Ein bisschen zu bissig

Gleichberechtigung Das Magazin Slate startet eine Webseite und giftet gleich mal gegen das Frauen-Portal jezebel.com. Die Debatte offenbart den Riss, der durch die Frauenbewegung geht

Als das amerikanische Online-Magazin Slate vergangenen Monat eine neue Internetseite namens Double X startete, die sich speziell an Frauen richtet, schienen das gute Nachrichten für den Feminismus zu sein. Mit der erklärten Absicht, Themen „unerschrocken intellektuell ohne trocken oder herablassend zu sein“ aufzugreifen, betrat Double X die Blogosphäre, offenbar bereit, sich der verzwickten Frage anzunehmen, was es heutzutage bedeutet – und braucht – eine wirklich befreite Frau zu sein.

Doch statt mit der Geschlechterpolitik in der Welt da draußen abzurechnen, entschied man sich bei Double X, die erste Schlacht mit jemandem aus den eigenen Reihen auszutragen. Dem Internetportal Jezebel, einem der größten und regsten Frauenseiten der USA, warf man vor, Frauen zu schaden, die eigenen Autorinnen zu degradieren und den wahren Kampf um echte sexuelle Gleichberechtigung zu verraten.

Jezebel, das von der Aufmachung her an ein Boulevardblatt erinnert, widmet sich Themen wie „Promis, Sex, Mode für Frauen – ohne Retusche“ und hat weltweit fast 900.000 Leser. Die Jezebel-Autorinnen teilen einerseits kräftige feministische Hiebe aus und sammeln zum Beispiel Geld für die Opfer von Ehrenmorden in Basra. Andererseits schreiben sie schlüpfrig und unverblümt über ihre Promiskuität, derer sie sich keineswegs schämen.

Genuss statt Politik

Als Reaktion auf einen dieser Artikel entfachte Double X einen Brand, der inzwischen auf die globale Online-Community übergegriffen hat. Unter der Überschrift: „Das Problem mit Jezebel. Wie Jezebel Frauen schadet“, warf Double X-Kolumnistin Linda Hirshman, die auch für die New York Times und die Washington Post tätig ist, den Rivalinnen vor, Genusssucht mit der Verfolgung eines politischen Zieles zu verwechseln. Dabei bezog sie sich auf einen einstündigen TV-Auftritt der Jezebel-Bloggerinnen Tracie Egan, die unter dem Namen „Slut Machine“ veröffentlicht, und Maureen „Moe“ Tkacik. Bei diesem hatten die beiden jungen Frauen sich jeglicher ernsthafter Diskussion sexualpolitischer oder -kultureller Themen verweigert. Eine Frage über Vergewaltigung und sexuelle Verantwortung wiegelte Tkacik ab, indem sie salopp erklärte, warum sie, nachdem sie selbst vergewaltigt worden war, nicht Anzeige gegen den Täter erstattet habe: „Ich hatte besseres zu tun,“ sagte sie. „Mehr trinken zum Beispiel.“

Nach der Sendung erklärte Moderatorin Lizz Winstead, wie sehr das Verhalten der jungen Frauen sie entsetzt habe. In ihrem Huffington Post-Blog schrieb sie: “Sie begreifen nicht, welchen Einfluss sie auf ihre Leserinnen haben, übernehmen keinerlei Verantwortung und werden der Vorbildfunktion nicht gerecht, die sie gegenüber jungen Frauen haben, die sich im Übergang zum Erwachsenenalter befinden und auf der Suche nach einem nachahmenswerten Lebensstil sind.“

Hirshman greift Egan und Tkacik als „Symptom der Schwächen im Modell der völlig gleichmacherischen sexuellen Freiheit“ heraus. Die Internetseite Jezebel, heißt es weiter, leiste der Auffassung Vorschub, dass der moderne Feminismus darin bestehe „zu machen, was sich für einen selbst gut anfühlt“ und bediene sich der Sprache des altgedienten Feminismus, um die Ideale der Bewegung zu verraten.

Städterin, Single, sexuell befreit

„Es ist das angeblich feministische Anliegen, das die Seite so problematisch macht. Die Jezebels sind eine leibhaftige Demonstration der chaotischen Möglichkeiten, die immer Bestandteil der Bewegung waren“, so Hirshman. Hiervon sei sie besonders überrascht, weil die Jezebels „aussehen, wie die natürlichen Erbinnen des Feminismus: jung, studiert, urban (größtenteils aus New York), Single, hart arbeitend, sexuell befreit“.

Hirshmans Vorwürfe fanden in der weltweiten Online-Community reichlich Widerhall. Jezebel reagierte mit einem Artikel namens „Who are you calling a bad feminist?“, in dem Hirshman vorgeworfen wird, eine „Schmährede“ verfasst zu haben, die „den Opfern Schande bereite“ und eine zutiefst sexistische feministische Philosophie zu vertreten. „Ich habe Frauenfeindlichkeit gesehen und meist sieht sie der Ideologie sehr ähnlich, die Hirshman dreist „Feminismus“ nennt,“ heißt es in dem Artikel.

Der Streit wird inzwischen so grimmig geführt, dass auch andere sich eingeschaltet haben. Auf Anfrage des Observers stimmte Naomi Wolf Hirschman zu: „Der Feminismus der dritten Welle ist pluralistisch, strebt nach Multiethnizität, steht Sex positiv gegenüber und zeigt Toleranz bezüglich der Entscheidungen, die Frauen für ihr Leben treffen. Dies hat dazu geführt, dass einst politisch suspekte Dinge bereitwillig angenommen wurden – die Vorstellung, dass man eine „Lippenstift-Lesbe“ oder ein "Rrriot girl" sein kann, wenn man sich seine Rolle und seine Freiheit selbst aussuchen will.

Allerdings ist genau dieser Individualismus, der Gutes für den Imagewandel des Feminismus getan hat, gleichzeitig seine Schwäche: Er kann Spaß machen und verspielt sein, zu oft ist er aber ahistorisch und apolitisch. Viele ältere Feministinnen weisen zurecht darauf hin, dass die Welt sich nicht verändern wird, weil eine Menge junger Frauen sich selbstbewusst und persönlich bemächtigt fühlen, wenn es keine Graswurzel- oder Lobbygruppen gibt, die frauenfreundliche Politik vorantreiben, die helfen, das Glasdach zu durchbrechen, angemessene Strukturen zur Unterstützung der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen und wirklichen politischen Einfluss zu entwickeln.“

Weiter fügte Wolf hinzu: „Feministinnen schweben in Gefahr, wenn wir unsere Geschichte nicht kennen. Ein freches Tattoo und ein Kondom machen noch keine Revolution. Tatsache ist, dass wie die Antwort auf die Probleme der westlichen Frauen kennen: Der Weg ist vermessen, die Zeit der Theorie ist weitestgehend vorüber. Wir wissen, welche Gesetze und Strategien wir brauchen, um vollständige Gleichheit zu erreichen. Was uns fehlt, ist eine Graswurzelbewegung, die die politische Willensbildung antreibt. Der „Lippenstift“- oder Lifestyle-Feminismus allein wird diese Bewegung nicht hervorbringen.“

Stinkfaul und eigensüchtig

Die feministische Aktivistin und Journalistin Julie Bindel berichtet, dass Frauen wie Egan und Tkacik sie wütend machen: „Feminismus ist nicht die Freiheit sich zu verhalten wie ein Arschloch,“ meint sie. „Diese Frauen sind Individualistinnen, keine Feministinnen. Sie sind stinkfaul und haben kein Interesse daran, sich an einer politischen Bewegung zu beteiligen, die sich für Veränderungen einsetzt. Stattdessen versuchen sie für ihr eigensüchtiges Leben Glaubwürdigkeit zu erlangen, indem sie Identitätspolitik spielen. Man kann nicht behaupten, eine Feministin zu sein, bloß weil man eine Frau ist.“

Sandrine Leveque, Kampagnenleiterin bei der Menschenrechtsgruppe Object, die sich gegen die Stellung von Frauen als Sexobjekte in der Popkultur stark macht, ist ähnlicher  Meinung: „Es scheint beinahe, als ob das, was vor 20 Jahren als sexistisch betrachtet wurde, als Ermächtigung und Befreiung für die Frauen des 21. Jahrhunderts umverpackt worden ist. Sich die Wahl zu erhalten ist schwer in der heutigen pornofizierten Kultur, die uns mit der Botschaft bombardiert, dass im Jahr 2009 die Vulgärkultur der Ort für Frauen ist.“

Jüngere Feministinnen hingegen neigen eher dazu, Hirshman zu kritisieren: „Bezüglich Double X stehen wir bloß mit Fragen da – ist die Seite nun feministisch oder nicht? Warum bringen sie eine Story, in der sie es einer anderen Frau zum Vorwurf machen, dass sie eine Vergewaltigung nicht angezeigt hat? Was ist Promiskuität? Was bedeutet das? Für mich spricht daraus der Versuch, Frauen, die einvernehmlichen Sex haben, wie und wann sie es wollen, als Schlampen zu diffamieren“, sagt Jess McCabe, Redakteurin von der britischen Webseite The F Word.

Böse Mädchen, schlechte Feministinnen

„So etwas wie eine schlechte Feministin gibt es nicht. Der Feminismus ist eine Bewegung, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Es geht nicht darum, andere Frauen zu tadeln oder einen weiteren Maßstab zu errichten, aufgrund dessen Frauen dann beurteilt werden können. Wir bauen alle mal Mist – wir wurden alle in einer sexistischen, rassistischen, transphoben, heteronormativen Gesellschaft aufgezogen. Und raten Sie mal – das beeinflusst unser Verhalten. Der Feminismus bedeutet für jede und jeden von uns etwas anderes.“

Ellie Levenson, Autorin des in Kürze in Großbritannien erscheinenden Buches The Noughtie Girls Guide to Feminism, steht Hirshmans Unterscheidung von „gutem“ und „schlechtem“ Feminismus ebenfalls kritisch gegenüber: „Ein großer Teil der Kritik an Jezebel entzündet sich daran, dass Frauen offen über ihre sexuellen Eskapaden reden. Beim Feminismus geht es darum, dass Frauen über ihr Verhalten entscheiden und die selben Rechte und Freiheiten haben, sich genauso schlecht benehmen zu können wie Männer auch. Um zu diesen Entscheidungen fähig zu sein, müssen wir von Frauen lesen können, die die verschiedensten Wege gewählt haben.“

Das größte Problem des heutigen Feminismus sieht Levenson darin, dass er zu einem Wort geworden sei, mit dem niemand mehr in Verbindung gebracht werden wolle: „Wenn man die Leute dann aber fragt, ob sie an die Gleichberechtigung von Männern und Frauen glauben, sagen sie: Ja, klar. Absolut. Das Wort ist also das Problem, nicht die Idee.“

So sieht es auch McCabe. Der heutige Feminismus mag zwar durch interne Kämpfe und Rangeleien geprägt sein, sagt sie, trotzdem sei die Bewegung quicklebendig: „Der Strom schwillt immer mehr an und das ist auch bitter nötig. Sachen wie die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungen, die so lächerlich gering ist, dass sie fast schon bei Null liegt, dass Dienste für Frauen eingestellt werden und sich die Lohnschere vergrößert, machen die Notwendigkeit für feministischen Aktivismus größer denn je.

12:23 24.05.2009
Geschrieben von

Amelia Hill&Eva Wiseman, The Observer | The Guardian

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rahab | Community