten sich zusammen und arbeiteten in Sommer-Camps für israelische und palästinensische Kinder, israelische Umweltexperten unterstützen den Bürgermeister der Stadt Dir el-Balakh im Gazastreifen in seinem Bemühen, eine Lösung für das Problem mit den ins Meer strömenden Abwässern zu finden und mit Hilfe europäischer Länder wurde eine große Anlage zur Versorgung der Landwirtschaft beidseits der Grenze mit gereinigtem Wasser entworfen.

Viele meiner persönlichen Freunde aus Gaza verbrachten ihre Wochenenden am Swimmingpool in dem Kibbutz, in dem ich lebe, ich wiederum aß gerne mit meiner Familie in den hervorragenden Fischrestaurants in den benachbarten Städten zu Abend.

Alles schien wie ein Traum. Damals fragten wir uns, warum wir so viele Jahre mit einem blutigen und sinnlosen Konflikt vergeudet hatten. Doch die Zeit der guten nachbarschaftlichen Beziehungen fand im September 2000 ein abruptes Ende, als Jassir Arafat sich entschloss, die zweite Intifada ins Leben zu rufen und uns alle in einen blutigen Strudel zu reißen, der bis heute von jedem von uns einen unerträglichen Preis fordert.

Nicht einmal die gewagte Entscheidung des ehemaligen Premierministers Ariel Sharon, 7.500 israelische Siedler zu entwurzeln, ihre Häuser zu zerstören und dazu fast 15.000 Soldaten aus dem Gazastreifen abzuziehen, konnte dem Beschuss ein Ende bereiten. Die Angriffe auf Bauern, die auf ihren Feldern arbeiteten, die Bombardierung ihrer Häuser und Familien nahmen zu. Der Aufstieg der Hamas an die Macht nach den palästinensischen Wahlen 2006 zerriss auch die letzten verbleibenden Bänder zu den Behörden in Gaza. Gleichzeitig intensivierte die Hamas ihre Aktionen gegen die Fatah.

Am Abend eines Sabbaths im vergangenen Mai machten sich Familien meines Kibbutz, allesamt in weiß gekleidet, auf den Weg in den Speisesaal der Gemeinschaft, um dort das traditionelle Abendessen einzunehmen. Die Halle war hell erleuchtet, weiße Tücher bedeckten die Tische, in der Mitte des Saales brannten Kerzen. Und während die Kinder und ihre Eltern unterwegs waren, prasselte schwerer Mörsergranatenbeschuss mitten in das Herz des Kibbutz.

Jimmy Kedoshim, 48 Jahre alt und Vater dreier kleiner Kinder, wurde von einer der Bomben vor den Augen seiner Frau und Kinder getötet. Während dieser schrecklichen Sekunden waren viele hin- und hergerissen zwischen dem Drang, einem Freund zu helfen und der Pflicht, für ihre Kinder und sich selbst Schutz zu suchen.

Der gewaltsame Tod Jimmys ist ein Aspekt der langen und komplizierten Saga, die wir in den vergangenen acht Jahren durchleben mussten. Tausende Familien, die nahe der Grenze nach Gaza leben, sind von der täglichen Bombardierung ihrer Gemeinden betroffen, welche in den jüngsten Tagen noch viel mehr Menschen ertragen mussten. Acht Jahre lang sind Kinder zum Dröhnen explodierender Raketen geboren worden und tragen diese Erlebnisse jeden Augenblick mit sich. Post-traumatische Symptome sind unter Kindern und Erwachsenen, deren einziger Wunsch es ist, in Frieden zu leben, weit verbreitet.

Die Zeit ist gekommen, dass eine verantwortungsvolle Regierung den Bürgern dieses Landes die persönliche Sicherheit verschafft, die ihnen zusteht, und ihre eigene Souveränität wieder herstellt. Die israelische Regierung ist nicht bestrebt, die Taktiken der Hamas zu übernehmen. Diese islamistische Organisation hat in den zurückliegenden acht Jahren rücksichts- und unterschiedslos mehr als achttausend Geschosse, Raketen und Mörsergranaten auf die Zivilbevölkerung abgefeuert. Zur gleichen Zeit hat das israelische Militär viele Mühen auf sich genommen, um den Schaden für die palästinensische Bevölkerung zu minimieren und dabei israelische Soldaten und Zivilisten in Gefahr gebracht.

Es ist wichtig in Erinnerung zu behalten, dass die Operation in Gaza weder auf die palästinensische Bevölkerung abzielt, zu der wir in der Vergangenheit ein enges Verhältnis hatten, noch ein Akt der Bestrafung ist. Ziel der Operation ist es, in einer Region Ruhe und Stabilität wieder herzustellen, in der die Taten der Hamas diese zunichte gemacht haben. Der Frieden liegt in unser beiderseitigem Interesse. Die Palästinenser haben eine extremistische Gruppierung gewählt, die Hass aufleben ließ und Leid verursacht hat, statt in Bildung und die Bekämpfung der Armut zu investieren.

Wenn die Kämpfe nachlassen, werden die israelischen Soldaten auf ihre Basen zurückkehren. Wir werden zurückkehren, unsere Felder zu bestellen. Die Menschen in Gaza werden sich entscheiden müssen, ob sie ein radikales und unterdrückerisches Regime aufrecht erhalten oder die Gelegenheit nutzen wollen, eine Führung aufzustellen, der am Frieden liegt und die uns helfen wird, die guten alten Tagen der guten nachbarschaftlichen Beziehungen wieder aufleben zu lassen.

Die Entscheidung liegt bei ihnen.


Shai Hermesh ist als Mitglied der Kadima-Partei in der Knesset und langjähriger Bewohner des Kibbutz Kfar Aza in der Nähe des Gazastreifens.

Übersetzung: Zilla Hofman

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09:30 09.01.2009
Geschrieben von

Shai Hermesh | The Guardian

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