Die Rache der Info-Krieger

Operation Payback Sympathisanten von Wikileaks legen die Webseiten von Unternehmen lahm, die die Enthüller-Plattform nicht unterstützen. Was steckt hinter der Gruppe "Anonymous"?

Nach Ansicht eines atemlosen Bloggers ist es „der erste große Cyberwar“ – oder, um mit den Worten derer, die ihn ausgelöst haben, etwas trockener gesagt: „Der große Shitstorm hat begonnen.“

Die technischen und kommerziellen Scharmützel rund um Wikileaks sind gestern in einem ausgereiften Online-Anschlag eskaliert. Mit einer konzertierten Online-Attacke gelang Wikileaks-Unterstützern die Seiten von Mastercard und Visa zum Erliegen zu bringen.

Die Sabotageakte waren explizit als „Rache“ an den Kreditkartenfirmen gedacht, die unter dem Vorwurf illegaler Aktivitäten alle Zahlungen an Wikileaks eingefroren hatten. Mastercard wollte anfangs zwar nicht mehr zugeben, als dass es „starken Traffic auf seiner externen Firmenwebseite“ gebe, gestern Abend sah sich das Unternehmen dann aber gezwungen zuzugeben, dass „es eine Betriebsstörung des Directory-Servers von Mastercard“ gab. Quellen aus der Finanzwelt zufolge soll diese das weltweite Geschäft von Mastercard unterbrochen haben.

Später war dann auch die Webseite von Visa nicht mehr zugänglich. Eine Sprecherin des Unternehmens sagte, die Seite „erlebe stärkeren Traffic als sonst“, wiederholte Versuche visa.com zu laden, schlugen fehl.

Palin poltert zurück

Mastercard behauptete, seine Systeme hätten durch die „geballten Anstrengungen“, seine Firmenseite mit „Traffic und langsamem Zugriff“ zu überfluten, keinen Schaden genommen. „Wir arbeiten daran, das normale Service-Level wieder herzustellen“, so das Statement des Unternehmens. „Auf die Fähigkeit unserer Karteninhaber, ihre Karten für sichere Transaktionen auf der Welt einzusetzen, hat es keine Auswirkungen.“

Eine Gruppe von Online-Aktivisten, die sich Anonymous nennen, sagten, sie hätten im Rahmen der Operation Payback den DDOS-(Distribution Denial of Service)-Angriff gegen die Seite organisiert und drohten auch anderen Unternehmen, die den Handlungsspielraum von Wikileaks einschränken.

Ein weiteres Angriffsziel war gestern die Webseite der schwedischen Staatsanwaltschaft, die Assanges Auslieferung wegen einer Vergewaltigungsanklage fordert, und des Stockholmer Anwalts, der die Anklage vertritt. Die Seiten des US-Senators Joe Lieberman und der ehemaligen Senatorin von Alaska, Sarah Palin, beide lautstarke Kritiker Assanges, sollen ebenfalls angegriffen und lahmgelegt worden sein. „Kein Wunder, dass andere stillhalten, was Assanges Possen betrifft“, mailte Palin dem Sender ABC. „Das passiert, wenn man von dem ersten Verfassungszusatz Gebrauch macht und sich gegen diese kranken, un-amerikanischen Spionageversuche ausspricht.“

In einer Online-Erklärung der Aktivisten heißt es: „Wir werden auf alles und jeden schießen, der versucht, Wikileaks zu zensieren, auch auf milliardenschwere Firmen wie Paypal ... Twitter, du bist als nächstes dran, weil du die #Wikileaks-Diskussion zensiert hast.“ Twitter streitet Zensur ab, es habe lediglich einige Verwirrung über die „Trending“-Funktion gegeben. Ein Twitter-Account, der zu den Aktivisten führte, wurde später abgeschaltet, nachdem dort behauptet wurde, man würde Online Details von Kreditkarten veröffentlichen.

Einsatz für das Chaos

Obwohl DDoS-Angriffe durch Gruppen von Aktivisten nichts Ungewöhnliches sind, so sind das Ausmaß und die Intensität der Online-Angriffe sowie der kommerziellen und politischen Wikileaks-Kritiker, die sich zu den Hackern in Opposition befinden, diesen Fall zu einem Unternehmen mit hohem Einsatz, das auf unerforschtes Territorium im Zeitalter des Internets führen könnte.

Ein Sprecher der Gruppe, ein 22-jähriger Londoner, der sich Coldblood nennt, erklärte, sie setzten sich für das Chaos ein, um die Redefreiheit im Internet zu verteidigen. Die Gruppe hat Software-Tools verteilt, die es jedem mit einem Computer und einen Internetanschluss ermöglichen, sich den Angriffen anzuschließen.

Diese Woche ist es der Gruppe bereits gelungen, die Seite der Schweizer Bank Postfinance zum Absturz zu bringen. Die Bank hatte am Montag die wichtigsten Wikileaks gesperrt und Assange der Lüge bezichtigt. Alex Josty von Postfinance erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, die Webseite habe unter einem Trommelfeuer an Traffic nachgegeben: „Es war sehr, sehr schwierig, die Dinge haben sich über Nacht dann verbessert, aber wir haben nicht wieder den Normalzustand erreicht.“

Andere mögliche Ziele sind Amazon, das die Inhalte von Wikileaks am 1. Dezember aus seiner EC2-Cloud entfernt hat und EveryDNS.net, das seit dem 3. Dezember nicht mehr mit der Seite kooperiert. Auch Paypal war Opfer einer ganzen Reihe von DDoS-Angriffen – meist wurde dabei die Zielseite mit Anfragen überflutet, damit sie begründete Anfragen nicht mehr bewältigen kann – seit es alle Zahlungen an Wikileaks vergangene Woche eingefroren hat.

Paypal rudert zurück

Paypal ließ durchblicken, dass es sich entschieden hatte, die Zahlungen an Wikileaks einzufrieren, nachdem es auf einen Brief des US State Department aufmerksam geworden war, in dem stand, dass die Aktivitäten von Wikileaks in den USA als illegal verurteilt werden. Gestern Abend nun erklärte Paypal, es werde das Geld auf den Konten von Wikileaks freigeben, jedoch keine neuen Einzahlungen zulassen.

Es besteht der Vorwurf, dass Wikileaks aus politischen Gründen angegriffen wird. Diese Kritik wurde gestern noch einmal lauter, nachdem herausgekommen war, dass Visa ein kleines IT-Unternehmen unter Druck gesetzt hatte, das Transfers mit Kreditkarten leichter macht, und die Zahlungen an Wikileaks so abgewickelt hatte, dass alle Transaktionen ausgesetzt wurden – auch die anderer Zahlungsempfänger. Visa hatte bereits zuvor alle Spenden unterbunden, die über die Firma für Wikileaks eingingen.

Das in Island ansässige DataCell erklärte, es werde „umgehend juristisch vorgehen“ und warnte, dass das mächtige „Duopol“ Visa und Mastercard in solchen Fällen, das „Ende der Kreditkartengeschäfte weltweit bedeuten könnte“. Andreas Fink von DataCell erklärte: „Es ist eine Sache, wenn man alle Zahlungen für sieben Tage oder länger einfriert. Aber wenn man alle zukünftigen Spendenversuche abweist, werden Spenden unmöglich.“

„Dadurch entstehen Wikileaks eindeutig massive finanzielle Verluste, was der einzige Sinn dieser Aussetzung zu sein scheint. Hier geht es nicht um die Marke Visa, hier geht es um Politik und Visa sollte sich da raushalten ... Es ist offensichtlich, dass Visa unter politischem Druck steht, uns zum Aufgeben zu bringen.“

Operation Payback

Operation Payback, deren Macher sich selbst als „anonyme, dezentralisierte Bewegung“ bezeichnen, „die gegen Zensur und Copywrong kämpft“, argumentiert, dass das Vorgehen von Visa, MasterCard und anderen „große Schritte hin zu einer Welt“ seien, „in der wir nicht mehr sagen können, was wir denken. Das können wir nicht zulassen. Deshalb wollen wir in Erfahrung bringen, wer für diesen fehlgeschlagenen Zensurversuch verantwortlich ist und setzen unsere Ressourcen ein, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Wir bekämpfen diejenigen, die verhindern wollen, dass unsere Welt freier und demokratischer wird und unterstützen diejenigen, die dabei mithelfen.“

Anonymous entstand 2003 aus der einflussreichen, bei Hackern und Gamern beliebten Internet-Plattform 4chan. Ihr Name ist eine Referenz an die Anfänge von 4chan, als Postings ohne Namensangabe im Autorenfeld „Anonymous“ auswiesen. Aber die lose Gruppe, die einen Fall aufgreift, „wann immer ihr danach ist“, ist nun „über 4chan hinaus gegangen und zu etwas größerem geworden“, wie ihr Sprecher erklärte. Es gibt keine wirkliche Kommandostruktur, die Mitgliedschaft in der Gruppe wurde mit der in einem Vogelschwarm verglichen. Die einzige Möglichkeit, sie zu identifizieren, besteht in ihrer gemeinsamen Aktivität. Grundsätzlich ist es so, dass eine Sache zu einem Fall für Anonymous wird, sobald sich auf dem Schwarzen Brett von chan4 genügend Leute finden, die sie für wichtig genug halten.

„Wir sind dagegen, dass Unternehmen und Regierungen sich im Internet einmischen“, sagte Coldblood. „Wir glauben, es sollte offen und frei für alle sein. Regierungen sollten nicht versuchen, es zu zensieren, weil sie mit etwas nicht einverstanden sind. Anonymous unterstützt Wikileaks nicht, weil wir es für richtig oder falsch halten, dass die Informationen veröffentlicht wurden, sondern weil wir jede Form der Zensur im Internet ablehnen.“ Am Mittwochabend erklärte Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson: „Anonymous ... hat nichts mit Wikileaks zu tun. Es hat keinerlei Kontakt zwischen Wikileaks-Mitarbeitern und Leuten von Anonymous gegeben. Wir verurteilen die Angriffe nicht, heißen sie aber auch nicht gut, sondern sind schlicht der Ansicht, dass sie öffentliche Meinung über das Vorgehen der Betroffenen widerspiegeln."

Übersetzung: Christine Käppeler/Holger Hutt

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18:00 09.12.2010
Geschrieben von

Esther Addley, Josh Halliday | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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