Flaute für Sunshine Tea?

Kollateralschaden Eurokrise und sinkende Nachfrage in der EU treffen auch die BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Sie fürchten um den Absatz ihrer Ausfuhren
Flaute für Sunshine Tea?
Teetrinken in der 65 Jahre alten Teestube Giani in Amritsar

Foto: Narinder Nanu / AFP / Getty Images

Tee-Exporteur Anurag Gupta sitzt in seinem Büro, das er mit allerlei Hindu-Gottheiten teilt. Er sieht nicht aus wie jemand, der sich wegen des Sturzflugs der Rupie allzu viele Sorgen macht. In der zurückliegenden Woche sank die indische Währung im Vergleich zum Dollar auf ein Rekordtief. Das löste Befürchtungen aus, die an sich dynamische indische Wirtschaft könnte ins Stolpern geraten. Gupta verkauft seinen Luxustee in die USA und nach England, im Moment zumindest profitiert er von einer schwächeren Währung. „Anfang der Woche stand die Rupie im Verhältnis zum Dollar noch bei 1 zu 55, heute bei 1 zu 57“, lächelt er. Ein Paket mit zehn seiner Sunshine Tea Sticks (eine patentierte Abwandlung des herkömmlichen Teebeutels) kostet im Großhandel 2,50 Dollar. Je stärker also der Dollar im Vergleich zur Rupie, desto größer seine Gewinnspanne.

Nicht übermäßig besorgt

Dennoch rechnet Gupta damit, dass die Zeiten schlechter werden: „Die Rezession hat hier noch nicht eingesetzt, aber lange wird es nicht mehr dauern.“ Das orangene Bindi kräuselt sich mit seiner in Falten gelegten Stirn. „Wir sehen das Chaos in Griechenland und die Krise in Europa und müssen uns darauf vorbereiten, dass sich dies auch auf uns auswirkt.“ Er selbst erwägt, seine Preise vorsorglich zu senken. Derzeit verkauft Gupta pro Monat 100.000 Kisten seiner Teesticks. Fast alles geht nach Übersee. Er hofft, dass der Luxusmarkt, in dem er unterwegs ist, sich als rezessionssicher erweist. Die Amerikaner, die es sich leisten können, acht Dollar für zehn Teebeutel auszugeben, so seine Hoffnung, gehören nicht zu denen, die eine weltweite Finanzkrise am schwersten trifft.

Nach dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers 2008 sei die Nachfrage nach seinem Produkt kurzzeitig zurückgegangen, dann aber wieder gestiegen. Überhaupt blickt er nicht übermäßig besorgt auf die ausländischen Märkte, immerhin gibt es daheim in Indien genug Potential. Es gab zwar Anfang Juni einen Aufschrei, als die neusten Zahlen zeigten, dass die indische Wirtschaft im ersten Quartal um nur fünf Prozent und damit so langsam wie seit neun Jahren nicht mehr gewachsen war. Gupta aber bleibt dabei, dass es mit Indien bergauf geht: „Noch vor ein paar Jahren hätte sich kein Inder vorstellen können, 50 oder 60 Rupien für eine Tasse Tee oder Kaffee auszugeben. Aber es machen immer mehr Ketten auf, und die Leute würden sogar mehr bezahlen.“ Zur Zeit bleiben nur fünf Prozent der Verkäufe von Sunshine Tea in Indien – in Luxushotels oder Feinkostläden.

Flucht in den Dollar

Die sinkende Nachfrage auf den europäischen Märkten, von denen viele weiter tief in der Rezession stecken und der Zusammenbruch des globalen Vertrauens in das Vermögen der Politiker, dem ganzen ein Ende zu bereiten, hat die Schwächen der Schwellenmärkte offenbart, zu denen die so genannten BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – gehören. Rakesh Shah, Vizevorsitzender des Außenhandelsausschusses der Föderation der indischen Kammern für Industrie und Handel, sagt, diejenigen Exporteure, die hauptsächlich in die Eurozone verkauften, seien schon betroffen. „Ich weiß von vielen kleinen Textil-Exporteuren, die Kleidung nach Europa verkauft haben und inzwischen schließen mussten.“ Seinen Zahlen zufolge seien die indischen Ausfuhren zwischen Mai 2011 und Mai 2012 um drei Prozent gesunken, was „besonders problematisch ist, wenn man bedenkt, dass eigentlich ein Wachstum zwischen 15 und 20 Prozent angepeilt war.“

Am stärksten hätten Unternehmen zu leiden, die vornehmlich vom Import abhingen, wie die indische Edelstein- und Juwelenindustrie, die auf die Einfuhr von Edelsteinen und Gold angewiesen ist. „Diese Rohmaterialien“ – so Rakesh Shah– „kosten 20 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.“

Angesichts eines sich rapide verlangsamenden Wachstums, einer fallenden Rupie und vieler in den Dollar fliehender Investoren, steht Indiens Regierung vor einem Dilemma: Senkt sie die Zinsen, um als Reaktion auf die Eurokrise das Wachstum anzukurbeln, riskiert sie, die Inflation noch weiter zu erhöhen. Die steht ohnehin schon bei zehn Prozent. Viele Familien müssen sich bereits gewaltig strecken, um das Nötigste zu kaufen. „In einem Land mit 1,2 Milliarden Einwohnern kann eine Regierung über die Inflation stürzen“, sagt Rakesh Shah.

In dieser Situation wird offenbar, dass Indien zu viele hausgemachte Probleme belasten. Die öffentliche Infrastruktur ist in schlechtem Zustand, die Unternehmen klagen, sie würden durch Korruption und Bürokratie gelähmt. Die Nachfrage aus den reichen Ländern dürfte für längere Zeit nachgeben, wodurch die BRICS-Gruppe die steilen Wachstumsraten zurückliegender Jahre kaum halten kann.

Woran glaubt man?

Der US-Konsumgütergigant Procter & Gamble (P&G) hat gerade auf einer Investoren-Konferenz bekannt gegeben, sein Hauptaugenmerk auf die Kernmärkte richten zu wollen. Man habe einen zu großen Teil der Ressourcen auf Schwellenländer verwandt: „Wir werden unser Schwellenmarkt-Portfolio erweitern, aber mit einer ausgewogeneren Geschwindigkeit“, sagt P&G-Chef Bob McDonald. Wie schon bei der Kreditkrise 2008 setzten auch 2012 viele Experten auf die „Entkopplung“ der ausgelaugten Ökonomien der alten Welt von den asiatischen Tigern China und Indien. Doch genau wie letztes Mal, als der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers zu einer weltweiten Rezession führte, hat der Wirtschaftsrückgang in der Eurozone auch Auswirkungen in Tausenden Kilometern Entfernung. Neil Shearing von Capital Economics hält die Theorie von der Abkopplung ohnehin für einen Mythos: „Entweder glaubt man an die Globalisierung oder man glaubt an die Abkopplung. Es sieht so aus, als würde die Eurozone in die Rezession abgleiten. Und das wird mit Sicherheit Folgen haben.“

Jede der aufstrebenden Volkswirtschaften habe mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. Chinas Wachstum war zuletzt äußerst investitionsabhängig. Diese Abhängigkeit verstärkte sich sogar noch, nachdem Peking 2008/2009 eine Einkaufsorgie veranstaltete, um den Abwärtstrend in der restlichen Welt auszugleichen. 2010/11 machten die absoluten Investitionen bemerkenswerte 49 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Hohe Investitionsraten sind in sich schnell entwickelnden Ökonomien zwar keine Seltenheit, aber nur wenige Analysten glauben, dass China auch weiter in der Lage sein wird, mit solch atemberaubender Geschwindigkeit Straßen, Flughäfen und Hochhäuser zu bauen. Viele befürchten eine Immobilienblase, die bald platzen wird. „Das große Problem besteht darin, dass ihr Erholungsprogramm sich allein auf diese gigantischen Investitionen konzentrierte“, sagt Charles Dumas von der Beratungsfirma Lombard Street Research. Man geht davon aus, dass das Wachstum 2012 eher in der Nähe von acht als von zehn Prozent liegen wird, was zehn Jahre lang die Norm war.

Es gibt auch bewusste Bemühungen seitens des chinesischen Staates, den Binnenkonsum zu stärken, um unabhängiger von den Exporten zu werden. „Wachstum ist nicht alles, es kommt auch darauf an, wie es sich zusammensetzt“, meint Shearing. Die Rohstoff-Preise, inklusive des Ölpreises, sind bereits zurückgegangen, weil man befürchtet, Chinas unstillbarer Appetit könnte doch irgendwann nachlassen – wie das Wachstum wegen der Sparmaßnahmen und der Finanzkrise auch in der reichen Welt zurückgeht.

Gefährlicher Immobilienboom

Hieraus könnten nichzt zuletzt auch Brasilien Probleme entstehen, das stark vom Handel mit China abhängt. Das Reich der Mitte ist mittlerweile zu seinem größten Exportmarkt geworden, der Rohstoffe wie Eisen oder Kupfer regelrecht aufsaugt. Jüngsten Schätzung zufolge gehen acht Prozent der weltweiten Gesamtproduktion in den chinesischen Häuserbau.

Doch Brasilien hat seine eigenen Sorgen, weil es seit Jahren einen ungezügelten Immobilienboom erlebt: Die Wohnungspreise haben sich in Rio seit 2008 verdreifacht, es werden immer mehr und immer höhere Hypothekendarlehen aufgenommen: Das Gespenst eines Crashs geht um. Kevin Dunning von Economist Intelligence Unit, warnt: Das brasilianische Wachstum könnte sich 2012 dramatisch auf 2, 2 Prozent verlangsamen – ein Wert, den man eher aus westlichen Ländern kennt.

Mittelfristig erwarten die meisten Analysten, dass sich die radikale Verlagerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit vom Westen hin zu den aufstrebenden Ökonomien fortsetzt und es China und Indien gelingen wird, weiter Millionen aus der Armut zu befreien. Dass die beiden Länder sich auf dem jüngsten G20-Treffen bereit erklärt haben, mehrere Milliarden in die Kriegskasse des IWF einzuzahlen, mit der die Krise der Eurozone bekämpft werden soll, zeigt, wie nervös sie in Bezug auf ihre eigene Verwundbarkeit sind.

Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

14:54 26.06.2012
Geschrieben von

Helen Pidd/Heather Stewart | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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