Die schrecklichen Zwillinge

Bosnien-Herzegowina Das Land scheint zu prosperieren, doch der Staat steht vor dem politischen Bankrott. Polarisierung und ethnisches Sektierertum lassen gar neue Gewaltausbrüche fürchten

In der Piano-Bar des Hotels Bosna von Banja Luka malt Svetlana Cenic, früher Finanzministerin der Republika Srpska, ein düsteres Bild von Bosniens serbischer Provinz. „Ich lebe im korruptesten Teil Europas“, sagt sie und steckt sich die erste einer ganzen Reihe brauner Zigaretten an. „Ich kann hier nicht arbeiten. Wenn ich schon einmal ein Angebot von einer Firma bekomme, interveniert prompt die Regierung. Und für die Medien bin ich die Verräterin. Sogar auf der Straße kommen Leute auf mich zu und sagen, Sie müssten verhaftet werden.“ Cenics fiel in Ungnade, weil sie es wagte, die ihrer Meinung nach unsinnige und von Korruption kontaminierte Ökonomie der autonomen Republika Srpska in Frage zu stellen, und beklagte, dass die Politik in einem sehr gefährlichen Maße von der Rhetorik des ethnischen Separatismus getränkt sei.

In die ewige Warteschleife

Drei Autostunden entfernt in der Landeshauptstadt Sarajevo, mitten im Herzen der bosnisch-kroatischen Föderation. In einem Restaurant sitzt der Regisseur Danis Tanovic, der 2001 für No Man`s Land den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt. Er hatte eine schwarze Satire über den Bosnien-Krieg zwischen 1993 und 1995 gedreht, dem mehr als 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Tanovic sieht die Lage ähnlich düster wie Cenic, was ihn eher anspornt als entmutigt. Mit Leidenschaft stürzt er sich seit einem Jahr in die Politik, war an der Gründung von Nasa Stranka (Unsere Partei) beteiligt und will den Separatismus überwinden, der das Land zu zerreißen droht. Der Brite Paddy Ashdown, einst Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, sieht mitten in Europa ein Land „in einem schwarzen Loch aus Dysfunktionalität und ethnischen Spannungen verschwinden“, sollte nichts unternommen werden.

Im Bosnien-Krieg standen sich in diesem Teil der einstigen jugoslawischen Föderation christlich-orthodoxe Serben, bosnische Muslime und katholische Kroaten gegenüber, während viele säkulare Bosnier auf Seiten der bosnisch dominierten Regierung für den multiethnischen Staat kämpften. Der Konflikt endete 1995 mit dem Vertrag von Dayton, der Versöhnung und Wiederaufbau bringen sollte. Den Serben gestand das Abkommen die Republika Srpska zu, die sich mit der bosnisch-kroatischen Föderation unter das Dach einer Dreifach-Präsidentschaft mit Vertretern aller drei Religionen begeben sollte.

Heute steht Bosnien am Rande des politischen Bankrotts. Dragan Čović, Vorsitzender der größten Kroaten-Partei und Ex-Mitglied des Staatspräsidiums, wurde gerade wegen Amtsmissbrauchs zu fünf Jahren Haft verurteilt. Auch gegen Milorad Dodik, den Premier der Republika Srpska, wird wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch und Veruntreuung in Millionenhöhe ermittelt. Unter diesen Umständen von Kriterien für eine EU-Mitgliedschaft zu reden, ist blanker Hohn. Die blockierten Beziehungen zwischen der Serben-Republik und der bosnisch-kroatischen Föderation quittiert Brüssel denn auch mit dem Verweis in die ewige Warteschleife.

Dabei scheint Bosnien, oberflächlich betrachtet, zu prosperieren. Die Straßen von Sarajevo teilen sich Volkswagen, Ford und Mercedes. Auch an einem Porsche-Händler fehlt es nicht. Sarajevo empfiehlt sich als Biotop kleiner Moscheen und Tausender Bewohnerinnen, die immer öfter zum islamischen Kopftuch greifen.

Viel Öl ins Feuer

Banja Luka in der Republika Srpska hingegen renommiert mit kolossalen Bauten aus seligen K.u.K.-Zeiten. Die Stadtsanierung wurde mit großen Steuerausgaben und ebenso großen Privatisierungen erkauft. Man bewundert orthodoxe Kirchen und ausladende Straßenschilder in Kyrillisch. Unter dieser geglätteten Oberfläche brodelt es.

In beiden Landesteilen gibt es Politiker, die ihre Interessen mit Verdächtigungen und ethnischem Sektierertum durchsetzen. Die subversive Vehemenz lässt befürchten, dass es nicht nur zu mehr Sezession, sondern sogar einem erneuten Krieg kommt. Galionsfiguren der Polarisierung sind der erwähnte Serben-Premier Milorad Dodik und Haris Silajdzić, der dienstälteste Politiker in der kroatisch-muslimischen Föderation – die „schrecklichen Zwillinge“ Bosniens. Dodik ist ein immer autokratischer regierender ehemaliger Basketballspieler und Geschäftsmann, der während des Krieges zu Geld kam, zuletzt mehrfach den völligen Alleingang der Republika Srpska ins Gespräch brachte und stillschweigend ein Parallelsystem an Institutionen aufbaute, um seine Entität aus dem Pressverband des Dayton-Vertrages lösen zu können.

Aber auch in der Föderation gibt es kroatische und bosnische Nationalisten zuhauf, die sich liebend gern in unabhängige Staaten flüchten würden. Jüngst goss Silajdzić Öl ins Feuer, als er erklärte, die Republika Srpska müsse aufgelöst werden, weil sie auf dem „Genozid“ des Bosnien-Krieges errichtet wurde.

Ist bei den bosnischen Serben der Nationalismus stark und virulent, zeigt sich bei den Bosniaken der Trend zu einer radikalen Islamisierung der Gesellschaft. Sie sind von der Vorstellung beseelt, ihnen käme eine Vormachtstellung zu, weil sie im Krieg die meisten Opfer brachten. Damit wird die alte säkulare Identität Sarajevos endgültig zerstört. Den Hang zur Islamisierung offenbarte gerade die Eröffnung eines großen Einkaufszentrums, in dem Alkohol und Schweinefleisch verboten sind. Vildana Selimbegović, Chefredakteurin von Bosniens ältester Zeitung Oslobodenje, glaubt, vielen aus den drei nationalen Eliten komme der dysfunktionale Zustand Bosniens sehr gelegen. „Sie sind mit der Lage zufrieden, sie wollen nicht, dass der Staat völlig auseinander fällt, aber auf ihrem Hinterhof unbedingt das Sagen haben. Die Politik wurde nach dem Muster privatisiert: Eine Partei. Ein Politiker. Ein Krimineller. So haben, 14 Jahre nach Dayton, die Leute in diesem ruinierten Land immer noch Angst.“


Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 21.05.2009
Geschrieben von

Peter Beaumont, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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