Feministische Fassade

Gender Ivanka Trump dient ihrem Vater als Schutzschild, um Kritik an seiner Frauenfeindlichkeit zu kontern. Sie steht für eine völlig verdrehte Vorstellung von Feminismus
Feministische Fassade
Ganz der Papa

Bild: Chip Somodevilla/Getty

Zu unserer neuen Realität nach der Wahl vom 9. November gehört die Tatsache, dass die Wählerstimmen weißer Frauen Donald Trump mit zum Sieg verholfen haben. Nun werden die Republikaner uns immer wieder unter die Nase reiben, damit sei der Beweis erbracht, dass Frauen Trump lieben, weil der offen misogyne zukünftige US-Präsident ja in Wahrheit nur ihr Bestes wolle. Gefährlich ist diese Beschwichtigungslüge vor allem deshalb, weil sie in einer strahlenden Symbolfigur Gestalt annimmt – Ivanka Trump.

Die unermüdliche Tochter des Wahlsiegers inszeniert sich als eine Art Sheryl Sandberg light: Sie rief eine Kampagne mit dem Slogan Women Who Work ins Leben, sie war die treibende Kraft hinter Trumps vagem Gerede über Mutterschutz, sie pflegt in den sozialen Medien sorgsam ihr eigenes Image als glamouröse und dennoch bodenständige arbeitende Mutter. Und nun wird sie in Trumps Team für die Vorbereitung seiner Präsidentschaft als Feigenblatt gegen den offenkundigen Sexismus und Rassismus ihres Vaters in Erscheinung treten.

Zu einer Zeit, da die landläufige Auffassung von Feminismus weniger mit Politik zu tun hat als mit dem nebelhaften Konzept von "Teilhabe", hat so ein Ablenkungsmanöver beste Aussichten auf Erfolg. In den letzten zehn Jahren ist feministische Rhetorik in den USA so populär geworden, dass auch konservative Kreise sie für ihre Zwecke einsetzen – vom Slogan, Frauen "verdienten Besseres" als abzutreiben, bis zur "you-go-girl"-Werbung für eine Creme gegen Cellulite.

Als ich 2014 mit Ronnee Schreiber, der Autorin des Buchs Righting Feminism: Conservative Women and American Politics, über dieses Phänomen sprach, sagte sie, für konservative Aktivistinnen sei der Rückgriff auf das Thema Gender als Strategie, um ihren Wirkungskreis zu erweitern, "eine Form von Identitätspolitik, die sie bei anderen kritisieren, aber selbst oft anwenden". Mit anderen Worten: Feminismus ist schlecht, es sei denn, jemand verficht ihm, der eigentlich nicht daran glaubt.

Diese Verwässerung der Frauenbewegung – nicht nur durch Frauen aus dem rechten Lager, sondern auch durch Kommerzialisierung – ermöglicht es Ivanka Trump nun, weiterhin eine Nebelwand rund um die frauenverachtenden Ansichten ihres Vaters zu errichten. Schon im Wahlkampf trat die Tochter als telegener, redegewandter Schutzschild gegen die erbitterten Vorwürfe der Misogynie auf, die Trump auslöste. Ivanka Trump schwärmte davon, wie viele Frauen ihr Vater als Unternehmer über die Jahre eingestellt habe, und wie sehr er sie alle beim Karrieremachen unterstützt habe. Sie bezeichnete ihren Vater sogar als einen Feministen.

Andi Zeisler, Autorin des Buchs We Were Feminists Once: From Riot Grrrl to Cover Girl, the Buying and Selling of a Political Movement und Mitgründerin der feministischen Zeitschrift Bitch, nennt Ivanka Trump die "Spitze des Marktplatz-Feminismus": "Sie zählt zu den vielen Menschen, die sich das Etikett Feminismus opportunistisch anheften, um für Frauen relevant zu erscheinen."

Weibliches Gesicht der Kampagne

Als die New York Times einen Artikel über Trumps unsäglichen Umgang mit Frauen veröffentlichte, beharrte Ivanka darauf, dass ihr Vater "kein Grabscher" sei. Diese Worte flogen ihr um die Ohren, nachdem das Video ans Licht gekommen war, in dem sich Trump mit sexuellen Übergriffen brüstete, und nachdem mehr als ein Dutzend Frauen ihn öffentlich beschuldigten, sie begrabscht zu haben.

Ivanka nahm ihn unbeirrt weiter in Schutz. Sie gab eine Erklärung ab, in der sie seine Äußerungen zwar "unangemessen und beleidigend" nannte, aber auch betonte, sie sei froh, dass er sich dafür entschuldigt habe. In einem späteren Interview tat sie Trumps Kommentare in dem Video als "derbe Sprüche" ab und behauptete, diese Sprüche passten nicht zu dem Mann, als den sie ihren Vater kenne.

Als Trumps Wahlkampf dann ins Trudeln geriet und die Turbulenzen auch Ivanka selbst erfassten – es kam zu einem groß angelegten Boykott ihrer Modelinie –, konnte sie endgültig unter Beweis stellen, wie wertvoll sie als weibliches Gesicht seiner Kampagne war. Auf dem Parteitag der Republikaner wurde Ivanka gefeiert für ihre Rede, in der sie ihren Vater als großen Frauenversteher pries, auch wenn solche Worte wie pure Ironie klingen mussten. "Es hörte sich an, als würde sie von Betty Friedan oder von Gloria Steinem sprechen", sagt Debbie Walsh, Direktorin des Center for American Women and Politics an der Rutgers University in New Jersey.

Ivankas beständiger Einsatz für ihren Vater, in Verbindung mit ihrem eigenen Teflon-Image in der amerikanischen Öffentlichkeit, überzeugte viele Frauen davon, dass Donald Trump doch ein guter Mensch sein müsse, auch wenn alle Anzeichen dagegen sprachen. In einem Artikel für Buzzfeed schrieb die Kulturjournalistin Anne Helen Petersen über die Ivanka-Wählerinnen: "Eine Frau sagte mir, 'Wenn Trump eine so elegante Tochter hat, hat das doch etwas zu besagen.' Ivanka, die Weißwäscherin, also – eine hygienische, vertrauenswürdige, elegante Version von Trump, die es Frauen leichter macht, bei der Wahl für ihren Vater zu stimmen."

Für manche Frauen auf der rechten Seite des politischen Spektrums war Ivanka Trump mehr als nur ein Vorbild an konservativer Weiblichkeit. Sie war die Mensch gewordene Genehmigung, Trump zum Präsidenten zu wählen – sie ist das Antlitz eines völlig verzerrten, in sein Gegenteil verdrehten Feminismus, der mithalf, 53 Prozent der Stimmer weißer Wählerinnen einzufahren.

"Vielleicht ist der Gedanke dahinter: Wenn Ivanka ihn respektiert und für einen guten Kerl hält, dann kann er so schlecht nicht sein", sagt Debbie Walsh. Zugleich habe man aber auch aus der Abneigung traditioneller Republikaner-Wählerinnen gegen Trump allzu eilfertig den Schluss gezogen, sie würden diesmal anders wählen. "Dabei hat die Wahlforschung uns immer gezeigt, dass die Menschen ihrer Partei treu bleiben."

Dass heute alles, wo irgendwo Frauen mitmischen, als Beleg für "Teilhabe" vermarktet werden kann, wird Ivanka dabei helfen, ihre feministische Fassade aufrecht zu erhalten – und zwar nicht nur bei den Republikaner-Wählerinnen, sondern generell in einer Mainstream-Kultur, die sich gerne mit Frauenrechten schmückt, solange das nicht mit Politik und echten Zugeständnissen einhergeht.

Vor kurzem erst erklärten mir die Veranstalterinnen der Innovationskonferenz TEDWomen (bei der die Tickets 1.000 US-Dollar kosteten), es werde auf der Tagung keine Vorträge zum Thema Abtreibung geben, denn dies sei "ein aktuelles Thema, zu dem wir nicht Stellung beziehen möchten".

Bereits mehrere Frauenkongresse in den USA fielen unangenehm auf, weil den Teilnehmerinnen nicht gestattet wurde, dort ihre Babys zu stillen. Und all die Zusammenkünfte im Namen der Frauenrechte, die von Großkonzernen ausgerichtet werden, bieten eher Wohlfühl-Geplauder darüber, wie frau sich den Wunsch nach höherem Gehalt erfüllen oder sich das ständige Sorry-Sagen abgewöhnen kann, als Ansätze zu einem politischen und gesellschaftlichen Wandel.

Zappendustere Zukunft

Wann wird Ivanka Trump zum ersten Mal Hauptrednerin bei so einer Konferenz sein? Wenn es Trumps erstgeborener Tochter tatsächlich gelingt, mit ungeschädigter Reputation aus diesem Wahlkampf hervorzugehen und unter dem Motto "Vielfalt des Denkens" zu Frauenkongressen eingeladen zu werden – dann sieht es zappenduster aus für die Zukunft des Feminismus.

Was mit Ivanka – und damit auch mit Donald Trumps Botschaft an die Frauen – als nächstes geschehen wird, dürfte die Fortsetzung dessen sein, was in den vergangenen Jahren bereits mit dem Feminismus passiert ist: Sie wird in den falschen Glauben eingebettet, Frauenrechte seien ein parteiübergreifendes Anliegen. Wann immer sich etwas auch nur so anhört oder so schimmert, als ginge es um weibliche Teilhabe in der Gesellschaft, gilt es bereits als gut für Frauen.

Ronnee Schreiber, die Expertin für die Ideologie der rechten Amerikanerinnen, erklärte mir, wie das konservative Zerrbild von Feminismus auf dem Konzept fußt Wenn die Frauen sich anständig benehmen würden, wäre alles gut. „Die Idee dahinter ist, dass Männer Frauen besser behandeln, wenn wir respektabler auftreten“, sagt Schreiber.

Es ist das gleiche Signal, das die Trump-Leute schon an die Linke richten. Sie rufen zu Versöhnung und Akzeptanz auf, während zugleich eine Welle des weißen Nationalismus und der Hassverbrechen die USA erfasst hat. Doch Feministinnen wissen – und zwar erst recht, seit Ivanka als das "respektable" und fügsame konservative Ideal von weißer Weiblichkeit aufgebaut worden ist –, dass nur wenig anderes so bedrohlich für die Rechte der Frauen ist wie respektables Benehmen.

Übersetzung: Michael Ebmeyer
12:44 23.11.2016
Geschrieben von

Jessica Valenti | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 9383
The Guardian
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 13

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Gelöschter Benutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar