Decca Aitkenhead
02.01.2011 | 09:00 3

Ein verrückter Rowdy

Großbritannien Der Gewerkschafter Bob Crow hat mit der National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (RMT) den Streik wiederentdeckt, was ihn nicht überall beliebt macht

Wäre er ein Wirtschaftsführer, würde man ihn wahrscheinlich als große britische Erfolgsgeschichte feiern. Seit Bob Crow 2002 das Ruder übernommen hat, ist es ihm gelungen, die Profite seiner Shareholder selbst in wirtschaftlich schwierigsten Zeiten Jahr um Jahr zu erhöhen und sein Unternehmen um 50 Prozent zu vergrößern. Beinahe egal, welchen Maßstab man ansetzt – Crow ist bei weitem der erfolgreichste Vorsitzende in seiner Branche. Und dennoch wird er weithin als nationale Katastrophe betrachtet.

Vor einem Treffen mit dem Chef der Eisenbahnergewerkschaft National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (RMT) frage ich ein paar Freunde, was sie von ihm halten. „Der Typ ist ein verrückter Rowdy“, sagten sie alle. „Ein Dinosaurier“, „die Kehrseite des Sozialismus“. Das kommt von Leuten, die sich selbst als Linke betrachten. Die Rechte ist noch feindseliger: Die Zeitung Sun blockierte den Zugang zu seinem Haus mit einem Doppeldecker-Bus.

Seit September haben die Beschäftigten der Londoner U-Bahn bereits vier Mal für 24 Stunden gestreikt, um gegen den Rauswurf von 800 Mitarbeitern zu protestieren. Wenn man der Berichterstattung darüber Glauben schenken kann, dann fand sich kaum ein Pendler, der den Streik der U-Bahner unterstütze oder auch nur verstand, worum es überhaupt ging, als die Stadt Ende November wieder einmal lahm gelegt war.

Pausenlos im Arbeitskampf

Crow begrüßt mich in seinem Büro der Londoner RMT-Zentrale, legt mir sogleich seine Sicht des Streiks dar und nennt Gründe, warum man nicht zulassen sollte, dass die Londoner Metro 800 Fahrkartenverkäufer entlässt. Diese Gründe reichen von Standards beim Kundenservice bis hin zur Sicherheit im Falle eines terroristischen Anschlags. Er spricht fünf Minuten ohne Pause, und alles, was er sagt, hört sich ausgesprochen vernünftig an. Wenn der Streik durch und durch gerechtfertigt sei, müsse er sich da nicht fragen, was er falsch mache, wenn ihm offenbar so wenige Menschen zustimmen?

„Aber die Leute müssen doch erkennen, worum es geht: Den Verlust von Arbeitsplätzen und eine unzureichende personelle Ausstattung.“ Ich vermute, dass die meisten Leute in London sich nur sagen: Ach Gott, nicht schon wieder, wenn sie Streiknachrichten hören. Die Einzelheiten dürften sie kaum interessieren, denn die RMT scheint sich pausenlos im Arbeitskampf zu befinden. Die Fahrgäste sehen nicht, was die U-Bahn-Angestellten so sehr auszeichnet, dass deren Arbeitsplatz nicht ebenso gefährdet sein darf wie – unter Umständen – der ihre.

„Nun, ich möchte jetzt nicht arrogant klingen“, erwidert Crow flink wie ein Wiesel, „aber warum tun sie dann nichts dagegen?“ Er offenbart eine höchst unkomplizierte Auffassung von der Mission eines Gewerkschaftsführers. „Unsere Organisation hat den alleinigen Zweck, sich um ihre Mitglieder zu kümmern. Nur darum! Nicht das Schienennetz oder sonst irgendetwas.“

Keine wie auch immer geartete Verantwortung gegenüber der reisenden Öffentlichkeit? „Nein.“

Wer trägt die dann? „London Underground. Sie sind die Geschäftsführung.“

Ich frage Crow, ob er weiß, wie viele Streiks ausgerufen wurden, seit er die Führung der RMT übernommen hat. „Nein.“

Es sollen mehr sein, als irgendein Gewerkschaftsvorsitzender in einer anderen Branche zu verantworten hat. „Wahrscheinlich, haben Sie recht. Aber nichts ist mir gleichgültiger als die Frage, ob wir in zehn Jahren keinen oder eine Million Streiks haben. Unsere Mitglieder wählen in geheimer Abstimmung, und ich respektiere ihre Wünsche.“

Ich bezweifle, dass ihm die wirklich gleichgültig sind. Schließlich dreht sich Crows ganze Argumentation darum, dass seine Gewerkschaft deshalb Erfolg hat, weil sie bereit ist zu streiken. „Die Leute treten uns bei, weil wir auf Arbeitskämpfe vorbereitet sind. Wir gewinnen vielleicht nicht immer, aber es gefällt ihnen, dass wir es versuchen. Unsere Mitglieder stehen nicht morgens auf und sagen sich: 'Wofür können wir heute streiken?' Aber es ist unser Markenzeichen, dass wir da draußen sind und uns wehren.“

Unbestreitbare Logik

Seit Crow der Gewerkschaft vorsteht, ist die Mitgliederzahl von 54.000 auf 80.000 angewachsen. Wer sich angeschlossen hat, ist in den Genuss von Lohnerhöhungen und sogar der Wiedereinführung einer Altersversorgung auf Basis des letzten Gehalts gekommen. Crow: „Der Evening Standard hat die Sache schon richtig erkannt, als er schrieb, ich sei 'besessen' von der Idee, die Lebensbedingungen meiner Mitglieder zu verbessern. Das ist völlig richtig, es bereitet mir in der Tat viel Freude, wenn ich sehe, dass eines unserer Mitglieder mehr Lohn bekommt. Das ist ein weiterer Sieg für uns, das gebe ich gerne zu.“

Diese Siege erringen sie, weil sie bereit sind, häufig zu streiken. „Warum waren 1978 12, 5 Millionen Menschen gewerkschaftlich organisiert und heute nur 6,5 Millionen?“ – fragt Crow. „Warum sind die Leute 1978 eingetreten? Weil die Gewerkschaften Zähne hatten. Jahrelang haben viele Leute überhaupt nicht mitbekommen, dass der TUC als Dachverband der Gewerkschaften seine Jahreshauptkonferenz abhielt. 2010 hingegen wurde dieses Treffen zu einem der am meisten beachteten Fernsehereignisse der vergangenen 20 Jahre. Wie kam das? Weil dort darüber geredet wurde, die Mitglieder zu verteidigen. Das beweist: Wenn man zeigt, dass mit einem gerechnet werden muss, dann treten die Leute bei, weil sie sehen, dass man etwas tun kann.“

Crows Position hat eine unbestreitbare Logik. Sie offenbart eine Klarheit, die vielen modernen Gewerkschaften abgeht, von denen irgendwie erwartet wird, dass sie die Interessen der Arbeitgeberseite oder der Verbraucher ebenso vertreten wie die ihrer Mitglieder, während die Unternehmerseite immer zuerst an die Aktionäre denkt. Man könnte Crow mit einigem Recht das gewerkschaftliche Gegenstück zu Ryanair-Vorstandschef Michael O'Leary nennen. Auch wenn er mich entsetzt ansieht, als ich ihm das sage. Aber die meisten von uns dürften sich insgeheim wünschen, dass jemand wie Crow ihre Interessen vertritt. Die Leute, die bei der britischen Bahn arbeiten, müssen jedoch nicht auf einem globalisierten Markt konkurrieren, wie die meisten britischen Arbeitnehmer.

Crow gesteht zu – die Arbeit bei der Bahn sei nicht mit der in einem Call-Center vergleichbar. Hilft eine Gewerkschaft ihren Mitgliedern also wirklich, wenn sie auf Löhnen und Arbeitsbedingungen beharrt, die das Kapital dazu bewegen, Arbeitsplätze ins billigere Ausland zu verlagern? „Das ist ein sehr, sehr gutes Argument und ich akzeptiere, was Sie sagen, denn es ist die Wahrheit. Bei der Globalisierung geht es recht eindeutig um das Drücken von Löhnen und Arbeitsbedingungen. Unsere Aufgabe ist es daher, uns international zu organisieren. Wir tun dies in der International Transport Workers' Federation, damit auch in anderen Teilen der Welt die Löhne steigen.“

Wirklich? Wenn die Gewerkschaftsbewegung das in Großbritannien nicht erreicht hat, frage ich mich, wie Crow glauben kann, dass sie es für Arbeiter in Mumbai schafft.

„Sehen Sie“, entgegnet Crow, „am Ende könnte die Globalisierung doch eine fantastische Angelegenheit sein. Sie könnte die Löhne auf ein Maximum hochtreiben. Darauf läuft es am Ende hinaus. Entweder werden wir zu Boden gedrückt oder wir kommen ganz nach oben. Der Stärkere setzt seinen Willen durch. Wenn es keine starke Gewerkschaften gibt, werden wir das nicht sein ...“

Crow kann sich an keinen einzigen Streik seit 40 Jahren erinnern, der nicht gerechtfertigt gewesen wäre. Nicht einen einzigen. Er geht sie alle durch und nickt immer wieder: „Vollkommen gerechtfertigt“, bis zurück zum Bergarbeiterstreik von 1972. Und was ist, wenn Ed Miliband von der Labour Party von unverantwortlichen Streikaktionen spricht? Er schaut mich verdutzt an. „Ich habe keine Ahnung, wovon der Mann redet.“

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (3)

Ravenbird 02.01.2011 | 17:15

Ein durchaus sympathischer Mensch dieser Bob Crow, dessen Argumentation und Standpunkt ich auch durchaus folgen kann. Gewerkschaften dürfen nicht nur 'bellen' sondern müssen auch 'beißen'! Das sie dazu die nötige Kraft haben braucht es möglichst vieler Mitglieder mit hohem Organisationsgrad. Diese wiederum bekommt man indem man konsequent vorgeht und nicht dauernd winselnd den Schwanz einzieht.

weinsztein 04.01.2011 | 04:14

"Seit September haben die Beschäftigten der Londoner U-Bahn bereits vier Mal für 24 Stunden gestreikt, um gegen den Rauswurf von 800 Mitarbeitern zu protestieren. Wenn man der Berichterstattung darüber Glauben schenken kann, dann fand sich kaum ein Pendler, der den Streik der U-Bahner unterstütze oder auch nur verstand, worum es überhaupt ging, als die Stadt Ende November wieder einmal lahm gelegt war."

Dass sich kaum ein Pendler fand, der diese Streiks unterstützte, bezweifle ich sehr. Warum sollte man der Berichterstattung darüber Glauben schenken? Zeitungs- und TV-Umfragen in Bahnhöfen bei Streiks kennen wir auch hier. Vorgaben der Redaktionsleitungen zu Umfragen und Kommentaren sorgen für den erwünschten Tenor.

Dass es notwendig ist, gewerkschaftliche Strategien - und Streiks sowieso - zu internationalisieren, weiß man auch hier seit 30 oder 40 Jahren. Eigentlich weiß man es seit Marx, aber die Globalisierung von unten, die lässt auf sich warten, vielleicht brauchen wir Gewerkschafter anderen Typs, die sich auf neue Art bewegen.

Onkel Wanja 07.01.2011 | 19:22

"Wie Marx sagt, sät der Kapitalismus den Samen seiner eigenen Terstärung. So trägt die Technik die Menschen auf der einen Seite aus dem Arbeitsprozess, auf der anderen Seite ermöglicht sie diesen jungen Leute aber sich über das Internet zu organisieren."

Bob Crow.

(Gemeint sind vor allem die die Studenten die gegen die saftige Studiengebührenerhöhung auf die Straße gingen. Leider ist der ONLINE-Aritkel gekürzt)

Das muss man sich mal überlegen: Ein englischer Gewerkschafter der Marx zitiert dort und hie nur der sozialdemokratischer Verwesungsgeruch in den DGB-Gewerkschaften, mit ihren Manager-Funktionären mit SPD-Parteibuch! Kann man den Mann importieren?

Ansonsten ist der Artikel mit einer neolibaeralen Sichtweise geschrieben, der sich aber angenehm von deutschem journalistischen Besserwisser-Stil ala SPIEGEL, SÜDDEUTSCHEN UND WELT abhebt, der ja immer so daher kommt, als stamme der Lohnschreiberling direkt aus der betreffenden Verlegerfamlie!

FREITAG lesen hebt echt meine Laune!