Ein neues Zuhause

Medien Amazongründer Jeff Bezos hat die Washington Post gekauft. Dabei handelt es sich nicht um einen Businessdeal: Es ist ein kulturelles Statement. Kann das gutgehen?
Ein neues Zuhause
Jeff Bezos (49) ist Gründer und Präsident von Amazon
Foto: Emmanuel Dunand/ AFP/ Getty Images

Die Story vom Verkauf der Washington Post an den Amazon-Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos für 250 Millionen Dollar liest sich wie die Zusammenfassung eines Romans von Tom Wolfe. Eine große amerikanische Institution wird von einem Internetunternehmer aus der Silicon-Valley-Elite aufgekauft, dessen raketengleicher Aufstieg zu extremen Reichtum sich zeitgleich ereignet hat mit der Implosion einer Galaxie einflussreicher Marken, die vor der Ära des Mikroprozessors das Licht der Welt erblickten.

Es handelt sich um den ersten Zeitungskauf seit über zehn Jahren, der den schlafwandelnden amerikanischen Journalismus wachgerüttelt hat. Zur Abwechslung waren es jedoch diesmal keine schlechte Nachrichten. Aber hat sich damit auch an dem Narrativ des unausweichlichen Niedergangs etwas geändert? Ein äußerst erfolgreicher Sohn der New Economy hat ein bisschen Kleingeld – weniger als ein Prozent seines Vermögens – für einen Titel hingelegt, der zwar von internationaler Bedeutung ist, dessen Zukunftsaussichten aber ungewiss sind. Bezos kann es sich leisten, 42 Millionen Dollar für eine gigantische, in einen Bergstollen hineingebaute Uhr auszugeben - eine vielleicht noch relativ sichere Investition im Vergleich zu einer Zeitung, deren Einnahmen seit sieben Jahren kontinuierlich sinken.

Veränderte Bedürfnisse

Über Bezos Beweggründe wird auf den Finanzseiten spekuliert werden. Dabei handelt es sich hier nicht um einen Businessdeal: Es ist ein kulturelles Statement. Das Nachrichtengewerbe ist nicht mehr das, was es einmal war – wenn man denn überhaupt noch von einem Gewerbe sprechen kann. Es ist ein Kulturgut, dessen Format und Darbietung überholt werden müssen, um den veränderten Bedürfnissen und Möglichkeiten der Konsumenten zu entsprechen.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Washington Post ihrem neuen Besitzer unmittelbar höhere Profitabilität und steigende Aktienkurse bescheren wird. Wenn es denn überhaupt noch Aktienkurse geben wird. In einem kurzen und prägnanten Brief ließ der nunmehr ehemalige Eigentümer Don Graham die Mitarbeiter wissen, er und Herausgeberin Katherine Waymouth hätten während der Gespräche über die Zukunft des Blatts begonnen, sich zu fragen, „ob unsere kleine Aktiengesellschaft noch das beste Zuhause für die Zeitung ist.“

Graham schrieb, die Einnahmen der Post – dieses großen Blatts, das den Watergate-Skandal aufgedeckt und einen Präsidenten gestürzt hat, das sich in Familienbesitz befand, seit sein Großvater Eugene Meyer es 1933 durch Kauf vor dem Bankrott rettete – sänken seit sieben Jahren. Den einzigen Weg in die Zukunft sehe das Management in Kürzungen. Es ist ein Anzeichen der Liebe Grahams zur Post, dass er befand, ihre Zukunft könne am ehesten durch eine Veräußerung gesichert werden.

Am Ende einer Woche, in der die New York Times Company den Boston Globe für 70 Millionen Dollar an den Baseballclub-Besitzer John W. Henry verkaufte, scheint der Weg für die Zeitungen aus einer goldenen Vergangenheit über eine untragbare Gegenwart in eine unbekannte Zukunft freigegeben zu sein. Die Zeitungen sind wieder Spielzeuge der Reichen und keine marktorientierten Profitzentren mehr.

Interessanter ist vielleicht aber noch die Übertragung von Westküstenreichtum an die krisengeplagte Content-Economy der Einflussfabriken von der Ostküste. Die kulturelle Kluft zwischen den Denkprozessen des technikorientierten Silicon Valley und den auf Worten fußenden Ost-Eliten ist enorm. Wie wenig man jeweils voneinander hält, ist haarsträubend.

Ein ungleicher Kampf

Es war ein ungleicher Kampf. Die New Economy von der Westküste verstand es, Beziehungen zu den Menschen zu knüpfen, ihnen zu verkaufen, was sie wollten und die Börsen zu bezaubern – so umfassend und so schnell, dass die analogen Unternehmen nicht mithalten konnten.

Bezos ist darin Meister. Die von ihm verhängte Kostensenkungskur hat Amazon bezüglich der dortigen Arbeitsbedingungen schlechte Presse gebracht. Bezos selbst ist erfolgreich wie kein anderer seiner Kollegen im Silicon Valley – sein Vermögen beläuft sich auf 28 Milliarden Dollar. Sein Lebenslauf derweil weist auch Berührungspunkte mit der Welt jenseits von Palo Alto auf: Er hat nicht in Stanford studiert, sondern in Princeton. Er hat an der Wallstreet gearbeitet, bevor er sich nach Westen aufmachte und Amazon gründete; er hat sein enormes Vermögen mit der Verschickung von Büchern und greifbaren Objekten gemacht, statt mit Bits und Bytes. Und es ist ihm mit dem Kindle erfolgreich gelungen, die Leute dafür bezahlen zu lassen, auf digitalen Geräten lesen zu können.

Schon wird angesichts des Kaufs das „P“-Wort geraunt: Philanthropie. Vielen amerikanischen Journalisten gilt diese als schmutzig. Sie verbinden damit Nachrichtenhäuser, die wegen ihrer Minderwertigkeit subventioniert werden müssen. Diejenigen mit dem Geld hingegen betrachten die direkte Finanzierung von Journalismus weiterhin als Einflussmöglichkeit – eine, die vielleicht effektiver ist, als andere. Große Stiftungen – wie die der Familien Ford oder Gates – haben begonnen, direkt Journalismus zu subventionieren. Nicht aus Mitleid, sondern weil sie glauben, dass er noch immer von einem gesellschaftlichem Nutzen ist, der sich nicht so einfach auf anderen Gebieten replizieren lässt.

Kein Philanthrop

Jeff Bezos macht nicht den Anschein, ein Philanthrop zu sein – wer in Erwartung an die Rückkehr des Geldes in den Journalismus schon die Korken knallen lassen will, sollte den Brief lesen, den Bezos 1997 an die Amazon-Aktionäre geschrieben hat. Eiskalt legte er darin eine effektive Strategie zur Minimierung der Kosten und Maximierung der Erträge dar. Doch immerhin enthält das Schreiben auch einen Absatz mit der Überschrift: „It's All About The Long Term“. Die Angestellten der Post werden inbrünstig hoffen, dass dem wirklich so ist.

Noch nicht sagen lässt sich, wie Bezos die irrationale Welt gefallen wird, in der er sich als Zeitungsinhaber wiederfinden wird. Pro investiertem Dollar schauen die Medien dort genauer hin, als irgendwo sonst. Wie wird er – vor allem, nachdem Amazon gerade einen 600-Millionen-Dollar-Deal über die Bereitstellung von Cloud-Diensten an die CIA abgeschlossen hat – auf die Fülle der Artikel seiner eigenen Publikation über die NSA und ihren Geheimpakt mit der Technikbranche reagieren? Wie wird ihm Kritik seiner eigenen Zeitungen an den Arbeitsbedingungen bei Amazon gefallen? Wie wird es ihm in einer Welt behagen, in der das größte Erfolgskriterium ist, zu reizen, zu demontieren und bestenfalls einen Präsidenten oder andere öffentliche Amtsträger zu stürzen?

Das Silicon Valley ist voller Männer mittleren Alters, die vor Dutzend Jahren bewiesen haben, dass sie das Unmögliche möglich machen konnten. Mit seiner Vorliebe für 10.000-Jahres-Uhren und einem Ruf, der auf langfristigen Strategien beruht, hat Bezos sich möglicherweise an ein Projekt gewagt, das seine Geduld beispiellos auf die Probe stellen wird. Sollte es ihm wirklich gelingen, mit seinem neuen Geld etwas Transformierendes aus den alten Medien zu machen, hätte er auf spektakulärste Weise etwas geschafft, das so unwahrscheinlich war, wie bislang nichts in seiner Karriere.

Übersetzung: Zilla Hofman
15:42 06.08.2013
Geschrieben von

Emily Bell | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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