Flucht statt Rückzug?

Afghanistan Es könnte sein, dass sich die NATO mit ihrer Vorstellung vom geordneten Ausstieg bis Ende 2014 verkalkuliert hat. Es häufen sich Attentate und tödliche Zwischenfälle
Flucht statt Rückzug?
Trauerzeremoniell für gefallene neuseeländische Soldaten des ISAF-Korps

Foto: The New Zealand Defence Force / Getty Images

Die Ermordung von 17 Menschen durch Aufständische in Musa Qala, den Tod von zehn afghanischen Soldaten bei einem Anschlag in Helmand und die Ermordung von zwei US-Soldaten durch einen Rekruten der afghanischen Nationalarmee könnte man als weiteren blutigen Tag in Afghanistan abtun – nicht mehr. Man könnte die grausigen Ereignisse in ihrer Summe jedoch ebenso als weitere, dringende Warnung an nachlässige westliche Politiker nehmen, dass ihre Politik eines allmählichen Rückzugs mit rasanter Geschwindigkeit den Bach runtergeht.

Präsident Obama und der britische Premier Cameron haben 2014 als Abzugsjahr der NATO festgelegt. Doch die sich verschlechternde Sicherheitslage, die krasse Unzuverlässigkeit und die mageren Leistungen großer Teile der afghanischen Armee und Polizei, sowie die furchteinflößende Ausdauer der afghanischen und pakistanischen Taliban könnten sie noch zum Handeln zwingen und aus einem Rückzug eine Flucht werden lassen.

Die westlichen Staatschefs würden Afghanistan am Liebsten ignorieren. Im US-Wahlkampf zwischen Barack Obama und Mitt Romney kommt das Thema kaum vor. In Großbritannien wird jede neue Nachricht vom Tod eines Soldaten mit verhaltenem und offiziellen Bedauern aufgenommen. Dringendere, nahe liegendere Themen dominieren die Tagesordnung.

Schlafend am Steuer

Erinnern Sie sich noch an den Krieg in Afghanistan?“, fragt Stephen Walt, Harvard-Professor für internationale Beziehungen, im Magazin Foreign Policy: Sie wissen schon: den 'guten Krieg', der als Antwort auf den Anschlag von al-Qaida am 11. September 2001 und die Weigerung der Taliban, die Drahtzieher auszuliefern, geführt und nachträglich damit gerechtfertigt wurde, dass erstens künftige 'Zufluchtsorte' für Terroristen besetzt werden müssten, man zweitens die afghanischen Frauen befreien und drittens einer unterentwickelten Stammesgesellschaft Demokratie und eine moderne Regierung bringen wolle. Und viertens die amerikanische Glaubwürdigkeit bewahren müsse.“

Keines dieser Ziele, so Walt, sei erreicht worden. Die Afghanistanpolitik rase auf den Abgrund zu, wenn sie nicht schon darin zerschellt sei. Es bestünde kaum Aussicht darauf, dass die NATO einen funktionierenden Staat hinterlasse, von einer liberalen Demokratie ganz zu schweigen. Die Politiker sitzen schlafend am Steuer, ohne der Gefahren gewahr zu sein. Deshalb hat der oberste Soldat des Pentagon, General Martin Dempsey, der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Armee, jüngst Kabul besucht. Bei seinen Treffen mit Präsident Hamid Karzai und anderen hochrangigen Regierungsvertretern ging es um den massiven Anstieg der so genannten Green-on-Blue-Angriffe afghanischer Soldaten oder Polizisten gegen NATO-Personal. Diese angeblich von Taliban-Führer Mullah Omar orchestrierten Attacken haben 2012 ein epidemische Ausmaß angenommen. 42 Angehörige der ISAF-Streitkräfte wurden getötet, Dutzende verletzt.

Dempsey habe, so heißt es, mit seinen Gesprächspartnern Gegenmaßnahmen besprochen. Dazu zähle der außergewöhnliche Plan, die afghanische Armee sich selbst bespitzeln zu lassen. „Die Soldaten müssen spüren, dass sie auf jeder Ebene unter der vollständigen Überwachung durch ihre Führung stehen“, meinte General Sher Mohammad Karimi, Stabschef der afghanischen Armee, nach seinem Treffen mit Dempsey in der Washington Post. „Zunächst würde sich das negativ auf die Moral auswirken, aber wir müssen etwas tun. Wir müssen ersthaft jeden Einzelnen begutachten.“

Urinieren auf Patrouille

Die NATO-Befehlshaber können jedoch nicht ignorieren, dass einiges darauf hinweist, dass sich in derartigen Angriffen eine breite Feindseligkeit gegenüber der ausländischen Besatzung, aber auch Wut über kulturelle Affronts (wie die Koran-Verbrennungen Anfang 2012) und die zivilen Opfer von NATO-Operationen spiegeln. Laut einer bei Bloomberg zitierten Analyse des Pentagon aus dem Jahr 2011 gehen nur elf Prozent der Angriff auf eine Infiltrierung der Armee durch die Taliban zurück: „In der Mehrzahl der Fälle waren die Ursachen andere, vor allem Dispute oder Groll zwischen Soldaten der Koalition und der afghanischen Armee. Zu den in Interviews mit Hunderten afghanischen Soldaten und Polizeibeamten identifizierten Gründen ging die Wut über alles und entzündete sich an nächtlichen Razzien der US-Armee, an zivilen Opfern oder am weit verbreiteten Schießen auf Nutztiere. Selbst elementare Dinge wie das Urinieren auf Patrouille führten zu kulturellen Spannungen. Die selbe Studie zeigte, dass die US-Mannschaften 'extrem negative' Ansichten über ihre afghanischen Kollegen hatten.“

Präsident Karzai macht eine Infiltrierung durch von Pakistan und Iran entsandte Agenten für einen Großteil der eigenen Sicherheitsprobleme verantwortlich, auch für die Enthauptungen in Musa Qala. Die Geheimdienste der Nachbarn würden die Bemühungen Kabuls untergraben, afghanische Sicherheitskräfte im Blick auf Macht und Einfluss nach 2014 „aufzustellen“.

Pakistan hat derweil selbst ein Taliban-Problem, wie jüngst ein Anschlag auf eine Militärbasis in Minhas zeigte. Das pakistanische Militär bereitet angeblich gerade eine Großoffensive in Nordwaziristan vor, das in Afghanistan wie Pakistan operierenden Militanten als Stützpunkt dient. Eine solche Offensive würde die afghanischen Sicherheitsprobleme zumindest kurzfristig immens verschärfen.

Übersetzung: Zilla Hofman

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15:22 28.08.2012
Geschrieben von

Simon Tisdall | The Guardian

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