„Ein offenes Gefängnis“

Katar Gastarbeiter bauen in Katar unter gefährlichsten Bedingungen die Stadien für die WM 2022. Allein in den vergangenen zwei Jahren sind 700 indische Arbeiter gestorben
„Ein offenes Gefängnis“
Das Al Gharafa Stadion bei Doha soll während der FIFA-WM 2022 in Katar ein Zeichen der Freundschaft und des Respekts sein. Doch gerade muss sich der Golfstaat dem Vorwurf stellen, Arbeiter unter lebensgefährlichen Bedingungen zu beschäftigen.

Illustration: Qatar 2022/HH Vision via Getty Images

Katar sieht sich wachsendem internationalen Druck ausgesetzt, gegen die steigenden Todeszahlen bei Arbeitsmigranten vorzugehen, die für die Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ins Land kommen. Gewerkschaften warnen, es könnten weitere 4.000 Menschen ums Leben kommen, bevor das erste Spiel angestoßen wird.

Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) erwartet, dass mindestens weitere 500.000 Arbeiter aus Ländern wie Nepal, Indien und Sri Lanka nach Katar kommen werden, um Stadien, Hotels und Infrastrukturprojekte fertigzustellen. Wenn die Regierung in Doha nicht schleunigst etwas zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen unternehme, könne die Zahl der getöteten Arbeitsmigranten auf 600 pro Jahr, oder fast einem Dutzend pro Woche ansteigen, so der IGB.

Der Verband sah sich zu dieser nachdrücklichen Warnung durch die Enthüllung des Guardian veranlasst, dass zwischen dem vierten Juni und dem achten August dieses Jahres 44 nepalesische Arbeiter an Herzversagen oder durch Unfälle am Arbeitsplatz ums Leben gekommen sind. Arbeiter berichten, man habe sie gezwungen, bei 50 Grad Hitze zu arbeiten, ohne dass ihnen von ihren Arbeitgebern Wasser zur Verfügung gestellt worden wäre. Diese hätten ihnen darüber hinaus über Monate hinweg ihre Löhne und Ausweise vorenthalten, um ihre Ausreise zu verhindern. Viele der Arbeiter sind krank und werden auf viel zu engem Raum unter unhygienischen Bedingungen zusammengepfercht, so die Recherche des Guardian. Vereinzelt wurde sogar von Hunger berichtet.

Boykott der Weltmeisterschaft?

Ein Vertreter des Weltfußballverbandes (Fifa), dessen Vergabe des weltweit größten Sportereignisses 2010 an Katar sehr umstritten war, forderte eine rasche Untersuchung der Vorwürfe. Die Fifa erklärte, man werde das Thema bei einem Treffen des Exekutivkomitees kommende Woche in Zürich diskutieren. Ein Sprecher erklärte, man sei „äußerst besorgt über die Berichte in den Medien.“

Ein Sprecher des katarischen WM-Organisationsteams erklärte, man seie über die Enthüllungen des Guardian „empört“. Für die schlechte Behandlung der Arbeiter gebe es „keinerlei Rechtfertigung“. In London, äußerte der Tory-Abgeordnete Damian Collins die Ansicht, wenn die Fifa die Bedenken nicht ernst nehme, sollten England und andere Fußballnationen über einen Boykott der WM nachdenken.

Nicht nur nepalesische Arbeitsmigranten, die 16 Prozent der insgesamt 1, 2 Millionen Gastarbeiter ausmachen, kommen in Katar außergewöhnlich oft zu Tode. Der indische Botschafter in Katar erklärte, in den ersten fünf Monaten des Jahres seien 82 indische Arbeiter gestorben und 1.460 hätten sich über Arbeitsbedingungen und konsularische Probleme beschwert. Zwischen 2010 und 2012 starben in Katar insgesamt über 700 indische Arbeiter.

Harte Arbeitsbedingungen und unhygienische Wohnverhältnisse

„Die katarischen Behörden unternehmen in der Angelegenheit nicht Substanzielles“, sagt Sharan Burrow, der Generalsekretär des in Brüssel ansässigen IGB nach einem Treffen von Vertretern seiner Organisation mit dem katarischen Arbeitsminister und Vertretern des Führungsausschuss' von Qatar 2022 in der ergangenen Woche in Genf. „Die Zahlen belegen, dass im Durchschnitt mindestens ein Arbeiter pro Tag stirbt. Da nicht wirklich etwas unternommen wird, um daran etwas zu ändern und die Zahl der Arbeiter, die ins Land kommen, um 50 Prozent steigt, werden die Todeszahlen entsprechend steigen.“

Der IGB hat die Schätzung auf der Grundlage der gegenwärtigen Sterblichkeitszahlen für nepalesische und indische Arbeiter erhoben. Auch wenn sie einräumt, dass die Todesursache bei vielen ungeklärt ist – oft werden keine Autopsien durchgeführt und als Todesursache wird oft einfach Herzversagen angegeben – zeigt sie sich fest davon überzeugt, dass harte, gefährliche Arbeitsbedingungen und beengte und unhygienische Wohnverhältnisse dafür verantwortlich sind.

„Wir sind absolut sicher, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen für die Tode ursächlich sind“, sagt Burrow. „Alles, was der Guardian in Erfahrung gebracht hat, stimmt mit den Erkenntnissen überein, die wir bei Besuchen in Katar und Nepal gewonnen haben … Die Fußballweltmeisterschaft steht im Zentrum des öffentlichen Interesses und sollte unter Anwendung der höchsten Standards durchgeführt werden. Das ist hier eindeutig nicht der Fall.“

Nepal rief Botschafterin zurück

Die nepalesische Regierung rief am vergangenen Dienstag ihre Botschafterin aus Katar zurück. In einem Interview mit der BBC hatte Botschafterin Maya Kumari Sharma geäußert, Katar sei für nepalesische Migranten „ein offenes Gefängnis“. Sie stand schon seit längerem unter Druck. Nepalesischen Medienberichten zufolge hat ein führender nepalesischer Politiker in dieser Woche auf Anfrage des katarischen Botschafters in Nepal ihre Entlassung gefordert.

In Katmandu hingegen wurden Forderungen laut, die nepalesische Regierung müsse mehr zur Verteidigung ihrer am Golf tätigen Staatsbürger unternehmen.

„Wir wollen, dass das Personal in der nepalesischen Botschaft in Katar aufgestockt wird, um mit den großen Zahlen an Hilfesuchenden zurecht zu kommen. Darüber hinaus müssen auch materiellen Ressourcen erhöht werden, damit die Botschaft Unterkünfte, Lebensmittel und, falls notwendig, auch Rückflugtickets nach Nepal zur Verfügung stellen kann“, sagt Rameshwar Nepal, Direktor von Amnesty International Nepal.

16:49 27.09.2013
Geschrieben von

Robert Booth, Owen Gibson und Pete Pattisson | The Guardian

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