Die Revolution geht weiter

Sozialismus Bernie Sanders hat sich zwar aus dem US-Präsidentschaftsrennen verabschiedet – seine progressiven Ideen aber werden bleiben
Die Revolution geht weiter
„In diesem Rennen ging es nie um mich“

Foto: Jeff Kowalsky/AFP/Getty Images

In der Rede anlässlich seines Rückzugs aus dem US-Präsidentschaftsrennen 2020 zitierte Bernie Sanders Martin Luther King Junior: „Der Bogen des moralischen Universums ist lang, aber er biegt sich in Richtung Gerechtigkeit.“ Der lange „Kampf für Gerechtigkeit“, fuhr Sanders fort, „ist das, worum es unserer Bewegung geht.”

Auffällig dabei war, dass er das Präsens benutzte. Das war keine gewöhnliche Rede, in der ein Wahlkandidat seine Niederlage anerkennt. Aber es handelte sich eben auch nicht um einen gewöhnlichen Wahlkampf eines gewöhnlichen Kandidaten.

Bernie Sanders begann seine Karriere als Nobody, zunächst als Mitglied der Young People’s Socialist League und dann als Third-Party-Kandidat – also nicht als Mitglied einer der beiden großen Parteien –, der nur zwei Prozent der Stimmen auf sich vereinte, während er gegen die „Welt der zwei Prozent“ wetterte, die Amerikas Reichtum kontrollieren.

Sanders hat sich nicht verdrehen lassen

Sanders' Botschaft war nicht präzise auf eine bestimmte Gruppe zugeschnitten oder von „Experten“ zusammengeschustert – sie stammt aus seinem ausgeprägt sozialistischen Verständnis davon, wie die Welt funktioniert: Die Mächtigen werden immer besser dran sein als die Schwachen, es sei denn, die Schwachen organisieren sich und kämpfen dagegen an. Mit dieser moralischen Klarheit und Wut wirkte der Senator aus Vermont wie der letzte Vertreter einer aussterbenden Art Politiker: Er war stur. Er weigerte sich, sich zu ändern. Er „wandelte sich nicht”, selbst als sich das politische Klima zu ändern schien.

Aber selbst, als Mainstream-Demokraten allen zu erzählen begannen, dass wir uns selbst zum Wohlstand strampeln könnten, änderte sich Amerikas brutales Klassensystem nicht. Millionen lebten in der reichsten Gesellschaft der Geschichte in Armut oder litten Hunger. Millionen waren ohne Arbeit, ohne Krankenversicherung. Viele waren verschuldet und wurden behandelt, als wären sie überflüssig. Deshalb wusste Sanders, dass er ein Publikum für seine Botschaft hatte.

Seit April 2015 ist es Bernie Sanders gelungen, diese potenzielle Zuhörerschaft in eine tatsächliche zu verwandeln. Er erschuf zwar nicht den Ärger über ein ungerechtes Wirtschaftssystem und war auch nicht der Erste, der angesichts progressiver Politik desillusioniert war – aber er fand klare Worte um zu sagen, was falsch läuft, leistete Unterstützung für politische Strategien, die die Lage verbessern würden, und er benannte treibende Kräfte des Wandels, die eine dringend notwendige „politische Revolution“ verwirklichen könnten.

Der Kern von Sanders‘ Standpunkt ist für Millionen Amerikaner eine Sache des gesunden Menschenverstands geworden. Wie er es in seiner Rede am Mittwoch formulierte: „Wir gewinnen den ideologischen Kampf.“

Seine Ideen sind angekommen

Krankenversicherung für alle, kostenlose Bildung an Universitäten und Berufsschulen, Kinderbetreuung für alle, fairer Handel und der Schutz guter Arbeitsplätze, existenzsichernde Löhne und ein Green New Deal, der die Bedürfnisse der Arbeitnehmer in den Vordergrund stellt – über die wichtigsten Punkte auf Sanders‘ Agenda besteht heute in weiten Teilen der Bevölkerung Einigkeit.

Und noch nie waren die Feinde des Fortschritts besser zu erkennen. 70 Prozent der Amerikaner sind heute für eine höhere Besteuerung aller, die mehr als 10 Millionen Dollar im Jahr verdienen, darunter 54 Prozent der Republikaner.

Man stelle sich nur den Schock demokratischer Parteifunktionäre vor, als ihnen durch Sanders‘ Aufstieg klar wurde: Sich für die Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung einzusetzen, stößt tatsächlich auch auf die Zustimmung der arbeitenden Bevölkerung.

Aber der letzte Teil seiner Mission gelang Sanders nicht. Er konnte die Koalition, von der seine politische Revolution abhängig war, nicht vollends mobilisieren. Es wäre notwendig gewesen, Nicht-Wähler an die Urne zu bringen. Aber trotz seines anfänglichen Erfolgs blieben diese Wähler letztlich in zu großer Zahl zuhause. Zwar gelang es fast, jahrzehntelange Niederlagen und Demobilisierung in nur wenigen Monaten zu überwinden – aber eben nur fast. Das ist ein schwacher Trost.

„In diesem Rennen ging es nie um mich“

Dennoch gibt es weiter Hoffnung für die Millionen Sanders-Unterstützer, die ihn wählten, die Wahlkreise abklapperten, potenzielle Wähler anriefen oder per SMS motivieren wollten. Das Präsens in seiner Rede gestern wies darauf hin: Sanders versteht sich nicht als konventioneller Kandidat, sondern als Mitglied einer Massenbewegung. „In diesem Rennen ging es nie um mich“, erklärte er. Er habe „für die Präsidentschaft kandidiert, weil er den progressiven Wandel, den wir alle gemeinsam vorantreiben, als Präsident hätte beschleunigen und institutionalisieren können“.

Bernie Sanders hatte darauf gesetzt, aus dem Jahr 2020 als Figur mit der Macht eines Franklin D. Roosevelt hervorzugehen. Dann hätte er staatliche Macht nutzen können, um Reformen umzusetzen und Hürden für die Organisation der Arbeiterklasse aus dem Weg zu räumen. Stattdessen wird er seinen Platz neben Martin Luther King, dem Sozialisten Eugene Debs (der fünf Mal für die US-Präsidentschaft kandidierte) und der Arbeiter- und Gewerkschaftsaktivistin „Mother“ Jones akzeptieren müssen – allesamt moralische AnführerInnen gegen die größten Übel ihrer Zeit, die den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit weiter inspirieren werden.

Bhaskar Sunkara ist Gründer der sozialistischen US-amerikanischen Magazins Jacobin und US-Kolumnist des Guardian. Zudem ist er Autor von The Socialist Manifesto: The Case for Radical Politics in an Era of Extreme Inequality

Übersetzung: Carola Torti

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12:56 09.04.2020
Geschrieben von

Bhaskar Sunkara | The Guardian

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Ausgabe 27/2020

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