Fährt Gott Motorrad?

Iran Der fünfte Anschlag auf einen iranischen Atomforscher in den vergangenen zwei Jahren heizt die Frage nach den Hintermännern der Anschlagserie weiter an

In diesen Tagen sind die Nachrichten, die uns aus dem Iran erreichen, mysteriöser denn je. Ob es sich um die Ermordung von Nuklearforschern, Explosionen vor Militärstützpunkten, die Ausbreitung eines Computer-Virus oder den Abschuss (oder Absturz) einer amerikanischen Spionage-Drohne handelt – es fällt schwer, mit Sicherheit zu sagen, was wirklich vor sich geht.

Gestern früh ereignete sich mit dem Anschlag auf Mostafa Ahmadi Roshan, eine Schlüsselfigur in der Urananreicherungsanlage von Natanz im Zentraliran, der vorerst letzte Fall in dieser Reihe. Ersten Berichten zufolge befestigten zwei auf einem Motorrad herannahende Angreifer Magnetbomben an Roshans Wagen, deren Detonation den Wissenschaftler tötete und mehrere Passanten verletzte. Vor ihm wurden mit Masoud Ali Mohammadi (Januar 2010) und Majid Shahriari (November 2010) bereits zwei andere Atomwissenschaftler auf ähnliche Weise getötet. Am Todestag Shahriaris wurde auch auf den amtierenden Chef des iranischen Atomprogramms, Fereydoon Abbasi Davani, ein Anschlag verübt, den dieser aber überlebte. Im Juli vergangenen Jahres wurde der iranische Wissenschaftler Darioush Rezaeinejad erschossen. Die Täter waren auch in diesem Fall mit Motorrädern unterwegs. Dass er iranischen Stellen zufolge nicht auf dem Gebiet der Atomforschung tätig war, legt die Theorie nahe, dass er Opfer einer Namensverwechslung wurde und eigentlich ein anderer getroffenen werden sollte.

Vergangenen November kam es in Isfahan in der Nähe sensibler Nuklearanlagen zu einer Explosion. Eine weitere Sprengladung tötete zusammen mit 16 weiteren hochrangigen Revolutionsgarden den Architekten des iranischen Raketenprogramms. Eine ähnliche Explosion erschütterte im vergangenen Jahr eine Raketenbasis in Khorramabad. Der Computerwurm Stuxnet, mutmaßlich zur Sabotage der iranischen Urananreicherung programmiert, traf im vergangenen Jahr viele der Zentrifugen des Landes. Schließlich gab es noch die mysteriöse Geschichte über die amerikanische Drohne, welche in Afghanistan als vermisst gemeldet wurde und später im Iran wieder auftauchte.

Alternative zu einem offenen Krieg?

Es fällt schwer, zwischen all diesen Vorfällen keinen Zusammenhang zu vermuten. Sie legen vielmehr nahe, dass Gegner des iranischen Regimes einen verdeckten Feldzug gestartet haben, mit dem die Atom- und Raketenprogramme des Landes – möglicherweise als Alternative zur kostspieligeren Variante eines offenen Krieges – zum Erliegen gebracht werden sollen.

Niemand hat sich zu den Anschlägen bekannt. Israel wird als „natürlicher“ Verdächtiger betrachtet, da es die eigene Mittäterschaft nicht dementieren wollte. In diesem Zusammenhang spielt die Geschichte seiner verdeckten Aktionen ebenfalls eine Rolle. Die Entführung von Mordechai Vanunu, der das israelische Atomprogramm aufgedeckt hatte und die systematischen Tötungen der Beteiligten am Massaker des Schwarzen September durch den Mossad, sind hierfür nur zwei Beispiele.

Ob Israel hinter der Anschlagserie im Iran steckt oder nicht, bleibt ein Geheimnis. Diese Woche wurde ein israelischer General mit den kryptischen Worten zitiert, der Iran habe 2012 mehr „unnatürliche“ Ereignisse zu erwarten.

Iran beschuldigt sowohl Israel als auch die USA, welche die Beteiligung an der Ermordung von Wissenschaftlern indessen dementiert haben. Auch Großbritannien zählt zum Kreis der Verdächtigen; Demonstranten trugen im vergangenen November vor der britischen Botschaft in Teheran Bilder des ermordeten Shahriari mit sich. Dieser Verdacht besteht zu Recht. 2010 sagte MI6-Chef Sir John Sawers in einer Rede: „Wir brauchen Aktionen der Geheimdienste, um Ländern wie dem Iran die Entwicklung von Atomwaffen zu erschweren.“ Es sei die Aufgabe der Geheimdienste, herauszufinden, „was diese Staaten machen … und Möglichkeiten zu eruieren, ihren Zugang zu wichtigen Materialien und Technologien zu verlangsamen.“

"Jede Verzögerung ist willkommen"

Sawers' Ansichten werden von US-amerikanischen und israelischen Funktionären geteilt. „Wir sind nicht glücklich über die Fortschritte, die der Iran bei seinem Atomprogramm macht. Jede Verzögerung, ob diese durch göttliche Intervention oder auf anderem Wege herbeigeführt wird, ist daher willkommen“, erklärte vor kurzem Israels Verteidigungsminister Ehud Barak. Im Oktober reagierte der hochrangige US-General Jack Keane auf Berichte über einen iranischen Anschlagsplan auf den saudischen Botschafter in Washington mit den Worten: „Warum töten wir die Revolutionsgarden nicht? …. Wir müssen ihnen jetzt sofort die Hände an die Gurgel legen.“

Derartige Kommentare beweisen nicht, dass eines dieser Länder tatsächlich an einem verdeckten Krieg gegen den Iran beteiligt ist. Aber ungeachtet dessen, wer für die außergerichtlichen Tötungen und offenbaren Sabotageakte verantwortlich ist, sollte vor allem bedacht werden, dass derartige Aktionen gegen internationales Recht verstoßen. Befürworter eines verdeckten Krieges gegen den Iran sehen ihn als Alternative zu gezielten Luftschlägen oder gar einem offenen Krieg, weil er weniger zivile Opfer forderte und eine öffentliche Konfrontation mit den iranischen Verbündeten Russland und China vermieden werden könnte

Illegales Vorgehen jedoch wird jede Chance auf einen Dialog mit Teheran zunichte machen. Es wird Iran zu unbesonnenem Vorgehen provozieren, die Haltung hinsichtlich des Atomprogramms radikalisieren und schließlich dazu ermutigen, mit ähnlichen verdeckten Aktionen auf die Angriffe zu reagieren. Wenn der verdeckte Krieg gegen den Iran nicht beendet wird, könnte er leicht außer Kontrolle geraten.

Übersetzung: Holger Hutt

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19:06 12.01.2012
Geschrieben von

Saeed Kamali Dehghan | The Guardian

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The Guardian

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