Die Macht der Trommeln

Ruanda In Huye greifen Frauen zu einem Instrument, das Männern vorbehalten war. Das wirkt – über die Musik hinaus
Die Macht der Trommeln
I have a drum – die Gruppe „Ingoma Nshya“ wurde 2004 gegründet

Foto: Oscar Espinosa

Es lässt sich nicht ungeschehen machen, was zwischen April und Juli 1994 in Ruanda geschah. Seinerzeit forderte der Völkermord von Hutu-Milizionären an den Tutsi fast eine Million Todesopfer. Die Massaker erschütterten und zerstörten das Land, sie hinterließen Hass, Verachtung und Misstrauen. Die traumatische Erinnerung nicht zu überwinden, aber abzuschwächen, ist ein Ziel des Musikprojekts „Ingoma Nshya“, der ersten Frauen-Trommelgruppe Ruandas, in der die Mäzenin Odile Gakire Katese Tutsi- und Hutu-Frauen zusammengebracht hat.

Dieses Ensemble wollen wir treffen, in Huye, der zweitgrößten Stadt Ruandas, die seit der Kolonialzeit, als sie Butare hieß, ein Topos für die intellektuelle Selbstbestimmung des Landes ist. Wir kommen dort früh am Morgen an und finden eine fast menschenleere Innenstadt vor. Nichts vom Trubel und von der Hektik jener Orte, durch die wir bisher gereist sind. Es stellt sich heraus, dass unser Besuch mit „Umuganda“ zusammentrifft, dem landesweiten Aufruf an alle 18- bis 65-Jährigen, am letzten Samstag eines Monats Arbeit für die Gemeinschaft zu leisten. Das heißt, an diesem Tag sollen alle Ruander für drei bis vier Stunden etwas tun, um dem Land zu dienen – Straßen säubern, Bäume pflanzen, Parks pflegen, Müll beseitigen oder sonst irgendetwas in dieser Art. Wir wissen nicht, ob diese Arbeit in den städtischen Vororten oder auf dem Land geleistet wird, in Huye sehen wir nur wenige Gruppen, die sich betätigen, unter anderem einen Mann, der an der Straße mit den Schlägen einer Machete Bäume zurückschneidet.

Die Energie geht in den Bauch

Gegen zwölf Uhr mittags kehrt – wie durch Magie – das Leben in die Stadt zurück: Geschäfte öffnen, die Straßen werden von Fahrrädern, Autos und Rikschas geflutet. Die Menschen sind in alle Richtungen unterwegs. Vor der Sainte-Therese-Kirche treffen wir Marguerite Mushimiyimana, eine zierliche 26-jährige Frau, die uns nach einer schüchternen Begrüßung zum Probenort von „Ingoma Nshya“ führt. Wir durchqueren den Busbahnhof und kommen zu einem Backsteingebäude, in dem 16 von 20 Mitgliedern der Percussion-Gruppe, gekleidet in bunte afrikanische Gewänder, auf uns warten. Sie sind dabei, sich zu schminken und anzukleiden, als stünde ein Auftritt bevor. Wir merken sofort: Es wird keine normale Probe sein. Ein bisschen Hin- und Herlächeln, Drumsticks werden aufgesammelt, dann tragen die Frauen schwere Trommeln unterschiedlicher Größe auf den Hof vor dem Probenstudio. Fast ohne ein Wort zu wechseln, platzieren sich alle hinter ihren Instrumenten.

Kurze Ruhe – dann durchbricht ein jähes Dröhnen die Stille des Augenblicks. Die Energie von 17 Trommeln geht direkt in den Bauch. Innerhalb von Sekunden verströmen die zuvor schüchtern und zurückhaltend wirkenden Frauen eine solche Kraft und Freude, dass es unmöglich wird, sich zu entziehen. Schnell ist die Gruppe umringt von Neugierigen, zumeist sind es Männer, die – vom wirbelnden Rhythmus der Musik angezogen – mit Interesse und Bewunderung zuhören. Der Klang der Trommeln ist mit einer Choreografie von Liedern, Tänzen, Sprüngen und Rufen verwoben, die uns eine Stunde lang jede Bewegung aufmerksam verfolgen lässt. Schließlich beenden die Frauen ausgepowert ihre Vorstellung und schauen mit einem zufriedenen, komplizenhaften Lächeln zu uns herüber.

Gründerin der Gruppe ist Odile Gakire Katese. Nach der Rückkehr aus dem Exil im Kongo übernahm die Schauspielerin, Theaterdirektorin, Filmemacherin und Poetin die künstlerische Leitung des Zentrums für Kunst und Theater an Ruandas Nationaluniversität in Huye. Sie machte sich daran, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen das Rüstzeug für ihre Entwicklung finden. Dies sollte in einem Rahmen geschehen, der Angehörige des Volkes der Tutsi wie auch der Hutu miteinander auskommen ließ. Der Völkermord von 1994 ist nicht verwunden, noch immer werden sterbliche Überreste der damals Ermordeten in versteckten Gräbern oder an anderen Orten entdeckt. Im Treibhaus des Todes kann der Schmerz der Erinnerung betäubt werden, die Wunden sind unheilbar. Bei den „Massakern der Macheten“ starben so viele Männer, dass nach dem Genozid der Frauenanteil der Bevölkerung auf 70 Prozent gestiegen war.

Vor diesem Hintergrund gründete Odile Gakire Katese 2004 mit „Ingoma Nshya“ die erste Frauen-Percussion-Gruppe. Anfangs arbeitete die vielseitige Künstlerin hauptsächlich mit Studentinnen, um mit der Trommelkunst ein Terrain zu ergründen, das bis dahin Männerdomäne war. Als es galt, professioneller zu werden, fehlte den Studentinnen die nötige Zeit. Daher wandte sich Odile anderen Frauen zu, die neben der Hausarbeit etwas Neues ausprobieren wollten. Die ersten Jahre waren schwierig, da das Projekt sich nicht selbst finanzieren konnte. Was an der großen Zahl der Teilnehmerinnen lag, aber ebenso darauf zurückzuführen war, dass ein solches Ensemble mit Misstrauen beäugt wurde. Als sich ab 2008 die Gruppe auf 20 Mitwirkende beschränkte, kam der Wendepunkt, davon begünstigt, dass auch Musikpädagoginnen aus anderen Ländern dazustießen. Das machte „Ingoma Nshya“ bekannt und zu einem Vorbild, weil das Projekt über die reine Performance hinausging. Frauen kamen zusammen, um Dinge zu tun, die für Frauen in Ruanda früher undenkbar waren. „Ich sah eine Anzeige in der Universität, wonach Frauen für ein Trommelprojekt gesucht wurden. Ich meldete mich sofort“, erzählt die 48-jährige Agnès Mukakarisa nach der Probe. Nachdem sie ihren Mann und die Kinder durch den Völkermord verloren hatte, kam sie von Nyaruguru nach Huye und fand Trost bei „Ingoma Nshya“. „Nach dem Verlust meiner Familie fühlte ich mich von aller Welt verlassen. Teil dieser Gruppe zu sein, brachte Lebensfreude zurück. Wir tourten durch Ruanda, und ich kam zum ersten Mal in den Senegal“, erinnert sie sich.

Genozid

Ruanda 1994 Am 6. April wird das Flugzeug von Präsident Habyarimana beim Anflug auf die Hauptstadt Kigali abgeschossen. Hutu-Extremisten übernehmen die Macht und lassen zu, dass Interahamwe-Milizen Angehörige des Tutsi-Volkes zu Hunderttausenden massakrieren. Die meisten werden mit Macheten getötet oder in Kirchen gesperrt und verbrannt. Als bei dem Versuch, Premierministerin Uwilingiyimana zu schützen, zehn belgische Blauhelm-Soldaten gelyncht werden, ziehen sich die Vereinten Nationen mit ihrem UNAMIR-Kontingent fast völlig zurück. Der Genozid wird erst beendet, als die Patriotische Front (FPR) unter dem heutigen Präsidenten Paul Kagame in Kigali einzieht und die Regierung übernimmt. Unter dem Schutz Frankreichs („Operation Türkis“) können sich viele Anstifter der Pogrome aus dem Hutu-Establishment ins Ausland absetzen.

Alles andere vergessen

Im Juni 2019 erhielt Gründerin Odile zum 15. Geburtstag des Ensembles den Fair-Saturday-Preis der gleichnamigen Stiftung, die Einzelpersonen und Initiativen auszeichnet, die durch Kunst und Kultur bewirken, dass sich Gesellschaften verändern. Man habe sich dem Klischee widersetzt, dass Trommeln Männersache sei, meint die 31-jährige Marie Louise. „Die Trommeln sind sehr schwer. Und vor dem Genozid von 1994 galt, dass Frauen keine schweren Arbeiten übernehmen.“ Was sich ändern musste, weil damals so viele Männer starben. Aus diesem Grund sei „Ingoma Nshya“ ein Vorbild gerade für dieses Land, weil mit der Gruppe eine der Möglichkeiten angenommen worden sei, die Frauen inzwischen hätten. Die Musik gebe ihnen die Macht dazu, da ist Marie Louise überzeugt. Dank des Geldes, das sie bei „Ingoma Nshya“ verdiene, habe sie die Gebühren für ihr Studium bezahlen können. „Die Gruppe hat mir sehr geholfen, nicht nur finanziell. Sie half mir auch, meine Schüchternheit zu überwinden. Jetzt kann ich ohne Angst und Scham vor vielen Menschen auftreten. Ich war sogar in den Niederlanden, um bei einem Festival in Amsterdam zu spielen.“

Traditionell war es ruandischen Frauen verboten, sich einer Trommel auch nur zu nähern, geschweige denn sie zu berühren. Im präkolonialen Ruanda gehörten Trommelspieler zu den „Abiru“, den Wächtern der Geschichte und der mündlichen Überlieferung. Sie waren dafür zuständig, die verschiedenen Rituale um einen König zu kennen und die Geschichte der Herrscher zu bewahren. Auch als Trommeln den Nimbus des Sakralen verloren und populärer wurden, durften Frauen sie weiterhin nicht anrühren. Sie seien dazu nicht stark genug, so die Begründung.

Es falle schon schwer, einem solchen Instrument gerecht zu werden, räumt die 43-jährige Olive Ngorore ein. „Ich brauchte etwas mehr als drei Jahre, bis ich mich sicher fühlte.“ Ein anderes Argument für die Ansicht, das Trommeln solle Männern vorbehalten bleiben, war lange Zeit die sexuell gefärbte Konnotation, die für das Instrument in der Kultur des Landes galt. Danach waren Männern und Frauen bestimmte nicht austauschbare Rollen zugeordnet: Der Mann trommelt, während die Frau tanzt. Die 28-jährige Rose Ingabire aus Huye, seit zehn Jahren Mitglied des Kollektivs, meint: „Zunächst war ich eine traditionelle Tänzerin. Eines Tages kam ich auf meinem Weg zurück von einer Probe an einem Ort vorbei, an dem ,Ingoma Nshya‘ auftrat, und war sofort fasziniert. Damals suchten sie gerade Frauen, die mitmachen wollten. Ich wollte. Verglichen mit dem Tanz hat das Trommeln mehr Kraft und Energie. Also habe ich beschlossen, das Tanzen aufzugeben.“ Auch ihr Leben hat die Gruppe verändert, nie hätte sie sich vorstellen können, nach Schweden, Südafrika, Äthiopien, England oder in die USA zu reisen, um dort aufzutreten. Rose will ihr Können an viele Frauen weitergeben. „Dadurch bleibt man jung, gerade bringen wir einer Gruppe von Mädchen zwischen sechs und sechzehn Jahren das Trommeln bei. Sie sind die Zukunft!“

„Ingoma Nshya“ ist mehr als Kunst. In diesem Fall hat eine Gemeinschaft von Frauen ein eigenes Modell des Managements gefunden, das weit über die Musik hinausgeht. Dazu gehören Projekte wie die Herstellung und der Verkauf von selbst gemachter Eiscreme, mit denen noch deutlich mehr Frauen erreicht werden sollen. „Anfangs brachte uns das alles keinen wirtschaftlichen Vorteil, aber wir machten weiter. Das Trommeln wurde für uns zum Beruf und ermöglichte einen Job, durch den wir unsere Familie unterstützen konnten – von Glück und Erfüllung ganz abgesehen“, freut sich Olive. „Wenn ich Probleme habe oder mir tausend Dinge im Kopf herumgehen, nehme ich die Trommel und spiele. Dann ist alles sonst vergessen. Ich spiele einfach und genieße es.“

Die Trommlerinnen sprechen von „der historischen und revolutionären Bedeutung des Moments“. Neben einer unverzichtbaren, nicht abgeschlossenen inneren Aussöhnung helfen sie dabei, dass Frauen in Ruanda Rechte beanspruchen und Chancen nutzen, ohne dass überlieferte Klischees sie daran hindern.

Laura Fornell, freiberufliche Journalistin, ist zusammen mit dem Fotojournalisten Oscar Espinosa am Amalgama-Projekt beteiligt. Derzeit ist sie in Indien und schreibt über sozialökologische Themen

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 28.03.2021
Geschrieben von

Laura Fornell, Oscar Espinosa | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 15/2021

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