George Monbiot
26.12.2011 | 10:00 23

Die Freiheit des Hechtes

Liberalismus Jeder sei frei, zu tun, was er will? George Monbiot kritisiert, wie der Begriff wieder missbraucht wird, um Ungerechtigkeiten zu zementieren

 Freiheit: Wer könnte gegen sie etwas einzuwenden haben? Doch wird dieser Begriff heute in der rechten Presse und Blogosphäre, von Thinktanks und Regierungen benutzt, um unzählige Formen der Unterdrückung, Ausbeutung und Ungleichheit zu rechtfertigen. Wie konnte die libertäre Bewegung, die einst einzig für einen edlen Impuls stand, zu einem Synonym für Ungerechtigkeit werden?

Im Namen der Freiheit wurde den Banken erlaubt, die Wirtschaft zugrunde zu richten. Im Namen der Freiheit werden die Steuern für die Superreichen gekürzt. Im Namen der Freiheit werben Unternehmen für die Abschaffung des Mindestlohns und die Anhebung der Wochenarbeitszeit, drängen amerikanische Versicherungsunternehmen den Kongress, eine staatliche Gesundheitsversorgung zu vereiteln. Im Namen der Freiheit zerstört die Industrie die Biosphäre. Es handelt sich um die Freiheit der Mächtigen und Reichen, die Schwachen und Armen auszubeuten.

Rechte Libertäre, die auch Marktanarchisten genannt werden, erkennen nur wenig legitime Beschränkungen ihrer Handlungsfreiheit an - egal, welchen Einfluss dies auf das Leben anderer auch haben mag.

Wie kann es sein, dass diese Vorstellung von Freiheit nicht schon früher infrage gestellt wurde? Der große politische Konflikt unserer Zeit (zwischen Neokonservativen, Millionären und den Unternehmen, die sie unterstützen, auf der einen und sozialen und ökologischen Bewegungen auf der anderen Seite) wird fälschlicherweise als ein Konflikt zwischen negativen und positiven Freiheiten dargestellt, wie sie am deutlichsten von Isaiah Berlin in seinem Essay Two Concepts of Liberty von 1958 beschrieben werden. Vereinfacht gesagt bedeutet negative Freiheit die Freiheit von der Einmischung anderer. Positive Freiheit hingegen ergibt sich aus der Überschreitung sozialer und psychologischer Zwänge und Restriktionen.

Positive Freiheiten, negative Freiheiten

Berlin hat dargelegt, wie die positive Freiheit von Tyranneien, insbesondere der Sowjetunion missbraucht wurde. Letztere stellte ihr brutales Regime als Ermächtigung der Bevölkerung dar. Es wurde behauptet, diese könne einen höheren Grad an Freiheit erlangen, indem sie sich einem kollektiven Einzelwillen unterwirft.

Rechtslibertäre denunzieren Umweltschützer und Leute, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, als verkappte Kommunisten, die sowjetische Vorstellungen positiver Freiheit wiedereinführen wollten. In Wirklichkeit gründet die Auseinandersetzung aber weitgehend auf einem Konflikt zwischen negativen Freiheiten.

Berlin bemerkte: „Keine Handlung ist so vollständig privat, dass sie das Leben anderer nicht an irgend einem Punkt in irgendeiner Weise einschränken würde. 'Die Freiheit des Hechtes ist der Tod der kleinen Fische.'" Folglich müssten die Rechte einiger manchmal eingeschränkt werden, um die Rechte anderer zu sichern. Mit anderen Worten: Dein Recht, die Fäuste zu schwingen, endet da, wo meine Nase anfängt. Die negative Freiheit, keine auf die Nase zu kriegen ist die Freiheit, die Umweltaktivisten und Linke wie die Occupy-Bewegung verteidigen.

Berlin zeigt auch, dass Freiheit andere Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit und Glück beschneiden kann: „Wenn meine persönliche Freiheit oder die Freiheit meiner Schicht oder Nation auf dem Unglück anderer beruht, ist das System, das diese Freiheit propagiert, unmoralisch.“ Hieraus ergibt sich, dass der Staat Freiheiten, die die Freiheiten anderer beschneiden oder mit der Gerechtigkeit oder Menschlichkeit in Konflikt geraten, beschneiden sollte.

Die Freiheit, Bäume zu fällen

Die Konflikte der negativen Freiheiten wurden in einem der größten Gedichte des 19. Jahrhunderts zusammengefasst, das als Gründungsdokument der britischen Umweltbewegung angesehen werden kann. In The Fallen Elm, beschreibt John Clare, wie der von ihm geliebte Baum, der neben seinem Haus gewachsen war, vermutlich von seinem Vermieter gefällt wird. "Self-interest saw thee stand in freedom's ways / So thy old shadow must a tyrant be. / Thou'st heard the knave, abusing those in power, / Bawl freedom loud and then oppress the free."

Der Vermieter machte von seiner Freiheit Gebrauch, den Baum zu fällen. Damit griff er in Clares Freiheit ein, sich an dem Baum zu erfreuen, dessen Existenz sein Leben bereicherte. Der Vermieter rechtfertigt die Beseitigung des Baumes, indem er ihn als Beschränkung der Freiheit, seiner Freiheit charakterisiert, die er mit der grundsätzlichen Freiheit der Menschheit verschmelzen lässt. Ohne die Einmischung des Staates (die heute die Form einer Anordnung zum Erhalt des Baumes annehmen könnte) kann der Mächtige die Freuden des Machtlosen zertreten. Clare vergleicht das Fällen des Baumes mit weiteren Eingriffen in seine Freiheit. "Such was thy ruin, music-making elm; / The right of freedom was to injure thine: / As thou wert served, so would they overwhelm / In freedom's name the little that is mine."

Aber rechtsgerichtete Libertäre sind nicht in der Lage, diesen Konflikt zu erkennen. Sie reden, wie Clares Landlord, als würde die gleiche Freiheit alle in gleichem Maße betreffen. Sie pochen auf ihrem Recht, zu verschmutzen, auszubeuten und sogar zu töten, als handle es sich bei all dem um fundamentale Menschenrechte. Jeder Versuch, diese Freiheiten zu beschneiden, wird von ihnen als Tyrannei dargestellt. Sie weigern sich zu sehen, dass ein Konflikt zwischen der Freiheit des Hechtes und der der kleineren Fische existiert.

Vergangene Woche habe ich auf dem Internet-Radiokanal The Fifth Column mit Claire Fox vom Institute of Ideas, einer der rechtsgerichteten libertären Gruppen, die aus der Asche der revolutionären kommunistischen Partei auferstanden sind, über den Klimawandel diskutiert. Fox wird als Fragestellerin der BBC Show The Moral Maze gefürchtet. Aber als ich ihr eine einzige, einfache Frage stellte – „Akzeptieren Sie, dass die Freiheiten mancher Leute die Freiheiten anderer beschneiden?“ – sah ich, wie eine Ideologie wie eine Windschutzscheibe zerbarst: Ich zog das Beispiel einer rumänischen Bleischmelzanlage heran, die ich im Jahr 2000 besucht hatte. Die dort in Anspruch genommene Freiheit, die Umwelt zu verschmutzen, verkürzt das Leben der benachbarten Bevölkerung. Steht nicht außer Frage, dass man die Anlage bestimmten Auflagen unterwerfen sollte, um die negativen Freiheiten der Nachbarn – Freiheit von Verschmutzung und Vergiftung - zu schützen? Sie unternahm mehrere Versuche, mir eine Antwort zu geben, brachte aber nichts zustande, das ihre Ideologie nicht zum Einsturz gebracht hätte.

Der moderne Libertarianismus ist der Deckmantel derer, die ohne Beschränkung ausbeuten wollen. Er tut so, als würde allein der Staat unsere Freiheiten beschneiden und ignoriert die Rolle von Banken, Unternehmen und der wohlhabenden Bevölkerung. Er leugnet die Notwendigkeit eines Staates, um sie zu bremsen und damit die Freiheiten der Schwächeren zu schützen. Diese verfälschte und einäugige Philosophie ist ein fauler Trick. Ihre Fürsprecher versuchen, der Gerechtigkeit ein Schnippchen zu schlagen, indem sie die Freiheit gegen sie in Stellung bringen. Damit haben sie die Freiheit aber zu einem Herrschaftsinstrument gemacht.

Kommentare (23)

davidjordan 26.12.2011 | 13:15

David Graeber hat in seinem "Debt. The First 5,000 Years" sehr schön herausgearbeitet, woher der Freiheitsbegriff der (Neo-)Liberalen stammt. Sehr erhellend finde ich aber auch Studien, die zu englischen 'game laws' gemacht wurden und zeigen, dass sie eben dazu gedacht waren, die Leute in die Fabriken zu bringen und zu 'Lohnsklaven' zu machen.

Wenn man sehr böse sein wollte, könnte man einfach sagen, dass die liberale Ideologie die Ideologie des Herrenmenschen (wie man sie im 'Nationalepos' des Neoliberalismus, Ayn Rands "Atlas Shrugged", finden kann) ist. Es ist die Ideologie derer, die sich eine solche Ideologie leisten können, weil sie wissen, dass sie als Gewinner das 'rat race' beenden. (Und sei es durch einen goldenen Handschlag.)

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Ehemaliger Nutzer 26.12.2011 | 13:32

Sehr guter Artikel! Ich habe selten was besseres gelesen! Danke dafür.
Wenn das bloss mehr Menschen einsehen würden, wie die Welt läuft. Aber leider rennen noch viele hinter den Märchen der Politiker und Reichen hinterher - auch die Kirche sei hier nicht ausgenommen - und sehen den Betrug nicht! Aber die Reichen kontrollieren halt auch die Medien, und was das "dumme Volk" erfahren soll. Und das wird ganz geschickt gemacht.
Jedem selbst sollte klar werden, dass wir alle gleich sind, in allen Bedeutungen - steht sogar im Grundgesetzt, obwohl da viel steht, woran sich der Staat nicht mehr hält.

Markus Schild 26.12.2011 | 17:19

Unterschwellig wird einem vermittelt, das man selbst auch "Frei" sein kann, man muss sich nur genug anstrengen, um der Stärkere zu sein. Dabei macht man die Starken, die dieses Bild der Freiheit verkaufen immer stärker, und das neoliberale System wird immer weiter am Leben gehalten. Der Hecht wird immer fetter, weil die Karpfen im freiwillig ins Maul schwimmen, und er braucht sich meist noch nicht mal selbst um die Querkopfkarpfen kümmern, das machen schon die anderen, die absolut nicht verstehen können, warum da einer ist der den Unterschied zwischen Wunder und Plunder zu erkennen vermag.
Ein Karpfen, der in seiner Kindheit auch die Schmuddelkarpfen mal mit seinem Spielzeug hat spielen lassen.

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Ehemaliger Nutzer 26.12.2011 | 21:03

Einfach Klasse der Artikel.
Diesen müßte man Merkel Mund Co. mal unter die Nase reiben.
Selbstverständlich hatten wir in der DDR nur begrenzt Freiheit. Nach der Wende hat man aber bald begriffen, dass die Freiheit in diesem Staat auch nur bedingt ist. Und das man nicht so schnell in den Knast geht, ist auch in diesem Staat nur ein frommer Wunsch. Beispiele gibt es hier genug.

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Ehemaliger Nutzer 27.12.2011 | 17:09

"Der moderne Libertarianismus ist der Deckmantel derer, die ohne Beschränkung ausbeuten wollen."

Das ist unbestritten. Und trotzdem bewirkt er, dass es auch Leute aus in jeder Hinsicht benachteiligten Verhätnissen ganz nach oben schaffen, siehe Gerhard Schröder. Die Durchlässigkeit der Schichten stellt eine gewaltige Verbesserung in der Bilanzierung der gesellschaftlichen Gerechtigkeit dar.

Selbstverständlich sind es auch in der Bewegung, von unten nach oben, nur die Hechte, die erfolgreich sind und mir persönlich wären andere Kriterien lieber. Aber es ist halbwegs gerecht, zumindest gerechter als wenn die Kriterien nicht stabil wären. Mit Ellbogen, Fleiß und Machtinstinkt kann man zu Geld, Macht und Einfluss gelangen. Das ist die Regel und sie ist so weit so fair. Dass die Mächtigen diese Regel verteidigen ist vielleicht nicht nur banale Sicherung ihrer Pfründe und rückwirkende Rechtfertigung des Aufstiegs, sondern dürfte zumindest zum Teil ehrliche Überzeugung sein. Sie haben ja an sich gesehen, dass es geht.

Man hat auf den Feminismus einige Hoffnungen gesetzt, dass sich die Regeln etwas ändern werden, dass man auch ohne unmäßigen Ellbogeneinsatz weiter kommt. Das war natürlich absurd, weil sich als absolute Vertreterin des Feminismus diejenige mit den spitzesten Ellbogen durchgesetzt hat. Das gleiche Phänomen hatte man bei den Grünen: Der mächtigste Grüne ist der geworden, der das ausgeprägteste Machtmotiv hat. Wars wieder nix mit neuer Politikkultur.

Wenn wir tatsächlich die Freiheit, wann immer sie einen anderen stört, beschneiden wollen, weil uns die Regeln nach denen die Gesellschaft funktioniert, nicht gefallen, dann ist die Umverteilung von Geld nur die erste Bastion.
Was ist mit der Intelligenz? Ebenso wie Menschen unterschiedlich viel Geld haben, verfügen sie über unterschiedlich viel Intelligenz. Wir sind beim Finanzausgleich schon sehr zivilisiert (Beispiel steigende Steuersätze bei steigendem Einkommen), bei der Intelligenz sind wir Neanderthaler. Jeder setzt seine ausschließlich für sich ein, von Kindern und Liebsten mal abgesehen. Das Gleiche mit Talenten. Wären Sie bereit ihr journalistisches Talent zu teilen mit anderen, die leider nicht schreiben können? Dass Sie Talent haben und andere nicht, ist ungerecht. Diese Menschen können nichts dafür und würden vielleicht viel lieber journalistisch arbeiten als anderen in ihrem pflegenden Beruf den Arsch abzuwischen. Als später IHNEN den Arsch abzuwischen, weil Sie schreiben können und die anderen nicht. Was für eine Ausbeutung.

Also würden sie Ihr Talent gerecht verteilen? Oder teilen wir nur das Geld anderer Leute? Ich weiß von mir, dass ich bei absolut jeder Teamarbeit, bei dem mein Ergebnis von anderen beeinflusst wird, mit schweren Anfällen von Eigentumsverteidigung zu kämpfen hab. Ich teile schon, ich geb anderen gerne meine Arbeit zu ihrer Verwendung ab, aber ich krieg die absolute Krise, wenn ich meinen Namen unter Dinge setzen muss, die ich nicht selbst gemacht hab. Möge bitte jeder für sich selbst einstehen.
Das ist gradezu marktradikal.

Der zündende Funke der "Freiheit" ist die keimende Saat in uns, die etwas erschaffen möchte, sich nicht begrenzen und beschränken lassen will, noch bevor es wachsen kann. Wir können die Regeln ändern, aber das wird nicht gerechter, es wird nur anders. Besser für Leute, die über keine Ellbogen verfügen. Und für andere wird es schlechter. Wenn wir nicht alles vergemeinschaften und uns gegenseitig gefesselt und geknebelt auf Baumkronen sitzend bewachen, damit ja niemand etwas hat oder schafft, ist dieses System fehlerhaft und ungerecht.

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Ehemaliger Nutzer 27.12.2011 | 22:18

@Zeitwechslerin,

ich möchte auf Ihren Inhalt nicht eingehen, weil er teiweise verwirrend und auch oft nur teilweise stimmt.
Was Freiheit bedeutet, hat Engels deutlich gesagt: Freiheit ist ein Privileg, was sich nicht alle Leute leisten können. Der bekannte Kabarettist Herr Hildebrandt geht noch einen Schritt weiter indem er sagt, wenn ich will, was ich muß, dann bin ich frei. In diesem Staat ist es genau umgekehrt.
Wenn ich frei sein möchte, dann muss ich auch die bestimmten Finanzen zwischen Daumen und Zeigefinger haben. Ich muss meine Freiheit ausleben können!!!
Freiheit verlangt unbedingt Gerechtigkeit, ohne Gerechtigkeit gibt es auch keine Freiheit.
So, und nun können Sie sich von einigen Dingen aussuchen, was zu Ihnen paßt.
Freiheit herrscht bestimmt nicht dort, wo eine Minderheit reich und reicher und die Mehrheit immer ärmer wird. Hier muss auf alle Fälle etwas geschehen, denn die Minderheit hat ihren Reichtum nicht selbst erarbeitet.

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Ehemaliger Nutzer 27.12.2011 | 23:22

Schade, dass es unklar war. Ich bin nicht dagegen Geld umzuverteilen, ich denke nur, dass

erstens die im Moment gültigen Faktoren, mit denen man nach oben kommt, stabil sind und damit jeder, der über sie verfügt, eine Chance hat. Das ist gerechter als ein zementiertes Klassensystem.

Und zweitens, wenn wir eine finanzielle Umverteilung in Perfektion hätten, würden sich nur andere Ungerechtigkeiten mehr auswirken wie Unterschiede in Aussehen, Intelligenz und Talent.

An der Stelle muss man sich ernsthaft fragen, ob man bei dem Ruf nach mehr Gerechtikgeit nicht das tut, was bei jeder sozialen Umverteilung geschieht: verbesserungswürdige Verhältnisse werden benutzt, um Forderungen zu stellen, die diejenigen, die sie fordern an die Spitze der Nahrungskette stellen. Oder ist man bereit auf eigene unverdiente Vorzüge zu verzichten? Wahrscheinlich nicht. Wenn aber doch würde es bedeuten, dass sich niemand mehr durch einen Vorteil, den er wie ein Talent qua Geburt hat, hervortun darf. Wollen wir das?

claudia 28.12.2011 | 04:21

>>Und trotzdem bewirkt er, dass es auch Leute aus in jeder Hinsicht benachteiligten Verhältnissen ganz nach oben schaffen, siehe Gerhard Schröder.
Das ist nicht neu. Schon die Sklavenhaltergesellschaft kannte „Freigelassene“. Im Feudalismus wurden immer wieder Leute „geadelt“, die sich entweder als treue Diener des Herrschaftssystems erwiesen hatten, oder, eher die Ausnahme, Erpressungsmöglichkeiten entdeckten und nutzten, wie von Thurn und Taxis, vormals Daxis ohne von.
Auch der Kapitalismus hat natürlich Aufstiegskorridore vom Unterdiener zum Oberdiener geschaffen. Dass Karrieren zum Oberdiener im Kapitalismus anders verlaufen als im Feudalismus beweist noch nicht, dass das Primat der Kapitalrendite keine Herrschaftsform wäre. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Hierarchie der Herrschaftsdiener formt ihre Aufsteiger. Das zeigen viele Beispiele, auch der Nabucco-Berater Josef Fischer oder die von der FDJ-Sekretärin zur €urokanzlerin gewendete Angela Merkel. Oder beliebig herausgegriffene Mangementkarrieren.

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Jeder persönlichen Karriere steht eine Anzahl gebrochener Aufstiege gegenüber, weil ein potentieller Aufsteiger mal unbotmässig war.
Dass Aufgestiegene jederzeit von oben angekackt werden können, zeigt aktuell das Beispiel des Bundespräsidenten. Was würde wohl geschehen, wenn Wulff einfach sagen würde: „Hömma, ohne diese famosen Beziehungen wäre ich weder Ministerpräsident noch Bundespräsident geworden, und das gilt für die Anderen ebenso!“?
Er bekäme ca. einen Tag lang viel Zustimmung von unten, dann bräche die verschärfte Medienkampagne über ihn herein. Plus Internetkampagne.
Und nicht wenige Bundestagsabgeordnete würden plötzlich fordern, das lebenslange, jobunabhängige Gehalt zu streichen: Man weiss, wann welche Empörung dienlich ist.

Ich denke, die aktuelle Wulffkampagne zeigt, wie sehr Aufsteiger tatsächlich Untertanen bleiben, mit denen verfahren wird, wenn sie aus irgendeinem Grund im Weg stehen.
Und in wie hohem Masse Hierarchieaufsteiger benützt werden können, um die Wut der Massen von den Herrschenden wegzulenken.

Ein anders Beispiel ist Josef Ackermann: Er hält den Kopf hin als Buhmann für die tatsächlichen Parasiten. Wenn er 2012 aus seiner Funktion verabschiedet wird, wird er feststellen, dass es sich für ihn gelohnt hat. Er durfte ein kleiner Kapitalist werden, mit ein paar aus Gehalt Boni profitabel angelegten Milliönchen. Somit gehören seine Erben zur Herrschaftsklasse, wenn sie nicht allzu unbescheiden sind und auf das Wachstum des Geerbten achten. Dafür braucht es heute keine Erhebung in den Adelsstand mehr: Besitz an sich adelt einfach durch seine Existenz, als Ergebnis der bürgerlichen Revolutionen.

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>>Diese Menschen können nichts dafür und würden vielleicht viel lieber journalistisch arbeiten als anderen in ihrem pflegenden Beruf den Arsch abzuwischen.
Ich kenne welche, die ihren Kranke oder Alte pflegenden Beruf, den auch nicht jeder kann, durchaus machen WOLLEN. Aber sie leiden unter der ENTWERTUNG ihrer gesellschaftlich hochnützlichen Tätigkeit. Das ist der Grund, warum junge Krankenpfleger/innen oft nach Skandinavien abhauen, nicht etwa, dass sie lieber einen Beruf gewählt hätten.
Wer bestimmt über Wertungen? Darüber, dass Börsenmakler in der Einkommenshierarchie sehr weit über der Krankenschwester steht, die ihn gesund pflegt, wenn er mit dem Porsche an einen Baum geknallt ist? Auch über dem Arzt, der ihn operiert?
Wer bestimmt darüber, dass Waffen konstruieren eine sehr viel besser bezahlte Tätigkeit ist, als die Arbeit im Kindergarten?
Warum sollte das Prinzip „jede/r nach seinen/ihren Fähigkeiten, jede/m nach seinen/ihren Bedürfnissen“ „ungerecht“ sein? Es wird Millionenerben weniger gerecht als Nichtbesitzenden, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, das stimmt. Aber warum brauchen wir überhaupt eine „Gerechtigkeits“-Diskussion?
Wahrscheinlich, damit die Mehrheit nicht einfach ihr INTERESSE durchsetzt. Es würde dem heute unbestrittenen Minderheitsinteresse nicht gerecht, wenn gesellschaftlich nützliche Tätigkeit nicht mehr ihren Wertungen unterworfen würde.

Der Trick, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Menschen zuerst einem kruden Wertungsprinzip zu unterwerfen, um sie sodann als Beispiel für die „natürliche Ungerechtigkeit“ zu nutzen, ist ein alter Herrschaftstrick. Es ist an der Zeit, auf solche abgelutschte Rabulistik nicht mehr hereinzufallen.
Die Arbeitsteilung nach dem Prinzipe: „Am Besten macht jeder, was er/sie am Besten kann“ ist weder neu noch irgendwie „umgerecht“. Letztlich befriedigt der Einsatz der eigenen Fähigkeiten auch mehr als Dinge zu tun, die man nicht so gut kann. Selbstverständlich funktioniert das nur, wenn auch die Arbeitsergebnisse geteilt werden können. E s gibt keinen vernünftigen Grund, warum der Einsatz von Fähigkeiten für das Primat der Kapitalrendite domestiziert werden muss. Ich kenne nur Gründe, die aus der gesamtgesellschaftlichen Perspektive extrem unvernünftig sind.

Der Freiheitsbegriff taugt offenbar wenig, wenn es um Lebensbedingungen geht:
Frei ist, wer sich nicht um den Rest der Welt scheren muss. Zum Beispiel mit Nahrungsmitteln Spekulationsspielchen treiben darf, während man doch Kindern sagt: „Mit Essen spielt man nicht“. Könnte es einen höheren Freiheitsgrad für das nie erwachsen werden müssende Kind geben, wenn es mit Nahrung Profitspielchen treiben darf?

Frei ist aber auch, wer nicht an seinen Ketten rüttelt: Jeder Mensch hat das Recht, frei zu verhungern und dabei auf ein zweites Leben seiner Wahl zu hoffen. Ein Grundrecht.

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Ehemaliger Nutzer 28.12.2011 | 13:17

Wenn die Entwicklungen der letzten 60 Jahre, in denen die Berechtigung zum Hochschulzugang von fünf Prozent der Bevölkerung auf 40 angestiegen sind, mit Hinweis auf den Feudalismus, in denen es auch schon aufsteigende Einzelschicksale gab, nivelliert werden, zweifelt man so ein bisschen an der Ernsthaftigkeit der Diskussion, daran, dass es hier um die Selbstbestimmung und Gestaltungsfreiheit möglichst vieler geht.

Bei Ihnen scheint es eine nebulöse Gruppe der "Eigentlichen" zu geben, die eigentlich Herrschenden. Dazu zählen interessanterweise weder Wulff noch Ackermann. Ich denke eher die eigentlich Herrschenden sind Sie und ich. Wir haben genug Ressourcen, Bildung, Zeit und Dach überm Kopf für eine Meinungsbildung und genug Internetanschluss, um sie in die Welt hinauszuposaunen. In meinem konkreten Fall liegt diese Ungerechtigkeit, dass ich das kann im Gegensatz zu den meisten meiner Mitschüler aus der Volksschule nicht an Geld oder Herrschaft, sondern einer Erziehung, die die Wichtigkeit von Meinungs/Bildung betonte. Das ist ungerecht. Ich hab das nicht verdient. Der Verdienst liegt eindeutig bei einer Klassenkameradin, die mit 15 das erste Mal schwanger war, alle ihre drei Kinder liebevoll erzieht und jetzt leider zwischen Regale im Supermarkt einräumen und Hausarbeit nicht zum Atmen kommt, sondern froh ist, wenn sich die physischen Belastungen in Grenzen halten.

Selbstverständlich bin ich dafür, dass die Klassenkameradin viel mehr Geld für ihre Leistungen erhält (und genug Rente!). Aber absolut niemand kann mir erzählen, dass Regale im Supermarkt einräumen eine Arbeit ist, die man macht, wenn man eine freiere Wahl hat, egal wieviel Geld man dafür bekommt. Sie kommen mit Beispielen von Altenpflegerinnen, die aus Berufung in dem Job sind. Sicher. Ich kenn auch eine Friseurin mit Abitur, deren Traumberuf das Frisieren ist und die einen Preis nach dem anderen abräumt. Aber die überwiegende Mehrheit der Hauptschülerinnen spricht von einem Bürojob wie von etwas, das so fern und begehrenswert ist wie die Karibik. Von ihrem eigentlichen Traum Tierärztin zuwerden, sprechen sie nicht mal mehr.

Da können sie den Hauptschulabsolventinnen, die sich tapfer dem Bäckerhandwerk zuwenden soviel zahlen wie sie wollen, das ist immer noch ungerecht, dass die einen sich frei entscheiden dürfen (Sie und ich!) und die anderen nehmen müssen was übrig bleibt. Wie gesagt: Missverstehen Sie die Position nicht dahingehend, dass ich nicht vehement für gerechtere Löhne sei. Aber die Ungerechtigkeit bleibt.
Und an sich find ich Selbstbestimmung noch etwas wichtiger als wieviele Millionen jemand am Schluss hat. Wir müssen breiter ansetzen, uns ganz massiv um echte Chancengleichheit bemühen und nicht nur Geld umschichten.

Sie und ich werden in der derzeitigen begrenzten Diskussion, egal wie umverteilt wird, immer wie die Petersilie oder besser die Fettaugen oben auf der Suppe schwimmen, während wir uns ohne ernsthafte Nachteile befürchten zu müssen für dies oder jenes einsetzen. Das kann einem gelegentlich ein schales Gefühl bereiten. Und da liegt der Hund. Nicht - nur - am Geld.

fleix 29.12.2011 | 17:06

@Zeitwechslerin

Ich kann Ihrem Beitrag viel abgewinnen. Die Frage nach der Verteilung von nicht-monetären Ressourcen ist für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft zentral. Wir benutzen den Begriff Chancengleichheit und meinen damit in erster Linie gleiche finanzielle und rechtliche Ausgangslage für alle. Diese Errungenschaft hat unsere Gesellschaft zweifelsfrei weitergebracht und zu einer effizienteren Organisation der menschlichen Ressourcen geführt. Aber, sie stellen richtig fest: "...die Ungerechtigkeit bleibt." Niemand hat sich seine Intelligenz erarbeitet.
Allerdings muss man sich in diesem Zusammenhang fragen, wohin eine vollständige Nivellierung der Gesellschaft, sofern dies möglich wäre, führen würde. Was wollen wir Menschen? Ich antworte für die ganze Menschheit: Leben. Das Qualitätskriterium für die Beurteilung einer Gesellschaft müsste Leben -> Lebendigkeit sein. Also inwiefern wird unsere Gesellschaft durch unsere reformerischen Fortschritte lebendiger.
Die Künste bieten uns zum Begriff des Lebendigen eine gute Orientierung. Ein Bild zum Beispiel, wirkt lebendiger, wenn es kontrastreich angelegt ist. Ein Film bewegt, wenn er dramatisch ist. Würde man sich in den Kunstwerken selber am Gebot von Gleichheit und Gerechtigkeit orientieren (interessant in diesem Zusammenhang die Zwölftonmusik), interessierte sich niemand mehr dafür. Es wäre keine Kunst mehr.
Nun, das Leben ist keine Kunst, oder vielleicht doch? Auf jeden Fall finde ich es interessant, sich mit den Folgen einer weiteren Nivellierung der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass es in (ferner) Zukunft möglich sein wird, auch die Ressource Intelligenz kontrolliert "umzuverteilen". Was geschieht dann mit den Kontrasten? Führt eine gerechtere Welt auch zu einer lebendigeren Welt? Unsere heutigen öffentlichen Diskussionen sind nötig, aber gemessen an unserer Echtzeit - Informationsdemokratie sind sie sehr eng begrenzt, wie sie Sie zu recht bemerken.

Danke für Ihren reflektierten Beitrag -

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Ehemaliger Nutzer 29.12.2011 | 22:20

@fleix,

ich kann ihre Zeilen nachvollziehen, aber es sind auch nur fromme Wünsche. Es ist gut, dass Sie und andere sich Gedanken machen, aber diese sind weder in der Gesellschaft noch bei der Obrigkeit erwünscht. Ich habe Erfahrung, dass gut gemeinte Vorschläge nur als Nörgelei abgetan werden. Und weil man eben nur ein paar Stunden auf diesem Erdball zu Besuch ist, sollte man sich diese durch die Unfähigkeit und Dummheit anderer nicht vermiesen lassen.
Die Menschen sind nicht zu belehren!!!!

salvo 02.01.2012 | 11:25

"Mit Ellbogen, Fleiß und Machtinstinkt kann man zu Geld, Macht und Einfluss gelangen. Das ist die Regel und sie ist so weit so fair."

das ist Blödsinn. Freiheit würde gerade darin bestehen, diesen gesellschaftlich symbolischen Rahmen zu überwinden, der die Selbstwerdung des individuellen Lebens in negative Abhängigkeitsbeziehung vom Leben des Anderen bringt, ihn als zu erkennen, was er ist: eine lebensfeindliche Herrschaftsideologie. Die heute herrschende (rechts)libertäre Ideologie, die den Freiheitsbegriff okkupiert hat, ist konkret die absolute Negation der Freiheit, was imaginär als ihrer Verklärung umgedeutet wird. Der Akt der Negation von Freiheit wird spektakulär als Akt der Freiheit präsentiert: Das ist ein zentrales Thema der Reproduktion des herrschenden symbolischen Zusammenhangs. Gerade für die Freiheit kann es im ethischen Sinne keine andere Instanz ihres Ursprungs geben als der Andere, da sie ansonsten mit der Zerstörung des Anderen und in letzter Konsequenz des Lebens endet.

salvo 02.01.2012 | 12:01

im konkreten Lebenszusammenhang kann man Freiheit nur als die Überwindung falscher Abhängigkeiten begreifen - prototypisch die zwischen Herren und Knecht -, nicht als ideologische Legitimation für das falsche herrschaftsreproduzierende Abhängigkeitsverhältnis. Freiheit stellt nicht das Individuum dem Anderen gegenüber als ihm unbeschränkt verfügbares Objekt, da das eine freiheits- und so lebensverneinende Beziehung begründet, sondern ist ein Prozess, in dem beide aneinander 'wachsen'.

Der Freiheitsbegriff wird im herrschenden Diskurs pervertiert, indem er gerade den Akt ihrer Negation legitimiert, ja, 'Freiheit' wird dazu herangezogen, um das Töten des Anderen, also die absolute Negation von Freiheit, zu rechtfertigen. So wird das Essen von Fleisch als Manifestation eines freien Willens deklariert, obschon sie das genaue Gegenteil ist, nämlich die absolute Negation von Freiheit.

joebar 02.01.2012 | 17:21

Nun, ich zumindest möchte das nicht. Übrigens nicht nur mit Blick auf angeborene, sondern auch auf erworbene Talente. Es wäre fatal, die individuelle Bereitschaft zu ersticken, auf bestimmten Gebieten mehr Interesse, mehr Hingabe, mehr Fleiß, mehr persönlichen Einsatz zu erbringen, als andere. Geschieht dies doch, so herrscht Gleichmacherei auf niedrigstem Niveau. Das bringt weder eine Gesellschaft voran, noch fördert es die persönliche Freiheit. Insofern denke ich, dass ich Ihre Argumente verstehe.

Die interessante Frage ist aber, ab welchem Punkt der Vorteil, den der Einzelne aufgrund seiner Talente erwerben kann/darf (auch Skrupellosigkeit ist ein "Talent"), anderen schadet. In einem bildhaften Versuch, meine Idealvorstellung einer freien und gerechten Gesellschaft zu beschreiben, würde ich die potentiellen Lebenswege der Menschen als parallele Spuren von gleicher und ausreichender Länge darstellen. Wie weit der Einzelne auf seiner Spur tatsächlich vordringt, ist seinem individuellen Bedürfnis und Ehrgeiz überlassen. Zwei Dinge müssen sichergestellt sein:

1. Jedem muss eine solche Spur zur Verfügung stehen. Das ist die berühmte Chancengleichheit - die meiner Meinung nach wenigstens in Ansätzen schon besteht.
2. Es muss unmöglich sein, die eigene Spur zu verlängern, indem ich andere verkürze. Von dieser Bedingung sind wir leider Lichtjahre entfernt.

Ich bin mir durchaus der großen Gefahr bewusst, die eine verbindliche Festlegung der ausreichenden Länge der Spur - durch welchen Souverän auch immer - in sich birgt. Letztlich bedeutet sie ja eine Normierung des Glücks. Mit zunehmendem Lebensalter und -erfahrung komme ich aber immer mehr zu der Überzeugung, dass die Nichteinhaltung von Bedingung Nr. 2 die größere Gefahr für Freiheit und Glück darstellt.

Um zur Realität zurückzukehren - dort wird Bedingung Nr. 2 in erster Linie durch exzessive Einkommen und Vermögensanhäufung verletzt. Ich will mich gar nicht auf die Frage der individuellen Leistungsgerechtigkeit einlassen. Es genügt schon, ganz emotionslos festzuhalten, dass es aufgrund der Begrenztheit von Wertschöpfung und Ressourcen unmöglich ist, einzelne Spuren exzessiv zu verlängern, ohne im Gegenzug andere zu verkürzen.

Um nicht nur schöne Worte gemacht zu haben, aber einen konkreten Vorschlag schuldig geblieben zu sein: Es gab ja mal so eine Studie, wonach ein Einkommenszuwachs bis zu einem Jahreseinkommen von rund 100.000,- € auch einen Zuwachs an individuellem Glück und Zufriedenheit nach sich zieht, darüber jedoch nicht mehr. Ich hätte keine Bedenken, die Einkommensteuerprogression so zu gestalten, dass ein höheres Pro-Kopf-Jahreseinkommen unmöglich ist. Ich halte diese Zahl im Gegenteil schon für verdammt hoch gegriffen. Dies wäre die definierte Länge der Spur.

Ich bin sicher, dass dies weder den Tod der individuellen Leistungsbereitschaft, noch eine sozialistische Tristesse à la RGW, noch bürgerkriegsähnliche Zustände hervorrufen würde. Man müsste es mal versuchen.

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Ehemaliger Nutzer 02.01.2012 | 18:06

@ joebar schrieb am 02.01.2012 um 16:21

>>>Ich bin mir durchaus der großen Gefahr bewusst, die eine verbindliche Festlegung der ausreichenden Länge der Spur - durch welchen Souverän auch immer - in sich birgt.

Wir diskutieren hier über die Marxsche "Diktatur des Proletariats". Ein historischer Begriff, an dem der Unkundige sich aufreiben kann, wenn er nicht nachdenken möchte.

Sie beschreiben in einer modernen Form diese notwendige Etappe einer "Diktatur", einer "Regulierung", einer "Intervention". Dieser Eingriff ist unumgänglich, um Herrschaft, Ausbeutung, Betrug, Gewalt, Wert als die alten Regularien einer kapitalistischen Gesellschaft leerlaufen zu lassen. Diese Denkformen sind uns "Alten" durch jenen Kapitalismus deformierten Gestalten gerade noch zugänglich.

Wenn die Mittel dieser Herrschaft in einem vielleicht Generationen andauernden Lernprozess unbrauchbar gemacht wurden, ist die Diskusssion über "Gerechtigkeit", "Gleichheit" u.ä. vollkommen absurd. Wer am besten singen kann, tut es. Wer am besten Kochen kann tut dies und wer am besten Denken kann tut eben jenes.

Jede als freies Individuum tut es und jeder weiß, dass er auch ein gesellschaftliches Wesen ist, dessen Fähigkeiten für sich allein nutzlos sind. Das schließt Neid, Hass, Wettbewerb, Niederlagen, Eifersucht nicht aus, aber die Organisation von Individuen auf der Basis dieser Eigenschaften wird absurd erscheinen, weil jede Einzelne nur Nachteile davon hat.

Das wird uns so selbstverständlich vorkommen, wie heute so vielen das Geschwafel von den "Selbstregulierungsmechanismen des Marktes".

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Ehemaliger Nutzer 02.01.2012 | 19:36

@ salvo schrieb am 02.01.2012 um 11:01

>>>So wird das Essen von Fleisch als Manifestation eines freien Willens deklariert, obschon sie das genaue Gegenteil ist, nämlich die absolute Negation von Freiheit.

So hatte ich den Titel des Beitrages "Die Freiheit des Hechtes" noch gar nicht verstanden. Wenn jemand den Hecht isst, zerstört er dessen Freiheit?

Oder meinten Sie das Essen von Menschen?

Karola 02.01.2012 | 20:03

Der Aufstieg von Schröder, wie Sie ihn beschreiben, hat nichts mit dem modernen Libertarianismus zu tun, sondern mit der damaligen politischen Einsicht, allen Kindern gleiche Chancen zu geben um möglichst viele klugen Köpfe heran zu bilden.

Dass ausgerechnet Schröder dann durch die Agenda 2010, eine Erfindung der Bertelsmannstiftung und stink neoliberal, allen Kindern die nach ihm kommen, diese wunderbare Leiter nach oben wieder weggenommen hat, spricht für seine Dummheit, die er mit vielen teilt.

Es ist eben nicht die Kraft der Ellbogen oder des Reichtums, die Menschen frei machen, sondern eine Identität, die sich und seine Herkunft nicht verleugnet und sie in die nächste Entwicklungsstufe integriert. Schröder, Fischer, Wulff, Merkel etc. haben diesen Schritt verpasst. Darum sind sie nicht frei. Sie sind bestechlich und empfänglich geworden für alles und noch was, weil sie keine Werte, keine Identität haben.

Der Libertarianismus hat heute Hochkonjunktur unter dem neuen Namen Neoliberalismus.

Karola 02.01.2012 | 20:46

Ein Artikel, der die Verschlagenheit einer Elite aufdeckt, wie sie durch Verdrehungen und Entwertungen zu anderen faulen Inhalten kommt und versucht, diese gesellschaftlich durchzusetzen.

Allerdings habe ich nicht den Unterschied von neg. und pos. Freiheiten verstanden, d.h. ich sehe den Unterschied schon, verstehe nur nicht, warum ihn Berliner in neg. und pos. eingeteilt hat. Für mich war Freiheit immer nur Freiheit und dadurch positiv. Alles was sie willkürlich begrenzt ist eine Einschränkung der Freiheit und dann keine Freiheit mehr.

Wenn die Freiheit des einen, aggressiven an meiner Nase aufhört, finde ich das gut. Nur - wenn der Aggressive gar nicht daran denkt, weil er eben die Werte, die die Freiheit umgeben, Toleranz, Respekt, Achtung, Liebe, Disziplin nicht anerkennt, ist er im Grunde ein Unfreier.

Der Hecht ist ein Hecht, der kleine Fische frisst. Mein Kater ist ein Mäusejäger, auch wenn ich das nicht gerne sehe und möglichst jede kleine Maus vor ihm rette.

Die Aufgabe des Menschen ist eine andere. Seine Aufgabe besteht darin, sich möglichst in die höchste Stufe des Menschseins zu entwickeln, als Kind von Gott, im Sinne des Wortes, mit allen göttlichen Attributen, die Gott uns zugestanden und Jesus erklärt hat. "Die Wahrheit wird euch frei machen". Da ist es letztlich egal, aus welcher soz. Gruppe wir kommen, sondern das wir das, was wir tun, mit unserer ganzen Liebe tun. ich weiss, das klingt nach Geschwafel, aber Freude kann man auch beim Regale füllen haben. Warum nicht ?

Reichtum jedenfalls macht nicht frei. Aber es geht hier ja nicht um unbedingten Reichtum sondern um Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle und damit um Freiheit von einigen, profanen Sorgen, die mit wenig Geld groß sein können, z.B. Waschmaschine kaputt.

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Ehemaliger Nutzer 03.01.2012 | 10:18

@ fleix: danke. ich glaub, dass eine vollkommene chancengleichheit unmöglich ist. das heißt nicht, dass man sich nicht um mehr chancengleichheit bemühen sollte. aber auch wenn geld ein entscheidender faktor ist, ist es nicht DER faktor (so es ihn gibt). zu guttenbergs vermögen wird in dreistelliger millionenhöhe geschätzt und was hat es ihm genutzt?

nach studien kann man eigentlich schon eingrenzen, was DER faktor ist, der wird allerdings in der gesellschaftspolitischen debatte nicht erwähnt, weil die einen wie die anderen - lediglich mit umgekehrten vorzeichen - nur aufs geld fixiert sind. und der vermutlich für den späteren lebenserfolg entscheidende faktor ist nur mit erziehung förderbar. daher fällt er unter den tisch. kein politiker hat ein interesse dran, mitzuteilen, dass jeder einzelne bei seinen kindern unabhängig vom geld die chancen entscheidend verbessern kann. denn dafür wird er nicht wiedergewählt.

aber wie gesagt, trotzdem ist eine finanziell gerechtere verteilung wünschenswert. dass man zum beispiel auch intelligenz fördert, um möglichst gute bedingungen für jeden zu haben, ist - wenn auch unausgeprochen - aber doch schon gesellschaftliche realität. beim talent finde ich es wie sie auch schwierig. wir wollen ja auch eine vielzahl von ausprägungen.

viele grüße!