Empörung ist ihr Treibstoff

Gesellschaft Verbale Gewalt und Empörung dominieren den gesellschaftlichen Diskurs. Um den Hasspredigern zu widerstehen, müssen wir lernen, ihr Spiel nicht mitzuspielen
Empörung ist ihr Treibstoff
Sobald es unappetitlich wird, schlägt ihre Stunde

Foto: David Becker/Getty Images

Befindet sich die Demokratie in einer Todesspirale? Fallen wir weltweit in einen tödlichen Kreislauf aus Wut und Gegenreaktion, der das vernünftige Gespräch, von dem ein zivilisiertes Miteinander abhängt, blockiert?

Jede Epoche hatte politische Hausierer, die Aggressionen, Lügen und Empörung nutzten, um die Stimme der Vernunft zu übertönen. Aber das erste Mal seit den 1930er Jahren sind so viele so erfolgreich.

Donald Trump, Boris Johnson, Narendra Modi, Jair Bolsonaro, Scott Morrison, Rodrigo Duterte, Nicolás Maduro, Viktor Orbán und viele andere – in Deutschland die Vertreter der AfD – haben herausgefunden, dass das digitale Zeitalter reiche Beute bereithält. Die Wut und die Missverständnisse, die Social Media erzeugt und die durch Trollfabriken, Bots und heimlich finanzierte politische Werbung noch verschärft werden, fließen zurück in das wirkliche Leben.

Heute sprechen Politiker und Kommentatoren eine Sprache der Gewalt, die vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. In Großbritannien verunglimpft Boris Johnson das Andenken an die ermordete Labour-Abgeordnete Jo Cox. Wenn Nigel Farage von Beamten spricht, prophezeit er, dass es ihnen, „sobald der Brexit durch ist, an den Kragen geht“. Brendan O'Neill, Redakteur der Website Spiked, einer Publikation, die von den Koch-Brüdern finanziert wurde, sagte der BBC, dass es Aufstände wegen der Verzögerung des Brexit geben sollte. Sie alle sollten wissen, – vor allem angesichts der Drohungen und Übergriffe gegen weibliche Abgeordnete – dass verbale Gewalt in reale Gewalt mündet. Aber diese Aussagen scheinen gerade darauf abzuzielen, diese stumpfen, gefährlichen Aggressionen auszulösen.

Es ist nicht einfach

Jetzt müssten natürlich eigentlich nur die Wähler aus diesem Alptraum erwachen. Und die Politiker, die die Krisen verursacht haben, aus ihren Ämtern jagen, um für das vernünftige politische Klima zu sorgen, von dem unsere gesellschaftliche Sicherheit abhängt – oder? So einfach ist es leider nicht.

Einige Erkenntnisse aus dem Bereich der Neurowissenschaften und der Psychologie deuten darauf hin, dass sich das unappetitliche Gemenge aus Bedrohungen und Stress im öffentlichen Raum von selbst am Leben hält. Je bedrängter wir uns fühlen, desto mehr wird unser Handeln von unfreiwilligen Reflexen und im Normalfall undenkbaren Reaktionen bestimmt.

Die außergewöhnlichsten dieser Effekte beschreiben die Neurowissenschaftlern Stephen Porges und Gregory Lewis. Die beiden zeigen in ihrer Arbeit auf, dass, wenn wir uns bedroht fühlen, wir keine ruhigen, dialogorientierten Stimmen mehr hören können. Wenn wir uns sicher fühlen, ziehen sich die Muskeln im Mittelohr zusammen. Das hat einen Effekt, der wie die Straffung des Bezugs einer einer Trommel wirkt. Dies schließt tiefe Hintergrundgeräusche aus und ermöglicht, sich auf Frequenzen einzustellen, die normalerweise bei menschlicher Sprache verwendet werden.

Fühlen wir uns dagegen befroht, sind es gerade die tiefen Hintergrundgeräusche, die wir hören müssen. In Vorzeiten waren es diese Geräusche – Gebrüll, das Aufsetzen von Pfoten oder Hufen, Donner, das Rauschen einer Welle –, die eine Gefahr bedeuten konnten. Deshalb entspannen sich die Muskeln des Mittelohrs und schließen so Gesprächsfrequenzen aus, um die vermeintlich wichtigeren Hintergrundgeräusche zu verstärken. Im politischen Kontext heißt das, dass wir, wenn Leute uns anschreien, die moderierenden Stimmen sozusagen körperlich ausblenden. Jeder muss schreien, um gehört zu werden – und erhöht so das Niveau von Stress und Angst.

So funktioniert Social Media

Wenn wir besonders ängstlich oder aufgeregt sind, tritt eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion ein, die unsere Fähigkeit, vernünftig zu handeln, einschränkt – ein Phänomen, das in der Psychologie auch Amygdala-Hijack genannt wird. Die Amygdala sitzt an der Basis des Gehirns und kanalisiert starke emotionale Impulse, die den präfrontalen Kortex übersteuern können und uns daran hindern, rationale Entscheidungen zu treffen. Wir schlagen wild um uns und plappern dummes Zeug, was dann wiederum einen Amygdala-Hijack bei anderen Menschen auslösen kann. So in etwa funktioniert Social Media.

All das wird noch schlimmer, weil wir hektisch und orientierungslos versuchen, einen Ort zu finden, an dem wir uns wieder sicher fühlen. Sicherheit ist das, was Psychologen einen klassischen „Defizitwert“ nennen: ein Wert, dessen Bedeutung für uns nach oben eskaliert, wenn wir ihn für zu niedrig erachten – und der uns gleichzeitig alle anderen Werte vergessen lässt. Das ermöglicht es wiederum gerade den Typen, die uns verunsichert haben, sich als die „starken Männer“ aufzuspielen. Jene starken Männer, die uns aus dem Chaos, das sie selbst erst geschaffen haben, retten können. Es ist dementsprechend besorgniserregend, dass in Großbritannien eine Umfrage der Hansard Society im April ergab, dass 54 Prozent der Befragten der Aussage zustimmten, dass „das Land einen starken Führer braucht, der dazu bereit ist, die geltende Regeln zu brechen“ – während nur 23 Prozent dagegen waren.

Ich bin mir relativ sicher, dass die Demagogen – oder ihre Berater – wissen, was sie da tun. Entweder instinktiv oder ganz bewusst. Sie wissen um die Irrationalität, mit der wir auf Bedrohungen reagieren. Und sie wissen, dass sie, um sich und ihre Ideen durchzusetzen, uns nur irgendwie davon abhalten müssen, einen klaren Gedanken zu fassen. Warum zum Beispiel scheint Boris Johnson nichts so sehr wie einen No-Deal-Brexit zu wollen? Vielleicht, weil das einfach genau die gesellschaftlichen Stress- und Bedrohungsszenarien erzeugt, von denen wiederum indirekt sein Erfolg als Populist abhängt. Wenn wir diesen Kreislauf nicht durchbrechen, wird uns dessen Strudel in einen dunklen Abort ziehen.

„Schenkt ihnen nicht noch mehr Aufmerksamkeit"

Was also tun? Wie diskutieren wir insbesondere wirklich alarmierende Themen wie den Brexit oder die Klimakrise, ohne gleichzeitig die oben beschriebenen Bedrohungsreaktionen auszulösen? Was die Wissenschaft uns dazu sagt, ist folgendes: Behandle alle mit Respekt. Das Dümmste, was man tun kann, wenn man die eigene Demokratie retten will, ist, seinen Gegner zu beleidigen oder zu verspotten. Lasst euch nicht auf ein Schreiduell ein, egal wie sehr die andere Person euch auch beleidigen mag. Lasst euch nicht von den Versuchen ablenken, schlicht Empörung zu erzeugen. Bringt das Gespräch auf das Thema zurück, das diskutiert wird.

Wir sollten uns ein Beispiel an Greta Thunberg nehmen, die unglaublich besonnen auf die Fluten von Bullshit reagiert, mit denen sie konfrontiert wird: „Wie ihr vielleicht bemerkt habt, sind die Hater so aktiv wie eh und je – sie schießen sich auf mich, mein Aussehen, meine Kleidung, mein Verhalten und meine Anderssein ein ... Aber verschwendet eure Zeit nicht damit, ihnen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken.“

Nachdem man Erfolg und Misserfolg anderer politischer Bewegungen untersucht hat, hat Extinction Rebellion eine Art Protokoll für Aktivismus entwickelt, das wie das Modell einer guten politischen Psychologie anmutet. Es verordnet Humor, um Aggressionen ins Leere laufen zu lassen. Es besagt, dass man Flugblätter verteilen soll, die Anwohnern und Schaulustigen die jeweiligen Aktionen erklären und mit denen man sich prophylaktisch für etwaige Unannehmlichkeiten entschuldigt. Aktivisten sollen des Weiteren darauf vorbereitet werden, Provokationen zu widerstehen. Das Programm sieht Deeskalationsworkshops vor, in denen man lernen soll, potenzielle Konfrontationen in vernünftige Gespräche zu lenken. Extinction Rebellion fordert „aktiven Respekt“ gegenüber allen, einschließlich der Polizei.

Den Kreislauf durchbrechen

Mit der Gründung von Bürgerversammlungen soll ein Raum geschaffen werden, in dem anderen Stimmen Gehör verschafft wird. Eine weitere Studie von Stephen Porges, dem Neurowissenschaftler, dessen Arbeit dazu beigetragen hat, uns weiter oben unsere kommunikativen Reflexe zu erklären, besagt, dass es unser Gehirn uns nicht erlaubt, Mitgefühl für andere zu empfinden, bis wir uns nicht sicher fühlen. Die Etablierung ruhiger Räume, in denen verschiedene Menschen sich treffen und sich ihrer Gegensätze bewusst werden können, ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Wiederaufbau des demokratischen Lebens.

All das mag wie eine Binse klingen. Es ist ja auch eine. Zu verstehen, wie unser Verstand eigentlich funktioniert, hilft uns zu bemerken, wenn er unbewusst für die Schreihälse und Demagogen arbeitet. Den Kreislauf zu durchbrechen bedeutet, den mentalen Zustand wiederherzustellen, der es möglich macht, klare Gedanken zu fassen.

George Monbiot ist ein britischer Journalist, Autor, Uni-Dozent, Umweltschützer und Aktivist

Übersetzung: Jan Jasper Kosok
10:29 11.10.2019
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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