Fortschritt durch Transparenz

Klima Die Streitigkeiten unter Klimaforschern haben auch Auswirkungen auf die Forschung: Immer öfter wird verlangt, dass Ergebnisse auch von außen überprüft werden müssten

Die E-Mails, die im November an der Universität von East Anglia gehackt wurden, lassen das, was einige der führenden und angesehensten Klimaforscher der Welt hinter den Kulissen treiben, in einem äußerst unschönen Licht erscheinen. Die Affäre stellt ernsthaft in Frage, wie zugänglich die Daten, mit denen die Wissenschaft operiert, sind und ob das Peer-Review-Verfahren benutzt werden kann, um abweichende Meinungen zu unterdrücken. Doch bedeutet „Climategate“ auch, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel voller Fehler sind? Das ist absolut nicht der Fall. Nichts, was durch diese E-Mails zutage getreten ist, untergräbt die These, dass die Menschheit die Erwärmung der Erde vorantreibt.

Keine der 1.073 E-Mails und keine der 3.587 Dateien widerlegt die Erkenntnisse, die im Laufe der vergangenen 200 Jahre über den Treibhauseffekt gewonnen wurden. Nichts von dem, was an der Universität von East Anglia gefunden wurde, widerlegt die Tatsache, dass sich in der Atmosphäre immer mehr CO2 ansammelt und dass die vom Menschen verursachten Emissionen, die von fossilen Brennstoffen wie Kohle und Öl herrühren, schuld daran sind. Keine der gefundenen Dateien widerlegt die physikalischen Berechnungen, die belegen, dass von jedem Quadratmeter der Erdoberfläche 1,6 Watt Energie mehr in die Atmosphäre ausgestrahlt werden, als diese wieder verlassen.

Verschwiegenheit als Problem

Wir wissen, dass sich die Erde im Zuge dessen erwärmt. Die zugehörigen Fakten übermitteln uns Tausende von Thermometern aus Gegenden, die so abgelegen sind, dass sie unabhängig von bestimmten städtischen Einflüssen existieren. Dasselbe gilt für die Weltmeere. Dazu kommen sichtbare Beweise: Gletscher schmelzen, das ewige Eis in der Arktis schrumpft, die Meeresspiegel steigen immer schneller, die Waldgrenze rückt nach oben und Dauerfrostböden tauen auf. Dabei handelt es sich nicht um ­wissenschaftliche Artefakte oder handverlesene Daten, aus denen sich ein paar ­Wissenschaftler die vorteilhaftesten herausgepickt haben, sondern um beobachtbare Tatsachen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem, was die Kritiker der Klimawandeltheorie über den Inhalt der E-Mails behaupten. Die meisten ihrer Anschuldigungen, die im Zuge des Skandals großes Gehör fanden, sind nachweislich unzutreffend. Es gibt keine Verschwörung, die darauf abzielt, das Sinken der Temperaturen zu verschleiern und es wurden keine Daten manipuliert.

Doch die E-Mails haben die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler und die Verlässlichkeit der Erkenntnisse über die Erd­erwärmung stark beschädigt. Sie belegen, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern Verfahren abgekürzt und Unschärfen in ihren Berechnungen heruntergespielt hat, um der Welt die eindeutige Botschaft zu übermitteln, dass die Menschheit den Planeten hier und jetzt überhitzt. Glaubt man ihren Gegnern, dann haben sie ihre Spuren bewusst verwischt, indem sie Daten geheimgehalten und abweichende Meinungen unterdrückt haben. Zusammen mit den jüngsten Enthüllungen über Mängel in den Berichten des Weltklimarats weisen die Verfehlungen auf wissenschaftliche Unsauberkeiten und Schlampereien hin, nicht jedoch auf arglistigen Betrug. Viele Wissenschaftler glauben nun, dass sie sich diesen Problemen stellen und Ordnung in ihre Angelegenheiten bringen müssen.

Teil des Problems ist mit Sicherheit die Verschwiegenheit in den Naturwissenschaften. Die Klimaforscherin Judy Curry vom Technologischen Institut Georgia, die wiederholt versucht hat, ihre Kollegen und die Kritiker der Klimawandeltheorie zu versöhnen, ist der Ansicht, dass die unterschiedlichen Daten, die in Verbindung mit dem berühmten Hockeyschläger-Diagramm und Phil Jones’ Thermometerdaten aufgetreten sind, einen Mangel an Transparenz belegen. Die Wissenschaft, so Curry, sei zu sehr ein geschlossener Verein. Zum Wohle der Wissenschaft sei es jedoch notwendig, dass auch Außenstehende in den Elfenbeinturm eingelassen werden: „Auch Einsteins Karriere begann nicht in Princeton, sondern auf dem Postamt.“ Zeit, die Blogger hinzuzuziehen. Vielleicht ist ein Einstein unter ihnen.

Die Türen zu den Laboren werden sich öffnen, ob die Wissenschaftler das nun wollen oder nicht. Die Datenschutzbehörde veröffentlichte Anfang Februar eine Erklärung, in der sie schrieb, die Universität von East Anglia sei „mit den [Anfragen im Rahmen des freien Informationszugangs] nicht so verfahren, wie sie es gemäß der Gesetzgebung hätte tun müssen“. In den E-Mails finden sich Hinweise darauf, dass einige Wissenschaftler der Climate Research Unit an der Universität von East Anglia Dateien löschen wollten, anstatt sie auszuhändigen. Ob sie dann wirklich vorsätzlich gelöscht wurden, ist allerdings unklar.

Druck zum Konsens

Keiner wird vorausgesehen haben, dass ein Gesetz, das geschaffen wurde, um Staatsgeheimnisse zu enthüllen, am Ende dazu führen würde, dass Daten von den Computern einiger Wissenschaftler freigesetzt werden. Die Wissenschaftler müssen dringend einen Weg finden, wie sie auf diese veränderten Umstände reagieren – oder sie werden über kurz oder lang vor Gericht landen.

„Climategate“ wirft darüber hinaus Fragen über das Zustandekommen der Berichte des Weltklimarats auf, an denen viele der Verfasser der E-Mails beteiligt waren. Der Weltklimarat wurde vor 20 Jahren ins Leben gerufen, um eine einstimmige wissenschaftliche Einschätzung des Klimawandels zu bekommen. Doch allzu oft gibt es keinen Konsens. Wissenschaftler sind darin geschult zu widersprechen. Dadurch macht die Wissenschaft überhaupt erst Fortschritte. In Dutzenden der gehackten E-Mails wird überdeutlich, welche Spannungen durch den Druck zum Konsens entstehen.

Der Klimatologe Mike Hulme, ein Kollege von Phil Jones an der Universität von East Anglia, meint: „Die Klimaforscher werden sich stärker anstrengen müssen, wenn sie das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen wollen – und das ist vielleicht nicht ganz verkehrt.“ Der Weltklimarat, so Hulme, habe sich womöglich überlebt.

Während die Wissenschaft nun also ihr Haus bestellt, brauchen wir eine Perspektive. Mitten in diesem kalten Winter mag es uns etwas abstrakt erscheinen, aber die Erd­erwärmung nimmt weiterhin zu. Schuld daran ist immer noch die Mensch. Und noch immer müssen wir dringend etwas dagegen unternehmen.

Zweifel am Klimawandel

Der Klimawandel stellt die Politik vor enorme Herausforderungen. Sie muss die Weltwirtschaft auf der Grundlage einer Hypothese umkrempeln, deren Beweiskraft dem Laien sich kaum erschließt. Es handelt sich dabei um die größte Präventiv-Aktion der Geschichte, die auf dem Vertrauen in die Wissenschaft beruht.

Deshalb sind die hier thematisierten Kontroversen um falsche Wiedergabe von Beweisen und den Ausschluss von abweichenden Meinungen an der Universität von East Anglia und innerhalb des Weltklimarats von Bedeutung. Fatal ist die Anschuldigung, dass Informationen unterschlagen wurden, um einige Argumente für den Klimawandel als noch zwingender darzustellen.

Während der Skandal die wissenschaftlichen Erkenntnisse selbst kaum in Frage stellt, hat er das Vertrauen in den Prozess, der zu ihnen führte, erschüttert. Ein System, das so komplex ist wie das Weltklima, lässt sich nie mit hundertprozentiger Sicherheit erforschen. Doch wenn es genügend Beweise dafür gibt, dass menschliche Emissionen verheerend wirken, sollte das als Handlungsappell genügen. Das Risiko der Untätigkeit ist ungleich höher.

Doch den Klimaskeptikern reichen Zweifel am Rande des großen Ganzen, um die Bedrohung abzutun. Das ist falsch, aber ebensowenig sind Wissenschaft und Politik auf dem richtigen Weg, wenn sie den Zweifeln mit selbstgerechter Entrüstung begegnen.

Das Vertrauen der Öffentlichkeit kann nur gewonnen werden, wenn die Wissenschaft zugibt, dass es Dinge gibt, die sie nicht erklären kann. Und so könnte eine positive Folge der Affäre, die Fred Pearce hier nachzeichnet, sein: Die Wissenschaftler akzeptieren, dass auch ihre Betriebsabläufe sich durch die technologische Entwicklung verändern.

Übersetzung: Christine Käppeler

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21:25 09.02.2010
Geschrieben von

Fred Pearce | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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