Frauenhass schadet Wikileaks

Akte Assange Waren es "echte Vergewaltigungen"? Seit Julian Assanges Festnahme hat sich eine seltsame Koalition gegen die Klägerinnen verschworen. Der Causa Wikileaks hilft das nicht

Julian Assanges Festnahme aufgrund von Sexualdelikten, die er mutmaßlich in diesem Sommer in Schweden begangen haben soll, war von Anfang an heftig umstritten gewesen. Doch seit der Chef von Wikileaks in London in Untersuchungshaft sitzt, werden die Argumente derer, die seine strafrechtliche Verfolgung für niederträchtig oder politisch motiviert halten, immer wütender und maßloser. Rund um Assange hat sich eine seltsame Koalition gebildet, und somit – sei es nun explizit oder implizit – gegen seine beiden Anklägerinnen.

Der renommierte Journalist John Pilger, Regisseur Ken Loach und Charity-Lady Jemima Khan haben dem Gericht Kautionen angeboten und die Vorwürfe als „politischen Trick“ abgetan. Die Autorin und Aktivistin Naomi Wolf verurteilte die Frauen dafür, dass sie „feministisch inspirierte Rhetorik und das Gesetz benutzen, um anscheinend persönliche Verletzungen zu lindern“. Menschenrechtsaktivistin Bianca Jagger twitterte über die mutmaßlichen Verbindungen einer der Klägerinnen zur CIA. In einem Brief an den Guardian stellte die britische Organisation Women Against Rape „den ungewöhlichen Eifer“ in Frage, „mit dem Julian Assange verfolgt wird“.

Will man Online so mit Opfern sexueller Übergriffe umgehen?

Diese linken oder liberalen Gedankenmodelle stehen, ob sie nun wollen oder nicht, Seite an Seite mit einer bunt gemischten Ansammlung von Verschwörungstheoretikern und Internet-Kampfhunden, von denen die Frauen traktiert werden, seit sie im August Anklage erhoben haben. Gerade erst etablierte Regeln, wie mit Fällen von sexuellen Übergriffen online umzugehen ist, wurden gekippt: Persönliche Fotos der Frauen, ihre Lebensläufe und Blogeinträge wurden als Beweis für sexuelle Abweichungen, mentale Labilität und Racheabsichten ans Licht gezerrt. Claes Borgström, der Anwalt der Frauen, erklärte am Mittwoch gegenüber dem Guardian, seine Klientinnen seien „die Opfer einer Straftat, man würde sie jedoch als die Täterinnen ansehen.“

Unter so explosiven und global bedeutenden Umständen wie in diesem Fall, ist es praktisch unmöglich, die Anklage nicht in Verbindung mit den weitreichenderen politischen Vorwürfen gegen Assange und seine Webseite zu betrachten. Die Geschwindigkeit, mit der die britische Justiz, die sonst für ihre Langsamkeit bekannt ist, wenn ihre eigenen Staatsbürger ähnliche Vorwürfe erheben, diesem Haftbefehl nachgekommen ist, darf man nicht außer Acht lassen. Dasselbe gilt für die schändliche Tradition – darauf weisen auch Women Against Rape in ihrem Brief hin –, die bis zu den Lynch-Mobs im tiefen Süden Amerikas zurückreicht, dass der Vorwurf einer Sexualstraftat benutzt wird, um politische Agenden zu füttern, bei denen es um alles andere als die Sicherheit von Frauen geht.

Whoopi Goldberg prägte den Begriff "rape-rape"

Doch Assanges Status als angegriffener Kämpfer für die freie Rede wird als Berechtigung aufgefasst – von Rechten wie von Linken –, sich in den niedrigsten Schlampen-Vorwürfen und Frauenfeindlichkeiten zu ergehen. Es ist erschreckend zu beobachten, wie schnell überkommene Denkweisen wieder aufkommen, wenn es um Vergewaltigung geht: Zweifel am sexuellen Anstand eines Mannes sind ein politischer Akt, der Vorwurf sexueller Übergriffe neigt zur Verlogenheit (und bedarf in diesen Fällen derselben gründlichen Überprüfung durch die Massen wie die geleakten Depeschen) und nicht alle Formen des nichteinvernehmlichen Geschlechtsverkehrs gelten als „Vergewaltigung-Vergewaltigung“.

Die merkwürdige Wortschöpfung „rape-rape“ stammt von Whoopi Goldberg, die sie im vergangenen Herbst zur Verteidigung des Filmregisseurs Roman Polanski erfand, dem damals die Auslieferung an die USA drohte, nachdem er wegen einer 32 Jahre alten Vergewaltigungsanklage in der Schweiz festgenommen worden war. Sie nährt den Konsens, dass Fälle so schwer zu beweisen sind, in denen das Opfer den Täter kannte, unter Drogen oder Alkoholeinfluss stand, und, dass der Missbrauch in diesen Fällen so viel geringfügiger ist, dass es sich nur lohnt, Fälle zu verfolgen, die mit gewaltätigen Fremden in dunklen Gassen zu tun haben. Sie nährt auch die Annahme, dass das gute Verhalten eines Mannes in der Öffentlichkeit sein schlechtes Verhalten im Privaten ausgleicht, was die häuslichen Übergriffe von Fußballern wie George Best und Paul Gascoigne wieder als unschicklich einstufen würde – anstatt als gewalttätige Straftaten.

Wikileaks verteidigen, heißt nicht Vergewaltigungen verteidigen

Wenn man diese Maßstäbe anlegt, dann schmälern sie die Vergewaltigungsvorwürfe gegen einen freigeistigen Internet-Provokateur im Kontext seines Kreuzzuges für die Wahrheit, obgleich beides – so unangenehm das ist – parallel existieren kann.

Zur Verteidigung Assanges hat die Wikijungssphäre sich auf die Details der Fälle konzentriert, die in der öffentlichen Domäne sichtbar sind, insbesondere auf die Einwilligung zum Sex unter der Bedingung, dass ein Kondom verwendet wird, was eine falsche „Nicht-Vergewaltigung-Vergewaltigung“ beweisen soll. Das Entscheidende am schwedischen System ist in der Tat nicht, dass dort die Definition einer Vergewaltigung mehr umfasst als in anderen Ländern – dem ist nicht so – sondern, dass es bei einer Anklage nicht darum geht, ob Einvernehmen bestand, sondern ob die „sexuelle Integrität“ des Ankägers oder der Anklägerin verletzt wurde. Dazu kommt, dass mutmaßliche Opfer einen eigenen Anwalt beauftragen können, der nach einer ersten Ablehnung der Klage oft ein Zweitgutachten einholt, was eine nüchternere Erklärung dafür liefern könnte, weshalb die Fälle jetzt wieder eröffnet wurden.

Es ist deprimierend, mit welcher Geschwindigkeit diese jüngste Episode der Wikileaks-Saga auf die leidigen Klischees von der Sexfalle, den kastrierenden Feministinnen und den Opfern, die kein Mitleid verdienen, reduziert worden ist. In einem offensichtlichen Versuch, die Debatte aus der Suppe der Verunglimpfung und Gegen-Verunglimpfung zu ziehen, erklärte Naomi Klein „die Verteidigung von Wikileaks bedeute nicht, dass man Vergewaltigung verteidige“. Doch die Tatsache, dass Assanges Verteidigung diese unverhüllte, beißende Frauenfeindlichkeit hervorgebracht hat, sollte allen Frauen und Männern Anlass zur Sorge geben, die das ebenso geschmacklos und wahrheitsbehindernd finden wie die Angriffe auf Wikileaks selbst.

17:00 10.12.2010
Geschrieben von

Libby Brooks | The Guardian

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sachichma | Community
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