Die Geburt des Barock

Caravaggio Vor vierhundert Jahren ließ sich Caravaggio in Neapel nieder und der Barock nahm seinen Anfang. Er bestimmt noch immer die Ästhetik des modernen Weihnachten

Maria sitzt in einem verfallenen Haus und zeigt ihr neugeborenes Kind den Schäfern und den Königen. Nebenan ist eine Frau auf ihren schmalen Balkon getreten. Sie schert sich nicht um die Aufregung um das Neugeborene und sammelt ihre Wäsche ein. In der engen Gasse unter ihr drängen sich Männer, die mit Waren beladen sind, am Verkaufsstand eines Metzgers vorbei, ohne den einbeinigen Bettler, der dort sitzt, eines Blickes zu würdigen.

Die Figuren, die diese Miniaturwelt bevölkern, sind nur 5 Zentimeter groß und wurden mit Liebe zum Detail aus Holz geschnitzt. Das Wunderbarste aber an diesem herrlichen Stück Volkskunst ist die Tatsache, dass es vor einem Laden in der süditalienischen Stadt Neapel steht. Entlang der Straße können die Italiener viele dieser Krippenzenen, die als Presepi bekannt sind, bewundern. Sie beratschlagen, welche sie kaufen möchten und bei welcher vielleicht eine zusätzliche Figur nicht schaden könnte. Die Geburt Jesu findet sich in jeder Krippe, aber es sind so viele Details hinzugekommen, dass jede auch ein Menschengetümmel darstellt. Das Resultat ähnelt einer Torte mit vielen Schichten und reichhaltiger Dekoration.

Auch Neapel schmückt sich mit der üblichen Weihnachtsdeko, wie wir sie kennen: Lichterketten säumen dunkle Wände, auf einer Kirchentreppe sitzt ein Weihnachtsmann. Aber am auffälligsten sind die Krippen, die hier seit dem 17. Jahrhundert gebaut werden. Heutzutage fügen die Handwerker manchmal aktuelle, satirische Elemente ein. In diesem Jahr tummeln sich in vielen Krippen Mini-Obamas und Mini-Berlusconis.

Im Grunde gehören die Presepi zum Erbe des Barock. Seine Wiege liegt im Italien des 16. Jahrhunderts, in der Folgezeit wurde es, etwa 150 Jahre lang, in ganz Europa die dominierende Kunstrichtung. Neapel zählte zu den großen Zentren des Barock und diesen Umstand feiert die Stadt mit einer neuen Ausstellung, „Rückkehr zum Barock“, in ihren zahlreichen Museen und Kirchen.

Aber verweilen wir noch einen Moment auf der Straße. Nur einen Katzensprung von all den Weihnachtsständen entfernt führt ein düsterer Weg zum Eingang der Kapelle in der Caravaggios beeindruckendes Gemälde Die sieben Werke der Barmherzigkeit seit 400 Jahren als Altarbild dient. So wie die Krippen draußen auf der Straße, spiegelt auch dieses Gemälde Neapel selbst. Es zeigt einen überfüllten Ort voller Menschen, an dem sich (gerade so, wie in den Krippen) das Göttliche auf einer ärmlichen Straße offenbart.

Eine barmherzige Tat

Im Inneren der Kapelle wird der Blick durch den Schein der Kerzen und ein Kruzifix abgelenkt, und doch ist man von der Fremdartigkeit dieses Gemäldes wie gebannt. Es scheint eine Straßenszene darzustellen. Ein Gebäude, vermutlich ein Gefängnis, ragt im Hintergrund auf, eine Frau bietet einem älteren Mann hinter den Gitterstäben ihre Brust an und er trinkt. Diese Darstellung entspricht zwei der barmherzigen Taten, die im Matthäusevangelium beschrieben werden: Gib den Durstigen zu trinken, hilf den Gefangenen. Unterdessen hält ein Mann in einem geistlichen Gewand eine Fackel an die grauen Füße eines Toten – die letzte der barmherzigen Taten ist eine angemessene Bestattung. Jeder auf diesem Bild führt eine barmherzige Tat aus (ein Ritter gibt seinen Mantel), während Maria, Jesus und zwei geflügelte Engel von oben auf die Szene herabsehen.

Als Caravaggio Neapel für kurze Zeit besuchte, damals als Mörder auf der Flucht, hinterließ er eine handvoll Bilder. Die sieben Werke waren das bedeutendste, sie waren die Keimzelle einer neuen Kunstrichtung. Das Barock steckte noch in den Kinderschuhen. Unter Caravaggios Händen wurde es zu einer Kunstströmung, die die raue Realität abbildete, ein Schock für die Sinne und für das Gewissen. In den Straßen in der Nähe dieses Altarbilds lässt sich deutlich verfolgen, wie das Barock zu einer Kunst des Spektakels und des Exzesses wurde. Marmortürme, die mit steinernen Blumenranken angetan sind, ragen von den Plätzen empor. Sie heißen Guglie, sehen wie steinerne Weihnachtsbäume aus und sind für Neapel ebenso typisch wie die Krippen. Sie sind einfach nur Staffage, ein schöner Anblick, der die Laune heben soll, während man die wahnsinnigen Gassen der Stadt passiert. Sie sind die neapolitanische Antwort auf die römischen Springbrunnen.

Als diese Türme hochgezogen wurden, ein halbes Jahrhundert nachdem Caravaggio seine Vision der Barmherzigkeit malte, hatte sich das Barock von einer eindrücklichen, verstörenden Kunstströmung zu einem Label für Weihnachtsschmuck entwickelt, wenn man es bösartig ausdrücken will. Als das Barock Caravaggios eigentümliches Unbehagen erst einmal hinter sich gelassen hatte, wurde seine Kunst selbstgefällig und zweitklassig. So dachte ich zumindest bis jetzt, doch in diesem Winter erkannte ich in Neapel, dass alles zusammen doch Sinn ergibt.

In Neapel versteht man die Idee des Barock. Die Krippen illustrieren, dass die Pracht dieser Bewegung notwendig war, um zu feiern und um die Menschen zu vereinen. Was als religiöse Introspektion begann, entwickelte sich zu einer freudigen Kunst, die tief in den vielen italienischen Feiertagen verwurzelt war (so sind die Guglie eine steinerne Version der hölzernen Türme, die an Festtagen getragen werden). Noch heute gibt es in Italien eine Unmenge an Festtagen und gemeinschaftlichen Zeremonien. In anderen europäischen Ländern klingt davon nur an Weihnachten etwas an, wenn die Tannenbäume, die Lichter und die Christbaumkugeln unseren Städten einen barocken Anstrich geben.

Das Beste aber an den barocken Festen ist die Wallfahrt nach Certosa di San Martino, einem Kloster, das in einer Bucht mit Blick auf den Vesuv liegt. Die Inneneinrichtung, die größtenteils von Cosimo Fanzago stammt, einem brillanten örtlichen Künstler, der die ersten Guglie entworfen hat, ist umwerfend. Mit seinen marmornen Intarsien, den betörend geschnitzten (echten) Schädeln und den Fresken und Gemälden berühmter Maler von Domenichino bis zu Cavalier d'Arpino, belegt dieser Ort, dass das Barock eine einzige, gigantische Weihnachtsdekoration war. Das Überladene als trotzige Antwort auf die Unwirtlichkeiten des Lebens, ist eine bewegende Liebeserklärung an die Schönheit. Die Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, die an allen anderen Orten in Neapel nun ausgestellt werden, zeigen die Leichen der Pestopfer, die sich in den Straßen auftürmen.

Glauben ohne Zweifel

Die Neapolitaner brauchen die Kunst, um einen kurzen Blick auf den Himmel erhaschen zu können. Guido Renis Altarbild im Kloster San Martino, auf dem die Anbetung der Schäfer dargestellt ist, gewährt ihnen diesen kurzen Blick. Caravaggios Altarbild hinterlässt ein ungutes Gefühl, Renis hingegen baut den Betrachter mit seinem leuchtenden Glauben auf. Sein großes, strahlendes Gemälde kennt keine düsteren Gedanken, keine Zweifel. Es hat die souveräne Anmut eines Raffaels, aber es hat mehr Gefühl. Es lässt mehr persönliche Leidenschaft erkennen, Reni ist ein Gläubiger, der seine Vision der Geburt Jesu Christi teilt.

Reni war ein Außenseiter, ein Besucher in Neapel. Sein Stil hat die Kunst der Stadt nicht geprägt. Die örtlichen Künstler orientierten sich stattdessen an der Härte Caravaggios, die Gemälde in den Galerien und Kirchen der Stadt sind rauchig und dunkel, ihr Gegenstand ist oft die Gewalt. Mattia Pretis Gastmahl des Absalom zeigt ein üppiges Bankett, das mit seinem Detailreichtum, der von den Speisen auf dem Tisch bis zu einem Kind reicht, das sich angstvoll hinter einem Stuhl versteckt, den Krippenschnitzern in nichts nachsteht. Aber auch dieses Gemälde ist erschreckend, am Tisch sitzen Mörder, die ihre Dolche heben um einen Mann am Tisch umzubringen. Preti hat die Kraft Caravaggios mit einer malerischen Scharfsinnigkeit veredelt.

Zurück auf der Straße liegt die Parallele zwischen den Krippenszenen und den Barockgemälden auf der Hand: Auch sie sind unendliche Ausarbeitungen der immer selben Idee. Neapel scheint sich in den vergangenen 400 Jahren nicht wesentlich verändert zu haben, auf der Straße bettelt ein Junge mit kurzem schwarzem Haar, der aussieht als sei er einem Gemälde von Caravaggio entsprungen. Der Philosoph Giambattista Vico, der im 18. Jahrhundert in Neapel lebte, war der Ansicht, dass die Geschichte zyklisch verläuft, so dass sich nichts jemals wirklich ändert.

Vielleicht erklärt das die eigentliche Bedeutung des Ausstellungstitels „Rückkehr zum Barock“. Neapel hängt in einer unendlichen Zeitschleife fest. Wer einen Tag inmitten der Kunst und der Architektur dieser Stadt verbringt, der fragt sich voll Unbehagen, ob nicht jemand in einer dieser Werkstätten gerade ein kleines hölzernes Ebenbild des Besuchers schnitzt, um es in eine der Krippen zu setzen, die in dieser zeitlosen, barocken Stadt die Straßen säumen.


Übersetzung: Christine Käppeler

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08:00 25.12.2009
Geschrieben von

Jonathan Jones, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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