Die Kassenfrage

Finanzwelt Unser Autor versucht, die düsteren Nachrichten aus der Finanzwelt beim Frühstück zu ignorieren. Aber wenn alles zusammenbricht, wie kommt er dann an seine Cornflakes?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich tue mein Bestes, um die zunehmend beunruhigenderen Nachrichten aus der Finanzwelt zu ignorieren, die bereits seit mehreren Monaten von überall her auf uns einprasseln. Zum Glück war diese Ignoranz sowieso schon immer meine zweite Natur. Was Wirtschaftsfragen angeht, bin ich ein hoffnungsloser Fall. Mein Gehirn erlaubt es mir nicht einmal, sie zu verstehen, geschweige denn, sie interessant zu finden. Wann immer jemand versucht, mir auch nur das rudimentärste ökonomische Prinzip zu erklären, spüre ich umgehend, wie mein Verstand in den Standby-Modus herunterfährt und sich vor der Langeweile schützt, indem er sich bewusst in ein künstliches Koma versetzt. Meine Augen bleiben geöffnet und hin und wieder grunze ich sogar, mein inneres Wesen aber hat sich auf eine lange Reise begeben und ist weit, weit weg.

Aber in jüngster Zeit ist es schwieriger geworden, die Finanzwelt zu ignorieren. Jeder zweite Artikel wartet mit Erklärungen zu Griechenland, der Eurozone oder der Weltwirtschaft auf, die einem das Blut in den Adern gerinnen lassen. Und obwohl ich die Einzelheiten kaum verstehen kann, verstehe ich doch immerhin die Verzweiflung, die aus all diesen Nachrichten spricht. Der Wirtschaftsteil der Zeitungen liest sich heutzutage wie die Tagebucheinträge eines manisch Depressiven während einer düsteren Phase der Niedergeschlagenheit, in der eigentlich alles nur noch düsterer werden kann.

Als 2008 die Blase platzte, dachten viele, die Finanzwelt habe jahrelang im Dornröschenschlaf gelegen, sei nun aber auf unsanfte Weise wachgerüttelt worden. Aber leider bestand ihre Reaktion darin, die Augen umgehend wieder zu schließen, um so schnell wie möglich wieder zu jenem schönen Traum von immer mehr mühelos verdientem Geld und Kuchen zurückzugelangen. Sie kann aber nicht einschlafen, denn die Alarmanlage geht immer noch an. Oh, und das Haus steht in Flammen! Wir haben uns nur eingebildet, wir würden all dieses Geld wirklich besitzen, und jetzt hat keiner mehr auch nur einen Pfennig – außer denjenigen natürlich, die den ganzen Schlamassel verursacht haben. Sie schwimmen nach wie vor im Geld und müssen dies auch, denn es wird sie ein Vermögen kosten, die nötigen Maßnahmen zur Gewährleistung ihrer Sicherheit zu ergreifen und sich von Stacheldraht und Kampfhunden beschützte Eisenkäfige zu bauen, in denen sie vor dem Mob sicher sind, wenn die große Abrechnung ins Haus steht.

Vor dem Ende des Kapitalismus

Unterdessen wundere ich mich darüber, wie besorgt es mich macht, wenn ich Schlagzeilen lese, die danach fragen, ob der Kapitalismus denn nun gescheitert sei. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Jeder, der nur halbwegs bei Trost ist, sieht, dass drastische Veränderungen notwendig sind, wenn auch weiterhin alle knapp sieben Milliarden von uns auf diesem Planeten zusammenleben wollen. Aber in dem Moment, in dem vom vollständigen Zusammenbruch des Kapitalismus die Rede ist, mache ich mir über zwei Dinge Sorgen: Erstens die Zukunft meiner Frühstücksflocken Shreddies. Und zweitens über die Aussicht eines Weltkrieges.

Als Spezies neigen wir zu Weltkriegen, wenn wir uns in Identitätskrisen befinden. Das ist ein wenig wie bei den Charakteren in Fernsehsoaps, die auf dem Höhepunkt ihrer Krise das Wohnzimmermobiliar auseinandernehmen, um zu demonstrieren, wie schlecht es ihnen jetzt gerade geht. (Wenn sie meinen, ich würde gerade die Aussicht auf einen Weltkrieg trivialisieren, dann haben Sie völlig Recht. Es handelt sich um einen psychologischen Abwehrmechanismus, der mich davon abhält, beim Schreiben laut zu schreien.)

Der komplette Zusammenbruch des Kapitalismus würde zu einer Identitätskrise von gewaltigen Ausmaßen führen. Oder denken Sie, wir haben uns all diese Werbe-Jingles für nichts und wieder nichts angehört? Uns PIN-Codes gemerkt, Marken begehrt und sind auf der Suche nach innerer Bestätigung durch Shopping Malls gestreift. War das alles reine Zeitverschwendung? Ja, wir wussten, dass das alles Schwachsinn ist, aber irgendwie musste es ja weitergehen. Wir hatten doch keine andere Wahl, oder? Schließlich haben alle es gemacht!

Wenn ich jetzt aber daran denke, dass alles zusammenbrechen könnte, komme ich mir vor, wie eine Nebenfigur, ein gesichtsloser Passant in Grand Theft Auto, dem gesagt wird, dass gerade ein schwerwiegender Fehler in der Software gefunden wurde und die ganze Sache jeden Augenblick gelöscht werden kann. Wenn die gesamte Weltwirtschaft den Bach runter geht, könnten alle Währungen ihren Wert verlieren. Wenn wir dann aber wieder eine Art mittelalterlichen Tauschhandel einführen, wie soll ich da für meine Shreddies bezahlen? Ich weigere mich, an der Supermarktkasse sexuelle Gefälligkeiten zu erweisen. Aber wird es denn überhaupt noch Supermarktkassen geben? Und Shreddies? Selbst wenn, dann aber bestimmt nicht mehr in den Varianten "Frosted" and "Coco". Nur noch ganz einfache Frühstücksflocken, die man aus einer verbeulten Radkappe isst.

Wie dem auch sei. Ich tue wie gesagt mein Bestes, dies alles zu ignorieren. Und bis jetzt gelingt es mir auch.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:25 27.09.2011
Geschrieben von

Charlie Brooker | The Guardian

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The Guardian

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