Die unsichtbare Faust des Marktes

Nato-Gipfel Das Bündnis erhebt den Anspruch, weltweit für Frieden und Sicherheit zu sorgen. In Chicago muss man danach lange suchen

Freitagmorgen in Brighton Park, einer Gegend im Südwesten von Chicago: Ungefähr ein halbes Dutzend Latinas patrouilliert in leuchtenden Signalwesten durch die Straßen rund um die Davis Elementary School. Die Grundschule befindet sich auf der Schnittstelle der Einzugsgebiete dreier Gangs: den Kings, den 2/6s und den SDs (Satan's Disciples). Bäume und Wände sind übersät mit Tags, die das Territorium abstecken sollen oder an ermordete Gang-Mitglieder erinnern. Alle paar Wochen kommt es zu einer Schießerei, erklärt Mariela Estrada vom Brighton Park Neighbourhood Council, das die freiwilligen Kiezstreifen unterstützt.

Nur ein paar Blocks weiter wurde am Abend des selben Tages der 14-jährige Alejandro Jaime erschossen, während er mit seinem elfjährigen Freund auf dem Fahrrad unterwegs war.

Laut Zeugenaussagen wurden die beiden von einem Auto angefahren und von ihren Rädern gestoßen. Als sie sich aufmachten, um davonzurennen, wurde Alejandro aus dem Auto heraus in den Rücken geschossen. „Obwohl es eigentlich zu den Aufgaben der Stadt gehört, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, mussten wir etwas unternehmen – schließlich sind es unsere Kinder, die unter der Gewalt der Gangs zu leiden haben“, sagt Nancy Barraza, eine der Freiwilligen der Parent Patrol.

Der Anspruch des Nato-Gipfels, zu dem am darauffolgenden Morgen die ersten Teilnehmer eintrafen, um nur zwanzig Minuten von Brighton Park entfernt über die Aufrechterhaltung der „internationalen Sicherheit“ zu diskutieren, und die Realitäten vor Ort könnten nicht weiter auseinanderklaffen: Die Nato erhebt den Anspruch, weltweit für Frieden und Sicherheit zu sorgen – in weiten Teilen Chicagos existiert allerdings weder das eine noch das andere.

Weder Frieden noch Sicherheit

Als Bürgermeister Rahm Emanuel das Nato-Treffen nach Chicago brachte, tönte er, der Gipfel gebe der „großartigsten Stadt des großartigsten Landes“ die Gelegenheit, sich von ihrer großartigsten Seite zu zeigen. Nimmt man an der alternativen „99% Tour“ durch die Stadt teil, wird einem allerdings schnell deutlich, dass in der Stadt, von der aus Frieden und Sicherheit in die ganze Welt getragen werden sollen, selbst, weder Frieden noch Sicherheit herrschen.

Die Mordrate ist während der ersten drei Monate 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 50 Prozent gestiegen und liegt damit doppelt so hoch wie in New York City. Und die Art und Weise, wie die Polizei auf diese Entwicklung reagiert, gibt vielen Bürgern Anlass dazu, diejenigen, die sie beschützen sollten, ebenso zu fürchten wie die Kriminellen. Bis Ende Juli des vergangenen Jahres war die Polizei in 43 Schießereien verwickelt und hatte bereits 16 Todesfälle.

Den Hintergrund dieser Brutalisierung bilden rassistische Diskriminierung und ökonomische Benachteiligung: Je ärmer die Gegend, desto gewalttätiger – je wohlhabender, desto sicherer. Wie die Gipfeltreffen von G8 und Nato, so ist das herrschende System an sich nicht dafür vorgesehen, mehr Menschen am vorhandenen Wohlstand teilhaben zu lassen, sondern verfolgt vielmehr den Zweck, den bereits existierenden Wohlstand zu wahren und zu beschützen. Armut, Gewalt und Kriminalität werden nicht gelindert und bekämpft. Stattdessen werden die Armen kriminalisiert und in Schach gehalten.

Die Nato steht all dem nicht teilnahmslos und unparteiisch gegenüber, schließlich stellt sie den militärischen Arm eines polit-ökonomischen Projekts, das ohne sie gar nicht möglich wäre. Die neoliberale Globalisierung und die sozialen Verwerfungen, die mit ihr einhergehen, kommen nicht ohne Gewalt und Drohpotenzial aus. „Die unsichtbare Hand des Marktes wird nie ohne die unsichtbare Faust auskommen“ so der Freihandelsadvokat Thomas Friedman. „McDonald's braucht McDonnell Douglas an seiner Seite – das Luftfahrt-Unternehmen, das den Kampfjet F-15 produziert. Die verborgene Faust, die die Welt für die Technologien aus dem Silicon Valley sichert, trägt die Namen US Army, Air Force, Navy und Marine Corps.“

Die Vierte Welt ist überall

Wenn ein solcher Gipfel in einer Stadt wie Chicago stattfindet, wird nicht nur deutlich, mit welcher Brutalität diese Ungleichheiten auf globalem Level aufrechterhalten werden, sondern ermöglicht auch, einen Blick darauf zu werfen, wie die Ungleichheit auf globaler Ebene sich auf lokaler wiederholt. Chicago zeigt, dass Armut und Mangel überall zuhause sind, nicht zuletzt im Herzen der entwickelten Welt. Die Sterblichkeitsrate Chicagos entspricht bei Kindern von Afroamerikanern derjenigen der West Bank; die Lebenserwartung von Schwarzen liegt in ganz Illinois knapp unter der in Ägypten und knapp über derjenigen in Usbekistan. Über ein Viertel aller Einwohner Chicagos haben keine Krankenversicherung, unter den schwarzen Männern der Stadt hat jeder fünfte keine Arbeit und jeder dritte lebt in Armut. Latinos geht es nicht viel besser. Chicago ist vielleicht ein extremes Beispiel, aber keineswegs ein Einzelfall. Mag die ethnische Zusammensetzung der Armut von Land zu Land variieren, dürfte ihre Dynamik wohl allen Teilnehmern von G8- und Nato-Gipfel geläufig sein.

Rund um den Globus werden Gated Communitys errichtet, um die Reichen vor dem Chaos zu schützen, das durch unsere Wirtschafts- und Interventionspolitik anrichtet. Exemplarisch wurde dies verdeutlicht, als im vergangenen Jahr 72 afrikanische Flüchtlinge in einem Kahn vor dem von der Nato angeführten Krieg in Libyen zu fliehen versuchten. Als das Schiff auf Grund lief, sandte es ein Notsignal, das an die Nato weitergeleitet wurde, die die Region zur von ihr kontrollierten militärischen Zone erklärt hatte. Der Hilferuf wurde von ihr aber ebenso ignoriert wie von einem italienischen Schiff, das ihn ebenfalls empfangen hatte. Die Flüchtlinge dümpelten zwei Wochen im Mittelmeer herum. Bis auf neun kamen alle durch Hunger, Durst oder Sturm ums Leben. Unter den Toten waren auch zwei Babys.

„Wir können soviel über Menschenrechte und die Einhaltung internationaler Abkommen reden, wie wir wollen. Wenn wir gleichzeitig Menschen dem Tod überlassen – sei es, weil wir nicht wissen, wer sie sind oder weil sie aus Afrika kommen – wird offensichtlich, wie bedeutungslos diese Worte sind“, kommentierte Tineke Strik, die als Sonderberichterstatterin mit der Untersuchung des Falles betraut worden war. Wenn die Eltern von Alejandro Jaime Herrn Emanuel darüber reden hören, wie die „großartigste Stadt des großartigsten Landes“ sich der Welt präsentiert, dürften sie dabei Ähnliches empfinden.

Übersetzung: Holger Hutt

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18:00 21.05.2012
Geschrieben von

Gary Younge | The Guardian

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The Guardian

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