Die Leute wollen Magie

Parallel-Realität Mehr Bauch als Kopf: J.J. Abrams versuchte einen Film zu machen, keinen Trek-Film. Vielleicht hat sein Streifen deswegen so viel Erfolg

Ich hatte eigentlich versucht, das F-Wort zu vermeiden, doch J.J. Abrams bringt es selbst in die Unterhaltung ein, völlig unaufgefordert. Als es um seine Kindheit geht, beginne ich eine Frage, indem ich zunächst etwas herumlaviere: „Sie waren also ein....“ „Freak?“ unterbricht er mich, vorwegnehmend, was er offenkundig schon des Öfteren zu hören bekommen hat. Und? „Das ist wohl nicht wirklich eine Frage,“ lacht der Amerikaner.

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Womit er recht hat – eigentlich ist die Frage überflüssig. Zunächst einmal sind wir heutzutage, wo die beliebtesten Filme und TV-Serien auf Comics, oder dem Science Fiction- oder Fantasygenre basieren, im Grunde doch alle Freaks. Zweitens spricht bereits Abrams Aussehen Bände. Er ist ein schmächtiger, jung aussehender 42-Jähriger mit einer dicken, schwarz umrahmten Brille, einer welligen, abstehenden Haartolle und einem blaugrauen Hemd, das Teil einer Uniform sein könnte – durchaus auch auf einem intergalaktischen Gefährt. Außerdem hat er gerade beim neuen Star Trek-Film Regie geführt.

Tatsächlich ist Abrams freundlich, aufmerksam, bescheiden, und in keinster Weise sozial auffällig. Aber er ist eben auch der Herrscher über ein stetig expandierendes Universum freak-freundlicher Film- und Fernsehproduktionen. Allen voran Lost, die kryptische TV-Serie über die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, deretwegen die Zuschauer ihm zu Füßen liegen, selbst wenn sie sich verwirrt am Kopf kratzen.

Hinzu kommen TV-Serien wie Alias Die Agentin und FringeGrenzfälle des FBI und Kinofilme wie Cloverfield und Mission: Impossible III, die Abrams zu einer der einflussreichsten Personen der Branche machen. Nun, wo sich zudem die Legionen Star Trek-Verehrer seiner Anhängerschaft anschließen, ist er wahrhaftig Herrscher eines gewaltigen Freak-Reiches.

Eines war Abrams jedoch nie: Trekker, oder Trekkie. Noch nicht einmal Trekkist. „Star Trek,“ sagt er über die Original-TV-Serie, „wirkte irgendwie immer albern und tuntig auf mich. Ich erinnere mich daran, dass es mich irgendwie beeindruckte aber das Gefühl hatte, es nicht zu verstehen. Ich kam nicht rein. Es gab einen Captain, es gab einen ersten Offizier, sie sprachen viel von Abenteuern, erlebten aber nicht so viele, wie ich es gern gehabt hätte. Vielleicht war ich nicht schlau oder alt genug. Von der Sci-fi-Serie The Twilight Zone war ich hingegen besessen. Die hab’ ich geliebt.“

Alles, was zum Star Trek-Universum neu hinzukommt, muss durch einen dichten Asteroidengürtel bestehender Star Trek-Überlieferungen hindurchmanövriert werden, der sich aus den 79 Episoden der Originalserie, deren TV-Nachkömmlingen (The Next Generation, Deep Space Nine, Enterprise), zehn Filmen und unzähligen weiteren Spin-Offs speist. Abrams hält seine Unwissenheit jedoch für einen Pluspunkt: „Ich hatte keine Ahnung, dass es schon zehn Filme gegeben hatte. Ich habe immer noch nicht alle davon gesehen. Ich wollte kein Star Trek-Student werden. Das war meinem Eindruck nach einer der wenigen Vorteile, die ich hatte. Ich versuchte einen Film zu machen, nicht einen Trek-Film.“

Abrams Star Trek geht mächtig ab, angetrieben von den allermodernsten Spezialeffekten, akzeptablen jungen Schauspielern und einen großzügen Schuss Humor. Abrams konzentriert sich darauf, wie die Novizen Spock und Kirk Fuß fassen und rückt die Bauchgefühl-vs-Kopf-Dynamik, die sich zwischen den beiden abspielt, ins Zentrum des Filmes. So gibt er Nicht-Kennern Orientierung, zollt aber gleichzeitig altbekannten Star-Trek-Tropen Tribut: Pille sagt: „Ich bin Arzt, kein Psychiater!“und Leonard Nimroy, der Original-Spock hat einen kurzen Auftritt, bei dem er symbolisch die Flamme weiterreicht.

Für fortgeschrittene Trekker gibt es Insider-Witze und richtungsweisende Ereignisse, die sonst kaum jemand bemerken dürfte. Wenn beispielsweise der Zuschauer zum ersten Mal sieht, wie Kirk beim berüchtigten Kobayashi Maru-Test der Sternenflottenakademie schummelt, wie man es in Star Trek II: Der Zorn des Khan lediglich erzählt bekommt, ist das ein Ereignis, ja eigentlich nur ein Satz, der Nichtkennern nichts bedeuten wird.

Auch werden nur die Getreuen bemerken, dass Abrams selbst ein wenig zu seinen eigenen Gunsten schummelt: Der Zeitreisenplot umgeht den gefährlichen Star-Trek-Legenden-Nebel geschickt und erfindet nebenbei eine unbeschriebene Parallel-Realität (wenn Sie nicht verstehen, wie das funktioniert, fragen Sie einen Trekker). Sollte es, was sehr wahrscheinlich ist, ein Sequel geben, wird Abrams sich ganz nach Belieben bewegen können.

Alles scheint also mal wieder genau so zu laufen, wie er es sich vorstellt. Da kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass er seine gesamte Karriere im Vorfeld geplant hat und sich alles plangemäß entwickelt. Würde man einen Film über sein Leben machen, wäre der wohl zu abgedroschen, um glaubwürdig zu sein. In einem Alter, in dem andere Kinder noch von der Magie der bewegten Bilder verzaubert sind, schielte der junge J.J. schon hinter die Kulissen um herauszufinden, wie die Sache funktionierte.

Gemeinsam mit seinem Großvater nahm er Elektrogeräte auseinander, um zu sehen, was diese in Gang brachte. Er lernte Zaubertricks. Sein Vater Gerald W. Abrams ist ein erfolgreicher Fernsehproduzent. Dem Sohn waren Sets und Studios also nicht fremd, auch wenn der Vater ihn davon abbringen wollte, in die Branche einzusteigen. „Er dachte, er würde für den Rest meines Lebens meine Rechnungen bezahlen müssen,“ lacht der Junior heute.

Abrams, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Los Angeles lebt, nahm bereits mit acht Jahren zum ersten Mal eine Filmkamera in die Hand. „Dass ich Filme machte, war eher eine Reaktion darauf, dass ich nicht für den Sport geboren war. Die anderen Kinder draußen spielten immer irgendwas. Ich war woanders und brachte Sachen zum explodieren und filmte das dann oder machte mit Alginatmasse Abdrücke vom Kopf meiner Schwester. Die Antwort lautet also: Ja, ich war und bin ein Freak.“

Außerdem war Abrams obsessiver Fan, der seine Helden anschrieb. Zu denen zählten nicht nur Regisseure, sondern auch Top-Make-Up-Künstler und Legenden auf dem Gebiet der Spezialeffekte – Branchengiganten des Prä-Computerzeitalters wie Douglas Trumbull, Jon Dykstra oder Dick Smith. Und er erhielt Antworten: „Dick Smith hat mir eine kleine Pappschachtel mit einer Zunge drin geschickt. Es war eine der falschen Zungenverlängerungen aus dem Exorzisten. Dabei war ein Zettel auf dem stand: „Tu’ einfach ein bisschen Erdnussbutter auf das Ende und setz’ sie auf.“ Und ich dachte nur: „Heilige Scheiße!““ Nachdem Abrams den Weißen Hai gesehen hatte, schrieb er an Steven Spielberg. Der aber antwortete „erst vor kurzem.“

Sein erstes Drehbuch verkaufte Abrams, als er noch auf`s College ging: Taking Care of Business, in dem John Belushi später die Hauptrolle spielte. Mit Anfang dreißig hatte er mit Armageddon schon einen Blockbuster gemacht und fing gerade an, Sachen für`s Fernsehen zu schreiben. Ein Projekt führte zum nächsten. So entstand schließlich auch die Spionageserie Alias mit Jennifer Garner. Die gefiel Tom Cruise, der Abrams bat, die Regie bei Mission: Impossible III zu übernehmen. Das wiederum gefiel Paramount und er bekam das Angebot für Star Trek.

Wie Spielberg ist Abrams schon sehr lange im Filmgeschäft und scheint einen inneren Instinkt dafür entwickelt zu haben, was Kult ist und gleichzeitig massenkompatibel, für jeden zugänglich, ohne dumm oder billig zu sein, glamourös und technisch anspruchvoll, aber gleichzeitig bestimmt von starken Charakteren, nahe am Zeitgeist, aber getragen von Geschichten, die in gutem alten Stil erzählt werden. Vielleicht hat Abrams das Filmemachen nicht revolutioniert. Was er aber revolutioniert hat, ist die Kunst der Unterhaltung des 21. Jahrhunderts.

Die Filme und Fernsehsendungen sind nur ein Medium neben vielen wie viralen Marketing-Kampagnen, kombinierten Merchandising-Aktionen, Online-Chatforen, Fan-Blogs, Webseiten, die fiktionale Welten so behandeln, als seien sie Realität. „Die Menschen wollen Magie“, sagt er. „Es ist fast wie beim König von Narnia. Man möchte dieses Geheimnis finden. Man möchte, dass es eine Art Übergang zwischen der Realität und der Fiktion gibt.“

Das perfekte Beispiel hierfür ist Lost. Von der ursprünglichen Idee – Überlebende eines Flugzeugabsturzes stranden auf einer einsamen Insel – wurde die Geschichte immer komplexer und umfasst heute ein ganzes Universum. Die Fans untersuchen jede einzelne Kameraeinstellung, diskutieren im Internet, stellen den Machern Fragen, fügen Puzzleteile zusammen, um auf der gefakten Internetseite in „verbotene“ Gebiete vorzudringen, stellen Spekulationen über hinduistische Symbole an.

Es mag ein Tummelplatz für Freaks sein, gleichzeitig ist Lost aber auch die riskanteste und radikalste Fernsehserie aller Zeiten: Woche für Woche weigert sie sich, Antworten zu geben, hat keine Skrupel, Hauptfiguren sterben zu lassen, geht höchst großzügig mit erzählerischen Konventionen um und behandelt spirituelle und politische Fragen unserer Zeit. Lost ist Religion und Serie in einem – ein wenig wie Star Trek.
Die Fans aber, die glauben, die Erfinder der Serie hätten einen Plan und wüssten genau, was sie da machen, muss Abrams enttäuschen: „Dieser Vertrauensvorschuss ermöglicht es erst, Geschichten in Serienformat zu erzählen. Wir hatten ganz früh eine Idee, aber Sachen, von denen wir dachten, sie funktionierten gut, gingen nicht auf. Wir hätten nicht voraussagen können, welche Schauspieler in welcher Staffel auftreten. Wir hätten nicht einmal sagen können, wer am Ende überleben würde.“

Dieses instinktive, improvisierte und unvorhersagbare Moment ist Abrams Meinung nach für große Unterhaltung unverzichtbar: „Man spürt die Spannung. Es ist fast wie Live-Fernsehen. Wir wissen nie genau, was passieren wird. Ich bin mir sicher, Charles Dickens hatte beim Schreiben eine Vorstellung davon, wohin die Reise gehen würde, aber er hat bestimmt auch während des Schreibens noch Dinge verändert. Man stürzt sich hinein und weiß, dass es da draußen Großartiges zu entdecken gibt.“

Das hat mehr von der Herangehensweise Captain Kirks als von derjenigen Mr. Spocks, mag man jetzt denken – mehr Bauch als Kopf. Und tatsächlich könnte Captain Kirk gut und gerne Abrams Alter Ego sein. Beide riskieren gerne etwas, und beide befehligen in ungewöhnlich jungen Jahren schon eine gigantische und gigantisch teure Maschinerie.

Und in diesem Augenblick hat Abrams keinen sehnlicheren Wunsch als auf der Brücke zu sitzen und zu rufen: Volle Kraft voraus!


Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt

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17:50 07.05.2009
Geschrieben von

Steve Rose, The Guardian | The Guardian

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