Die Pflicht des Stärkeren

Indien Ohne Rücksicht auf die Ängste Pakistans ist jedes stärkere Engagement des Subkontinents am Hindukusch zum Scheitern verurteilt

Als Obama bekannt gab, die Militäroffensive gegen die Taliban sei auf 18 Monate begrenzt, danach werde man mit dem Abzug beginnen, verfolgte er damit zum einen das Ziel, die Kriegsgegner Zuhause zu beschwichtigen, zum anderen konnte man diese Ankündigung als eine Art Weckruf an diejenigen Länder in der Region verstehen, die, so die Überlegung, wohl den größten Preis für ein Anhalten der Instabilität in Afghanistan bezahlen würden.

In Indien hat man das verstanden und macht sich zunehmend Sorgen darüber, was in der Nachbarschaft passieren wird, wenn die Amerikaner einst ihre Sachen packen werden. Shashank Joshi hat vor kurzem starke Argumente dafür vorgebracht, warum es nun an der Zeit sei, auf die bereits beträchtliche zivile Präsenz Indiens aufzubauen, die aus Entwicklungshilfe, kulturellen Verbindungen sowie symbolischen Projekten wie dem Bau eines neuen Parlamentsgebäudes in Kabul besteht, und diese durch ein verstärktes militärisches Engagement zu ergänzen. Darüber, wie dieses aussehen könnte, haben andere sich Gedanken gemacht: mehr Kampftruppen im Norden und Westen Afghanistans sowie breit angelegte Ausbildungsprogramme für die afghanische Nationalarmee.

Bei alledem gibt es zwei Probleme: Das erste besteht darin, dass der Versuch, das von den Amerikanern hinterlassene Machtvakuum zu füllen, nur allzu leicht nach hinten losgehen könnte. Es liegt sehr in Obamas Interesse, die Lasten des Krieges zu verteilen. Die Schwierigkeiten aber, denen er sich bei dem Versuch gegenübersieht, die USA von der Bürde des Langen Krieges (gegen den globalen Terrorismus) zu befreien, sollten denjenigen zu denken geben, die deren Platz einnehmen wollen.

Das andere Problem stellt Pakistan dar, dessen militärischem Establishment es vor einer Indien wohlgesonnenen Regierung an seiner westlichen Flanke graut und das aus Rache weitere gegen die indischen Interessen gerichtete Militanz unterstützen könnte. Anwälte eines stärkeren indischen Engagements in Afghanistan argumentieren, man dürfe den neurotischen Bedenken des paranoiden pakistanischen Establishments nicht nachgeben.

Diese Leute haben unrecht, denn genau diese Neurose ist Indiens wahrer Feind – vielmehr als die Taliban oder sogar die militanten Zellen, die auf eine Wiederholung der Angriffe von Mumbai aus sind. Möglicherweise könnte Indien zu einer Stabilisierung Afghanistans beitragen, aber der Ausgangspunkt einer jeden politischen Entscheidung muss in der Frage bestehen, wie sie bei den Pakistanern ankommen würde.

Das Kaschmir-Problem

Im Laufe der Diskussion ist die zentrale Rolle Kaschmirs in Vergessenheit geraten. Als Obama sich noch auf Wahlkampftour befand, forderte er immer wieder eine umfassende Lösung für die gesamte Region und stellte Kaschmir in direkten Zusammenhang mit den Problemen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze. Als er aber erst einmal im Amt war, änderte sich seine Haltung. Als Richard Holbrooke zum Sondergesandten für Afghanistan und Pakistan ernannt wurde, fiel auf, dass er keine Anweisungen bezüglich Indiens und Kaschmirs erhielt. Der Grund hierfür lag darin, dass Indien, wie sich herausstellte, intensive Lobbyarbeit betrieben hatte, um Kaschmir von Holbrookes Agenda zu streichen. In Delhi war man entsetzt über die Vorstellung einer Einmischung von außen. Den Wünschen wurde entsprochen: Nicht ein einziges Mal tauchte das Wort Kaschmir in Obamas Anfang Dezember gehaltener Rede zu seiner Afghanistan-Strategie auf.

Und dies, obwohl allgemein bekannt ist, dass Kaschmir für das pakistanische Militär oberste Priorität hat und nach wie vor der Hauptgrund dafür bleibt, dass das Land nicht voll hinter den amerikanischen Bemühungen in Afghanistan steht. Der einzige Grund dafür, dass Pakistan in den Neunzigern die Taliban unterstützte – und dies in abgewandelter Form bis zum heutigen Tage tut – liegt einzig und allein in der Erlangung „strategischer Tiefe“ für seinem langfristigen Kampf gegen Indien.

Nachdem Indien es geschafft hat, das Kaschmir-Thema zu isolieren, riskieren die indischen Falken nun auch so zu tun, als handele es sich auch im Falle Afghanistans um ein Problem, das isoliert behandelt werden könnte. Begierig, Gebrauch von ihrem stetig wachsenden regionalen Einfluss zu machen, fragen sie: „Was können wir tun, um die Regierung in Kabul zu unterstützen und die indischen Interessen dort zu stärken?“ Dabei sollte die entscheidende Frage vielmehr lauten: „Wie wird unser Handeln vom pakistanischen Establishment wahrgenommen und bestärken wir dieses mit unserem Handeln darin, gegen die Terroristen in den eigenen Reihen vorzugehen?“

Man kann die Neurose der Pakistaner nicht einfach so abtun, denn sie wird, solange sie existiert, der Hammer sein, der einen Keil zwischen die beiden Länder treibt. Keine noch so große militärische Überlegenheit und kein noch so großer Einfluss in der Region werden Indiens Sicherheit gewährleisten und weitere terroristische Anschläge verhindern können, solange die Kaschmir-Frage ungelöst bleibt. Ein Teil der pakistanischen Neurose speist sich aus der Geschichte der Gewalt zwischen den beiden Ländern, in der jüngeren Vergangenheit ist aber mit Sicherheit ein gewisses Ressentiment hinzugekommen.

Es dürfte nicht gerade leicht fallen, Indien dabei zuzusehen, wie es sich vor den Augen der Welt aus der alten indisch-pakistanischen Dynamik befreit, die von unüberwindbaren Konflikten, vergeudetem Potential und der ständigen Angst vor einem Atomkrieg bestimmt war, und eine neue Bindestrich-Verbindung schmiedet, die stattdessen für in die Höhe schießende Wachstumszahlen, Akzeptanz im Club der zivilen Nutzer der Atomkraft und Banquette im Weißen Haus steht - gemeint die die Verbindung mit China. Die Welt sieht Indien zunehmend als potentielle Supermacht des 21. Jahrhunderts, während Pakistan in den Schwierigkeiten der Vergangenheit steckengeblieben zu sein scheint und noch immer die jahrhundertealten Schlachten zwischen Schiiten und Sunniten, den Stämmen Mehsud und Wazir austrägt und einer Zukunft entgegensieht, die schon heute an ausländische Gläubiger verpfändet ist.

Erste mutige Schritte

Die Inder müssen aber der harten Realität ins Auge sehen, dass sie es sind, die eine Veränderung der Lage einleiten müssen, obwohl sie in den vergangenen Jahren immer wieder zum Opfer terroristischer Anschläge wurden – von dem Bombenanschlag auf ihr Parlament im Dezember 2001 bis hin zu den Anschlägen in Mumbai im November 2008. Der erdrutschartige Wahlsieg im vergangenen April gibt der Regierung in Dehli den politischen Spielraum, mutige Schritte zu wagen, den Islamabad nicht hat.

Im Bewusstsein der Stärke seiner Position unternahm der indische Premier Manmohan Singh einen mutigen ersten Schritt in Richtung auf einen Neubeginn der Verhandlungen, die seit den Anschlägen von Mumbai auf Eis lagen, und unterzeichnete im Juli des vergangenen Jahres mit Zardari zusammen eine gemeinsame Erklärung zum Terrorismus. Er tat dies, obwohl Indien in der Erklärung unterstellt wurde, es habe Separatisten in der pakistanischen Provinz Belutschistan unterstützt, wofür es so gut wie keine Beweise gibt. Zuhause brachte ihm das zwangsläufig Kritik ein. Der Premier weiß jedoch, dass in Anbetracht der jahrzehntelangen Auseinandersetzungen gegenseitige Schuldzuweisungen zu nichts führen können.

Indiens Ziel muss vielmehr darin bestehen, neues Vertrauen aufzubauen, Ängste zu zerstreuen und einen Weg zu finden, Pakistan an einigen Annehmlichkeiten teilhaben zu lassen, welche die relative Stabilität gebracht hat. Dies hindert Indien nicht daran, Afghanistan Hilfe anzubieten. Diese muss aber in jedem Fall mit einer klaren Vorstellung verbunden sein, welche Auswirkungen sie auf die Verhandlungen über Kaschmir und die Ängste seines Nachbarlandes haben wird, mit dem es untrennbar verbunden ist.

Übersetzung: Holger Hutt

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12:59 11.01.2010
Geschrieben von

Eric Randolph, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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