Ein politisches Erdbeben

Island Island tut, was vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wäre, aber nun angesichts der Rezession zum Rettungsanker taugen soll: Das Land bewirbt sich um einen EU-Beitritt

Premierministerin Johanna Sigurdardottir hält eine EU-Mitgliedschaft inzwischen für den einzigen Weg, um die schwer angeschlagene Wirtschaft des Landes zu retten. "Wir wollen, schnellstmöglich der EU beitreten und den Euro übernehmen", meinte sie schon am 26. April, als ihre sozialdemokratische Partei als Siegerin der Parlamentswahlen feststand. Diese Ankündigung kommt für Reykjavik einem politischen Erdbeben gleich. Was da als Zäsur ansteht, könnte man mit einer Ankündigung des britischen Premierministers Gordon Brown vergleichen, Großbritannien habe nun doch keine andere Wahl, als den Euro zu übernehmen. In Island war ein Beitritt zur EU noch nie ein ernsthaftes Thema, noch nie standen Gespräche mit Brüssel überhaupt auf der politischen Agenda.

Offene Arme in Brüssel

Doch inzwischen hat die weltweite Finanzkrise das Land im Nordatlantik derart zu Boden geworfen, dass unter diesen Umständen Brüssel und der Euro zunehmend attraktiv wirken. Laut einer Gallup-Umfrage von Mitte Mai befürworten 61,2 Prozent der Isländer die Antragstellung für einen EU-Beitritt – lediglich 26,9 Prozent votieren dagegen. Einer Analyse der Zeitung Frettabladid zufolge, hatten noch Ende 2006 42,3 Prozent der Isländer eine Integration die Europäische Union kategorisch abgelehnt (nur 34,3 Prozent waren dafür).

In Brüssel jedenfalls wäre man bereit, die Insel mit offenen Armen zu empfangen. "Island ist eine der ältesten Demokratien der Welt, seine strategische und wirtschaftliche Position wären ein Gewinn für die EU", sagte EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn bereits Anfang des Jahres. Island könnte möglicherweise bereits 2011 in die EU aufgenommen werden, da der Staat als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) bereits zwei Drittel der EU-Bestimmungen umsetze und somit bereits Zugang zum Markt der EU habe.

Doch sollt es tatsächlich dazu kommen – der Weg zur Mitgliedschaft wäre ein steiniger sein. Auch wenn Premierministerin Sigurdardottir und die Sozialdemokraten darauf hoffen und setzen, der links-grüne Koalitionspartner, eine klassische sozialistische Umweltschutz-Partei, hält dagegen. Zuletzt wurde allerdings immer wieder spekuliert wird, dass sich in dieser Frage vielleicht doch ein Konsens finden ließe.

Angst um die Fischbestände

Als größere Hürde dürfte sich die Zukunft des Fischereiwesens als der wichtigsten Ressourcen- und Exportquelle des Landes erweisen. Die Isländer sind entsetzt über die Fischerei-Politik der Europäischen Union und die Vernichtung der Fischbestände durch europäische Fischer. Sie fragen, nicht ohne Grund, warum sie ihren "unverantwortlichen" Nachbarn Zugang zu ihren wichtigsten Reichtümern eröffnen sollen, die sie doch selbst am nötigsten brauchen. Sigurdardottir wird sich dieser Tatsache bewusst sein. Die Fischfangpolitik wird zu den umstrittensten Themen bei möglichen Verhandlungen mit der EU gehören – vorausgesetzt, dass die Althingi, das isländische Parlament, der Premierministerin überhaupt die Auflassung erteilt, in Verhandlungen mit Brüssel einzutreten.

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Übersetzung: Zilla Hofman
Geschrieben von

Gwladys Fouché, The Guardian | The Guardian

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