Einfach fallen lassen

Psychologie British Airways bietet die Simulation eines Flugzeugabsturzes als Erlebnistag für Firmen an. Das Angebot soll den Gruppenzusammenhalt steigern. Ein Selbstversuch

Lieben Sie ihre Kollegen oder würden Sie sie gern bei einem Brand sterben sehen? Um Ihnen bei der Beantwortung dieser Frage zu helfen, bietet die Fluggesellschaft British Airways nun auf dem firmeneigenen Flug-Ausbildungszentrum nahe des Flughafens Heathrow eine Notfall-Simulation an. Diese Übung ist die neueste Methode zur Stärkung des Zusammenhalts unter den Mitarbeitern eines Unternehmens – im Englischen Company-Team-Bonding genannt.

Seit längerem schon kann man zu diesem Zweck einen Golfplatz anlegen, bei einem Verbrechen ermitteln oder ein Lied mit dem Titel "Ich liebe meinen Job" aufnehmen. Nun können sie sich in 3D-Technicolor ausmalen, wie ihre Kollegen bei einem Flugzeugabsturz sterben und das dann "Stärkung des Kameradschaftsgeists" nennen.

Ich wollte schon immer mal einen Flugzeugabsturz überleben, mich reizt die Gefahr. Also bin ich um acht Uhr morgens mit meinem Reisepass und einer Kopie meines Testamentes zur Stelle. Ich werde in einen Kursraum geführt und erblicke 29 Führungskräfte von British Petroleum. Ich starre die BP-Führungskräfte an. Sie starren zurück. Wird jetzt schon der Zusammenhalt gestärkt? Sie sehen sehr normal aus. Sie sehen unnormal normal aus. Sie trinken Kaffee und lauschen einem Mann namens Andy Clubb.

Rutsche, Babybett, Axt

Andy ist ein dünner blonder Mann. Er erinnert mich an Alan Partridge, nur ohne Medienkarriere. Er erzählt, er sei 20 Jahre lang Flugbegleiter bei der BA gewesen, hüpft herum und neckt die BP-Führungskräfte, indem er vorgibt zu glauben, sie kämen von Shell. Nach dem Shell-Witz halten die BP-Leute schon etwas mehr zusammen. Andy signalisiert mit erhobenem Daumen Zustimmung. Ich starre die Wand an. Dort befinden sich Sicherheitsausrüstung, ein aufblasbares Babybettchen, sowie eine Axt.

Unsere erste Aufgabe besteht darin, eine Evakuierungsrutsche hinunter zu springen. Andy will wissen, ob schon mal jemand von uns aus einem Flugzeug evakuiert wurde. Nur der Guardian-Fotograf hebt die Hand. Also zeigt Andy ein Video über das korrekte Hinunterspringen von Evakuierungsrutschen. Man steigt, die Hände wie Dracula über der Brust gekreuzt, hinein, lehnt sich nach vorn und saust hinunter. Gerettet.

Also bilden die BP-Führungskräfte und ich eine Schlange und bewegen uns durch leere Flure in Richtung Evakuierungsrutsche. Viele Flure später erreichen wir schließlich eine riesige Halle. Überall liegen glänzende Flugzeugteile herum. Andy sagt, dass die Piloten der BA hier ihre Simulationsflüge absolvieren. Dann zieht er einen riesigen weißen Babystrampler hervor, den ich anziehen soll. Was soll das? Wenn ich so angezogen bin, bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich überleben will. „Es ist zu ihrem Schutz und zum Schutz der Rutsche“, sagt Andy. Will er damit sagen, dass ich die Rutsche demolieren könnte?

Huuuuuiiiii. Ich lebe!

Doch ich muss das Ding nicht als Einzige anziehen. Eine weibliche BP-Führungskraft kommt aus sich heraus und zeigt echtes Gefühl: „Ich sehe aus wie die kleinen Oompa Loompa“, diese kleinen Kobolde aus Charlie und die Schokoladenfabrik, beklagt sie sich. „Ich will meine Maniküre nicht ruinieren,“ stimmt eine andere ein.

Doch die Evakuierungsrutsche ist bereits aufgeblasen. Sie sieht aus wie eine riesige graue Zunge. Wir klettern die Leiter hoch, um dann herunter zu springen. Die BP-Männer gehen vor. Sie sehen sehr selbstsicher und furchtlos aus, wie Männer eben so aussehen, wenn sie angeben wollen. Sie springen ab, sausen runter, hüpfen von der Matte und sehen aus, als seien sie zufrieden mit sich selbst.

Dann holen sie Kameras raus und machen Fotos von ihren Kollegen. Es ist wie im Film Die Firma – jetzt können sie BP nie wieder verlassen. Wer versucht, zu Shell überzulaufen, dessen Strampelanzug-Foto wird zum Feind gefaxt. Ist das Stärkung des Teamgeistes? Oder Erpressung? Da bin ich schon dran. Huuuuiiiiiii. Ich lebe!

Zu Demonstrationszwecken zeigt Andy uns ein Video einer gescheiterten Probe-Evakuierung. Am unteren Ende der Rutsche liegt ein riesiger Haufen Menschen, die offenbar vor Schmerzen stöhnen. „Hmmm“, murmeln die BP-Führungskräfte. „Das ist nicht schön.“ Dann sehen wir ein Video einer erfolgreichen Testevakuierung aus dem neuen Airbus. Diesmal springen die zu Evakuierenden einer nach dem anderen, den Blick ohne zu Zwinkern geradeaus gerichtet und schnellen unten angekommen unverzüglich von der Matte. Mehr als 800 Menschen werden so mit Hilfe von acht Rutschen in 74 Sekunden evakuiert. „Wow“, murmeln die BP-Führungskräfte. „Das sind echte Mengen.“

Tod in der Business-Class

Dann ist Showtime – Zeit für unseren simulierten Flugzeugabsturz. Wir begeben uns in eine nachgebaute Flugzeugkabine. Die sieht aus wie eine normale Flugzeugkabine, mit dem Unterschied, dass man beim Rausgucken nichts zu sehen kriegt. Es handelt sich um eine Business-Class-Kabine – Gott sei Dank, ich würde nur ungern in der Economy sterben. Wir gehen alle auf unsere Plätze und machen den anderen freundlich Platz, wie man es auf einem echten Flug nie tun würde. Bei einem echten Flug werden hasserfüllte Blicke ausgetauscht und die Leute brauchen 3000 Stunden, um eine Tasche zu verstauen und sich hinzusetzen.

Andy ist verschwunden. Jetzt hat eine Frau namens Jenny übernommen. Jenny ist klein und blond – ein bisschen sieht sie aus wie die Schauspielerin Leslie Ash, aber nicht ganz so verrückt. Das ist das Ding mit BA-Angestellten und BP-Angestellten und vielleicht den Angestellten aller Unternehmen, deren Name mit B beginnt. Sie sehen so vernünftig, so engagiert, so verlässlich aus. Vielleicht sind die BP-Leute deshalb hier – um zu lernen, dass sie nicht alles in dieser Welt kontrollieren können und dadurch besser zu schlafen. „Haben Sie Spaß?“, frage ich einen von ihnen. „Ja,“ antwortet der und schweigt dann. Ich denke: Ich könnte zusammen mit dir bei einem Flugzeugabsturz sterben, BP-Führungskraft. Deines wird das letzte Gesicht sein, das ich je zu Augen bekomme. Könnte ich bitte eine mehrsilbige Antwort erhalten?

Jenny erklärt, dass wir den „Notfall“ simulieren und später darüber reden werden. Das ist eine Prüfung, für die man nicht lernen kann. Der Gedanke scheint die BP-Führungskräfte nervös zu machen. Ich sitze in der ersten Reihe, in der Nähe des Ausgangs, also werde ich mich auf dem Fluchtweg nicht an all zu vielen BP-Führungskräften vorbeiboxen müssen. Wir schauen einander an. Könnte dies das Ende sein? Dann schallt eine Stimmaufnahme – ich glaube es ist Andys Stimme – durch die Kabine. „Wir rollen auf das Ende der Startbahn zu, reihen uns ein und dann geht’s los. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug.“

Jetzt der Rauch: Vanille-Aroma

Und los geht’s. Blass-weißer Rauch beginnt aus der linken Kabinenseite zu quellen. Ein Feuer also. Ich hatte eigentlich auf Terroristen gehofft. Ich habe mal von einer jüdischen Hochzeit gehört, bei der der Trauzeuge Schauspieler anheuerte, als Terroristen verkleidet mit Baklavas und Wasserpistolen die Feier zu stürmen. Es gab drei Herzinfarkte und einen Todesfall. Aber es ist Rauch. Andy hatte angekündigt, der Rauch würde nach Vanille riechen – falls wir denken würden, er sei echt. Er riecht auch wirklich so. Ich befinde mich in einem Marks

Wir starren alle miteinander den nach Vanille duftenden Rauch an. Was sollen wir tun? Einmal hat ein Teilnehmer einen über der Tür befindlichen Notausgang aufgerissen, hat Andy erzählt. Wir machen aber nichts, die BP-Leute und ich. Wir sitzen einfach nur höflich da und warten auf unsere Rettung, wie völlige Idioten. Niemand verspürt das Bedürfnis aufzuspringen und irgendetwas Interessantes oder Heroisches zu tun. Wir werden von unserer gemeinsamen Mittelschichts-Angst zusammengehalten, wir könnten komisch wirken.

Wir wissen alle, dass Andy die BP-Führungskräfte nicht sterben lassen wird, auch wenn er sich wahrscheinlich leisten könnte, wenn die Journalistin draufginge.
Des Weiteren bemerke ich zu meiner großen Enttäuschung, dass die Kabine sich nicht bewegt. Ich hatte erwartet, dass sie herumschlingert, so dass wir einander in die Arme fallen könnten.

Dann geht das Licht aus und bei Jenny tritt eine Veränderung ein. Sie wird zu einer kreischenden Todesfee im Kostüm einer BA-Flugbegleiterin. Sie fängt an „Brace-Position einnehmen! Brace! Brace! Brace!“ zu schreien. Sie ist sehr aggressiv. Ich wusste gar nicht, dass das Flugpersonal der BA aggressiv sein kann. Passiv-aggressiv vielleicht schon, aber nicht aggressiv-aggressiv. „Brace! Brace! Brace! Brace!“. Sie wird wohl nicht aufhören, bis ich ihrem Befehl Folge leiste.

In Zukunft nur noch per Esel

Ich stecke den Kopf zwischen die Knie und schwöre, in Zukunft nur noch per Esel zu reisen.

Jenny schreit jetzt irgendetwas anderes. „Raus hier! Raus hier! Raus hier! Raus hier!“ Also stehe ich auf und gehe die fünf Schritte aus dem Kabinennachbau in die Simulationshalle, wo Andy wartet und mir zwei in die Höhe gereckte Daumen entgegen streckt. „Wahnsinn“, sagt eine BP-Führungskraft. „Abenteuerlich“, sagt eine andere. Sie sehen glücklich aus, als hätten sie einen winzigen Adrenalinschub erhalten, und würden die nächsten 3.000 Jahre von dieser Erinnerung zehren.

Wir kehren in den Kursraum zurück, um miteinander über das Erlebte zu sprechen. Bloß, dass niemand wirklich etwas zu sagen hat. Dies ist eine Welt der Kaffeetassen und Einsilber. Eine der Führungskräfte erzählt mir, dass sie ganz und gar nicht hier seien um ihren Zusammenhalt zu stärken. Verleugnet er den Babystrampler? Ihre Chefs wollen, dass sie ihre Überlebenschancen im Falle eines Flugzeugabsturzes erhöhen, sagt er. So etwas hat noch kein Arbeitgeber für mich getan. Bis jetzt.

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

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23:00 18.05.2009
Geschrieben von

Tanya Gold, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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