Eine fragwürdige Inszenierung

Fall Babtschenko In Zukunft wird man sich bei jedem ermordeten Kreml-Kritiker fragen: Ist er wirklich tot? In Moskau dürfte das wenige stören
Eine fragwürdige Inszenierung
Putzmunterer Stargast: Arkadi Babtschenko bei der Pressekonferenz zum fingierten Mord an ihm

Foto: Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Es war eine dramatische Wendung erster Kajüte: Auf der Pressekonferenz, die anlässlich einer Mordermittlung stattfindet, geht ein Raunen durch die Reihen, als sich herausstellt, dass der Stargast das Opfer selbst ist, grinsend und kein bisschen tot.

Der mutige, umstrittene und widersprüchliche Journalist Arkadi Babtschenko wurde nicht von einem Auftragsmörder in den Rücken geschossen, wie Vertreter der ukrainischen Regierung und entsprechende, an die Öffentlichkeit gelangte Fotos die Weltöffentlichkeit Glauben machten. Vielmehr hat er seinen eigenen Tod im Rahmen einer streng geheimen Operation nur vorgetäuscht, um so den echten Mörder zu fassen, der angeblich auf Geheiß Moskaus auf ihn angesetzt gewesen sein soll.

Im Moskauer Haus der Journalisten nahm man schnell eine Gedenktafel für Babtschenko ab, Nachrufe wurden aus dem Netz genommen oder durch die nicht unerhebliche Korrektur ergänzt.

Der Unglaube und die Freude seiner Freunde und Kollegen darüber, dass ihre Trauer und ihr Schmerz verfrüht waren, führten schon bald zu der Frage, ob es denn wirklich keine andere Möglichkeit gegeben hätte, als die ganze Welt – und angeblich sogar Babtschenkows eigene Frau – einen ganzen Tag lang auf so grausame Weise hinters Licht zu führen.

Die Sache ist schon ein wenig seltsam"

„In einer halben Stunde sollte ich eigentlich die Titelseite mit einem toten Babtschenko und einem Artikel im Innenteil an die Druckerei schicken. Womit soll ich die Zeitung denn jetzt aufmachen? Babtschenko lebt?“; schrieb Witaly Sych vom ukrainischen Magazin Nowoye Wremya auf Facebook. „Wer macht denn so etwas? Natürlich ist es gut, dass er lebt. Aber die Sache ist schon ein wenig seltsam.“

Die Geschichte erinnert an die tief-schwarzen Comic-Romane des Kiewer Schriftstellers Andrei Kurkow, die sich oft um Auftragsmorde drehen: In einem geht es unter anderem um einen Mann, der unter Depressionen leidet und über einen Umweg seine eigene Ermordung in Auftrag gibt.

Trotz aller offensichtlichen Absurdität gibt es in diesem Fall aber nichts zu lachen: Babtschenko ist wirklich aus Russland geflohen, weil er Angst um sein Leben hatte, und es kann durchaus einen echten Plan gegeben haben, ihn zu ermorden. Die Frage besteht darin, ob die ukrainischen Behörden durch die Verhinderung dieses mutmaßlichen Mordes (wenn das wirklich zutreffen sollte) nicht mehr Schaden angerichtet haben und ob es nicht einen weniger provokanten Weg gegeben hätte, dieses Ziel zu erreichen.

Das nächste Mal, wenn ein Kreml-Kritiker erschossen oder vergiftet wird oder vom Balkon fällt, wird die erste Frage immer lauten: Ist er wirklich tot? Es besteht kein Zweifel daran, dass Moskau in Zukunft auf Berichte und Bilder verschiedener mit Russland in Verbindung gebrachter Gräueltaten standardmäßig auf den Fall verweisen wird.

„Wenn man mir das nächste Mal Bilder von den Weißhelmen aus Syrien zeigt, werde ich Bilder des ‘von Putin getöteten Arkadi’ entgegenhalten,” schrieb ein pro-russischer Twitter-Nutzer – ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mit Sicherheit passieren wird.

Viele Geschmacklosigkeiten

Natürlich ist es kein Grund, eine möglicherweise lebensrettende Aktion nicht durchzuführen, nur weil der Kreml sie in seinem Sinne nutzen dürfte. Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass es sehr gute Gründe dafür gegeben hat, die Operation in dieser Weise durchzuführen, bleiben Fragen: War es wirklich notwendig, seinen Tod zu verkünden? Hätte eine ernsthafte Verletzung nicht genügt? War es wirklich nötig, Freunde, Verwandte und russische Journalisten, die bereits mehrere Kollegen und Kolleginnen durch Kugeln verloren haben, so zu erschüttern?

Auch die Art und Weise der Enthüllung waren ziemlich geschmacklos. Anstatt mit gebotenem Ernst die Notwendigkeit für ein derartiges Vorgehen mitzuteilen, wurde Babstchenko auf der Pressekonferenz in einer Art und Weise präsentiert, die die größtmögliche Schockwirkung versprach und eher an einen Illusionskünstler erinnerte, der seine soeben zersägte Assistentin vor den Augen des erstaunten Publikums am Stück aus der Kiste springen lässt.

Präsident Petro Poroschenko sprach von einer „hervorragenden Operation“, während Innenminister Anton Geraschenko seine Aufregung angesichts der Nacht-und-Nebel-Aktion kaum unter Kontrolle halten konnte: „Selbst Sherlock Holmes hat erfolgreich die Methode angewendet, seinen eigenen Tod zu fingieren, um schwierige und komplizierte Verbrechen zu untersuchen, wie schmerzvoll dies für seine Verwandten und Dr. Watson auch gewesen sein mag“, schrieb er auf Facebook.

Der ukrainische Premier Wolodymyr Groysman, hatte noch am Mittwochmorgen erklärt, Babtschenko sei von der „totalitären russischen Maschinerie“ getötet worden, und verlangte, dass „die Mörder bestraft werden“. Es war unklar, ob das alles Teil des Plots war, um die Möchtegern-Mörder ins Bockshorn zu jagen, oder ob er selbst von dem fingierten Tod nichts wusste.

Jetzt wird alles davon abhängen, welche Beweise die Ukraine für die russischen Mordpläne vorlegen kann. Sollte Kiew den eindeutigen Beweis erbringen können, dass der Befehl für den verhinderten Auftragsmörder aus Moskau kam, könnte die ganze Episode als kühner, wenn auch umstrittener Erfolg gewertet werden. Wenn nicht, werden viele dem Vorsitzenden von Reporter ohne Grenzen, Christophe Deloire, zustimmen: „Es ist bedauerlich, dass die ukrainische Polizei mit der Wahrheit gespielt hat, ganz egal, was ihre Motive für den Coup waren“.

Shaun Walker ist Zentral- und Osteuropa-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

15:19 31.05.2018
Geschrieben von

Shaun Walker | The Guardian

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