Eine vertane Chance

Theater Der britische Erfolgsdramatiker Mark Ravenhill hat ein Stück über die deutsche Wiedervereinigung geschrieben. Er ist schockiert über die Kluft zwischen Ost und West

"Ist doch wie Boxen, oder?“, fragt Mark Ravenhill und tut so, als würde er seinem Darsteller Harry Treadaway die Schultern massieren. Der britische Dramatiker befindet sich bei den Proben zu seinem neuen Stück Over There. „Mein Junge in der linken Ecke, deiner in der rechten.“ Auf der anderen Seite der Bühne redet Co-Regisseur Ramin Gray motivierend auf Harrys Zwillingsbruder Luke ein. „Zwei Schauspieler, zwei Regisseure, das krieg ich nicht hin,“ klagt der 24-Jährige. „Ding, ding,“ ruft Ravenhill aus. „Nächste Runde!“

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Die zwei Kammern eines Herzens, die zwei Vordersitze eines Autos – in den zwanzig Jahren, die seit dem Fall der Berliner Mauer vergangen sind, wurden viele Analogien bemüht, um das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland zu beschreiben. Von Willy Brandt stammt das berühmte Wort des verwundeten Körpers, an welchem „zusammenwächst, was zusammen gehört.“ Die Metapher zweier schattenboxender Brüder fügt sich da gut ein.

Zwei schattenboxende Brüder

Selbstverständlich geht es in Ravenhills Stück nicht wirklich um den Boxsport. Die Konfrontation zwischen den beiden Hauptcharakteren ist eher eine psychologische als eine physische. Die beiden 1964 geborenen Brüder wachsen auf unterschiedlichen Seiten des Eisernen Vorhangs auf, Franz bei der pro-westlichen Mutter, die aus der DDR geflüchtet ist, Karl beim Vater, einem Anhänger des sozialistischen Regimes. Als die Zwillinge sich als Erwachsene wieder sehen, trennt sie eine tiefe ideologische Kluft.

Es fällt britischen Dramatikern dieser Tage nicht unbedingt leicht, über den Kommunismus zu schreiben. Zu sehr erinnert das Wort an die Werke George Bernard Shaws vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Ravenhills neues Stück vom Royal Court in London und der Berliner Schaubühne in Auftrag gegeben wurde, war anfangs erwartet worden, dass er ein Subjet wählen würde, das in seinem Heimatland angesiedelt ist. „Man ging davon aus, dass ich etwas über den Fall des Thatcherismus oder den Fall des Blairismus schreiben würde,“ erzählt Ravenhill. „Dann erschien mir in Bezug auf die Kollision von Ideologien die Situation in Deutschland aber um so vieles eindrücklicher. In der deutschen Geschichte haben sich in den zurückliegenden hundert Jahren gewaltige Veränderungen ereignet. Die englische Geschichte hat nichts Vergleichbares vorzuweisen.“

In Deutschland ist Ravenhill „ganz groß“. Nach Berlin kam er zum ersten Mal im Jahr 1997, als er mit weiteren Vertretern der In-Yer-Face-Schule wie Sarah Kane und Martin Crimp eingeladen wurden, Lesungen in der deutschen Hauptstadt zu halten. Auch heute werden Kanes Stücke öfter in Deutschland aufgeführt als in anderen Ländern, die Schaubühne hat vier Ravenhill-Stücke im Repertoire.

Vor der Wende war das Essen besser

Ravenhill dachte eigentlich, er kenne sich aus mit der Geschichte der deutschen Wiedervereinigung: „Ich kannte das Bild aus den Medien: Menschen, die auf der Mauer stehen und einander umarmen, zwei Länder, die zusammenkommen, das Ende der Stasi-Diktatur, alle sind glücklich, glücklich, glücklich.“ Als er aber zu Recherchezwecken in das ehemalige Ostberlin fuhr, wurde ihm bewusst, dass Realität und Mediendarstellung nicht übereinstimmten: Ein Angestellter im Alexanderplatz-Hotel versicherte ihm, das Haus sei vor der Privatisierung effizienter geführt worden, und auch das Essen sei besser gewesen.

Viele Deutsche tun so etwas als pure Ostalgie ab, als Sehnsucht nach dem Tand der alten Republik, nach Spreewaldgurken und Club Cola. Ravenhill ist aber überzeugt, dass mehr dahinter steckt: „Von Nostalgie zu reden, heißt, die Sache zu reduzieren. Natürlich gibt es eine Generation, die sich an die Dinge ihrer Jugend mit Nostalgie erinnert. Es gibt aber auch eine jüngere Generation, 18- bis 21jährige, die auf ihre Eltern wütend sind, wie die Generation der `68er im Westen wütend auf ihre Eltern war. In Großbritannien ist uns die Wiedervereinigung immer als etwas präsentiert worden, an dem zwei Länder gleichermaßen Teil hatten. Tatsächlich aber ist Deutschland einfach zu einem großen Westdeutschland geworden. Ostdeutschland hörte auf zu existieren.“

Der Brite war schockiert, in einem Gespräch mit einem ehemaligen Treuhandmitarbeiter zu erfahren, dass viele Unternehmen an Investoren verkauft wurden, ohne dass sichergestellt wurde, dass die Angestellten die gleichen Rechte erhalten würden wie im Westen. „Da kamen gar nicht so sehr zwei Länder zusammen. Vielmehr wurde eines vor dem anderen globalisiert.“

Wessis reden über Ossis wie weiland Engländer über Iren

Im Dezember 2007 erregte eine Umfrage unter 16- bis 18jährigen Brandenburgern großes Aufsehen in der deutschen Presse: Die jungen Leute in dem neuen Bundesland schienen viel weniger über die DDR zu wissen als ihre Altersgenossen in Hamburg oder München. Die Hälfte von ihnen wusste nicht, von wem oder wann die Mauer errichtet worden war. Ravenhill weist aber darauf hin, dass die Einstellung vieler Westdeutscher Ostdeutschland gegenüber nicht weniger beunruhigend sei – die nämlich seien bestenfalls ignorant und schlechtestenfalls arrogant und überheblich: „Ich war entsetzt darüber, wie selbst liberale Deutsche – zum Beispiel solche, die beim Theater arbeiten – bei Partys Witze über „Ossis“ reißen. Das grenzt an Rassismus. So hat man in den siebziger und achtziger Jahren in England über die Iren geredet. Heute würde man das einfach nicht mehr machen.“

Über das Bild von den getrennten Zwillingen konnte Ravenhill seine Gedanken zur Kluft zwischen Ost und West in einem menschlichen Konflikt übertragen. Luke und Harry Treadaway, die Ravenhill kennen lernte, als sie noch Schauspielschüler waren, standen schon als Besetzung fest, bevor das Script überhaupt fertig gestellt war. Sie waren zuvor erst einmal - in dem Dokumentarfilmparodie Brothers of the Head von 2005 - gemeinsam aufgetreten. Während Luke beim Theater Karriere macht, steht Harry, den es zum Film zog, für Ravenhill zum ersten Mal auf der Bühne. Für Over There haben die Brüder auch ein Lied mit dem Titel "Red Sky" geschrieben.

Einzigartiges Experiment

Ravenhill glaubt, es sei „wahrscheinlich ein einzigartiges Experiment in der Geschichte des Theaters“ zwei wirkliche Zwillinge in einem Stück auftreten zu lassen. Seine verschwisterten Darsteller geben zu, dass dieser Versuch für sie nicht ganz einfach war: „Wenn ich zuhause proben würde und der Raum wäre voller Spiegel, würde ich die als allererstes verhängen“, sagt Harry. „Das Letzte was man will, wenn an versucht in seinem Charakter Wahrheit zu finden, ist ständig das eigene Ebenbild vor Augen zu haben.“

Um mit diesen Spiegelsaal-Effekt zurechtzukommen, übernehmen die Treadaways abwechselnd den aktiven und den passiven Part. Auch während unseres Interviews: Spricht der eine, schaltet der andere ab. Eine Überlebenstechnik, meint Ravenhill, „aber wenn man diesen arbeitsteiligen Ansatz auf den Probenraum überträgt, kann es schwierig werden.“ Er nimmt wieder die Kampfhaltung ein. „Als Regisseur will man sie so.“

Die größte Herausforderung für diese Produktion, die Ende diesen Monats nach Berlin kommt, dürfte derweil nicht sein, die kulturellen Grenzen zwischen Ost und West auszuhandeln, sondern die zwischen England und Deutschland. Vor den Proben hat das Team sich verschiedene Produktionen in Berlin angeschaut und fand die eigenen Vorstellungen gründlich auf den Kopf gestellt. Weit von Schillers „moralischer Instanz“ oder Brecht entfernt, schien ihnen das deutsche Theater befreiend spielerisch.

Das deutsche Theater: befreiend spielerisch

„Dort bemüht man sich nicht um den letztendlich einschränken Naturalismus, der einem an englischen Häusern begegnet,“ erklärt Harry. „In Deutschland sagt man sich: Okay, wir sind uns darüber bewusst, dass ihr die Zuschauer seid und wir die Schauspieler und wir werden jetzt einen ausgemachten Streit auf der Bühne haben, aber in der nächsten Szenen singen wir vielleicht einfach ein Lied.“

Ravenhill berichtet, vollkommen überrascht gewesen zu sein, als er sah, wie in Thomas Ostermeiers Produktion seines Stückes Shoppen und Ficken der Sozialrealismus komplett über Bord geworfen wurde: „Das deutsche Theater reißt die Lücken auf, während man im englischen Theater stolz darauf ist, sie unsichtbar werden zu lassen.“

Gleichzeitig geht Ravenhill das Deutschland nach der Wiedervereinigung mit einer Direktheit an, die man auf deutschen Bühnen selten findet. In Deutschland sind die Regisseure die Superstars des Theaters, nicht die Stückeschreiber. Die Programme sind voll mit radikalen Klassiker-Interpretationen, auf neuere Werke stößt man hingegen kaum. (Was allerdings nicht heißt, dass es wütenden Stücke über die Wiedervereinigung nicht gibt: Marius von Mayenburgs Der Stein und Klaus Pohls Wartesaal Deutschland, beides Court-Koproduktionen, sind nur zwei Beispiele.)

„Es (die Wiedervereinigung) war ein einzigartiger Augenblick der Geschichte, der die echte Chance für einen Dialog zwischen einer Marktwirtschaft und einem sozialistischen Land barg – dieser Chance wurde vertan,“ sagt Ravenhill. „Der diesjährige Jahrestag hat bei jungen Deutschen viele Fragen aufgeworfen. Das Thema ist nicht tot.“


Die Inszenierung des Londoner Royal Court Theatre gastiert vom 23.-25.03.2009 an der Berliner Schaubühne

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Philip Oltermann, The Guardian | The Guardian

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