Die Kehrseite von 15 Minuten Ruhm

Reality-TV Immer mehr sensible Kandidaten werden im Reality-TV vorgeführt, um Zuschauer zu ködern. Aber tun die Produzenten genug, um ihnen den Umgang mit dem Rampenlicht zu erleichtern?

Es gab eine Zeit, in der die größten Stars des Reality-TVs sich durch ihre völlige Gewöhnlichkeit und Normalität auszeichneten – Craig Phillips, der Gewinner der ersten britischen Big-Brother-Staffel war ein lebenslustiger Bauarbeiter, der den Preis an ein junges Mädchen weitergab, das dringend eine lebensrettende Operation benötigte, während Steve Brookstein – der Sieger der ersten Staffel der Castingshow The X Factor – bei bestimmten Frauen mit seinem frechen Lächeln und seiner umgänglichen Art für weiche Knie sorgte.

Damals galt das Interesse der Zuschauer mehr dem neuen Format als der Einzigartigkeit der Teilnehmer. Aber zehn Jahre, nachdem Big Brother die Tür zur Ära der Reality-TV-Formate aufgestoßen hat, müssen die Sender sich anstrengen, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Sie tun dies, indem sie Grenzen überschreiten. 2004 gewann die transsexuelle Nadia Almada Big Brother, zwei Jahre später folgte ihr der am Tourette-Syndrom erkrankte Pete Bennett, während im vergangenen Jahr der blinde Mikey Hughes teilnahm. Auch noch verletzlichere Menschen machten mit – manchmal mit Besorgnis erregenden Folgen.

Susan Boyle, die trotz ihrer Lernschwäche das Publikum bei Britain's got Talent schwer beeindruckte, brach nach dem Finale im Mai zusammen und wurde mit Erschöpfungserscheinungen in eine Privatklinik eingewiesen. Big-Brother-Teilnehmer Sree Dasari musste ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil er sich nach seinem Rauswurf aus der diesjährigen Staffel selbst verletzt hatte.

In der vergangenen Woche gaben die Produzenten von The X-Factor bekannt, man würde in Zukunft mehr Geld für die psychologische Betreuung der Kandidaten ausgeben. Die diesjährige Staffel begann am vergangenen Samstag. In ihr nimmt ein junger Mann mit Asperger-Syndrom teil. Wie aber wollen die Produzenten die Gratwanderung meistern, auf der einen Seite die Bandbreite an Menschen, die sie in ihre Sendungen holen zu erweitern, und auf der anderen Seite das Wohlergehen dieser Menschen zu gewährleisten? Und wie kommen die Teilnehmer damit zurecht, plötzlich im Rampenlicht zu stehen?

Der Rauswurf

Diejenigen, die die Folgen plötzlicher Berühmtheit am eigenen Leib erfahren haben, sind allesamt der Meinung, dass insbesondere die empfindlicheren Teilnehmer mehr Unterstützung brauchen. „Es scheint so, als gebe es keine Show, in der nicht mindestens einer mit seinem Rauswurf nicht zurecht kommt“, sagt der Verhaltenspsychologe Jo Hemmings, der bei Big Brother durchgeführte psychometrische Tests ausgewertet hat.

„Man muss so etwas ernst nehmen. Die Leute sehen sich Reality-TV an, weil nicht vorhersehbar ist, was als nächstes passieren wird. Ich glaube aber nicht, dass es den Leuten Spaß macht mit anzusehen, wie Kandidaten zusammenbrechen. Es ist absolut notwendig, dass die Produktionsfirmen die Kandidaten betreuen. Ich bin weit entfernt davon zu sagen, Leute mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung sollten nicht an diesen Shows teilnehmen. Wenn man das aber macht, hat man eine noch eine größere Verpflichtung, sich um die Leute zu kümmern.“

Chris Thompson, Chefarzt der Klinik, in die Susan Boyle eingeliefert wurde, äußerte damals Bedenken darüber, ob den Kandidaten genügend Hilfe zuteil geworden sei. Plötzlicher Ruhm könne das Selbstbewusstsein untergraben, wenn es an angemessener Unterstützung fehle. Es könne „schrecklich riskant“ sein, Leute solch großer öffentlicher Aufmerksamkeit auszusetzen.

Die Britain`s-Got-Talent-Jurorin Amanda Holden verteidigt den Umgang der Sendung mit Boyle und sagt, der Druck, unter den diese geraten sei, sei für alle völlig unerwartet gekommen. „Man darf nicht vergessen, dass es so etwas vorher noch nie gegeben hat. Um Paul Potts gab es im vergangenen Jahr nicht so einen Rummel wie jetzt um Susan. Die Sache wurde einfach immer größer und das zunächst ja auch in einem durchaus positiven Sinn. Nun, da die Dinge sich wieder beruhigt haben, denke ich aber, dass sie ihren Erfolg genießen kann. Schließlich ging es bei der ganzen Sache ja im Wesentlichen um das Singen.“

Laut einem Bericht der US-amerikanischen Website thewrap.com haben bislang elf Menschen, die in der einen oder anderen Form mit Reality-Shows zu tun haben, versucht, sich das Leben zu nehmen. Zu ihnen gehörte auch die Sängerin Paula Goodspeed, die bei American Idol teilgenommen hatte und dann im vergangenen Jahr tot im Kofferraum der Jurorin Paula Abdul aufgefunden wurde. Abdul sagte aus, Goodspread habe ihr 17 Jahre lang nachgestellt. Sie habe die Produzenten der Sendung angefleht, sie nicht singen zu lassen, aber die argumentierten mit dem vermeintlichen „Unterhaltungswert“ dieser Konstellation.

In einer fremden Welt

Phil Edgar Jones, der Kreativdirektor der Big-Brother-Produktionsfirma Brother Pictures, die zu Edemol gehört, beteuert, das Wohlergehen der Kandidaten sei für die Firma von höchster Bedeutung. „Wir sind uns sehr bewusst darüber, dass wir die Leute in eine für sie fremde Welt mitnehmen.“ Potentielle Hausbewohnern müssen Gespräche mit drei verschiedenen Produzenten führen. Psychologen und Psychiater ermitteln, ob sie dem Druck standhalten können.

„Nach zehn Jahren Big Brother sind die Leute viel klüger geworden und wissen viel besser, was sie zu erwarten haben. Wie es aber wirklich ist, wissen sie erst, wenn sie es gemacht haben. In den Gesprächen gehen wir alles mit ihnen durch, was an Negativem passieren könnte. Es gehört zu unseren Aufgaben, sie auf die Zeit nach ihrem Aufenthalt vorzubereiten und ihnen klar zu machen, dass die meisten Big-Brother-Teilnehmer es nicht zu dauerhaftem Ruhm bringen.“

Während die Kandidaten für die Dauer der Shows relativ gut von Produzenten und Psychologen betreut werden, werden die Probleme meist erst hinterher offenbar. Dasari saß allein auf seinem Zimmer im Studentenwohnheim, als er sich selbst verletzte, weil er sich darüber ärgerte, dass seit seinem Rauswurf nicht viel passiert war. „Ich glaube, er saß da alleine rum und niemand rief ihn an“, sagt Jones. „Er hatte sich die Sendung angesehen und fühlte sich nicht besonders. Wir haben uns sofort um ihn gekümmert, nachdem uns ein Anruf erreicht hatte. Jetzt geht es ihm wieder gut.“

Edgar Jones weist darauf hin, dass die Big-Brother-Teilnehmer auch nach ihrem Ausscheiden weiter unterstützt werden und ihnen sofort Beratung angeboten wird, die sie dann bis zu sechs Monaten in Anspruch nehmen können. Wie sie mit der Sache umgehen, liegt aber letztlich an ihnen – „letzten Endes müssen die Leute die Verantwortung für sich übernehmen“, sagt er.

Nachdem das Reality-Genre sich nun etabliert und in den Augen mancher auch diskreditiert hat, fragt man sich, warum sich immer noch Leute für die Sendung bewerben, obwohl sie wissen, dass einem dies nicht immer nur gut tut. „Menschen, die sich bei Big Brother bewerben, werden oft von dem Wunsch nach Anerkennung getrieben. Manche bewerben sich nur um der Erfahrung willen. Aber mir ist aufgefallen, dass ungefähr 80 Prozent der Frauen oder jungen Mädchen, die sich bewerben, von ihren Vätern getrennt leben oder diese noch nie getroffen haben –es geht ihnen darum, Aufmerksamkeit zu erhalten.“



Gekürzte Fassung; Übersetzung: Holger Hutt
10:45 25.08.2009
Geschrieben von

Leigh Holmwood, The Guardian | The Guardian

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