Die kühlen Weltmeister

Fußball Spanien ist die beste Mannschaft der Welt, und doch bleibt ein leicht schales Gefühl. Ihr Spiel ist seltsam reibungslos – eine Art Coldplay-Fußball

Spanien ist also Weltmeister geworden. Kein Wunder, waren die Spanier doch die berechenbarste unter all den meisterhaft geschulten Mannschaften. Spielen sie so, wie sie es in aller Regel tun – mal abgesehen von der statistisch gesehen vollkommen irren Niederlage gegen die Schweiz – dann gibt es kein anderes Team, das der Unbesiegbarkeit so nahe kommt. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass ein Fußballspiel nichts weiter als ein Vorgang ist, bei dem man ab und an im Ballbesitz ist und die Möglichkeit bekommt, ihn ins gegnerische Tor zu schießen.

Die Spanier sind phänomenal am Ball geblieben. Und sie waren auch in vielerlei anderer Hinsicht die beste Mannschaft. Sie arbeiten und forcieren wie Champions. Warum nun also dieses leicht unbehagliche Gefühl?

Die Spanier hat es bei dieser Weltmeisterschaft nicht „erwischt“, wie manche vorhergesagt –und gehofft – hatten. Mutig sind sie ihrem Stil erfreulich treu geblieben. Aber sie haben dennoch ihre Grenzen, auch wenn diese offensichtlich nicht technischer Natur sind. Und doch spürt man vielleicht, sofern man nicht zu den erklärten Fans der Mannschaft zählt, ein Zuneigungs-Defizit, einen Mangel an emotionaler Tiefe, der zu dem exzellenten Niveau der Mannschaft auf dem Platz eigentlich nicht passen will. Die Spanier haben uns unvergleichliche Momente geliefert, in denen sie handwerklich auf höchstem Niveau spielten; und doch bleibt ein leichtes Frösteln zurück. Ja, es wurde sogar der Gedanke in Umlauf gebracht, die Spanier seien eine langweilige Mannschaft. Als Ursache für die Eintönigkeit ihres Spiels wurde ihre seitlich ausgerichtete Ballbesitz-Neurose ausgemacht. Präziser wäre es wohl, zu sagen – so wie Xavi es nach dem Sieg im Halbfinale über Deutschland tat – dass die Kombination des allgemeinen Spielstils der Spanier und der Gegenmaßnahmen (tiefe Abwehr, Konter), die sie ergreifen, für langweilige Spiele sorgen kann.

Es bleibt das Gefühl, dass die Spitzenleistungen der Spanier seltsam reibungslos bleiben. Sie spielen eine Art platingekrönten Dinner-Fußball – Coldplay-Fußball – und der ist klar und unbestritten erste Liga, aber eben auch frei von aufschlussreichen Misstönen, Ecken und Kanten. Gegen Spanien zu spielen muss sich ein wenig anfühlen wie Schach gegen einen Computer zu spielen: ertickt, machtlos, angesichts der roboterhaften Anmut des Gegners kann man nur hilflos Glotzen.

Auch wenn die technische Überlegenheit und die unerbittliche Schufterei der Mannschaft durch diese Vergleiche herabgewürdigt wird, lohnt es sich doch das Phänomen genauer unter die Lupe zu nehmen. Gerade auch, weil die Kompetenz der Spanier teilweise vielleicht nur eine Reaktion auf äußere Kräfte ist. Ihr Stil ist hyper-modern. Er steht genau an der Grenze zu dem, wie der Fußball heute, nach 20 Jahren ausgezeichneten Makroengineerings seitens der Doppelspitze der Spiele – Fifa und Fernsehen – zu sein.

Produkt von Regeln

Man darf nicht vergessen, dass der Fußball sich in diesem Zeitraum bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. Das Element der Körperlichkeit – bis zur Gehirnerschütterung – wurde maßgeblich eingedämmt. Fußball ist nicht länger eine brutale Sportart mit Körperkontakt. Sehen Sie sich nur mal Ausschnitte der Weltmeisterschaft 1990 an, und Sie werden sich fragen, wo die Freistöße bleiben; wie Spieler mit all diesem Anlehnen, Scheiden und Rempeln durchkommen. (Anm. des Lektors: Die Niederländer haben gestern ja versucht, diese Körperlichkeit bis an die äussersten Grenzen der Brutalität zurück ins Spiel zu bringen ...)

Über ein Jahrhundert lang war das der unverzichtbare Reiz des Spiels: Momente purer Schönheit, gemeißelt aus Unnachgiebigkeit und oft auch Grausamkeit. Doch man vertraute diesen seltenen Momenten triumphaler Selbstdarstellung vollkommen: Jedes Ausweichmanöver und jede Zug von Diego Maradona war bei der Weltmeisterschaft 1986 hart erkämpft, teuer bezahlt und mit absoluterem Mut und Hingabe zustande gebracht.

Auch das war unhaltbar. Dass die Regeln geändert wurden und gefährliches Spiel bestraft wurde, hat vermutlich nicht nur Maradonas Schienbeine, sondern auch die letzten Stufen seiner Karriere gerettet. Das rigorose Durchgreifen gegen allzu großen Körpereinsatz – was früher als legitimes Kräftemessen ausgelegt wurde, ist heute ein Foul; was früher ein Foul war, ist heute eine gelbe oder rote Karte – wurde entwickelt, um einer ganze Generation von Maradonas den Weg zu bereiten.

Stattdessen haben wir etwas anderes bekommen: Spanien, die Mannschaft, die als Produkt der neuen Regeln die größte Chancen hat, ganz oben in den Schlagzeilen zu landen. Die Regeln des Spiels beschützen sie. Die Definition eines „Fouls“ wurde so ausgeweitet, dass allem vorgebeugt wird, was Gefühle am Ball mit sich bringt – weit mehr, als allem was gefährlich oder übertrieben brutal wäre. Taktisch gesehen haben die Spanier das besser verstanden als alle anderen. Technisch gesehen haben sie die richtigen Spieler, um sich das zunutze zu machen.

Der Vorteil ist, dass wir bewundern können, mit welcher Fähigkeit sie den Ball lenken. Der Nachteil ist das Gefühl, das die herzzerreißenderen Höhen und Tiefen des Spiels weniger werden, dass die wilden 360-Grad-Extreme verloren gehen. Dazu kommt, dass Regeln, die eigentlich entwickelt wurden um den Einfluss der individuellen Skills der Spitzen-Spieler zu fördern, genau das Gegenteil bewirkt haben: Anstelle des alten Gedankens der „Manndeckung“ (heute würde ein klassischer Manndecker nach drei oder vier Minuten vom Platz fliegen) ist die fachmännische Gruppenabwehr getreten. Und so neutralisieren die Mannschaften einen Lionel Messi durch eine Art rotierendes, kollektives Gedränge. Das ist gerade noch im Rahmen der Regeln, aber es führt eben zu einem Gefühl von Darmträgheit.

Die Fürsorge des Schiedsrichters

Das Hauptproblem ist jedoch, dass Spaniens Demonstration äußerten technischen Könnens minderwertiger wird. Man kann sich nur schwer voll und ganz auf ihre erstklassigen Momente verlassen. Die Mannschaft der Niederlande wurde in den siebziger Jahren von der überwältigenden Körperlichkeit der Zeiten herausgefordert und zum navigieren gezwungen. Pelé war vor allen Dingen ein großer, wogender Stier von einem Mann, der auf dem Platz der Geschicktste war und gleichzeitig am brutalsten behandelt wurde.

Spaniens Herausforderung ist überschaubarer: Sie besteht allein darin, dass sie auf ihre technische Überlegenheit setzen und sich der Fürsorge des Schiedsrichters meistens sicher sein können. Ihr Fehler ist das kaum; aber es ist keine Überraschung, dass viele das kein bisschen fesselnd finden.

Am Ende ist alles vielleicht eine Frage der Rezeption. Die Spanier spielen einen fernsehtauglichen Stil, der die evolutionäre Ausbeute von zwanzig Jahren Tüftelei an den Regeln und der Spektakel-Kultur ist. Die Körperlichkeit des Fußballs, die sich in den unteren Ligen in England immer noch durchsetzt, macht jedoch nur live Sinn. Das aufregende Knirschen, das ein körperlicher Zusammenstoß mit sich bringt, lässt sich nicht über den Fernsehbildschirm vermitteln.

Und so haben diejenigen, die im Fußball die Gesetze erlassen und die Veranstalter versucht, uns etwas anderes zu geben. Etwas, das auf ihren lukrativsten Einnahmezweig zugeschnitten ist. Spanien demonstriert, dass unter diesen Umständen unvergleichliche technische Fähigkeiten gedeihen können, was mit Sicherheit eine gute Sache ist.

Doch es bleibt das Gefühl, dass die emotionalen Noten des Spiel abgedämpft werden, dass wir uns nach etwas Unreinerem sehnen, nach einem wilderen Wettbewerb voller Schlaglöcher, der weniger streng geordnet und verwaltet ist.

Vielleicht werden wir diese Form von Fußball ja noch bekommen. Kann sein, dass das nur eine Phase im Aufstieg der Spanier ist. Vielleicht werden wir nun, wo sie Weltmeister geworden sind, ein Spanien 2.0 zu sehen bekommen: eine direktere, weniger gesittete Mannschaft. Und eine, bei der es einem etwas leichter fällt, sie mit einem Gefühl von Selbstvergessenheit zu lieben.




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09:55 12.07.2010
Geschrieben von

Barney Ronay | The Guardian

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The Guardian

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