Die Gunst der Stunde

Jemen Im Süden des Jemen sind ganze Regionen und Städte in den Händen islamischer Mudschaheddin aus Al-Qaida-Filialen, die Emirate ausrufen und die Scharia einführen

Wir verlassen Aden in Richtung Osten, der letzte Checkpoint der Armee liegt erst wenige Hundert Meter hinter uns, da sehen wir schon die schwarze Al-Qaida-Flagge, die auf einem durch Granaten teilweise zerstörten Betongebäude weht. Die Organisation AQAP, Filiale des islamistischen Netzwerks auf der Arabischen Halbinsel, hat im Südjemen gerade mehrere Emirate ausgerufen. Was nicht weiter überrascht, denn in dieser zerklüfteten Bergregion ist die AQAP seit Jahren aktiv, nun aber erobern die Dschihadisten ein Tal ums andere und sind dabei, ein Al-Qaida-Utopia zu errichten, während in der Hauptstadt Sanaa zu Wochenbeginn ein Selbstmordattentäter mehr 96 Menschen mit in den Tod reißt und fast 300 verletzt. Ein Indiz dafür, wie Al-Qaida-Ableger heute im ganzen Land aktiv sind.

Azzan, vor einem Jahr noch ein Marktflecken in der Südprovinz Schabwa, gehört zu den drei bisher proklamierten Emiraten. An den Zugängen zum Ort stehen Panzerfahrzeuge, die offenbar von der Regierungsarmee erobert wurden. In einem Laden am Straßenrand sitzen junge Männer an Computern und kopieren Predigten des 2011 bei einem Luftangriff getöteten spirituellen AQAP-Führers Anwar al-Awlaki. Ein Plakat an der Wand bewirbt den Film The Surviors, in dem es um hochrangige Al-Qaida-Kader geht, die Drohnenangriffe überlebt haben.

Hochgebildete Kader

In der einstigen Polizeiwache von Azzan residiert ein Scharia-Gericht, ausgerüstet mit schwarzen Fahnen und einem langen, für die körperliche Züchtigung vorgesehenen Stock. 42 Fälle habe man in nur zwei Wochen verhandelt, sagt ein Richter. „Die Leute kommen aus Gegenden, die wir nicht kontrollieren, und bitten uns, sich ihrer Konflikte anzunehmen. Das Recht der Scharia ist unbestechlich. Die meisten Fälle lösen wir binnen eines Tages.“

Hundert Meilen westlich von Azzan erreicht man die Stadt Jaar und damit ein anderes Emirat. Auch dort lagern Kämpfer an gepanzerten Fahrzeugen – ebenfalls aus Regierungsbeständen –, auf denen sie ihre schwarzen Standarten aufgepflanzt haben. Auf dem geschäftigen Markt, zwischen Gemüseständen und Hühnerkäfigen, patrouillieren Schützen auf staubigen, mit Schlaglöchern übersäten Straßen. Von vielen Häusern sind – wahrscheinlich wegen der Luftangriffe – nur noch Trümmer geblieben. Auch an diesem vom Elend heimgesuchten Ort ist die AQAP dabei, ihre Gesellschaft zu schaffen. Anders als in Somalia oder Afghanistan wird versucht, die Scharia einzuführen, indem die Herzen und Köpfe der Menschen gewonnen werden. So hat die Dschihadisten-Verwaltung in Jaar Steuern abgeschafft, eine kostenlose Stromversorgung ermöglicht und Abwasserleitungen installiert. Menschen, die vor der Stadt in Beduinen-Siedlungen leben, berichten, ihre Häuser seien nun auch an das Stromnetz angeschlossen. Sogar der Konsum der Droge Kat bleibe ihnen weiterhin gestattet.

Ein junger, schüchterner Dschihadist – er heißt Fouad – führt uns am Rande von Jaar in ein verlassenes Haus. Auf dem Boden ist ein Mahl ausgebreitet. „Esst, esst, die Zeiten sind gut“, sagt er. „Die Tage des Leids und Versteckens in den Bergen sind vorbei.“

Früher hat Fouad an der Universität von Sanaa Englisch studiert, sich dann aber für das Leben eines Dschihadisten entschieden. Er trägt ein um seinen Kopf geschlungenes großes weißes Tuch, das die Stirn bedeckt und einen Schatten auf sein breites Gesicht wirft. Er spricht mit sanfter Stimme in klassischem Arabisch, seine Botschaft aber ist modern. „Die Medien gefallen sich darin, die Mudschaheddin als unwissende Leute darzustellen, die im Leben gescheitert seien, von ihrer Gesellschaft abgelehnt würden und deshalb diesen Weg eingeschlagen hätten. In Wirklichkeit sind viele von uns gebildet und haben Hochschulabschlüsse. Sie wollten jede Karriere aufgeben, um für ihr Volk da zu sein. Sie sehen, dass es unterdrückt und beleidigt wird. Diesen Weg betrachten sie deshalb als ihre Pflicht.“

Es habe sich erwiesen, so Fouad, dass die „Demokratie“ nicht funktioniere. Unter den Begriff fallen für ihn auch die arabischen Autokratien, in deren Ländern es vorgetäuschte Wahlen gibt. „Die Demokratie hat nur Ungerechtigkeit, Unwissen, Rückständigkeit und das Verlangen gebracht, dem Westen hinterherzueilen. Die Ersten, die sich gegen diese verräterischen Regimes erhoben haben, waren die Mudschaheddin. Die Menschen reagierten zunächst wegen der Stärke des Polizeistaates nicht darauf. Schließlich aber erkannten sie, zwischen Sklaverei oder Freiheit wählen zu können. Wir unterstützen diese Revolution genauso wie einst Scheich Osama. Sie hat uns befreit – wir konnten uns zeigen.“ Grundsätzlich habe man die Mission, eine Herrschaft unter der Scharia zu begründen. Auch das geschehe allein, um den Menschen zu dienen.

Mit starrem Blick

Die Dschihadisten hatten schon mehrfach versucht, Jaar einzunehmen, was ihnen manchmal für einige Wochen gelang. Als dann, im vergangenen Jahr, die Armee durch den erzwungenen Rücktritt von Präsident Abdullah Saleh gespalten wurde und ihre Einheiten gegeneinander kämpften, hat das die Sicherheitskräfte geschwächt. So nutzten die Dschihadisten die Gunst der Stunde. Diesmal scheint es, dass sie länger in Jaar bleiben werden.

Ein Muezzin ruft zum Gebet, die ganze Stadt wendet sich in Richtung Moschee. Fouad geht mit uns über den Markt, weist darauf hin, wie fromm diese Stadt sei. Die Händler ließen ihre Stände unbeaufsichtigt, während sie sich zum Beten entfernten. Was geschieht, wenn jemand nicht beten möchte? „Dann unterrichten wir ihn über die Bedeutung des Gebets.“ Und wenn die Person dann immer noch nicht will? „Dann sperren wir diese Person an einem stillen Ort ein und geben ihr zu lesen, bis sie erkennt, wie sehr sie sich irrt.“

Mit sanftem und entschuldigendem Lächeln bittet uns Fouad dann um die Mobiltelefone. Uns werden die Augen verbunden. In einem Jeep geht es zu den Gefangenen der Dschihadisten. Als uns die Binden wieder abgenommen werden, befinden wir uns an einem kleinen Gebäudekomplex, der von schwer bewaffneten Mudschaheddin bewacht wird. Einige haben ihre Gesichter mit karierten Schals bedeckt.

Hinter mit Vorhängeschlössern gesicherten Metalltüren sitzen im ersten Raum, in den wir geführt werden, gefangene Soldaten der Regierungsarmee. Ihre nackten Füße sind mit glänzenden Metallketten gefesselt. Sie sehen müde aus, einige tragen lange Bärte. Ein Mann steht stramm und meldet monoton: „Wir sind Soldaten, die zur Verteidigung unseres Landes gekämpft haben. Wir haben gut gekämpft, bis unsere Munition aufgebraucht war. Wir bitten den Bruder Präsidenten, unsere Situation zu prüfen und den Forderungen der Brüder in Ansar al-Sharia nachzukommen und uns gegen ihre Gefangenen auszutauschen.“

Wir werden in eine andere Zelle gebracht, in der ein anderer Soldat steht und Ähnliches aufsagt. In einem vierten Raum schließlich fragen wir einen der auf dem Boden hockenden Männer, wie er behandelt werde. „Wie ein Gefangener“, sagte er mit starrem Blick aus großen Augen.

Auf der Rückfahrt von diesem Arrest, als uns wieder die Augen verbunden worden sind, sagt einer der Mudschaheddin – an der Stimme ist zu erkennen, dass es sich um den Kommandanten handelt: „Wir wollen, dass die Regierung reagiert und diese Männer austauscht.“

Was, wenn nicht?

„Laut Scharia können wir sie entweder freilassen, was wir nicht tun werden, sie austauschen oder töten.“

Später laufen wir ohne Begleitung in Jaar umher. Wir begegnen einem Bauern, der von seinem Feld zurückkommt. Was sagt er zur Herrschaft der Dschihadisten? „Sie haben drei Männern aus drei verschiedenen Gegenden die Hände abgeschlagen“, lautet die Antwort. Hatten sie gestohlen? „Ja, aber was hatten sie schon genommen? Einen Ventilator, ein paar Kleinigkeiten. In Jaar traut sich niemand, etwas dagegen zu sagen. In der Stadt ist es sehr still geworden. Selbst auf den Markt ruft keiner laut seine Ware aus. Diese Leute haben für Sicherheit gesorgt, doch falls sie jemanden der Spionage verdächtigen, dann verschwindet derjenige sofort.“

Das fruchtbare Land rund um Jaar wirkt verlassen. Die Bewässerungskanäle sind eingetrocknet, die gelbe Erde ist rissig und staubig. Wo einst Mangos und Papayas wuchsen, findet man verdorrte Bäume. Viele Einwohner sind vor den Granaten der Regierungsarmee und den Luftangriffen geflohen. In Aden, der Metropole des Südens, drängen sich Zehntausende in Schulen oder anderen Notquartieren, wo sie zwischen Müll und Abwässern in Dreck und Armut leben. „Jede Familie hat einen Sohn zurückgelassen, der auf das Haus aufpassen soll, aber alle anderen sind nach Aden geflohen“, sagt der alte Bauer noch.

Vom Geld einmal abgesehen

Einer dieser Flüchtlinge ist Faisal. Eines Morgens im letzten Jahr wachte er auf, und die Dschihadisten hatten die Stadt übernommen. Dabei sei anfangs keine einzige Patrone verschossen worden, erinnert sich Faisal. Die Bewohner Jaars hätten versucht, auf die Straße zu gehen und gegen den Einmarsch zu protestieren, seien dann aber beschossen worden, bis sich keiner mehr aus seinem Haus wagte. Also schloss sich Faisal dem Flüchtlingsstrom nach Aden an, wo er jetzt in einem Lager lebt.

Wenige Monate, nachdem sie Jaar eigenommen hatten, drangen die Dschihadisten auch in die Nachbarstadt Zinjibar vor und umstellten die Gebäude von Polizei und Sicherheitsbehörden. Die gefürchteten Spezialeinheiten der Regierung räumten fluchtartig ihre Stellung – am nächsten Tag folgte ihnen die Armee. Die Dschihadisten übernahmen die Banken, plünderten Waffengeschäfte und Munitionslager. In den Monaten der schweren Kämpfe, die folgten, suchten weitere Flüchtlinge aus Zinjibar Zuflucht in Aden, wo inzwischen die Atmosphäre an einen permanenten Belagerungszustand denken lässt.

Im März gelang den durch ihre Erfolge ermutigten Dschihadisten ein weiterer taktischer Sieg, als sie an der Peripherie von Aden ein Militärlager angriffen, binnen weniger Stunden 182 Soldaten töteten und 72 gefangen nahmen. Sie versorgten sich mit Waffen und traten den Rückzug an. In der Hauptstadt Sanaa konnte man ebenso wie in Aden kaum glauben, wie eine Gruppe von Stammesleuten so einfach die jemenitische Armee schlagen konnte. Wo waren die von USA ausgehaltenen Anti-Terror-Einheiten?

In Aden treffen wir einen jungen Leutnant mit kurzgeschorenem Haar und strichdünnem Schnurrbart. Er bezieht noch immer sein Gehalt von der Armee, auch wenn er seit über einem Monat keine Uniform mehr angezogen hat. Er gehörte zu den Aufklärern der 25. Panzerbrigade, die im Vorjahr in der Provinz Abyan gegen die Dschihadisten kämpfte.

„Es gibt viele Verschwörungstheorien, die zu erklären versuchen, warum wir Zinjibar verloren haben“, meint er. „Viele dachten, es hätte eine Abmachung zwischen Präsident Saleh und den Dschihadisten gegeben. Die Wahrheit ist einfacher: Die Armeeführung ist verdorben und korrupt. Weshalb sollte ein Soldat kämpfen, wenn die Kommandeure gespalten sind?“

Von wie vielen Mudschaheddin ist das Armee-Camp damals angegriffen wurden? „Es waren nicht mehr als 60“, sagt der Leutnant. Was das über die Stärke der Dschihadisten sagt, passt zu dem, was der ehemalige Student Fouad in der Stadt Jaar erzählt hat. Seit zwei Jahrzehnten ist die Provinz Abyan eng mit dem internationalen Dschihad verbunden. Tausende gingen von hier aus nach Afghanistan, später in den Irak und nach Somalia. Abyan wurde zur bevorzugten Adresse für junge Saudis, die sich ausbilden lassen und dann ebenfalls in den Irak ziehen wollten. Fouad hatte dazu erklärt: „Wir haben Befehlshaber, die führen können und neue Taktiken der Kriegsführung beherrschen. Die jemenitische Armee ist viel schwächer als angenommen. Ihre Soldaten haben keinen Grund zu kämpfen, vom Geld einmal abgesehen. Sie dienen – ob sie es nun wissen oder nicht – einer ausländischen Agenda.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Wir haben gelernt.“

Ghaith Abdul-Ahad ist ein irakischer Autor und begann nach der US-Invasion 2003 als Journalist zu arbeiten

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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10:00 26.05.2012
Geschrieben von

Ghaith Abdul-Ahad | The Guardian

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The Guardian

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