Die Leute mit dem Mercedes wollen Ruhe

Burma Das Land steht vor einem Umbruch und der Anmutung von Demokratie. Der Westen verfolgt dabei vor allem eigene Interessen

Gegen zehn Uhr morgens verließ vor gut einer Woche ein benommener und abgemagerter Mann in überraschend sauberer Häftlingskleidung das Insein-Gefängnis an der Peripherie von Rangun. Tang Naing Oo war 14 Monate in Haft, die meiste Zeit zusammen mit 110 anderen Häftlingen in einer 9 mal 15 Meter großen Zelle. Man hatte ihn im September 2010 zu drei Jahren hinter Gittern verurteilt, weil er Bilder der berühmten Demokratieaktivistin und Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi verteilt hatte. Nun ging er – an Nudelverkäufern, Melonenhändlern und einer baufälligen Bushaltestelle vorbei – einer Art Freiheit entgegen.

Tang Naing Oo hatte erst Stunden zuvor von seiner Entlassung erfahren. Als er an diesem Tag in der stinkenden Zelle erwachte, hatte er so etwas wie Hoffnung in den Gesichtern seiner Mithäftlinge erblickt. Es war der Tag vor der Feier zur Unabhängigkeit Burmas von Großbritannien vor 64 Jahren. Es kursierte das Gerücht, die Regierung werde eine Amnestie erlassen. Als die tatsächlich kam, blieben die meisten Insassen von Insein enttäuscht zurück. Von den schätzungsweise 600 bis 2.000 politischen Gefangenen Burmas kamen nur ein paar Dutzend frei, darunter keine Prominenten. „Wäre es der Regierung ernst mit der Demokratie, würde sie auch alle anderen entlassen“, sagt Tang Naing Oo, der sich an die schmutzige Wand eines Gebäudes lehnt, das Laden, Café und Wohnung in einem ist. „Sie tut das nur, um das Interesse des Auslands zu wecken.“

Das Ausland erreichte Burma am 6. Januar in Gestalt des britischen Außenministers William Hague, der erste britische Minister dieses Ranges, der das Land besuchte, seit 1962 die Armee die Macht übernommen hat. Im Dezember war mit Hillary Clinton schon die amerikanische Außenministerin eingeflogen. Hague hielt sich bei seiner Visite genau an das Programm der Amtskollegin. Nach der Ankunft in der neuen, zu enormen Kosten aus Sumpf und Dschungel gestampften Hauptstadt Naypyidaw traf er den pensionierten General Thein Sein. Der war 2011 von Diktator Than Shwe nach dessen angeblichem Rückzug aus dem öffentlichen Leben zum Präsidenten einer neuen, nominell zivilen Regierung ernannt worden. Nach dem Gespräch flog Hague in das geschäftige, am Irrawaddy-Delta gelegene Rangun, um Vertreter der Zivilgesellschaft zu sprechen und mit Aung San Suu Kyi höchstselbst zu dinieren. Später standen – wie bei Hillary Clinton – einige Fototermine, der Besuch einer Pagode und schließlich der Heimflug an.

Vorbild Tigerökonomien

Offenkundig wollte die Regierung Ihrer Majestät Burmas Fortschritte auf dem Pfad zu Demokratie, Stabilität und Wohlstand erkunden. Noch vor 18 Monaten hätten solcherlei Ambitionen lachhaft gewirkt. Ein Militärregime nach dem anderen hatte durch Brutalität, Korruption und Menschenrechtsverstöße von sich reden gemacht. In einem der längsten Bürgerkriege Asiens standen sich in Burma jahrelang ethnische Minderheiten und die Nationalarmee gegenüber. Es folgten eine gigantische Flüchtlingskrise, Vergewaltigungen und Folter.

Das Land gehört augenblicklich – trotz enormer Ressourcen und einer ausgezeichneten strategischen Lage an der Küste des Indischen Ozeans – zu den ärmsten der Welt. Eine Clique um die Obristen lebt in großem Luxus, während nur eines von zehn Dörfern Strom erhält. Auf die durch den Zyklon Nargis 2008 ausgelöste Katastrophe reagierte die Regierung mit einer Mischung aus zynischem Gleichmut und Unvermögen. Aung Sang Suu Kyi, die 1988 die Führung einer pro-demokratischen Revolte übernahm, wurde aus dem politischen Leben verbannt.

Ins Rutschen kamen die Verhältnisse im März 2011 mit der bewussten Zivilregierung. Nur wenige Analysten vermögen zu sagen, warum sich General Than Shwe eigentlich dazu entschloss. Einige vermuten rein ökonomische Gründe, da nur bessere Beziehungen zum Westen Burma helfen, zu den asiatischen Tigerökonomien aufzusteigen. Andere verweisen auf Unmut über den wachsenden Einfluss Chinas. Nay Zin Latt, politischer Berater des Staatschefs, meint, man folge schlichtweg der Erkenntnis, dass „Demokratie für das Gedeihen des Kapitalismus und des freien Marktes unerlässlich“ sei. „Wir brauchen Investitionen und die Managementkünste des Westens. Ohne Wirtschaftswachstum wird es Unruhen geben. Die Leute mit einem Mercedes würden mit ihrem Auto nicht mehr auf den Straßen umherfahren können.“

Der Hausarrest gegen Aung San Suu Kyi oder „die Lady“, wie sie in Burma genannt wird, wurde im November 2010 aufgehoben. Im selben Monat kam es zu Wahlen, die von Suu Kyi und ihrer Partei, der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), boykottiert wurden. An diesem Votum war einiges faul, doch fand es überraschender Weise statt. Danach gab es weitere Reformen, neue Arbeitsgesetze oder ein liberaleres Demonstrationsrecht. Eine Handvoll ausländischer Journalisten durfte ins Land. Auch wurden die Arbeiten an einem äußerst unbeliebten, von China finanzierten Dammbau-Projekt ausgesetzt, das dem Regime zwar einen Geldsegen beschert, aber Zehntausende Anwohner unters Joch der Umsiedlung zwingt.

Nun will Aung San Suu Kyi ihrer Partei bei Nachwahlen im späten Frühjahr als Spitzenkandidatin zur Verfügung stehen. Dabei scheint die Regierung die Aussicht auf ein Parlamentsmandat der „Lady“ mehr zu begeistern als viele ihrer Anhänger. „Wir benötigen hier eine Opposition. Wir brauchen eine starke NLD. Die Reformen werden weitergehen, manchmal schneller, manchmal langsamer. Demokratisierung, das ist die Mission der Regierung“, beharrt Präsidentenberater Latt.

Mehr ein Feigenblatt

Leute wie Außenminister Hague wollen das fördern. Auch wenn sein Besuch von den meisten, die sich für den Wandel einsetzen, begrüßt wird, gibt es Skeptiker. Viele befürchten, dass sich die Ehrerbietung, mit der Aung San Suu Kyi im Westen überschüttet wird, als Falle erweist. Man weiß, wie sehr „die Lady“, über die in Kürze eine filmische Biografie veröffentlicht wird, in den Augen der internationalen Gemeinschaft Burmas Kampf um Demokratie verkörpert, und betrachtet ihren Kult-Status als potenzielle Gefahr. Sitzt sie erst im Parlament, so die Sorge, würde dies zu der Annahme führen, eine Rückehr zur Willkür der Obristen sei ausgeschlossen.

Letztlich jedoch wird sich eine Kultur normaler Beziehungen mit Washington und London etablieren, weil Burma eine wichtige Rolle dabei spielen kann, den chinesischen Einfluss in der Region einzudämmen. Die Sanktionen, mit denen die USA und die EU Burma belegt haben, dürften das Zeitliche segnen und globale Unternehmen einen unberührten Markt sowie ein Land mit fantastischen Ressourcen erschließen. Und mit Aung San Suu Kyi werden die Machthaber über das nötige Feigenblatt verfügen, um Investoren nicht zu verschrecken. Die ehemalige indische Außenministerin und jetzige Botschafterin in Burma drückt es so aus: „Aung San Suu Kyi ist der Passierschein des Regimes in die internationale Gemeinschaft.“

U Win Tin, 82 Jahre alt und ein Gründer der NLD, teilt die von vielen Landsleuten geäußerte Sorge, strategische Motive könnten künftige Partner blind machen für die Konflikte, die Burma weiter beherrschen. „Ich habe Zeiten erlebt, in denen der Westen und seine Feinde auf diesem Kontinent miteinander rangen. Im Kalten Krieg etwa, als Laos, Vietnam und Kambodscha kommunistisch regiert wurden, und jeder Feind der Kommunisten der beste Freund des Westens war. Nun fürchte ich, dass Burma zum Bauern wird in jenem Spiel, bei dem China in Schach gehalten werden soll.“

Aung San Suu Kyi erschien zum Unabhängigkeitstag im NLD-Hauptquartier. Müde und abgespannt aussehend, rief sie dazu auf, sich weiter um mehr Freiheit zu bemühen. Sie lächelte nur sehr selten, ließ sich aber geduldig mit einer Gruppe Parteiaktivisten nach der anderen fotografieren. Die noch immer im Gefängnis sitzenden politischen Häftlinge wurden zu diesem Anlass zwar in Liedern besungen, von der „Lady“ in ihrer kurzen Rede aber nicht direkt erwähnt. Darüber zeigte sich mancher enttäuscht, während andere von „notwendigen Kompromissen“ sprachen. U Win Tin konnte den britischen Außenminister nicht treffen, doch hatte er ihm etwas mitzuteilen: „Hague sollte in Erinnerung behalten, dass wir in Burma zwar ein Licht im Tunnel erblicken, aber noch immer im Inneren des Tunnels unterwegs sind. Vielleicht können wir dieses Licht erreichen, vielleicht können wir es heller scheinen lassen, vielleicht können wir sogar den Tunnel verlassen. Wir wissen es noch nicht – bis dahin wird es immer noch dunkel um uns herum sein.“

Jason Burke ist Kolumnist des Guardian Übersetzung Zilla Hofman

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10:00 14.01.2012
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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The Guardian

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