Die Männer und das Mehr

Aufschwung An der New Yorker Wall Street haben sich Banker und Banken gut von der Krise erholt. Wer jetzt noch Zweifel hat, arbeitet dort nicht mehr

Jeden Morgen erwacht die Wall Street mit dem Geräusch der Rotorblätter der Helikopter. Die Finanzindustrie wird von Männern gelenkt, die es eilig haben – und für die geplagtesten Exemplare der Elite des Geldhandels ist ein Hubschrauber-Flug tatsächlich die einzige Möglichkeit, um ins Büro zu pendeln. Es gibt einen Helikopter-Landeplatz, der am Ende der Wall Street über den East River hinausragt. Ein Hubschraubertrip für vier Personen aus den Hamptons, wo sich im Sommer die reichen New Yorker am Meer tummeln, kostet 3.000 Dollar – die einfache Strecke. Nach einer langen Flaute nimmt der Dienstverkehr nun wieder zögerlich zu.

Als ich im Juni 2006 als Wirtschaftskorrespondent nach New York geschickt wurde, erwartete ich mir einen ruhigen Posten, von dem aus ich Geschichten über die Marotten, Erfolge und schwersten Niederlagen der amerikanischen Geschäftswelt produzieren würde. Aber dann brach der Himmel über uns zusammen.

An dem Tag als die Investmentbank Bear Stearns als erstes Wall-Street-Unternehmen kollabierte, hängte irgendein Witzbold eine Rechnung über zwei Dollar an die Glastüren der Zentrale an der Madison Avenue, um auf die armseligen zwei Dollar hinzuweisen, für die der Konzern in einem Notverkauf seine Aktien an JP Morgan verkauft hatte. Der Mann, bei dem die Angestellten ihren Kaffee kaufen, erzählte mir später, er habe an jenem Morgen seinen Kunden ins Gesicht gesehen: „Einige sahen aus, als würden sie gleich einen Herzinfarkt bekommen.“

Ein paar Wochen später wurde die Bear-Zentrale von mehreren hundert Menschen gestürmt, die ihre Häuser durch die Subprime-Hypotheken-Krise verloren hatten. Die Demonstranten trugen T-Shirts, auf denen Banker als Haie abgebildet waren. Sie überrannten die Sicherheitskräfte und schwenkten in der Lobby Transparente, auf denen stand: „Main street – no Wall Street“.

Ein Ereignis folgte so schnell auf das andere, dass sich der Wirtschaftsjournalismus von damals am ehesten mit Kriegberichterstattung vergleichen ließ. Während jener Wochen im August 2008 fragte ich mich, ob ich am Ende eine Geschichte nach London schicken würde, die mit den Worten begänne: „Heute ist das globale Finanzsystem zusammengebrochen.“ Bear Stearns, Lehman Brothers, AIG, Merill Lynch, General Motors und Chrysler – sie alle gingen den Bach hinunter. Die Regierung Bush schluckte in Panik ihren Laissez-Faire-Stolz hinunter und stellte eilig einen 700-Milliarden-Dollar Rettungsplan zusammen. Im ersten Anlauf wurde die Rettungsaktion jedoch vom Repräsentantenhaus niedergestimmt – was den Dow Jones Index um 777 Punkte fallen ließ; der schlimmste Punktabsturz in dessen Geschichte innerhalb eines Tages. Mein stellvertretender Chefredakteur rief mich an jenem Tag an und erklärte: „Ich sage das nicht oft zu einem Reporter – aber sparen sie nicht mit Adjektiven.“

Zurück zur alten Stärke

Bushs damaliger Finanzminister Henry Paulson sagte später, an diesem Tag sei ein Zusammenbruch des Finanzsystems nur „wenige Stunden entfernt gewesen“. Jedenfalls meinen manche Experten, dass die Finanzkrise offen gelegt habe, wie labil die Weltwirtschaft sei. Insgesamt sind jedenfalls nur 850 Milliarden US-Dollar in Banknoten und Münzen im Umlauf, die Hälfte davon in Übersee. Das bedeutet, dass in der größten Volkswirtschaft der Welt kaum mehr als 400 Milliarden Dollar Bargeld kursieren – angesichts eines Bruttoinlandsprodukts von 14 Billionen Dollar im Jahr eine kleine Summe. „Die Weltwirtschaft basiert darauf, dass jede Partei der anderen vertraut. Es existiert nicht besonders viel bares Geld, um dieses Vertrauen zu stützen“, sagt Nicholas Colas, Chefstratege des Investmentdienstleisters BNY ConvergEx.

So wie der Ansturm auf Bear Stearns die Bank bloßstellte, hätte ein Ansturm auf den Bankensektor das Finanzsystem nackt dastehen lassen. Deshalb, so Colas, habe sich die US-Regierung, wenn auch zögerlich, entschieden einzuschreiten, um die gigantischen Finanzinstitute an der Wall Street vor dem Zusammenbruch zu bewahren: „Die Regierung entschied an mindestens zwei Punkten im Verlauf der Krise, dass es keinen Wandel des Finanzsystems durch Einwirkung der Krise geben durfte – in anderen Worten: dass die Banken zu groß waren, um zu scheitern.“

Während ich nun zwei Jahre später meinen Abschied aus New York vorbereite, sieht es in den USA düster aus. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 9,6 Prozent – mehr als zwei Prozent höher als in Deutschland. Ein Haus kostet im Schnitt 182.600 Dollar – 2006 waren es noch 230.000 gewesen. Die Staatsverschuldung ist innerhalb von vier Jahren von 8,5 auf 13,4 Billionen Dollar geklettert. Viele haben Schwierigkeiten, aus dem tiefsten ökonomischen Tal seit der Großen Depression herauszukommen. Die Institute an der Wall Street hingegen, die viele für die Bösewichter der Finanzkrise halten, finden zu ihrer alten Form als Maschinenräume des Wohlstands, der Hochkonjunktur und der Maßlosigkeit zurück.

Vor den Banken stauen sich schwarze Limousinen. In den Bars und Restaurants herrscht wieder Hochbetrieb, die Immobilienpreise haben in Manhattan innerhalb eines Jahres um neun Prozent angezogen – Boni von im Schnitt 123.850 Dollar dürften daran nicht ganz unschuldig sein. Der amerikanische Bankensektor verkündete im zweiten Quartal 2010 21,6 Milliarden Dollar Profit – das beste Ergebnis seit dem Ende des Wirtschaftsbooms 2007. Die Dinge gehen beinahe wieder ihren gewohnten Gang.

Wie so viele in der Finanzwelt macht Richard Ramsden, Chefanalyst bei Goldman Sachs, keine Anstalten sich dafür zu entschuldigen. Ramsden empfängt mich in einem puristischen Konferenzraum in der neuen, 2,1 Milliarden Dollar teuren Goldman-Zentrale mit Blick über die Baustelle am Krater des World Trade Centres. Er betrachtet die Banken als die Generatoren, die den Rest der Wirtschaft mit Strom versorgen. Risiken seien lebensnotwendig: „Sie können ein Bankensystem aufbauen, in dem keine Bank jemals scheitern wird. Doch das hätte seinen Preis. Es gäbe praktisch kein Wachstum, da es keine Kreditschöpfung gäbe.“

Tatsächlich ist das Gesamtbild zu facettenreich, als dass man einfach die Verantwortung bei den Bankern abladen könnte. Die meisten Wall-Street-Banker vergaben ja keine zweifelhaften Hypothekenkredite; sie hatten die Kredite bodenständiger Unternehmen gekauft und gebündelt, die jedoch während der Krise gegen die Wand fuhren. Die Banken waren so töricht und naiv, sich diese Darlehen nicht genau genug anzusehen und verließen sich stattdessen auf ungenaue Rating-Agenturen wie Standard’s oder Moody’s, die unbekümmert toxische Hypotheken-gestützte Sicherheiten als solide einstuften. Nur wenige an der Wall Street – darunter der Hedgefonds-Manager John Paulson und die Chefetage von Goldman Sachs – erkannten, was los war, und spekulierten auf einen Crash. Sie machten ein Vermögen, doch seither werden alle das Schurken-Image nicht mehr los.

Hätte die Regierung kein Rettungspaket für den Finanzmarkt geschnürt, dann wären die meisten, wenn nicht sogar alle Spitzenspieler an der Wall Street bankrottgegangen. Von Reue findet sich hier jedoch keine Spur. Auf einer Video-Pressekonferenz fragte ich im vergangenen Jahr Goldman-Finanzchef David Vinair, ob er Schuldgefühle habe, insbesondere weil seine Firma den bedrängten Versicherer AIG beinahe in den Bankrott getrieben hätte – und mit Spekulationsgeschäften auf das Unternehmen eine Milliarde Dollar machte. Seine Antwort lautete, „er habe nicht den Anflug eines schlechten Gewissens“. Ich wurde dafür ausgelacht, die Frage überhaupt gestellt zu haben. Der Blog dealbreaker.com, der von vielen Wertpapierhändlern gelesen wird, spottete: „Guardian-Reporter möchte wissen, ob Goldman Sachs von Gewissensbissen gequält wird.“ In einem Kommentar wurde mir „hirnrissiges anti-kapitalistisches Kommunisten-Gelabere“ vorgeworfen.

Der Finanzhai als Opfer

Zwar akzeptieren einige Banker mittlerweile, dass sie furchtbare Geschäfte getätigt haben, doch nun beschweren sie sich darüber, dass sie dämonisiert würden. Bei einer Bürgerversammlung Anfang Oktober sagte der Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci, er fühle sich wie ein Sündenbock, auf den feindselige Politiker „mit einem Stock einschlagen“. Stephen Schwarzman, der milliardenschwere Chef des privaten Investment-Imperiums Blackstone, war vergangenen Monat gezwungen, sich zu entschuldigen, weil er die Haltung des Weißen Hauses gegenüber seiner Branche so beschrieben hatte: „Es ist wie damals, als Hitler 1939 in Polen einfiel.“

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass die Finanzmärkte dennoch vorsichtiger geworden sind. Der Börsenumsatz war im August 24 Prozent niedriger als noch im Vorjahr. Hinzu kommt, dass die Anleger zurzeit sichere Staatsanleihen horten, obwohl deren Rendite auf einem Rekord-Tief liegen. Experten fürchten inzwischen gar eine „Anleihen-Blase“.

In der Frage, die die Öffentlichkeit am meisten erregt, zeigt sich jedoch kaum Bewegung. Der durchschnittliche Bonus an der Wall Street lag 2009 auf dem vierthöchsten Niveau aller Zeiten, und selbst 2008, als die meisten Banken Geld verloren, trugen die Banker im Schnitt einen leistungsabhängigen Scheck in Höhe von 99.000 Dollar nach Hause. Bei seinem Amtsantritt drohte Obama ein Limit für Boni von 500.000 Dolar festzulegen. Damals bezeichnete er die aus der Kontrolle geratenen Gehälter als „Gipfel der Unverantwortlichkeit“. Doch er ruderte schnell wieder zurück. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein präsentierte ohne eine Miene zu verziehen seinen 9-Millionen-Dollar-Bonus für das Jahr 2009 als Beispiel für „Zurückhaltung“.

Banker wissen sich gewandt zu verteidigen, wenn es um ihre Gehälter geht. Die meisten sagen einfach, es sei ja nicht ihr spezielles Büro, ihre Arbeitsgruppe, Abteilung oder Filiale gewesen, welche die Finanzkrise verursacht habe – weshalb also sollten sie bestraft werden? Wer in der Finanzwelt einen Job bekommt, wird wegen seines Verhandlungsgeschicks und seines Geldhungers angestellt. Das Spiel mit dem Feuer, um sich die größtmöglichen Gehaltsschecks zu sichern, entspricht den Kernkompetenzen des Berufsstandes. Wollte man Banker davon überzeugen, niedrigere Boni zu nehmen, dann ist das, als würde man einen Crack-Süchtigen darum bitten, sparsam mit der Pfeife umzugehen.

Damals, als die Lobby von Bear Stearns gestürmt wurde, beobachtete ich, wie zwei Welten in gegenseitigem Unverständnis aufeinander prallten. Eine alleinerziehende Mutter namens Stacey Stokes, die Schwierigkeiten hatte, ihr Haus in Boston zu halten, wetterte wegen der Finanspritze der US-Notenbank, um Bear Stearns mit dem Geld der Steuerzahler zu retten: „Die Regierung sollte die Hausbesitzer retten, nicht die Leute, die diese Krise verursacht haben.“ In einer Ecke saßen einige junge Angestellte des Finanzinstituts, die frisch von der Universität gekommen waren. Sie beobachteten die Szene mit einer Mischung aus Belustigung und Verachtung. Was dachten sie über die Demonstranten? „Ich stimme mit ihrer Analyse nicht überein“, sagte einer der Banker, der mir seinen Namen nicht nennen wollte. „Bear ist hier das Opfer. Wir waren es doch, die es diesen Leuten überhaupt erst ermöglicht haben, ein Haus zu bekommen.“

Andrew Clarke war vier Jahre lang Wirtschaftskorrespondent des Guardian in New York.

Übersetzung: Christine Käppeler

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11:00 09.11.2010
Geschrieben von

Andrew Clark | The Guardian

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The Guardian

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