Schiefe Debatte

Gamergate Die Online-Bewegung hetzt gegen Feministinnen in der Spiele-Branche. Trotzdem sehen die Medien in Gamergate einen zulässigen Gesprächspartner. Das ist falsch

Für jede traditionelle Protestbewegung dürfte es wohl das sichere Todesurteil sein, wenn die wichtigste Tageszeitung der USA sie in ihrem Aufmacher mit Morddrohungen und anderen Belästigungen in Verbindung bringt.

Im Fall von “#gamergate” könnte die Sache hingegen durchaus anders laufen. Die Online-Bewegung begann im August als Kampagne gegen eine wenig bekannte Indie-Spiele-Entwicklerin und hat sich mittlerweile auf nahezu alle Feministinnen der Spiele-Branche ausgeweitet.

Da die Gruppe es hervorragend versteht, die Medien für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, hat selbst die New-York-Times-Schlagzeile “Feminist Critics of Video Games Facing Threats in ‘GamerGate’ Campaign” eher zur Diskussion einiger der Lieblingsthemen der Gruppe geführt, als zu deren konsequenten Verurteilung.

Der Leitartikel berichtet über die Todesdrohungen gegen die Feministin und Kulturwissenschaftlerin Anita Sarkeesian, die für ihre Video-Serie “Tropes v Women in Video Games” auf You Tube bekannt ist.

Sarkeesian musste einen Vortrag an der Universität von Utah absagen, nachdem dort eine anonyme Drohung eingegangen war, es werde ein “Massaker geben wie damals in Montreal“. 1989 hatte Marc Lépine am dortigen Polytechnikum 24 Frauen und vier Männer erschossen. Als der Veranstalter sich weigerte, Waffen bei der Veranstaltung zu verbieten, sagte Sarkeesian ihre Teilnahme ab.

Auch wenn Gamergate in der Drohung nicht erwähnt wurde, haben viele Beobachter einen Zusammenhang zu der Gruppe hergestellt. Die Formulierungen, in denen beklagt wird, dass „Frauen wie Sarkeesian uns sogar noch dafür bestrafen wollen, wenn wir unsere Männlichkeit in der Fantasie ausleben“, hätten auch direkt aus einem Beitrag auf der Diskussionsseite 8Chan entlehnt sein können. Der Ableger der besser bekannten Seite 4Chan dient der Bewegung als Rekrutierungsfeld.

Der Times-Artikel verurteilt die Drohungen gegen Sarkeesian, sowie zwei weitere Frauen – Zoe Quinn und Brianna Wu – , die sich gezwungen sahen, ihre Wohnungen zu verlassen, nachdem ihre Adressen zusammen mit Gewaltandrohungen im Internet veröffentlicht worden waren, plappert aber gleichzeitig unhinterfragt auch die Erklärungen nach, mit denen Gamergate selbst seine Existenz begründet.

„Die Anstifter der Kampagne [gegen Sarkeesian]”, schreibt Nick Windfeld von der Times, „sind mit einer breiteren Bewegung verbunden, die sich um das Twitter-Hastag #gamergate zusammengefunden hat und moralische Probleme mit der politisch korrekten Berichterstattung über Spiele hat.“

Die Bewegung hat also „ethische Probleme“ mit dem Spiele-Journalismus. Für die Drohungen sei lediglich „eine sehr viel kleinere Gruppe“ verantwortlich. Der Mehrheit von Gamergate gehe es um etwas anderes, so der Schauspieler Adam Baldwin, der das Hashtag initiiert hat. Gamergate behauptet von sich, schonungslos gegen Leute in den eigenen Reihen vorzugehen, die Frauen belästigten oder bedrohten, und fordere sie auf, dies zu unterlassen.

In den Fernsehsendern Vice und Vox attestieren Journalisten der Bewegung „interessante Anliegen“ oder behaupten, es versuche „als Medienaufsicht zu fungieren“. Solche Formulierungen könnten wortwörtlich aus Gamergate-Briefings stammen, die in den sozialen Medien und Foren an Unterstützer verschickt werden – und tun dies auch. „Sorgt dafür, dass euer Gegner sich allein fühlt … nutzt eure quantitative Stärke, um ihn einzukreisen. Erklärt, dass es Gamergate nicht um soziale Gerechtigkeit geht, sondern um Game-Journalismus“, heißt es in einem Beitrag. In einer weiteren aktuellen Anweisung – “Operation: Shillgate” – geht es um die Verbreitung einer Taktik, um Menschen, die die Bewegung kritisieren, „zum Schweigen zu bringen“.

Die Ziele und Praktiken der Bewegung strafen ihre angeblichen „ethischen“ Ziele Lügen. Amanda Marcotte zufolge handelt es sich bei der Gruppe in Wahrheit um das genaue Gegenteil: „#GamerGate ist in erster Linie ein vom Hass auf Frauen motivierter Angriff auf einen ethischen Journalismus.“

Dieses Urteil kann die Autorin mit einer langen Liste von Argumenten begründen. Zoe Quinn, die als erste zum Opfer der Bewegung wurde, ist noch nicht einmal Journalistin. Sarkeesian, das zweite Opfer, sei geradezu „ein Beispiel für sauberen Journalismus“. Sie nehme lieber Spenden ihrer Leserinnen und Leser an als sich von Werbegeldern der Industrie abhängig zu machen. So verschaffe sie sich die nötige Unabhängigkeit, um die Spiele aus kritischer Distanz beurteilen zu können.

Darüber hinaus ist es der Bewegung gelungen, den Abbruch eines Forschungsprojektes über Gender in Computerspielen zu bewirken, indem die Untersuchung mit bösartigen Kommentaren überschwemmt wurde. Beim Branchenmagazin Gamasutra sorgte die Bewegung für einen heftigen Streit um das Verhältnis zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung, nachdem Intel in Reaktion auf einen starken Kommentar von Guardian-Autor Leigh Alexander eine Anzeige zurückzog.

„#gamergate lehnt ethischen Journalismus ab“, schreibt Marcotte. „Sie behaupten zwar das Gegenteil, tun dies aber aus den gleichen Gründen, aus denen Konservative die Liberalen als die „wahren“ Rassisten beschimpfen, Abtreibungsgegner behaupten, sie wollten die Frauen „beschützen“ und Homophobe vorgeben, es gehe ihnen lediglich um den „Schutz der traditionellen Ehe“.

Wenn über das Thema diskutiert wird, heißt es zu Beginn oft, die Wahrheit werde wohl irgendwo in der Mitte liegen, beide Seiten würden gute Argumente vorbringen und dass es der Mehrheit der Leute hinter Gamergate um ethischen Journalismus gehe. Doch nichts davon stimmt. Nick Davies würde hier von einer „falschen Ausgeglichenheit“ sprechen – die falsche Annahme, wenn es zwei identifizierbare Parteien gibt, müsse man Konflikte zwischen ihnen als Debatte zwischen Gleichberechtigten darstellen.

Kyle Wagner von Deadspin beschrieb Gamergate als „Ansammlung von Scharfmachern“ beschrieben, „die spüren, wie der Hase läuft und sich von dieser Entwicklung ausgeschlossen fühlen“. Doch diese Scharfmacher hetzen schon seit Jahren. Sarkeesian wurde zum ersten Mal im Juni 2012 zum Opfer einer Hasskampagne. Damals war die erste Folge von Tropes v Women in Video Games noch gar nicht produziert.

Verändert hat sich lediglich, dass die Scharfmacher von einer Strömung zu einer klar definierten Gruppe geworden sind und es dabei geschafft haben, die Medien mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

„Ein geschickter Trick“, sagt Wagner. „Wenn man sich dafür einsetzt, dass Spiele-Entwickler den Großteil ihrer Ressourcen in Spiele stecken, die sich am intellektuellen Niveau und den emotionalen Befindlichkeiten onanierender 16-jähriger Vorstadtkids orientieren, nimmt einen niemand besonders ernst. Wenn man daraus aber eine Geschichte über eine repressive, heuchlerische Verschwörung der Medien macht, hat man auf einmal ein Anliegen und gilt als Partei in einer „Debatte“.“

Aus diesem Grund wäre es voreilig, Gamergate bereits für tot zu erklären. Wie die Tea Party oder die Leute, die den Klimawandel leugnen, wird auch diese Gruppe solange weiter Zulauf erhalten, wie sie als zulässiger Gesprächspartner in einer wichtigen Diskussion angesehen wird. Und wie die Berichterstattung über Sarkeesians Rede zeigt, scheinen die Medien darauf einfach nicht verzichten zu können.

12:22 22.10.2014
Geschrieben von

Alex Hern | The Guardian

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