Erotik für den Stichling

Forschung Schmuddelheftchen helfen nicht nur kinderlosen Paaren. Pornografie ist für die Wissenschaft überhaupt von Bedeutung

Ausgerechnet das britische Boulevardblatt The Sun schimpft über Pornografie. „Das finanziell gebeutelte staatliche Gesundheitssystem NHS verschwendet das Geld der Steuerzahler auf PORNOS für Samenspender“, berichtete die Zeitung am 8. September, und sofort stieg der konservative Telegraph auf die Geschichte ein. Der Hintergrund: Manche Krankenhäuser stellen Männern Pornos zur Verfügung, wenn sie dort in einem Zimmer onanieren sollen, um Spermien für eine In-Vitro-Fertilisation mit ihrer Partnerin zu produzieren.

Der Bericht, auf den sich die Zeitungsgeschichten bezogen, trägt den Titel "Wer sagt, Pornografie sei am Arbeitsplatz zulässig?" und wurde von dem rechten Thinktank 2020health erstellt. Die Autorin, eine ehemalige Parlamentsanwärterin der Konservativen namens Julia Manning, argumentiert darin, das Angebot von Pornografie im Rahmen einer Klinik stelle einen Verstoß gegen die Satzung des NHS dar. Sie kritisiert, das Ganze sei ein Fall von Manipulation seitens der Sex-Industrie und fördere „den geistigen Ehebruch“. Es bedeute eine Gefahr für die Männer, wenn abhängig machendes Material in eine Behandlung eingeführt werde (was sie schlicht "unglaublich" findet), Frauen würden entmenschlicht und alles in allem sei es ein Missbrauch von Steuergeldern.

Im Schnitt wurden in jedem Krankenhausverbund 21,32 Pfund pro Jahr für Pornos ausgegeben, wobei jeder von diesen eine große Anzahl von Paaren behandelte. Nur zum Vergleich: Privatkliniken berechnen einem Paar für drei IVF-Zyklen rund 6.000 Pfund.

Bleibt die moralische Frage: Ist Pornografie notwendig? Bauern, Tierzüchter und Tierärzte haben große Erfahrung damit, unter künstlichen Bedingungen fruchtbares Sperma aus männlichen Tieren herauszubekommen, und sie haben sich mit dieser Frage beschäftigt, wenn auch nur am Rande.

Voyeurismus hilft auch dem Eber

Die Wissenschaftler P. H. Hemsworth und D. B. Galloway haben 1979 nachgewiesen, dass die Anzahl der Spermien im Ejakulat eines Ebers signifikant zunimmt, wenn er so tun darf, als würde er eine Sau besteigen oder wenn er beobachten kann, wie einem anderen Eber gleichzeitig Samen abgezapft wird. Ich möchte die Relevanz dieses Befunds nicht überstrapazieren: Eine andere Studie kam zu dem Schluss, dass dieser Effekt bei Widdern nicht eintritt. Doch 1984 untersuchten Mader und Kollegen 12 Hereford-Bullen und stellten fest, dass diese wesentlich häufiger ejakulierten, wenn sie einem Paar zusahen, das gerade voll in Fahrt war. Price und Kollegen wiederum kamen im selben Jahr zu dem Schluss, dass das Absamen von Ziegenböcken wesentlich schneller ging, wenn ein Weibchen als „Stimulus“ anwesend war, aber nicht bestiegen werden konnte.

Überraschen kann das wohl kaum. Bereits 1955 berichtete Kerruish, die Besamungszentren für Kühe böten nicht die „notwendige sexuelle Stimulation“ vor dem Absamen. Kerruish ordnete intensive sexuelle Stimulation an und konnte nicht nur „eine deutliche Verbesserung des Sexualverhaltens“ vermerken, sonder auch – und das ist das Entscheidende für unsere Frage – mehr erfolgreiche Befruchtungen.

Konkurrenz erhöht die Spermienzahl

Aber es wird noch interessanter. Es gibt bereits Beweise aus Tierversuchen, die belegen, dass die Anzahl der Spermien im Ejakulat zunimmt, wenn die Männchen sich in einer Konkurrenz-Situation befinden. Kilgallon und Simmons führten 2005 ein Experiment durch, um herauszufinden, ob sich im Ejakulat von Männern mehr bewegliche Spermien befanden, wenn man ihnen Bildern zeigte, auf denen ein „Sperma-Wettstreit“ zu sehen war.

Meiner Meinung nach hatte die Studie Schwächen: Die Wissenschaftler verglichen das Ejakulat von 52 heterosexuellen Männern, die sich pornographische Bilder ansahen, auf denen entweder zwei Männer und eine Frau oder zwei Männer und drei Frauen zu sehen waren. Ich bin der Meinung, sie hätten besser Bilder von einem Mann und einer Frau als Vergleichsgröße herangezogen, aber bitte. Sie fanden heraus, dass die Männer, die sich die „zwei Männer, eine Frau“-Bilder ansahen, mehr bewegliche Spermien produzierten. In diesen Kontext passt auch eine Studie von Zbinden und Kollegen, die zu dem Ergebnis kam, dass Stichlinge mehr Sperma ejakulieren, wenn ihnen ein größerer Rivale gezeigt wurde, als nach dem Anblick eines kleineren.

Aber schließlich untersuchten Yamamoto und Kollegen 2000 19 Männer, die in ein Glas onanierten – entweder alleine oder mit Unterstützung „sexuell stimulierende Videobilder“. Die Menge des Spermas, die Zahl der einzelnen Spermien, ihre Beweglichkeit und der Anteil der morphologisch normalen Spermien waren allesamt größer, wenn die Männer Pornos ansahen.

Epididymaler Aspiration

Dazu kommt, dass es vielen Männer schlicht nicht möglich ist, gerade an dem Tag zu ejakulieren, an dem es für die IVF am dringendsten wäre. Das Sperma kann dann nur mittels einer epididymalen Spermienaspiration herausgeholt werden, was bedeutet, dass eine Nadel in den Hoden eingeführt werden muss. Ein äußerst suboptimales Resultat.

Ich behaupte nicht, Pornografie sei großartig. Ich stimme uneingeschränkt zu, dass es eine schlechte Sache ist, wenn der weibliche Körper zu einem Objekt degradiert wird und ich will auch nicht unbedingt, dass an meinem Arbeitsplatz Pornohefte herumliegen, obgleich man in Krankenhäusern alle möglichen grauenvollen Dinge sehen kann, wenn man zur falschen Zeit die falsche Tür öffnet.

Was ich sage möchte, ist lediglich: Wenn es vernünftige Beweise dafür gibt, dass Pornografie den Menschen dabei hilft, ein für sie sehr wichtiges Ziel zu erreichen – zum Beispiel nicht kinderlos zu bleiben – wenn sie die seltsame und unangenehme Erfahrung machen müssen, alleine in einem Krankenzimmer zu onanieren, während jeder vor der Türe weiß, was sie da gerade tun und es womöglich sogar eine Schlange gibt – dann sollte man Forschungsarbeiten, die belegen, dass Pornografie hilft, doch zumindest angemessen berücksichtigen.

Übersetzung: Christine Käppler

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12:30 06.10.2010
Geschrieben von

Ben Goldacre | The Guardian

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Ausgabe 38/2020

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smith | Community
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