Mark Henderson
28.05.2012 | 12:00 20

Drum prüfe, wer was regeln will

Methodik Experimentelles Denken führt oft zum Erfolg. In der Politik werden Entscheidungen aber selten wissenschaftlich getestet - drei Beispiele aus denen man lernen kann

Das ganze Leben ist ein Experiment“, schrieb einst der amerikanische Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. „Je mehr Experimente man unternimmt, desto besser.“ Diese Maxime beschreibt, woraus Wissenschaft gemacht ist: Das Fundament eines Ansatzes, der zuverlässiges, wenn auch provisorisches Wissen von hoher Konsistenz erzeugt.

Wissenschaftler beobachten die Welt, sie entwickeln Ideen, die das Gesehene erklären, und dann überprüfen sie diese Ideen auf so leidenschaftslose Weise wie möglich. Die Ergebnisse zeigen, welche Ideen gut und welche schlecht waren. Selbst die anmutigste Hypothese wird verworfen, wenn sie der Konfrontation mit der Realität nicht standhält. Auf diesem Weg können wir herausfinden, ob Medikamente helfen, ob genetisch veränderte Organismen Schaden anrichten und ob das Masseteilchen, genannt Higgs-Boson, existiert.

Dank der experimentellen Art und Weise, mit der wir Wissen erschaffen, haben Technologien unsere moderne Welt geformt. Das wird zunehmend auch in der Wirtschaft erkannt, wo erfolgreiche Unternehmen wie Google ihren Mitarbeitern bewusst die Freiheit zugestehen, eigenständig neue Konzepte einzuführen und daran zu scheitern – damit sie daraus lernen.

Massenexperiment

In anderen Bereichen des öffentlichen Lebens kommt so ein experimentelles Denken allerdings nicht zum Zug. Dabei könnten Regierungen solche rigorosen Methoden durchaus nutzen, zum Beispiel, wenn sie wissen wollen, wie man Kinder am besten bildet, wie man Verbrechen dezimiert oder Straftäter rehabilitiert. Die wenigsten Richtlinien werden jedoch experimentell geprüft, bevor man sie auf die Menschheit loslässt. Natürlich erwarten wir, dass neue Medikamente durch randomisierte, kon­trollierte Studien sorgfältig bewertet werden, bevor sie auf den Markt kommen, damit wir uns des Nutzens im Vergleich zu den Nebenwirkungen halbwegs sicher sein können. Für politische Entscheidungen, die von Tragweite für unser Leben sind, akzeptieren wir dagegen viel geringere Standards: Pilotprojekte sind meist schlecht aufgebaut, wenn man sich überhaupt um welche bemüht. Ideologien, Anekdoten und die Annahmen über die gesellschaftliche Stimmung übertrumpfen die Realität der Zahlen immer und immer wieder.

Was bei Medikamenten auch niemand akzeptieren würde: Dass man aufhört, sie zu beobachten, sobald der Wirkstoff lizensiert ist. Wenn Zehn- oder Hunderttausende Menschen anfangen, ein Arzneimittel einzunehmen, wird ihr weiteres Schicksal beständig überwacht. Und wenn ernste Bedenken aufkommen, wie im Fall des Schmerzmittels Vioxx, nimmt man die Arzneien auch wieder vom Markt. Die Regierungspolitik dagegen wird als das Massenexperiment, das sie ist, nicht einmal wahrgenommen. Bildungskonzepte und Strafrichtlinien werden verabschiedet, ohne dass man sie mit ernsthaften Tests auf Zuverlässigkeit belasten will. Wann haben sie das letzte Mal einen Politiker sagen hören: „Wir kassieren diese Regelung, es hat einfach nicht funktioniert“?

Die Alternative zu durchdachten gründlichen Experimenten in der Sozialpolitik ist also: gar keine Experimente beziehungsweise Experimente, die gemacht werden, ohne irgendwelche Daten zu sammeln. Dabei ist es keineswegs unethisch, mit Bildung oder Justiz zu experimentieren. Unethisch ist, es nicht zu tun.

Der Schultag

Die Hypothese: Der traditionelle Schultag beginnt zwischen acht und neun Uhr. Viele Lehrer sind der Ansicht, Schüler arbeiteten frühmorgens am besten. Forschungsergebnisse von Neurowissenschaftlern deuten aber darauf hin, dass die innere Uhr von Jugendlichen im Vergleich zu kleinen Kindern und Erwachsenen um mehrere Stunden „nachgeht“, was erklären könnte, warum Teenager gern lange aufbleiben und morgens nicht aus den Federn kommen. Die Frage war also: Wären die Lernergebnisse von Teenagern besser, wenn der Unterricht morgens später anfinge und die Schüler somit zu einer Tageszeit lernen könnten, zu der sie von Natur aus wacher und aufmerksamer sind?

Das Experiment: Die Lehrergewerkschaften machten sich zunächst über die Idee lustig. Doch Paul Kelley, damaliger Schulleiter der Monkseaton High­- school im britischen Tyneside meinte, es lohne sich, der Sache nachzugehen. 2010 überzeugte er sein Direktorium, den Unterrichtsbeginn von neun auf zehn Uhr zu verlegen. Das Experiment nahm seinen Lauf.

Nach dem ersten Schuljahr erzielte der Abschlussjahrgang von Monkseaton die besten Prüfungsergebnisse seit Bestehen der Schule. Die Zahl der Schüler, die in mindestens fünf Fächern mit einer der drei Bestnoten abschlossen, stieg im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent. Besonders gut waren die Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern und in Informations- und Kommunikations­technologie. Die Fehlzeiten gingen um 27 Prozent zurück.

Das Fazit: Als Beweis reicht dieses eine Experiment nicht. Es zeigt, was an einer Schule in einem Jahr passiert ist – vielleicht war der Jahrgang besonders schlau, vielleicht gehen die Verbesserungen nur darauf zurück, dass der Stundenplan neu war. Dann würde der Effekt mit der Zeit schwinden. Das Experiment hat aber Indizien geliefert, und es wäre relativ einfach, eine randomisierte, kontrollierte Studie durchzuführen, die solide Belege liefert. Dafür müssten etwa alle weiterführenden Schulen einer bestimmten Region nach dem Zufallsprinzip angewiesen werden, entweder um neun oder um zehn Uhr morgens mit dem Unterricht zu beginnen. Dann würden die Prüfungsergebnisse daraufhin ausgewertet, ob es in einer Gruppe gegenüber der anderen zu statistisch signifikanten Verbesserungen gekommen ist.

Drogen und Strafen

Die Hypothese: Es gilt als bewiesen, dass viele Drogenabhängige ihre Sucht durch Diebstahl und ähnliche Straftaten finanzieren. Die Abhängigkeit dieser Delinquenten zu behandeln, statt die Betreffenden ins Gefängnis zu sperren, könnte die Rückfallquote als Straftäter senken.

Die Labour-Regierung in Großbritannien verfügte 1998 daher einen neuen Umgang mit drogenabhängigen Straftätern. Die Richtlinie über Drogenbehandlung und Drogenprüfung (Drug Treatment and Testing Order, DTTO) verfügte, dass wegen Drogendelikten verurteilte Straftäter an einem Behandlungsprogramm teilnehmen müssen und regelmäßig auf Drogenkonsum untersucht werden. Ein Pilot­projekt belegte angeblich die Wirksamkeit dieser Maßnahme, sie wurde landesweit eingeführt.

Das Experiment: Es ist lobenswert, dass sich das Innenministerium vor der ­Einführung der DTTO für eine Pilotstudie entschied. Allerdings haben Statistiker ­gezeigt, dass diese Studie so miserabel angelegt war, dass ihre Ergebnisse im ­Grunde wertlos sind. Erstens wurden zu viele ­junge Straftäter einbezogen, um ­statistische Aussagekraft zu erreichen. Zweitens wurden die Teilnehmer nicht randomisiert. Die zufällige Zuordnung von ­Studienteilnehmern zu einer ­Interventions- oder Kontrollgruppe zählt aber zu den wirksamsten Werkzeugen ­wissenschaftlicher Studien, weil sie eine grundlegende Verzerrung der Ergebnisse zu vermeiden hilft. Verzichtet man auf eine Randomisierung, beruhen die ­beobachteten Unterschiede häufig nur auf den Unterschieden zwischen den beiden Gruppen statt auf einem tatsächlichen ­Effekt.

Das Fazit: Es wäre einfach gewesen, die DTTO-Pilotstudie zu randomisieren. Bei der Verurteilung eines entsprechenden Straftäters hätte der Richter die angemessene Strafe verhängt, dann aber durch ein zufälliges Verfahren entweder der regulären Strafe oder einem DTTO-Programm zugewiesen. Dann hätte man nach Verbüßung der Strafen sowohl die DTTO- als auch die Kontrollgruppe weiter begleiten können, um die Rückfallquoten zu vergleichen. Der einzige Unterscheid zwischen den beiden Gruppen wäre in diesem Fall die Strafe gewesen, durch die sich dann etwaige Unterschiede bei der Rückfälligkeit erklärt hätten. So wie die Studie aber durchgeführt wurde, entschieden die Richter nach ihrem Ermessen, wer dem DTTO-Programm zugewiesen wurde.

Kein Pharmakonzern wäre mit einer derart schlampigen Studie durchgekommen. Um eine strafrechtliche Maßnahme einzuführen, hat es aber gereicht.

Auslandshilfen

Die Hypothese: In den Neunzigern beschloss die niederländische Hilfs­organisation International Christelijk Steunfonds (ICS) ein Programm zur Bildungsförderung in Kenia. Zuvor hatten Untersuchungen gezeigt, dass die Prüfungsergebnisse afrikanischer Kinder sich verbessern, wenn man Schulbücher zur Verfügung stellt, die sonst fehlen würden. Also zahlte die Organisation Bücher für den Englisch- und Mathe­unterricht sowie für naturwissenschaftliche Fächer. Darüber hinaus führte man ein Experiment durch.

Das Experiment: Tim Harford erklärt in seinem Buch Adapt, dass ICS die kenianische Regierung nicht bat, 25 geeignete Schulen zu nennen, sondern einhundert, die allesamt gleichermaßen infrage kämen. Daraus wurden dann 25 zufällig ausgesucht und mit Büchern ausge­stattet. Später wurden die Prüfungsergebnisse der 25 Interventions-Schulen mit den 75 anderen Schulen verglichen, die keine Bücher erhalten hatten.

Das Fazit: Es stellte sich heraus, dass die Bücher kaum etwas verbesserten. Da­raufhin versuchte ICS es mit bebilderten Schaukarten für den Unterricht und führte einen ähnlichen randomisierten Test durch. Wieder zeigte sich kein signifikanter Effekt. Schließlich verlegte sich die Organisation darauf, die Kinder gegen Darmwürmer zu behandeln. Der Versuch wurde diesmal gestaffelt durchgeführt. Die Schüler der 25 zufällig ausgewählten Schulen erhielten die Behandlung um­gehend, die von 25 weiteren Schulen zwei Jahre danach und die von 25 weiteren Schulen wieder zwei Jahre später. Dieses Mal waren die Ergebnisse eindeutig: Die entwurmten Kinder lernten klar besser, was wahrscheinlich an der verbesserten Versorgung mit Nährstoffen lag. ICS hatte die Macht der Randomisierung genutzt, um herauszufinden, wie man die begrenzten eigenen Mittel am effektivsten einsetzen könnte. So viel Weitsicht zeigen Regierungen leider nur selten.
 

Mark Henderson war Wissenschaftsredakteur der Times und leitet jetzt die Kommunikationsabteilung des Wellcome Trust

Übersetzung d. gek. Fassung: Zilla Hofman & Kathrin Zinkant

Kommentare (20)

h.yuren 30.05.2012 | 18:32

das ist ganz unmöglich in einem land, in dem zu besten wunderzeiten mit dem slogan erfolgreich wahlkampf gemacht wurde: "keine experimente!"

aber in anderen ländern könnte das der durchbruch in die zukunft sein. am besten zuerst ein überschaubar kleines land bereit finden, mit der experimentellen methode die verwaltung zu verbessern.
vielleicht findet sich sogar ein multimilliardär, der eine stiftung gründet zur unterstütztung der experimente und für die begleitung durch ausgewiesene kenner der materie. ein musterländle, dessen bevölkerung das projekt bejaht und unterstützt.
vielleicht sollte mit kontrollen angefangen werden, noch vor den experimenten. wissenschaftliche und landesweite kontrollen, z.b. alkoholkontrollen bei allen verkehrsteilnehmern. die unfallzahlen ließen sich allein durch personen- und materialkontrollen drastisch senken. nicht nur im straßenverkehr.
aber die im artikel vorgeschlagenen experimente müssten folgen. hier in nrw ist einmal eine vergleichende studie zu den hausaufgaben der schüler gemacht worden. das ergebnis: die leistungen der vergleichsgruppen mit bzw. ohne hausaufgaben unterschieden sich nicht signifikant. folgen hatte das experiment keine. denn im land haben die juristen das sagen und die bürokraten.

vilab 31.05.2012 | 21:53

Ich finde den Artikel hoch interessant, ärgere mich aber immer massiver über den Freitag, der trotz wiederholter Bitte mir den Zugang zum Originalartikel (den ich dann z.B. ungekürzt lesen und mit meinen kanadischen und amerikanischen Freunden teilen und diskutieren könnte) NICHT MÖGLICH MACHT!!! Wieso eine Zeitung, die sich sonst was einbildet auf ihre tolle Medienpräsenz, es nicht fertig bringt, unter einen übersetzten Artikel die URL des Originalartikels zu setzen, ist mir schleierhaft. Von Service will ich gar nicht erst reden. Denn Mails an die Redaktion werden offenbar grundsätzlich nicht beantwortet.

vilab 01.06.2012 | 14:53

Noch ein Nachtrag, denn offensichtlich nützt es was, wenn man hier so öffentlich meckert: Ich hätte gerne grundsätzlich die URL zum jeweiligen Original bei allen Artikeln aus dem Guardian oder dem Observer o.ä. In einem Telefongespräch mit jemandem vom Freitag wurde mir bestätigt, dass das sinnvoll sei, der Herr aber meinte, er hätte schon mehrfach versucht, das in der Redaktion durchzusetzen, leider ohne Erfolg. Höchst merkwürdig!
Im übrigen habe ich dem Freitag vor längerer Zeit vorgeschlagen, den 65. Geburtstag des Ahlener Programms der CDU zu Anlass zu nehmen, daran in der Rubrik "Zeitgeschichte" zu erinnern. Keine Antwort. Dabei ist es so wunderbar aktuell!

Jörg Friedrich 01.06.2012 | 15:22

vilab, ich habe auch keinen Einfluss auf die Redaktion, ich wollte nur - ganz privat - helfen.

Dass der Artikel auf deutsch kam, ist mir auch passiert, das fand ich sehr ärgerlich, offenbar erkennt die Seite, dass man von einem deutschsprachigen Browser kommt und hängt "lang=de" an die URL.

Übrigens wollte ich noch bemerken dass ich dem Inhalt dieses Artikels sehr kritisch gegenüberstehe. Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, in sozialen Systemen Experimente nach naturwissenschaftlichem Vorbild zu machen, und ich glaube auch nicht, dass Wissenschaft so toll funktioniert, wie der Autor glauben machen will. Aber dazu ein andermal mehr.

flosyforever 01.06.2012 | 16:53

Interssanter Gedanke, gute Darstellung. Es ist m.E. durchaus geboten, so vorzugehen. Mir fällt dazu die Bielefelder Laborschule ein, die seit Jahrzehnten und soweit ich weiß OHNE MEHRKOSTEN Unterrichtsmethoden testet und anwendet, die sehr effektiv sind und den Spaß am Lernen fördern. aber so ist Deutschland: es soll ein Modell bleiben. Was würde es auch bedeuten, wenn mit schülerfreundlichen Methoden das Beste aus ALLEN herauszuholen wäre? Dann könnten ja der Abdullah und der Kevin am Ende dem Alexander und der Elisabeth Konkurrenz machen.

Im Schulbeispiel wird deutlich, daß Sachverstand und wissenschaftliche Erkenntnisse selten in die Praxis übertragen werden. Lehrer werden gezwungen, unabhängig von der Schülerleistung das Notenspektrum auszunutzen, damit die Selektion wie gewohnt funktioniert.

O.k. , längere Studien brauchen Geduld. Aber gut Ding will eben Weile haben. Und gut Ding ist dann im besten Fall günstiger, effektiver und lustvoller, als wir es uns vorstellen dürfen.

manche Experimente bringen aber auch schnell wichtige Erkenntnisse. So wie in Hasselt, wo der ÖPNV gratis ist. s.Wikipedia:Der Restaurantbesitzer Steve Stevaert ließ sich aus Ärger über die Verkehrszunahme in seiner Heimatstadt im Jahr 1995 als Kandidat für die Bürgermeisterwahl aufstellen und gewann mit seinem innovativen Verkehrskonzept eines Öffentlichen Personennahverkehrs zum Nulltarif die Wahl.

Oder wie Wolfgang Neuss sagen würde: Stell dir vor, es geht, und keiner kriegt´s hin.

vilab 03.06.2012 | 22:09

Lieber Jörg Friedrich,
ich vermute mal, Sie sind Geisteswissenschaftler, und Ihre Aversion dagegen, "in sozialen Systemen Experimente nach naturwissenschaftlichem Vorbild zu machen", stammt aus der notorischen Distanz der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften und vice versa. Und die ist das Ergebnis des wirklich unglückseligen Schisma zwischen den beiden Wissenschaftsrichtungen seit Descartes (vorher lief das alles noch gemeinsam unter "Phiolosophie"). Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht, bei "Experimenten" im Sozialbereich muss man vorsichtig sein. Aber hin und wieder mal eine Entscheidung zu überprüfen, z.B. ob Kinder frühmorgens wirklich besser lernen, kann doch nicht so falsch sein?
Ich finde es sehr schade, dass unser Wissen immer spezialisierter wird und das Gesamtwissen der Menschheit so wenig wahrgenommen wird, geschweige denn in den Alltag einfließt. Um das mal an einem pädagogischen Beispiel zu verdeutlichen: Wer als Erziehende/r nicht weiß, dass die Wut eines Kindes (und der damit verbundene Adrenalinschub) nicht durch gutes Zureden, sondern nur durch Bewegung (das Kind sollte mal tüchtig rennen!) abreagiert und abgebaut werden kann, riskiert im Zweifel, alle guten Vorsätze über Bord zu werfen und dem Kind eine Ohrfeige zu versetzen. Mal abgesehen von der ethischen Frage löst das natürlich das Problem nicht, sondern verschlimmert es. Dieses Wissen aber stammt aus der Hirnforschung, nicht aus der Sozialwissenschaft. Es wird jedoch in der Pädagogik nicht gelehrt. Genauso wenig wie ethische Fragen eine angemessene Rolle in den Naturwissenschaften bzw. deren Lehre spielen. Ein weites Feld...

Jörg Friedrich 04.06.2012 | 19:13

vilab, ich habe Physik und Meteorologie studiert, meine Diplomarbeit im Bereich Chaostheorie geschrieben, später Philosophie studiert und meine Masterarbeit im Bereich Philosophie der Naturwissenschaften geschrieben. Ihre Vermutung ist also falsch und richtig zugleich.

Hier mein Blog-Artikel zu dem Thema, vielleicht kann man ja an dieser Stelle doch noch ein wenig konkreter diskutieren:

Zunächst zeichnet Henderson ein Idealbild von Wissenschaft, das zwar weit verbreitet ist und von denen, die gern die naturwissenschaftliche Methode als Vorbild für das Problemlösen in allen Lebenslagen propagieren, immer wieder verbreitet wird, das aber wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Er schreibt u.a.: "Selbst die anmutigste These wird verworfen, wenn sie der Konfrontation mit der Realität nicht standhält." Das wird immer wieder gern behauptet obwohl es nun bereits eine Unmenge von Studien und Fallanalysen gibt, die das Gegenteil beweisen. Ludwik Fleck hat in "Die Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" schon 1935 gezeigt, wie sehr Wissenschaftler an ihren Theorien hängen und wie sie sie gegen die Realität "immun" machen. Das jüngste Beispiel aus dem Bereich der Königsdisziplin unter den Naturwissenschaften, der Physik, ist wohl die Stringtheorie, eine sehr wohl "anmutige These" die nur deshalb die Konfrontation mit der Realität nicht scheuen muss, weil niemand auch nur den Schimmer einer Idee hat, wie man sie in nächster Zeit experimentell überhaupt prüfen kann.

Aber nehmen wir einen Moment lang an, die Wissenschaft wäre tatsächlich so, wie Henderson sie beschreibt. Was er dann völlig außen vor lässt ist, welchen Einrichtungsaufwand die moderne Naturwissenschaft betreiben muss um einigermaßen eindeutige, reproduzierbare und klare Ergebnisse zu erhalten. Dazu müssen in den allermeisten Fällen absolut künstliche, gegenüber der sonstigen Realität radikal vereinfachte Laborbedingungen geschaffen werden. Mit großem Aufwand werden im Labor Situationen erzeugt, die in der Realität so quasi nie anzutreffen sind.

Selbst unter solchen Idealbedingungen sing experimentelle Ergebnisse oft nicht eindeutig. Fehlerdiskussionen müssen durchgeführt werden, das weiß schon jeder, der in der Schule oder im Studium einmal ein Praktikums-Experiment ausführen musste. Dabei wird das Messergebnis auf die bereits bekannte Theorie angepasst. Es wird sozusagen gezeigt, dass das Ergebnis unter den anzunehmenden Störungen irgendwie mit der Theorie vereinbar ist. Das Ergebnis eines Experimentes muss immer interpretiert werden, es ist nie eindeutig.

In gesellschaftlichen Situationen ist es aber nie möglich, solche idealen Experimentiersituationen herzustellen. Die Einflüsse auf die handelnden Menschen sind immer vielfältig und reichen weit vor Beginn des Experimentes zurück. Elementarteilchen und Chemikalien haben keinen Lebenslauf, keine bisherigen Erfahrungen wie Menschen sie haben.

Dazu kommt, dass man aus Experimenten unter Idealbedingungen eben kaum etwas über die Praxis sagen kann, die man erfährt, wenn man das Labor verlässt. Das ist ja der Grund, warum wir uns unsere Welt so schön technisch einrichten: Ein Auto auf glatter Straße rollt eben nahezu so wie im Labor, Das Wasser in der Rohrleitung strömt ebenso wie die Flüssigkeit im Laborversuch und nicht so wie das Wasser im wilden Fluss. Gesellschaftliche Systeme lassen sich aber, zum Glück, nicht so schnell technisch glätten und vereinfachen, und Menschen schon gar nicht.

Experimente mit Menschen verbieten sich aus moralischen Gründen. Man kann mit Menschen nicht umspringen wie mit Elementarteilchen im Beschleuniger oder Laborratten. Wer möchte, dass die Politik die experimentelle Methode von der Naturwissenschaft übernimmt, der strebt letztlich eine Technokratie an, in der die gesellschaftlichen Beziehungen auf das technologisch Beherrschbare reduziert wird und eine Bedienungsanleitung jedem sagt, was er tun darf und was zu unterlassen ist.

Politik muss, wenn sie demokratisch sein soll, vor allem darauf Rücksicht nehmen, was für die Betroffenen akzeptabel ist. Der Chemiker fragt seine Substanzen nicht ob es ihnen recht ist, wenn er sie jetzt zusammenschüttet – das muss Politik aber tun. Ob die Experimentalanordnung einem höheren Zweck dient, ob das Gemeinwohl vom Experiment abhängt oder ob es – nach Meinung von Experten – sogar zum Guten für den Betroffenen ist, ist völlig unerheblich, der Mensch, mit dem ein Experiment gemacht werden soll, muss sich aus freien Stücken auf den Versuch einlassen können, und er muss ihn ohne Angabe von Gründen auch verweigern können. Solche Erwägungen sind Naturwissenschaftlern hinsichtlich ihrer Versuchsobjekte bekanntlich fremd.

In einer demokratischen Gesellschaft ist die Probe auf den Erfolg politischer Experimente die Wahl, die regelmäßig ansteht – und das reicht auch völlig aus. Die Wahlen zeigen, ob die Experimente der Politiker akzeptabel waren. Eine solche Überprüfung steht für die Naturwissenschaften nicht zur Verfügung, ein Wissenschaftler kann nicht demokratisch abgewählt werden. Vielleicht kann da die Wissenschaft noch von der Politik lernen.

h.yuren 05.06.2012 | 13:24

lieber jörg friedrich,
was für ein idealbild der wissenschaft der artikel angeblich bietet oder voraussetzt, sei dahingestellt.
ihr gegenbild von der demokratie ist nicht minder ideal.
das kreuzchenmalen in der kabine ist laborversuch im extrem. alles ist machbar, hat aber mit der realität nichts am hut.
ich möchte an das milgram-experiment erinnern, das gar nicht naturwissenschaftlich, sondern sozialpsychologisch ist. nichts davon ist in der realität der gesellschaft angekommen.
oder nehmen wir das umweltgutachten 2012, das eben vorgestellt wurde. die sachverständigen, die das dokument erarbeitet haben, tun mir ebenso leid wie die leute in den rechnungshöfen, die jedes jahr defizite aufdecken. für die katz.
ich vermisse in der verwaltung der gesellschaft überall das wissen, ich sehe überall den willen. wie vor 6000 jahren.
das ist kein weg in die zukunft. das ist auf crash aus.
wie wissenschaft organisiert ist, muss natürlich auf den prüfstand, wie sie bezahlt wird auch.

gweberbv 05.06.2012 | 18:44

"In einer demokratischen Gesellschaft ist die Probe auf den Erfolg politischer Experimente die Wahl, die regelmäßig ansteht – und das reicht auch völlig aus."

Wäre wirklich schön, wenn man einzelne Programme der Regierung gezielt aus- bzw. abwählen könnte. Leider ist das meines Wissens nirgendwo der Fall. Stattdessen kann man alle paar Jahre die "Laborleiter" austauschen. Das war's.

Politikfelder, die leicht einer wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen werden könnten, gibt es zuhauf. Zum Beispiel könnte man mal mit der neuesten Initiative zur Erhöhung der Mietnebenkosten anfangen: vermieter-ratgeber.de/trinkwasserverordnung-zwingt-vermieter-zum-handeln/2012/02/01

Warum wird nicht für den Bruchteil der für jährliche Kontrollen aufzuwendenden Mittel überprüft, in welchen Wasserversorgungssysteme Legionen verstärkt auftreten und diese dann GEZIELT unter die Lupe genommen? So würde das jede Person handhaben, die schon mal ein Labor von innen gesehen hat.

h.yuren 06.06.2012 | 00:19

wäre es nicht besser, lieber jörg friedrich, die ideale mal beiseite zu lassen und endlich die rollen so zu verteilen, dass nicht mehr die machtkranken den karren steuern, sondern die menschen mit wissen und gewissen?
wie gesagt, die regierenden der bekannten art werden die ganze welt vor die wand fahren - in der gleichen weise wie alle ihre vorgänger seit sumer, nur etwas gründlicher.

vilab 09.06.2012 | 20:30

Lieber Jörg Friedrich, natürlich haben Sie recht: „der Mensch, mit dem ein Experiment gemacht werden soll, muss sich aus freien Stücken auf den Versuch einlassen können, und er muss ihn ohne Angabe von Gründen auch verweigern können.“ Im Falle von Experimenten mit Kindern müssen die Eltern die entsprechende Einwilligung geben. Und ich hoffe, dass dies bei dem Experiment mit Kindern, das der Freitag vom 15. September letzten Jahres beschreibt, auch so geschehen ist:
www.freitag.de/wochenthema/1137-doppelter-ertrag

Da wurden zwei sozial benachteiligte Kindergruppen über Jahrzehnte beobachtet, die eine besuchte zwei Jahre lang eine Kita, die andere nicht. Das Ergebnis ist erstaunlich. Es ist ein Experiment, das durchaus in der Praxis und nicht im Labor stattfand, und selbstverständlich ist das Ergebnis interpretierbar, dennoch aber wohl – trotz der vielfältigen sonstigen Einflüsse auf die beteiligten Menschen – ziemlich eindeutig. Ja, die Experimentiersituation ist nicht so ideal, wie man es sich als Naturwissenschaftler wünschen würde, und das ist im Sozialbereich auch tatsächlich nicht möglich.

Aber ohne solche Experimente haben wir als Grundlage für politische Entscheidungen eben nur die wie auch immer ideologisch eingefärbte Behauptung, wie z.B. zur Zeit (Stichwort Betreuungsgeld) die Behauptung von Frau Schröder und Teilen der CDU und vor allem CSU, dass es nichts Besseres für Kinder gebe, als ausschließlich im Schoße der Familie aufzuwachsen, ungeachtet der Frage, wie geeignet oder auch nur (z.B. aus Zeitgründen) fähig die jeweilige Familie zur Erziehung ihrer Kinder ist.

Im Übrigen erscheint auch mir eine Demokratie, in der globale Konzerne und Ackermänner mitregieren, nicht so vertrauenswürdig wie offenbar Ihnen. Wie demokratisch ist das? Glauben Sie tatsächlich, dass Sie mit Ihrem Kreuz bei der Wahl daran irgendetwas ändern könnten? Ich nicht.

Jörg Friedrich 10.06.2012 | 22:22

Dass Wissen und Gewissen irgendwie miteinander korrelieren ist soviel ich weiß noch nicht nachgewiesen worden. Insbesondere ist nicht gesichert, dass Menschen mit viel Wissen auch ihr Gewissen befragen, wenn es um praktische Entscheidungen geht, manche meinen sogar, aus ihrem Wissen ableiten zu können, ihrem eigenen Gewissen nicht zu gehorchen.

Davon abgesehen sehe ich keine andere Möglichkeit, um Wissender und Gewissenhafte auszuwählen damit sie politische Verantwortung übernehmen, als die Demokratie. Haben Sie eine andere Idee?

Jörg Friedrich 10.06.2012 | 22:29

Es geht nicht um die Demokratie, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Ich denke, an der Demokratie zu arbeiten ist besser als sein Heil in der Technokratie zu suchen.

Naturwissenschaftliches Denken setzt immer voraus, dass man die Bedingungen schafft unter denen Experimente kontrollierbar und wiederholbar sind. Gesellschaftlich wäre das nur nur in einer Diktatur möglich. Ein Diktator bleibt ein Diktator, egal, ob er sich auf Wissenschaft oder auch Willkür stützt.