Es gibt nur einen Mark E. Smith

Nachruf Berechenbar war Mark E. Smith nur in seiner Treue zu The Fall. Seine Sprache war nicht die des Pop, sondern musikalische Science-Fiction
Es gibt nur einen Mark E. Smith
Die Musikwelt hat mit Mark E. Smith (hier 1989 beim Futurama Festival Bradford) einen ihrer unnachahmlichsten Charaktere verloren

Foto: Rachel Docherty/Flickr (CC BY 2.0)

Das erste Mal traf ich Mark E. Smith 1981 in Leeds. Ich wartete auf den Stufen der Universität auf mein allererstes The-Fall-Konzert, als Smith aus dem Gebäude kam. Ich rannte hin, um ein Autogramm zu bekommen. Ich war ein schrecklich naiver Schuljunge und hatte keine Ahnung, wie man sich einem Popstar nähert – oder, besser gesagt, einer mysteriösen Kultfigur, die in dem Ruf stand, keine Gefangenen zu machen. Smith war nicht gerade der Liebling der Musikpresse, aber er wurde mit einer Mischung aus Neugier, Ehrfurcht und Angst beobachtet: Ich hatte genug über ihn gelesen, um zu wissen, dass ich mich ihm am besten so vorsichtig näherte, wie einem streunenden Straßenköter.

Was dann passierte – und das war meine erste Lektion hinsichtlich seiner Unberechenbarkeit – war, dass er unfassbar nett war. Er hatte keinen Stift, ich leider auch nicht, aber ich hatte einen Monat zuvor Captain Sensible von The Damned vor der Unity Hall in Wakefield getroffen und der hatte anstelle eines Autogramms ein Stück meiner Konzertkarte abgebissen. Ich fragte Mark E. Smith also, ob er das auch machen würde und so besitze ich heute einen perfekten Abdruck seines Gebisses im Zustand von 1981, der vermutlich genug DNA-Spuren enthält, um Mark E. Smith zu klonen.

Nicht, dass es jemals einen zweiten Mark E. Smith geben könnte.

An das Konzert erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen. Smith, bewusst unmodisch gekleidet, war klar der Chef, er hatte etwas von einem durchgeknallten Vorarbeiter, die Songzeilen bellte er wie Befehle heraus und hinter ihm duckte sich die Band, die an ihrem pulverisierenden, hypnotischen Lärm laborierte.

Wie Sinatra

Es gibt zwei Bands, die mein Leben verändert haben: Joy Division haben mich mit der Macht der Musik und den Möglichkeiten des Sounds bekannt gemacht und mir gezeigt, dass Pop Songs eine Tiefe und Düsternis haben konnten, die weit über ein wenig Entertainment hinausging. The Fall aber veränderten alles, was ich über Worte und Sprache wusste. Von dem Moment an, in dem ich als leicht beeinflussbarer Teenager Totally Wired im Keller eines Freundes hörte, stellten Smiths Texte für mich alles vom Kopf auf die Füße. Als ich mein erstes The-Fall-Album hörte, Grotesque (After the Gramme), betrat ich eine fremde Unterwelt, die von „hydrochloric shaved weirds“, „new faces in hell“ und scheußlichen Kopien verhasster Hundezüchter bevölkert wurden, und lernte eine Weltsicht kennen, die die Engländer, Gemeinderäte, Vergewaltiger, Nordlichter, Südküstler, Studenten, Touristen und Hunde sowie so ziemlich alles und jeden verachtete. Das war nicht die Sprache des Pop die ich kannte. Eher musikalische Science-Fiction.

An jenem Tag in Leeds begann meine lebenslange Obsession für The Fall. An einem guten Abend, wenn Smith in Hochform war und Steve Hanley mit dem Bass kämpfte, als sei er ein wildes Tier, waren sie die beste Band der Welt. An einem schlechten war da nichts als gereizter, jähzorniger Krach. Das erste mal schwor ich mir 1985, nie wieder zu einem The-Fall-Konzert zu gehen. Aber so wie ein Hund zu seinem Erbrochenen zurückkehrt, ging ich immer wieder hin. Und während The Fall ein Album nach dem anderen in den Charts hatten, fielen Schlüsselereignisse meines eigenen Lebens mit ihnen zusammen: Mein erstes Pint trank ich bei einem The-Fall-Konzert, meine Jungfräulichkeit verlor ich an das Mädchen, das mir mein erstes The-Fall-Album schenkte. Später war ich mit einem Mädchen namens Victoria zusammen, deren Namen der Sache einen extra Reiz verschaffte, da The Fall, nun ja, mit einem Kinks-Cover mit dem Titel Victoria in den Charts waren.

Ich habe gesehen, wie Smith eine Performance hinlegte, die in ihrer Professionalität einem Sinatra-Auftritt das Wasser reichen konnte. Und ich war bei Gigs, die kompletter Murks waren, weil der sichtlich besoffene Sänger auf der Bühne das Equipment zerlegte oder nur aus der Garderobe heraus „sang“, sprich irgendwelche Laute von sich gab. Es machte, wie wir alle wissen, einen Teil der Faszination aus: Man wusste nie, welchen Smith man abbekommen würde.

Nach jener kurzen Begegnung 1981 in Leeds, trafen wir uns persönlich 1997 wieder, als ich für die Zeitschrift Melody Maker ein „Pop-Gipfeltreffen“ mit Mark E. Smith, Paul Heaton von The Beautiful South und Peter Hook von New Order organisierte. Die drei Koryphäen mussten durch halb Manchester trotten, da sich herausstellte, dass Smith in fast allen zentralen Pubs Hausverbot hatte. Das Ganze endete dann in einem stundenlangen Besäufnis und ich erinnere mich vage, wie Smith den armen Heaton fertig machte. Sein Vergehen? Er hatte zugegeben, dass er The Fall mochte.

40 Verflossene

Nach unserer letzten Begegnung, 2005, kollidierten unsere Welten noch einmal auf andere Art. Da Smith diverse Male im Guardian interviewt worden war, dachte mein Redakteur sich einen neuen Dreh aus: Wie wäre es, mit dem Sänger über die zahllosen Bandkollegen zu sprechen, die er im Laufe der Jahre gefeuert hatte (oder die ihn verlassen hatten) und dann mit einigen von ihnen über Smith zu reden? Die Plan drohte zu scheitern, als Smith sich weigerte den Verbleib irgendeines Ex-Mitglieds preiszugeben. Ich spürte sie dann selbst auf. Ich durchforstete das Internet, alte Telefonbücher und abgelegene Gegenden in den Bergen von Lancashire. Am Ende fand ich über 40.

Diese monumentale Suche zerstörte meine damalige Beziehung. Nach 17 Jahren verließt mich meine Freundin für einen LWK-Fahrer (Container Drivers ist mein Lieblingssong von the Fall). Aber als aus dem Artikel schließlich ein Buch wurde (The Fallen: Life In and Out of Britan's Most Insane Group), hatte ich das streng gehütete Innenleben der Band enthüllt, das so schräg war wie die Songs.

Smith betrieb seine Band wie eine kleine Fabrik, er stellte Leute ein und feuerte sie aus einer Laune heraus. Ich erfuhr von Ehefrauen und Ex-Freundinnen, die alle von ihm verlassen und im Stich gelassen wurden. Eine, die gleichzeitig seine Managerin war und Kazoo in der Band spielte, stieg während eines Schneesturms mitten auf der Autobahn aus seinem Van. Ich hörte von Gitarristen, denen auf dem Weg zum Konzert die Augen verbunden wurden oder die in schwedischen Wäldern ausgesetzt wurden. Ich hörte Geschichten von „kreativen Spannungen“ und psychischer Folter. Songs wurden live bei rasender Geschwindigkeit im Bus aufgenommen. Ein Drummer, der seit Jahren keinen Drumstick in der Hand gehalten hatte, wurde wenige Minuten vor einem Auftritt vor Tausenden beim Reading-Festival gezwungen, der Band beizutreten – von einem Sänger und einem Gitarristen, die bluteten, weil sie mit Schlagringen aufeinander losgegangen waren.

Smith war jedoch viel zu komplex und intelligent um einfach nur ein Scheusal zu sein. Er konnte so urkomisch sein, wie einige seiner Songs (ich liebe die Geschichte, dass der Vertrag der Band für den Autritt in der TV-Show von Jools Holland eine Klausel enthielt, die Holland untersagte „irgendwo in der Nähe von The Fall Boogie-Woogie-Piano zu spielen“). Viele Ex-Mitglieder erzählten von Smiths außerordentlichen Großzügigkeit und Gutherzigkeit. Wie er ihnen beistand, wenn sie ihn brauchten oder sie mit auf Weltreise nahm. Fast alle sagten, sie seien an der Erfahrung in der Band gewachsen und die meisten erklärten, sie wären sofort wieder dabei. Mit Sicherheit gilt das nicht für jenen Gitarristen, der preisgab, wie eine komplette Bandbesetzung Smith und seine damals aktuelle Frau sitzen ließ, nachdem er ihrem Busfahrer bei 80 Meilen die Stunde sein Bier über den Kopf geleert hatte. Während einige Musiker sich von ihrem Gastspiel bei der allmächtigen Band nur mithilfe von Akupunktur erholten, klopfte Smith sich nur den Staub ab und machte weiter.

Er war voller Widersprüche, aber in einem war er berechenbar: seiner Treue zu The Fall. Bereits 1979 sagte er, er werde die Band „am Laufen halten, so lange ich kann“. Bis zum bitteren Ende trat er auf – sogar sichtbar krank im Rollstuhl. Die Musik hat einen ihrer unnachahmlichsten Charaktere verloren.

Dave Simpson ist Musikkritiker des Guardian und Autor des Buchs "The Fallen – Life In And Out Of Britain's Most Insane Group".

15:58 25.01.2018
Geschrieben von

Dave Simpson | The Guardian

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