Eine weniger flog über das Kuckucksnest

Pussy Riot Die Freilassung von Jekaterina Samuzewitsch führt zu Verschwörungstheorien, da ihre Bandgenossinnen den Rest der zweijährigen Strafe verbüßen müssen
Eine weniger flog über das Kuckucksnest
Pussy-Riot-Sängerin Jekaterina Samuzewitsch nach dem Freispruch durch Moskauer Gericht

Foto: Natalia Kolesnikova / AFP / Getty Images

Sieben Monate lang konnte die Welt die drei Frauen von Pussy Riot sehen, wie sie trotzig lächelnd in einem Glaskäfig saßen, in seltener Auflehnung gegen Wladimir Putin und das Justizsystem, das ihm zu Diensten ist. Am Mittwoch aber wurde das Trio vom Moskauer Stadtgericht auseinandergerissen: Während Jekaterina Samuzewitsch, die älteste und ruhigste der drei, freigesprochen wurde, müssen die anderen beiden Bandmitglieder den Rest ihrer zweijährigen Strafe in einem russischen Straflager verbüßen.

Als die beiden Verurteilten, Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa, zum Abschied Samuzewitsch umarmten, lächelten sie, auch wenn ihnen Tränen in den Augen standen. Anschließend streckten sie ihre Arme durch eine Öffnung in dem Glaskäfig, damit die Wärter ihnen Handschellen anlegen und sie wegführen konnten.

Die Freilassung von Samuzewitsch verursachte in dem Land voller Verschwörungstheorien viele Spekulationen. Ihr glückliches Schicksal überstrahlte die Tatsache, dass die beiden anderen, beide Mutter eines kleinen Kinds, nicht vor März 2014 freikommen werden.

Bitterer Beigeschmack

Als die lächelnde Samuzewitsch in den herbstlichen Moskauer Nieselregen trat, wurde sie von Journalisten und Anhängern umlagert, die ihr applaudierten und gratulierten. Ein Mann sang wie ein Mantra: „Ehret Pussy Riot“. Doch der Freispruch hatte einen bitteren Beigeschmack. Bevor Samuzewitsch vor dem Medienrummel in Sicherheit gebracht wurde, sagte sie: „Natürlich freue ich mich, aber ich mache mir auch Sorgen wegen der Mädchen.“

Die Anklage gegen Pussy Riot – ein feministisches Punkkollektiv, gegründet aus Widerstand gegen die Regierung von Wladimir Putin – ist beispielhaft für das harte Vorgehen, mit dem Russlands mächtiger Präsident die wachsende Opposition brechen will. Die drei Mitglieder der Band wurden verhaftet, weil sie im Februar in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ein gegen Putin gerichtetes „Punk-Gebet“ sangen. Während die drei Frauen meinten, es habe sich um einen politischen Protest gehandelt, hielt die Staatsanwaltschaft dagegen, Ziel der Aktion sei es gewesen, die Gläubigen der Russisch-Orthodoxen Kirche zu beleidigen.

"Wir werden nicht schweigen"

Die Angeklagten nutzten die Gerichtsverhandlung als politische Plattform, so bei ihren Stellungnahmen während des Prozesses Mitte August. Die damaligen Aussagen, veröffentlicht auf Blogs und in oppositionellen Onlinemedien, wurden von Putins Gegnern begierig aufgenommen.

So warnte Tolokonnikowa, trotz lauter Ermahnungen der Richterin, Putin werde das Land in einen Bürgerkrieg führen. „Ich möchte alle davor warnen, dass, was immer in Putins dritter Amtszeit geschieht, das Ende der Stabilität herbeiführt“, sagte sie. „In zwei Jahren wird es einen Bürgerkrieg geben, denn Putin unternimmt alles dafür.“ Die Richterin ließ sie ihre Ausführungen nicht beenden.

Aljochina sagte vor Gericht: „Wir sitzen wegen unserer politischen Überzeugungen im Gefängnis. Überzeugungen, wegen derer ich niemals schweigen werde. Sollte das Urteil nicht aufgehoben werden und wir für zwei Jahre in ein Straflager kommen, dann werden wir dennoch nicht schweigen. Selbst wenn wir nach Mordwinien oder Sibirien kommen, werden wir nicht schweigen, egal wie unangenehm das für Sie wird.“

Außerdem meinte sie: „Meine Hoffnung gilt nicht mehr dem Gericht. Aber ich möchte noch einmal unsere Motive erläutern – vermutlich das letzte Mal, da man mir keine weitere Gelegenheit dazu geben wird.“ Und in die Kamera gewandt, die an der Geschworenenbank angebracht war, um das Verfahren aufzuzeichnen, sagte sie: „Ich rufe alle Gläubigen dazu auf, uns zuzuhören, denn, liebe Gläubige: Wir wollten Sie nicht beleidigen. Wir sind in die Kathedrale gegangen, weil wir gegen die Verbindung der geistlichen und politischen Elite unseres Landes protestieren wollten.“

Neue Anwältin, neue Strategie

In einem Interview, das am letzten Wochenende ausgestrahlt wurde, sprach Putin sich für die Bestrafung der Frauen aus und zeigte sich angewidert von ihrem, wie er meinte, „anstößigen“ Namen. In ihrer Antwort zitierte Aljochina den Präsidenten und seinen Sprecher: „Der Name ist nicht anstößiger, als Ihre Äußerungen, Wladimir Wladimirowitsch [Putin], man werde ‚die Feinde notfalls auf der Toilette kaltmachen‘ oder ‚die Leber von Demonstranten auf den Bürgersteig schmieren‘.“ Vor dem Gerichtsgebäude jubelten Unterstützer bei diesen Aussagen.

Lange haben Anhänger von Pussy Riot vermutet, das Moskauer Gericht werde nach einem Weg suchen, um das Urteil abzumildern und so die Empörung über das Verfahren zu dämpfen. Die Verurteilung hatte zu Protesten geführt, wie Putin sie bis dahin kaum erlebt hatte – obwohl das Urteil begrüßt wurde von der Mehrheit der Bevölkerung, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dem orthodoxen Glauben zugewandt hat und fast ausschließlich auf staatliche Medien angewiesen ist.

Anfang des Monats entließ Samuzewitsch ihre Anwälte und engagierte eine neue Anwältin, die sie bei der Berufungsverhandlung vertrat. Bis dahin hatten sich die Frauen ein Anwaltsteam geteilt: Mark Fejgin, Nikolaj Polosow und Violetta Wolkowa. Die neue Anwältin von Samuzewitsch, Irina Chrunowa, legte dar, dass sich der Fall ihrer Klientin von dem der beiden Mitangeklagten unterscheide, da sie kurz nach dem Betreten aus der Kathedrale hinausgeworfen worden sei und darum an der „beleidigenden“ Aktion nicht teilgenommen habe. Das Gericht folgte der Argumentation.

Kein Ende der Spekulationen

Doch wie Samuzewitsch dem Gericht erklärte: „Die Gruppe Pussy Riot hat sich nicht gespalten.“ Anwalt Polosow meinte: „Natürlich sind wir froh, dass Jekaterina Samuzewitsch freigekommen ist. Es ist großartig, dass eines der Mädchen frei ist. Wir werden unseren Kampf für Nadja und Mascha fortsetzen“, sagte er, die üblichen Kurzformen der Namen nutzend.

Mit 30 Jahren ist Samuzewitsch die älteste der drei Frauen. Aljochina (24) und Tolokonnikowa (22) haben beide kleine Kinder. Man erwartet, dass die beiden Frauen innerhalb von zehn Tage nach Erhalt der schriftlichen Urteilsbegründung in unterschiedliche Straflager geschickt werden. Polosow teilte mit, er rechne mit der Anrufung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte durch die Frauen.

In Russland – einem Land, in dem die Verschwörungstheorien blühen – kannten die Spekulationen kein Ende. Einige meinten, Samuzewitsch habe einen Deal mit den Behörden geschlossen, andere vermuteten, sie sei unter dem Druck des Gefängnisses zusammengebrochen.

Politischer Prozess

Das Verfahren war geprägt von verfahrenstechnischen Verstößen und Absurditäten. Die Richterin Marina Syrowa ließ keine Zeugen der Verteidigung zu, während die Staatsanwaltschaft sich weigerte, die drei Angeklagten zu befragen. Die Anwälte von Pussy Riot verglichen den Fall mit den Schauprozessen der Stalinära. Trotz aller Verschwörungstheorien war man sich einig, dass der Prozess nie den Regeln entsprach.

„Der Prozess gegen Pussy Riot ist ein politischer“, schrieb Tichon Dziadko, ein bekannter Journalist. „In Russland gibt es kein unabhängiges Gerichtswesen, besonders nicht in solchen Fällen. Es ist ganz egal, welche Anwälte die Angeklagten haben.“ Die Unterstützer von Pussy Riot beschuldigten Putin, Einfluss auf den Prozess zu nehmen.

Als Fejgin, Polosow und Wolkowa das Gericht verließen, kämpfte sich Samuzewitschs Vater Stanislaw durch die Menge. Er sagte, sie verstünden hoffentlich die Entscheidung seiner Tochter, sich für ihre eigene Freilassung einzusetzen; dabei klang er entschuldigend. Wolkowa antwortete ihm: „Hören Sie auf. Glückwunsch!“

Samuzewitschs Vater sagte, er fühle eine „große Freude“ über die Freilassung seiner Tochter. „Jetzt soll sie sich zu Hause ausruhen, bei ihrer Familie“, meinte der 73-Jährige, der an jedem Prozesstag dabei war. Wie er erklärte, werde seine Tochter weiterhin für die Freilassung ihrer Freundinnen kämpfen.

Übersetzung: Sven Scheer
16:49 11.10.2012
Geschrieben von

Miriam Elder | The Guardian

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