Einsamer Prozess

Terrorismus Leere Pressebänke, ein verwaister Zuhörerraum: "Carlos, der Schakal" steht in Paris erneut vor Gericht. Seine Selbstinszenierung stößt dieses Mal auf wenig Resonanz

Während der vergangenen vier Wochen wurde Carlos, dem Schakal im Pariser Palais de Justice zum zweiten Mal der Prozess gemacht. Hier wurde er vor 14 Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt, seitdem war er aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Ilich Ramírez Sánchez, der zweite von drei Söhnen eines wohlhabenden Marxisten, der all seinen Kindern Leninsche Namen gab und sie auf die Moskauer Patrice-Lumumba-Universität schickte, war 26 Jahre alt, als er sich aufmachte, zum meistgesuchten Mann der Welt zu werden.

Kurz vor Weihnachten 1975, nachdem er sich kurz zuvor der in Beirut ansässigen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) angeschlossen hatte, schoss er sich als Anführer einer zum Großteil aus Palästinensern und Deutschen bestehenden Bande seinen Weg in ein Treffen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) in Wien. Nachdem drei Menschen, darunter ein österreichischer Polizist getötet worden waren, nahmen die Terroristen elf Ölminister als Geiseln und durften mit ihnen nach Algerien ausfliegen, von wo aus sie ein lukratives Lösegeld aushandelten.

Während der ersten Stunden dieses Dramas antwortete der Venezolaner auf die Frage eines Vermittlers, wer er sei: „Sagen Sie ihnen, ich sei der berühmte Carlos. Sie kennen mich.“ Unter dem Namen Carlos Martínez wurde er sowohl von der britischen als auch von der französischen Polizei im Zusammenhang mit mehreren Gewalttaten als Hauptverdächtiger gesucht – unter anderem ging es um den Mordversuch an dem ehemaligen Marks Spencer-Vorsitzenden und Vizepräsidenten der Zionistischen Vereinigung Großbritanniens, Edward Sieff.

Offene Rechnungen

Frankreich hat mit Carlos immer noch offene Rechnungen zu begleichen. Der gegenwärtige Prozess dreht sich um eine Reihe von Bombenanschlägen, bei denen Anfang der achtziger Jahre elf Menschen getötet und 200 verletzt wurden. Einige von ihnen werden sich nie vollständig von ihren Verletzungen erholen. Umgeben von den opulenten hölzernen Wandvertäfelungen und Teppichen der Haussmanschen Belle Epoque, erzählen sie nun ihre Leidensgeschichten.

Doch Carlos erhält bei weitem nicht das Publikum wie bei seinem ersten öffentlichen Auftritt, nachdem seine sudanesischen Gastgeber ihn verraten hatten und gefesselt, geknebelt und betäubt an ein französisches Kommando übergaben. Durch die schusssicheren Scheiben blickt der 62-Jährige von seiner Ankalgebank aus während der Verhandlung zumeist auf leere Pressebänke und einen verwaisten Zuhörerraum.

„Das letzte Mal hatten wir Tausende von Leuten hier“, seufzt Isabelle Coutant-Peyre, zieht behutsam an einer ihrer zahlreichen Cheroot-Zigaretten und nippt an einem Glas Weißwein, während wir am Tisch eines kleinen Bistros hinter dem Justizpalast sitzen. „Die Journalisten standen Schlange. Sie mussten durchsucht werden für den Fall, dass einer sich nur als Reporter ausgibt und eine Waffe mit in den Gerichtsaal schmuggelt.“

Symbolische Ehe

Coutant-Peyre ist mehr als nur die Anwältin des Venezolaners. Sie ist auch seine Ehefrau, ihre von einem Ghostwriter verfasste Memoiren tragen den Titel: Epouser Carlos: Un amour sous haute tension – Carlos heiraten: Eine Liebe unter Hochspannung.

Sie lernten sich während des ersten Verfahrens kennen. Damals war sie 45 und Mutter dreier Söhne im Teenageralter. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt und arbeitete in der Gruppe von Carlos' Verteidigern. Schon nach Kurzem entließ Carlos ihren Chef und setzte sie an dessen Stelle. Vor der lebenslänglichen Haftstrafe konnte ihn dies allerdings nicht bewahren, die er dafür erhielt, dass er sechs Monate vor dem Überfall auf die Opec zwei französische Geheimdienstler und einen libanesischen Informanten erschossen hatte.

Während der folgenden vier Jahre besuchte sie ihn in mehren Hochsicherheitsgefängnissen und bereitete Revisionsverfahren und andere juristische Schritte vor. 2001 heirateten die beiden dann im Büro eines Gefängnisses nach muslimischem Ritus. Offenbar war er zum Islam konvertiert, um polygam leben zu können – schließlich war er immer noch mit einer Palästinenserin verheiratet. Familie und Freunde waren erstaunt. Selbst diejenigen, die sie von ihrer Liebe überzeugen konnte, konnten keinen Sinn darin erkennen. „Es war symbolisch gemeint“, erklärte sie damals. „Wir wollten deutlich machen, dass wir uns für den Rest unseres Leben lieben werden.“

Aber neben diesem Symbolismus scheint es immer auch die Hoffnung gegeben zu haben, dass sie irgendwie irgendwo einmal ein paar ihrer letzten Jahre würden zusammen verbringen können. Diese Hoffnung hat Coutant-Peyre nun aufgegeben: „Sie sind entschlossen, ihm ein zweites Mal lebenslänglich zu geben, damit er im Gefängnis stirbt. Wir werden nie richtig verheiratet sein.“

Zu prominent für Frankreich

Die französischen Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass durch Carlos mehr Franzosen ums Leben gekommen sind als Angehörige anderer Nationalitäten. Nach den Ausführungen der Anklage zu urteilen mussten sie ihr Leben nicht für politische Ziele lassen, sondern wegen Carlos' Liebe zu einer weiteren Frau: der deutschen Terroristin Magdalena Kopp, mit der zusammen er eine Tochter hat. In den frühen Achtzigern war Carlos' Fraktion der PFLP abwechselnd in Syrien, Aden und den Hauptstädten der Länder des Warschauer Vertrages stationiert. Carlos lebte mit Kopp in Damaskus, als der Geheimdienst des syrischen Präsidenten Assad ihn 1982 bat, einen oppositionellen syrischen Journalisten in Paris zu ermorden. Carlos hielt sich für zu prominent, um in Frankreich zu arbeiten, aber Kopp erklärte sich freiwillig bereit und wurde von dem recht ungeschickten Schweizer Terroristen Bruno Brégeut begleitet, der lange Zeit in israelischer Haft verbracht hatte. Als sie ihrem Opfer dicht auf den Fersen waren, wurden sie mit einer Wagenladung voll Sprengstoff verhaftet.

Der von Liebeskummer zerfressene Carlos verfasste einen Brief an den französischen Innenminister, Gaston Defferre, und stellte ihm ein Ultimatum, „unsere Kameraden zu entlassen“ oder die Konsequenzen zu tragen. Um sicher zu gehen, dass der Brief nicht für eine Fälschung gehalten wurde, setzte Carlos seine Daumenabdrücke, die von vielen Tatorten her bekannt waren, neben seine Unterschrift. Als Reaktion leitete Defferre das Schreiben an die französische Presseagentur weiter.

Die erste Bombe detonierte am 29. März im Capitole Express zwischen Paris und Toulouse, tötete fünf Passagiere und verletzte 28. Die „Internationalen Freunde von Carlos“ bekannten sich zu dem Anschlag. Am 22. April, dem Tag, an dem Kopp und ihr Komplize zu vier Jahren Haft verurteilt wurden, detonierte eine Autobombe auf einer belebten Nebenstraße der Champs Elysées und tötete einen Passanten.

Sylvester 1983 gingen zwei weitere Bomben hoch. Eine in einem Schnellzug zwischen Marseille und Paris. Sie tötete drei Menschen, 13 wurden verletzt. Ein paar Augenblicke später riss eine Bombe in einem Marseiller Bahnhof zwei Menschen in den Tod und verletzte mehrere algerische Arbeiter. Im August 1983 wurde das französische Kulturzentrum in Westberlin, La Maison France, das sich nur einen Kilometer von einem von Carlos geheimen Unterschlupfen im kommunistischen Ostteil der Stadt entfernt befand, bei einem Anschlag verwüstet. Um keine Zweifel an seiner Täterschaft aufkommen zu lassen, soll Carlos Defferres Büro eine Grafik zugeschickt haben, auf der eingezeichnet war, wo die Bombe sich befand.

Belastungsmaterial aus Stasi-Beständen

Die Staatsanwaltschaft ist von der Hieb-und Stichfestigkeit ihrer Belastungsdokumente überzeugt. Sie stammt aus Beständen der Staatssicherheit und anderer osteuropäischer Sicherheitsdienste. Zumeist handelt es sich um Mitschriften von Gesprächen, die in den Verstecken, die man der Carlos-Bande zur Verfügung gestellt hatte, abgehört worden waren.

Coutant-Peyre versuchte diese Beweismittel als unseriös darzustellen und zu erreichen, dass sie nicht zur Verhandlung zugelassen werden. Der freundliche Olivier Leurant, der einem Gremium von sieben Richtern vorsteht – eine Jury gibt es nicht – hat diesem Antrag aber nicht stattgegeben.

Nach seinem zwangsweisen 17-jährigen Vertiefungskurs spricht Carlos sehr schnell Französisch, und dabei sehr laut. Er weigert sich, auf schuldig oder nicht schuldig zu plädieren, versichert den Opfern seiner Bombenanschläge, sie seien Opfer des Zionismus und anderer reaktionärer Kräfte.

Gegen Ende der Woche wird das Urteil erwartet.

Colin Smith ist Autor der Biografie Carlos: Portrait of a Terrorist und hat für den Observer bereits über den ersten Prozess gegen Carlos vor 14 Jahren berichtet.

Übersetzung: Holger Hutt

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17:13 13.12.2011
Geschrieben von

Colin Smith | The Guardian

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The Guardian

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