Ein bizarres Leben

Tod im Gefängnis Wer war Jeffrey Epstein? Der Finanzier soll über Jahre hinweg junge Mädchen sexuell missbraucht haben. Bei den Reichen und Mächtigen ging er trotzdem ein und aus
Ein bizarres Leben
Jeffrey Epstein lebte auf großem Fuß – trotz der Verurteilung wegen Sexualverbrechen

Foto: Stephanie Keith/Getty Images

Als Jeffrey Epstein zum ersten Mal vor dem Bundesgericht in Manhattan erschien, um sich der Anklage wegen Sexhandel zu stellen, war nicht mehr viel übrig vom Antlitz des einst erfolgreichen Finanziers, der die Reichen und Mächtigen zu seiner Entourage zählte und für den die ganze Welt nicht mehr als ein Abenteuer-Spielplatz zu sein schien. Epstein, dem die marineblaue Gefängnisklamotte und das verwuschelte Haar einen Hauch von abgehalfterter Verwirrtheit verlieh, wurde vorgeworfen, er habe zwischen 2002 und 2005 in seinen Häusern in Manhattan und Palm Beach, Florida, „Dutzende von kleinen Mädchen sexuell ausgebeutet und missbraucht“. Er bekannte sich nicht schuldig.

Was folgte, war für Epstein, der trotz der Vielzahl von Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs seit Jahren frei und unbehelligt sein Leben führen konnte, wohl eine dicke Überraschung: Sein immenser Reichtum half ihm nicht mehr weiter. Epstein hatte dem Gericht angeboten, über 100 Millionen Dollar Kaution aufzubringen. Er beantragte Hausarrest, gesichert durch Wachen, für die er selbst bezahlen würde. Doch der Richter biss nicht an. „Die Staatsanwaltschaft hat eine Gefahr für Dritte durch eindeutige und stichhaltige Beweise festgestellt“, so Richard Berman, Richter am Bundesgericht in Manhattan. „Ich bezweifle, dass ein Kautionspaket, in welcher Höhe auch immer, eine Gefahr für die Gesellschaft mindern könnte.“ Epstein ging also zurück in den Bau. Einige Wochen später starb er, anscheinend durch Selbstmord. Epsteins mysteriöses Leben dürfte in den kommenden Wochen die Medien dauerbeschäftigen, denn eine ganze Tranche geleakter Dokumente liefert irre Details über seinen mutmaßlichen Missbrauch von jungen Mädchen, sein Privatleben und seine Verstrickungen.

Alles nahm seinen Anfang in einer eher bescheidenen Ecke von New York. Epstein wuchs in einer Gated Community in Coney Island, Brooklyn, auf. Seine Eltern waren beide die Kinder von Einwanderern. Sein Vater war Müllwerker und seine Mutter Aushilfe in einer Schule. In der High School schloss sich Epstein dem Mathematik-Team der Schule an. Er studierte an der Cooper Union und der New York University, erhielt aber keinen Abschluss. Irgendwie gelang es ihm trotzdem, ohne Abschluss einen Lehrauftrag an der renommierten Dalton High School zu ergattern. Das war Mitte der 1970er Jahre. Sein auffälliges Äußeres sorgte nicht selten für hochgezogene Augenbrauen. „Schüler an einer der angesehensten New Yorker Schulen waren es einfach nicht gewöhnt, einen Lehrer zu haben, der die Grenzen der strengen Kleiderordnung bis ans Limit ausreizte und in Pelzmantel, mit Goldkettchen, offenem Hemd inklusive zur Schau getragener Brustbehaarung durch die Hallen schlenderte“, berichtete die New York Times.

„Sein Verhalten hinterließ einen bleibenden Eindruck“

Bemerkenswerter als das ist allerdings der Umstand, dass es schon damals Anzeichen dafür gab, dass etwas mit Epsteins Gebahren gegenüber Mädchen im Teenageralter nicht in Ordnung sein könnte. Acht ehemalige Schülerinnen erzählten der Times, dass „sein Verhalten einen bis heute tiefsitzenden Eindruck hinterlassen habe“. Epstein tauchte auf Parties auf, auf denen sich auch Jugendliche mit Fusel abschossen, erinnerte sich eine ehemalige Schülerin. „Den meisten ist seine Faszination für Mädchen – ob auf Schulfluren oder in Klassenzimmern – noch heute sehr präsent.“

Keine der von der Times interviewten Ex-Studentinnen wollte sich daran erinnern können, dass Epstein sie ohne Zustimmung versucht hatte zu berühren. In Bezug auf seine Zeit in Dalton wurde er auch nicht wegen sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt. Ein Schülerin fühlte sich damals jedoch so unwohl, dass sie die Schule verständigte.

Obwohl Epstein schlussendlich wegen angeblich „schlechter Leistungen“ entlassen wurde, konnte er seine in Dalton gewonnenen Kontakte doch für seine Arbeit an der Wall Street nutzen. Er legte in der inzwischen nicht mehr existierenden Investmentbank Bear Stearns einen kometenhaften Aufstieg hin. Der boomende Optionshandel erforderte ein tiefgreifendes Verständnis von Mathematik, und Epstein konnte damit dienen. „Für ihn war die Analyse solcher Modelle reiner Denksport, und innerhalb weniger Jahre hatte er seinen eigenen Kundenstamm", heißt es in einem Porträt des New York Magazins aus dem Jahr 2002. Er häufte genug Vermögen an, um sich eine Limousine inklusive Chauffeur zu leisten. Epstein gründete 1982 seine eigene Firma und betreute Kunden, deren Vermögen insgesamt 1 Milliarde Dollar oder mehr betrug. Unter ihnen Leslie Wexner, der ein in Ohio ansässiges Kleidungsimperium gründete, dem unter anderem Victoria's Secret angehört.

„Toller Typ!“

Andere prominente Männer begannen, sich in Epsteins Kreisen zu bewegen. „Ich kenne Jeff seit 15 Jahren. Toller Typ!“, sagte etwa Donald Trump in einem Interview anlässlich des New York Mag Porträts. „Es macht viel Spaß, mit ihm zusammen zu sein. Es wird sogar behauptet, dass er schöne Frauen genauso mag wie ich, viele von ihnen eher auf der jüngeren Seite. Kein Zweifel, Jeffrey genießt das Leben.“

Bill Clinton reiste mit Epstein während einer Afrika-Tournee im Privatjet – zusammen mit den Schauspielern Kevin Spacey und Chris Tucker. „Jeffrey ist sowohl ein sehr erfolgreicher Finanzier als auch ein engagierter Philanthrop, mit einem Gespür für globale Märkte und einem ausgeprägten Sinn für die wissenschaftlichen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts“, sagte ein Sprecher des ehemaligen Präsidenten gegenüber dem New York Mag. „Ich schätzte besonders seine profunden Einblicke und seine Gastfreundschaft während des Trips durch Afrika, den wir antraten, um an der Demokratisierung des Kontinents zu arbeiten, den Armen unter die Arme zu greifen, ziviles Engagement zu unterstützen und HIV zu bekämpfen.“

Epstein verband eine romantische Beziehung zu Ghislaine Maxwell, einer britischen Society-Lady und der Tochter des verstorbenen Medienmoguls Robert Maxwell. Behauptungen über Epstein, sich sexuell unangemessen gegenüber minderjährigen Mädchen zu verhalten, tauchten erstmals 2005 auf. Obwohl es bei den Vorwürfen um etwa 40 Mädchen im Teenageralter ging, stimmte der damalige United States Attorney in Miami, Alex Acosta, 2007 einem Deal mit Epstein zu. Epstein bekannte sich wegen Prostitutionsvorwürfen in Florida und nicht wegen schwererer Bundesverbrechen für schuldig. Er saß 13 Monate ein und musste sich danach als Sexualstraftäter registrieren lassen.

Er lebte sein Leben weiter

Zivilklagen, die mit den Vorwürfen einhergingen, zeichneten ein Bild von Maxwell als Epsteins Rekrutiererin – eine Behauptung, die sie stets entschieden zurückwies. Eine von Epsteins Anklägerinnen behauptete, er habe sie zu einer sexuellen Beziehungen mit Prinz Andrew genötigt – eine Behauptung, die der Buckingham-Palast ebenfalls entschieden zurückwies. Trotz alledem setzte Epstein sein Jet Set-Leben fort und gondelte in Privatflugzeugen zwischen seinen Domizilen in New York, Südflorida, New Mexico, den Virgin Islands und Paris umher. Diese Immobilien waren spektakulär. Seine Ranch in New Mexico war ein üppiger Komplex, isoliert irgendwo in der Wildnis gelegen. Das Anwesen auf seiner Privatinsel war pompös – und von viel Klatsch und Tratsch auf lokaler Ebene umrankt. In diesem wenig bescheidenen Umfeld lebte er sein Leben weiter – trotz der Verurteilung wegen Sexualverbrechen.

Erst 2018 war es Julie K. Browns Reportage im Miami Herald, die erneut Vorwürfe gegen Epstein in den öffentlichen Diskurs beförderte. Weniger als ein Jahr später beschuldigte die US-Staatsanwaltschaft von Manhattan Epstein, er habe „minderjährige Mädchen verführt, rekrutiert und dazu verleitet, verführt und rekrutiert zu werden“, „mit ihm Sexualakte zu begehen, woraufhin er den Opfern Hunderte Dollar in bar gegeben hätte“. „Um sein Opferangebot beständig zu erhalten und zu erweitern“, so die Staatsanwälte, bezahlte er auch einige Mädchen, um wiederum andere anzulocken. „So schuf Epstein ein riesiges Netzwerk von minderjährigen Opfern, die er sexuell ausbeuten konnte.“ Epsteins mutmaßliche Opfer wurden unter dem Vorwand angelockt, ihm Massagen zu verpassen, die dann aber schließlich „nackt oder zumindest teilweise nackt durchgeführt wurden“ und „zunehmend sexueller Natur waren und typischerweise eine oder mehrere Sexualakte beinhalteten“. Clinton und Trump distanzierten sich von Epstein.

Er wollte seinen Penis einfrieren lassen

Nach Epsteins Verhaftung tauchten weitere Details aus seinem undurchsichtigen Privatleben auf. Er hatte einen österreichischen Pass – mit einem Foto von sich, aber einem anderen Namen. Behörden fanden Diamanten und Bargeld, als sie sein Anwesen in Manhattan durchsuchten. Aber es ging noch bizarrer. Ein pikanter Times-Bericht behauptete, dass Epstein „die menschliche Rasse mit seiner DNA übersäen wollte, indem er Frauen auf seiner riesigen Ranch in New Mexico schwängerte“. Epstein wollte ebenfalls, dass sein Kopf und sein Penis nach seinem Tod eingefroren werden – offenbar aufgrund einer regen Faszination für potenzielle Innovationen, die darauf abzielen könnten, gefrorene Körper(teile) in ferner Zukunft wiederzubeleben.

Während Epsteins Leben nun ein jähes Ende fand, wird sein Vermächtnis weiter leben – nicht durch das extravagente Image, an dem er so hart arbeitete, sondern durch jahrelangen mutmaßlichen Missbrauch an schutzlosen Mädchen. Nur wird Epstein sich nicht mehr für seine Verbrechen verantworten müssen, deren wahres Ausmaß man vielleicht niemals kennen wird. Epstein jedenfalls kann nicht mehr vernommen werden. Für seine Opfer ist das eine Tragödie. Jennifer Araoz, die Epstein beschuldigte, sie vergewaltigt zu haben, als sie gerade 15 Jahre alt war, sprach vermutlich für viele, als sie öffentlich erklärte, was die Situation ihr aufbürdete: „Wir müssen für den Rest unseres Lebens mit den Narben, die er verursacht hat, leben, während er nie mit den Folgen seiner Verbrechen, den Schmerzen und Traumata, die er so vielen Menschen zugefügt hat, konfrontiert werden wird. Epstein mag jetzt zwar weg sein, aber der Gerechtigkeit muss noch gedient werden.“

Übersetzung: Jan Jasper Kosok
11:15 13.08.2019
Geschrieben von

Victoria Bekiempis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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