Eine Rettung kommt selten allein

Fridays for Future Wollen wir die Politik zum Handeln zwingen und die ökologische Katastrophe verhindern, hilft nur konsequenter ziviler Ungehorsam – in Massen
Eine Rettung kommt selten allein
Der Erfolg des Kampfs gegen den Klimawandel hängt von uns ab

Foto: Adam Berry/Getty Images

Hätten wir so viel Energie in die Verhinderung der Umweltkatastrophe investiert wie in Ausreden für unser Nichtstun, ja, dann hätten wir sie längst verhindert. Wo ich nur hinblicke, sehe ich Menschen, die wütend versuchen, sich der moralischen Herausforderung zu entziehen, die der Kampf gegen den Klimawandel eben bedeutet.

Die häufigste Ausrede, die man zu hören bekommt, lautet: „Ich wette, diese Demonstranten haben auch Telefone/fahren auch in den Urlaub/tragen auch Lederschuhe.“ Übersetzt heißt das so viel wie: Wir werden niemandem zuhören, der nicht nackt in einem Fass lebt und sich von Brackwasser ernährt. Natürlich werden wir auch nicht auf Leute hören, die nackt in einem Fass leben und sich von Brackwasser ernähren, denn so etwas tun schließlich nur verrückte Hippies! Jeder Überbringer der Botschaft und jede Botschaft, die er oder sie überbringt, wird disqualifiziert. Entweder weil er nicht integer und glaubwürdig ist – oder weil er es mit der Integrität übertreibt. Im Ergebnis steht dasselbe.

Während die Umweltkrise sich immer weiter zuspitzt und Protestbewegungen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion es einem immer schwerer machen, weiter die Augen davor zu verschließen, entdecken die Leute immer innovativere Methoden, den Kopf in den Sand zu stecken und die Verantwortung von sich zu schieben. Diesen Ausreden liegt ein tief verwurzelter Glaube zugrunde, dass wenn wir wirklich in Schwierigkeiten wären, schon irgendjemand kommen würde, um uns zu retten. „Sie“ werden es schon nicht zulassen. Aber es gibt „sie“ nicht. Nur uns.

Es sind keine mysteriösen Kräfte für den Klimawandel verantwortlich

Wie mittlerweile jeder sehen kann, der die Entwicklungen der vergangenen paar Jahre verfolgt hat, ist die politische Klasse noch nicht einmal in der Lage, kurzfristige Krisen zu bewältigen – von einer so gewaltigen und existenziellen wie dem Klimawandel ganz zu schweigen. Solange sie nicht durch die konzentrierte Kraft des Protests begleitet werden – der genaue Forderungen stellt und Räume schafft, in denen neue politische Fraktionen entstehen können – bleiben parlamentarische Wahlen, so wichtig sie sein mögen, ein stumpfes und schwaches Schwert.

Von ein paar löblichen Ausnahmen abgesehen sind die Medien aktiv feindselig. Selbst wenn sie über den Klimawandel berichten, vermeiden sie tunlichst, von Macht und Verantwortung zu sprechen, informieren über den Zusammenbruch der Umwelt, als ob dieser von mysteriösen Kräften angetrieben würde, und schlagen mikroskopische Lösungen für große strukturelle Probleme vor.

Wir können uns beim Erhalt des Lebens auf der Erde nicht auf die Regierenden verlassen. Es gibt keine wohlwollende Autorität, die uns vor Schaden bewahrt. Niemand wird kommen, um uns zu erretten, und niemand kann den Ruf länger ignorieren, der uns auffordert, uns zusammenzutun und uns selbst zu retten.

Verzweiflung ist meiner Ansicht nach nur eine weitere Form der Leugnung. Indem wir angesichts der Katastrophen, die uns eines Tages betreffen könnten, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, verunklaren wir sie, schieben sie von uns und verwandeln konkrete Entscheidungen in diffuse Angst. Wir können uns selbst vielleicht die Pflicht zu handeln absprechen und uns einreden, dafür sei es bereits zu spät, doch damit verurteilen wir andere zu Elend und Tod.

Die Katastrophe betrifft viele schon jetzt, und anders als diejenigen in den reichen Ländern, die es sich noch immer leisten können, sich in Verzweiflung zu suhlen, sind diese Menschen gezwungen, zu reagieren und zu handeln: in Mosambik, Simbabwe und Malawi, die vom Zyklon Idai getroffen wurden. In Syrien, Libyen und im Jemen, wo das Klimachaos mit zum Ausbruch des Bürgerkrieges beigeragen hat. In Guatemala, Honduras und El Salvador, wo Ernteausfälle, Dürren und der Zusammenbruch der Fischerei die Menschen von ihrem Land vertrieben haben. Überall dort stellt Verzweiflung keine Option dar. Unsere Passivität zwingt sie zu handeln, denn ihre Situation ist vor allem durch den Konsum und die Lebensweise des reichen Nordens verursacht worden. Die Christen könnten recht behalten: Verzweiflung ist eine Sünde.

Wir können nicht auf die Kosten späterer Generationen leben

Jüngst hat der Autor Jeremy Lent in einem Essay darauf hingewiesen, dass es mit ziemlicher Sicherheit bereits zu spät dafür ist, einige der großen lebenden Weltwunder zu retten – wie etwa die Korallenriffe oder die Monarchfalter. Es könnte auch schon zu spät sein, um zu verhindern, dass einige der am stärksten gefährdeten Menschen ihr Zuhause verlieren. Doch, so Lent weiter, mit jedem Anstieg der Erderwärmung und mit jedem Anstieg des Rohstoffverbrauchs müssen wir noch größere Verluste hinnehmen, von denen viele durch radikale Transformation noch verhindert werden könnten.

Jede nichtlineare Transformation in der Geschichte hat die Menschen überrascht. Wie Alexei Jurchak in seinem Buch über den Zusammenbruch der Sowjetunion– Everything Was Forever, Until It Was No More – erklärt, erscheinen Systeme so lange unveränderlich, bis sie plötzlich auseinanderbrechen. Und sobald sie sich aufgelöst haben, scheint der Zerfall rückblickend als unvermeidbar. Unser System – das durch permanentes Wirtschaftswachstum auf einem Planeten, der nicht wächst, genkennzeichnet ist – wird zwangsläufig implodieren. Die einzige Frage besteht darin, ob die Transformation geplant oder ungeplant vonstatten geht. Unsere Aufgabe besteht darin, sicherzustellen, dass sie geplant ist – und schnell. Wir müssen ein neues System konzipieren und errichten, eines, das auf dem Prinzip basiert, dass jede Generation überall das gleiche Recht auf den Genuss natürlichen Reichtums besitzt.

Das ist weniger beängstigend, als wir uns vielleicht vorstellen. Wie die historischen Untersuchungen Erica Chenoweths zeigen, müssen für den Erfolg einer friedlichen Massenbewegung lediglich 3,5 Prozent der Bevölkerung mobilisiert werden. Menschen sind äußerst soziale Säugetiere, die sich ständig, wenn auch unbewusst, über die sich verändernden sozialen Strömungen im Klaren sind. Sobald wir erkennen, dass sich der Status quo geändert hat, wechseln wir mit einem Mal von der Unterstützung eines Zustandes zur Unterstützung des anderen. Wenn sich hinter der Forderung nach einem neuen System engagierte und lautstarke 3,5 Prozent vereinen, wird die darauffolgende soziale Lawine unaufhaltsam. Aufzugeben, bevor wir diese Schwelle erreicht haben, wäre schlimmer als Verzweiflung. Das wäre Defätismus.

Die Zeit für Ausreden ist vorbei

Gegenwärtig gehen die Aktivistinnen von Extinction Rebellion und Fridays for Future auf der ganzen Welt auf die Straße, um unsere lebenserhaltenden Systeme zu verteidigen. Durch mutiges, störendes und gewaltfreies Handeln erzwingen sie, dass unsere Umweltprobleme auf die politische Agenda gesetzt werden. Wer sind diese Leute? Ein weiteres „sie“, das uns vor unseren Verrücktheiten retten könnte? Nein, der Erfolg dieser Mobilisierung hängt von uns ab. Sie wird die kritische Schwelle nur dann erreichen, wenn genug von uns Leugnung und Verzweiflung überwinden und sich dieser Bewegung anschließen. Die Zeit für Ausreden ist vorbei. Der Kampf für den Sturz unseres lebensvernichtenden Systems hat begonnen.

George Monbiot ist ein britischer Journalist, Autor, Universitätsdozent, Umweltschützer und Aktivist

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 25.04.2019
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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