Ein neuer Klimaretter

Klimawandel Komiker Marcus Brigstocke macht sich Gedanken über Bin Ladens Treibhausbilanz und darüber, was er damit meint, man müsse "gegen den Klimawandel handeln".

Wenn es eines gibt, was der grünen Bewegung gerade noch gefehlt hat, dann sicherlich die Unterstützung durch al-Qaidas Oberhaupt Osama Bin Laden. Erzählen Sie mir jetzt nichts von wegen „Eigenanbau“ in den Bergen von Tora Bora. Dann geben Sie doch mal schnell dem pakistanischen Militär Bescheid: Gesucht werden sechs Schrebergartenparzellen und ein Höhleneingang, von dem aus regionales Biogemüse verkauft wird. Sollen sich die Al-Qaida-Funktionäre doch das Badewasser teilen, mich interessiert das nicht. Jetzt kann ich zusehen, wie ich das Bild wieder aus meinem Kopf bekomme, wie Osama bin Laden Zehenspitze an Zehenspitze mit einem seiner Generäle in der Wanne sitzt ...

„Osama, bitte – ich bin gestern schon auf dem Stöpsel gesessen.“ „Wer ist der Chef dieser Organisation? Aha! Und wessen Raketenwerfer steht seit gestern auf Standby? Was habe ich euch gesagt? Und jetzt rück ein Stück zur Seite, du sitzt auf meinem Waschlappen.“

Ich bin mir sicher, dass die CO2 Bilanz eines Höhlen-Eremiten hervorragend ist – zumindest wenn der Höhleneingang zugdicht ist. Vermutlich werden seine barbarischen Gräueltaten ein oder zwei Menschen von Flugreisen abgehalten haben. Trotzdem möchte ich um nichts auf der Welt, dass Bin Laden sich auf unsere Seite schlägt.

Schlimm genug, wenn die Müsli-Typen in ihren Büßerhemden den Klimawandel vorschieben, um die zwangsweise Einführung des Veganismus zu fordern. Mich schaudert, wenn halbpensionierte Sozialisten auf den Trichter kommen, der Klimawandel sei das neue Ding, um den Kapitalismus zu Fall zu bringen. Jeder, der durch die Ökowelle entgrünt worden ist, kennt vermutlich all diese Abgründe. Aber al-Qaida? Der Versuch, die Organisation als Klimaretter zu etablieren ist so lächerlich, wie wenn eine Ölfirma ihre Anzeigen mit Bildern von schönen Berglandschaften schmückt.
In seinem jüngsten Video erklärt Bin Laden: „Dies ist eine Botschaft an die ganze Welt, sie betrifft alle, die für den Klimawandel und seine Auswirkungen – sei es nun absichtlich oder unabsichtlich – verantwortlich sind und die Frage, wie wir handeln müssen.“ Handeln? Wiederaufladbare Terrorzellen? Kompostierbare Sprengstoffgürtel? „Wenn Sie auf dem Schwarzmarkt Waffen kaufen, vergessen Sie bitte nicht, ihren eigenen Jutebeutel mitzubringen“? Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Bin Laden vorschlägt, dass großangelegte Gräueltaten wie der 11. September unbedingt wiederverwertet werden sollten.

Bin Laden spricht in dieser „jüngsten“ Aufnahme über das Kyoto-Protokoll und George W. Bushs Handlungsunfähigkeit. Zeit aufzuholen, Osama – wir sind inzwischen bei Obama und Kopenhagen angekommen. Um ehrlich zu sein: Das gesamte Statement klingt ziemlich überholt und wirft die Frage auf, ob es nicht bereits älteren Datums ist. Vielleicht hat sich Bin Laden für seine Höhle Energiesparbirnen mit der falschen Wattzahl bestellt und liest schon längere Zeit keine Zeitung mehr.

Das stärkste Druckmittel seiner Botschaft ist, er werde „die amerikanische Wirtschaft zum Stillstand bringen.“ Es scheint ihm vollkommen entgangen zu sein, dass Hybris, Gier und massive Boni diesen Job bereits erledigt haben und dass die USA trotzdem in rasender Geschwindigkeit mit der Umweltverschmutzung weitermachen. Bin Laden ruft zum Boykott amerikanischer Produkte und des Dollars auf. Aber mal ehrlich, mir wäre nicht bewusst, dass abgesehen von den Apple-Produkten (für die Gott gesegnet sei) überhaupt noch ein großes Interesse an amerikanischen Waren beseht. Was ist mit China? Warum gibt er nicht China die Schuld? Soweit ich weiß, waren es die Chinesen, die den Gipfel in Kopenhagen gebremst haben. Also meines Erachtens ist die ganze Sache nur halb durchdacht und beweist, dass seine „Besiegt den mächtigen Satan USA“-Rhetorik der einzige Trumpf ist, den er im Ärmel hat. Die Fernbedienung war nirgends zu finden? Zerstören wir Amerika. Die Kinder wollen kein Gemüse essen? Nieder mit den Stars Stripes. Übergewicht? O.K. ... schlechtes Beispiel. Der Klimawandel und alle Ansätze einer Lösungsmöglichkeit sind einfach weit komplexer.

Ich warte mit angehaltenem Atem auf die Kolumnen in der Daily Mail, im Express und im Telegraph, die behaupten werden, George Monbiot und Bin Laden seien ein und dieselbe Person. Ich habe diesen Verdacht seit Jahren. Osama Bin Laden: Der Ökokrieger aus der Höhle, bereit zur Rettung der Welt und zu einer Grausamkeit nach der anderen.

Marcus Brigstocke arbeitet als Komödiant, Autor und Nachrichtensprecher. 1996 gewann er denn Preis "BBC New Comedian".

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Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Marcus Brigstocke | The Guardian

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