Cory Doctorow
18.05.2010 | 16:07 10

Freie Information gehört begraben

Netz "Die Freiheit der Information" wird zu einem Argument, um Kontrolle und Zensur zu rechtfertigen. Cory Doctorow über ein Paradox des Informationszeitalters

Zehn Jahre lang war ich einer von denen, die in den Augen der Musik- und Filmindustrie zur „Information wants to be free“-Clique gehörten. Außerhalb der Vorstandsetagen der Unterhaltungsindustrie habe ich in all den Jahren allerdings keinen getroffen, der dieses abgedroschene Klischee in den Mund genommen hätte.

„Information wants to be free“ (im Folgenden IWTBF) ist einem berühmten Aphorismus Stewart Brands entnommen, der 1984 im Rahmen einer Hacker-Konferenz in Marin County, Kalifornien (wo auch sonst?) sagte: „Auf der einen Seite wollen Informationen teuer sein, weil sie sehr wertvoll sind. Die richtige Information am richtigen Ort verändert schlichtweg dein Leben. Auf der anderen Seite wollen Informationen frei sein, denn die Kosten für ihre Verbreitung werden immer günstiger. Diese beiden Aspekte kämpfen gegeneinander.“

Brands hat uns einen zähen „Koan“ beschert, und wie es nun mal die Natur dieser buddhistischen Sinnsprüche ist, so ist auch dieser eine elegante Bestandsaufnahme der wichtigsten Widersprüche des Lebens im „Informationszeitalter“. Er besagt im Grunde, dass mit der zunehmenden Bedeutung, die der Information als beschleunigender Kraft und Wertschöpfungsquelle zukommt, paradoxer Weise die Kosten für die Verhinderung ihrer freien Verbreitung steigen. Das bedeutet: Je mehr Informationstechnik wir haben, desto mehr Wert generiert sie und desto mehr wird die Information zum Mittelpunkt unserer Welt. Doch je mehr Informationstechnik (und Fachkenntnisse auf diesem Gebiet) wir haben, desto einfacher kann sich die Information ausbreiten und sich aller urheberrechtlichen Barrieren entziehen. Besser könnte auch ein Orakel nicht vorhersagen, worum es bei den strategischen, wirtschaftlichen und politischen Kämpfen der nächsten 40 Jahre gehen wird.

Doch es ist Zeit, IWTBF zu begraben.

Es ist Zeit, IWTBF zu begraben, da es zu einem der einfachsten, faulsten Scheinargumente der autoritären Tyrannen aus Hollywood geworden ist, das sie uns vor die Füße werfen, um die Zunahme der Überwachung, Kontrolle und Zensur unserer Netzwerke und Tools zu rechtfertigen. Ich kann mir vorstellen, wie sie zueinander sagen: „Diese Leute wollen Netzfreiheit, weil sie glauben, „Informationen wollen frei sein“. Sie tun so, als würde es ihnen um die Freiheit gehen, aber der einzige Aspekt von „frei“, für den sie sich interessieren, ist doch „kostenfrei“.“

Doch das ist falsch. „Informationen wollen frei sein“ verhält sich zu der Bewegung für digitale Freiheit in etwa so wie der Slogan „Kill Whitey“ zur Bürgerrechtsbewegung: ein gedankenloses Spottbild, die eine nuancierte Haltung mit hohen Grundsätzen durch eine Karikatur ersetzt. IWTBF als die ideologische Grundlage der Bewegung zu bezeichnen, ist in etwa so, als würde man sagen, das Hauptanliegen der Feministinnen sei das Verbrennen von Büstenhaltern (während die Anzahl der BHs, die von Feministinnen verbrannt wurden in Wirklichkeit gegen Null tendiert).

Was aber wollen Aktivisten für digitale Rechte dann eigentlich, wenn es ihnen nicht um „freie Informationen“ geht?

Sie wollen freien Zugang zu allen Daten und Medienprodukten, die durch öffentliche Ausgaben erstellt wurden, denn dadurch verbessern sich die Wissenschaft, die allgemeinen Kenntnisse und die Kultur – außerdem haben sie dafür bereits mit ihren Steuern und ihren Rundfunk- und Fernsehgebühren bezahlt. Sie wollen frühere Werke zitieren und auf sie verweisen können, denn das ist die Voraussetzung eines jeden kritischen Diskurses. Sie wollen auf frühere Werke aufbauen können, denn darin besteht nun Mal die Grundlage jeglicher Kreativität und jedes Werk, dessen sie sich in Teilen oder als Anregung bedienen wollen, setzt sich doch selbst wiederum aus Vorgängerwerken zusammen.

Sie wollen ihre Netzwerke und ihre Computer benutzen können, ohne dass unter der Überschrift „Piraterie stoppen“ obligatorische Überwachungssoftware und Spyware installiert werden, denn Zensur und Überwachung wirken sich auf den freien Geist, intellektuelle Neugier und eine offene und gerechte Gesellschaft zerstörerisch aus.

Sie wollen nicht, dass sich irgendwelche gierigen Telekommunikationsriesen an ihren Netzwerken zu schaffen machen, um den Zugang zu ihren Kunden an Unterhaltungskonzerne zu verkaufen – denn wer für eine Netzwerkverbindung bezahlt, der tut das, um die Bits, die er haben möchte, so schnell wie möglich zu bekommen und nicht damit derjenige, der diese Bits zur Verfügung stellt, seinen Internetanbieter besticht.

Sie wollen die Freiheit haben, Tools zu entwickeln und zu benutzen, mit denen sie Informationen teilen und Communitys gründen können, denn das ist der Schlüssel zu jeglicher Form der Zusammenarbeit und gemeinschaftlichen Handelns – auch wenn eine Minderheit der User diese Tools vielleicht benutzen wird, um Pop-Songs zu ziehen, ohne dafür zu bezahlen.

IWTBF ist eine elegante Verknappung und spielt spitzbübisch mit der doppelten Bedeutung des Wortes „frei“ – aber heutzutage richtet der Slogan mehr Schaden an, als dass er nutzt.

Besser würde man sagen: „Das Internet will frei sein.“ Oder noch einfacher: „Die Menschen wollen frei sein.“

ist Schriftsteller, Blogger und Internetaktivist. Sein Text im Original finden Sie hier

Übersetzung: Christine Käppeler

Kommentare (10)

sputnik-suedstern 18.05.2010 | 22:03

Die Freiheit der Information im Sinne von "kostenfrei" wäre hierzulande mit der Einführung des iPad der erste (konsequente) Schritt zur Beendigung, der kostenfreien Information.
Das Problem der Freiheit aller Netze ist die Abhängigkeit davon. Wer sein Zeitungsabo gekündigt hat, wird zum Fixer der Information, die er stehlen muss, weil sie nur so lange kostenfrei sein kann, wie es sich der Verlag leisten kann.
Mit dem iPad und seinen zu erwartenden Folgeprodukten wird sich die Abhängigkeit von der Information auf eine neue Ebene begeben. Die, auf der ich mir die Information leisten muss.
Die Kosten, als letzte Erinnerung, entstehen durch die Technologie und deren Komplexität. Eine Wochenzeitung ist ein kleiner Beutel Stoff, der eine Woche hält. Für etwa 3 Euro. Beim Internet wird jeder Schuss, jedes Byte bezahlt werden.

zelotti 18.05.2010 | 23:28

"Wer sein Zeitungsabo gekündigt hat, wird zum Fixer der Information, die er stehlen muss, weil sie nur so lange kostenfrei sein kann, wie es sich der Verlag leisten kann."

Ja schön, dann eben nicht. Ich habe gar nichts dagegen auf Zeitungen und Hollywood zu verzichten. Wenn das das Ergebnis der digitalen Revolution ist, wunderbar. Nun ist aber das merkwürdige, dass ich tatsächlich Zeitungen kaufe usw.

Wäre es nicht klasse, wenn man wirklich das Hollywood-Kino loswerden könnte durch Piraterie? Ob das man funktioniert? Ich habe da ja so meine Zweifel...

Tiefendenker 18.05.2010 | 23:54

Eieiei...was für ein Eiertanz, der da vollführt wird. Und eine seltsame Vorstellung von Freiheit klingt da an. Wirkliche Freiheit kann meines Erachtens nur außerhalb der Warenform, also außerhalb der Marktwirtschaft liegen. Innerhalb regiert der westliche Ideenprotektionismus, der sich die „Freiheit“ heraus nimmt, „seine“ Informationen verkaufen zu wollen. Freiheit wird innerhalb dieser Verwertungslogik davon abhängig, ob man zahlungsfähig ist bzw. schon – worauf sich der Protagonist ausweichend bezieht – über allgemeine Steuern oder (Rundfunk)Gebühren - schon gezahlt hat. Damit relativiert sich diese Art „Freiheit“ doch beträchtlich. Ich würde fast sagen – typisch Amis...die haben die Dollars mit der Muttermilch bekommen und können ihr Denken nie und nimmer davon loslösen. Eine menschliche Existenz mit tatsächlicher Informationsfreiheit können die sich ontologisch scheinbar gar nicht vorstellen. Ähnliches lässt sich ja auch über Büchern wie z.B. PARECON sagen, wo ebenfalls die Illusion für ein „Leben nach dem Kapitalismus“ suggeriert wird, obwohl alles noch der Warenform unterliegt. Dazu zwei Teilaspekte:

1. Bezeichnend und verräterisch ist doch auch folgender Satz:

„Auf der einen Seite wollen Informationen teuer sein, weil sie sehr wertvoll sind. Die richtige Information am richtigen Ort verändert schlichtweg dein Leben. Auf der anderen Seite wollen Informationen frei sein, denn die Kosten für ihre Verbreitung werden immer günstiger. Diese beiden Aspekte kämpfen gegeneinander.“

Hier werden der „Wert“ der Informationen auf der Ebene des stofflichen Reichtums und des wertmäßigen Reichtums gleich gesetzt bzw. final einfach in Kosten umgerechnet. Damit wird suggeriert, ohne Geldeinsatz gäbe es gar keine Informationen in der Welt. Das stellt sich Frage, was die Menschen wohl vor 500 Jahren gemacht haben, als es noch gar keinen Kapitalismus gab? Und was passiert, wenn der Kapitalismus geschichtlich zu Ende geht und in eine höhere Gesellschaftsform transzendiert wird? Endet dann das Zeitalter der Informationen oder – meine ketzerische Frage – beginnt damit nicht erst deren wirkliche Freiheit?

Meine These dazu lautet - erst wenn niemand mehr den anderen übervorteilen und monetär verwerten muss – sondern wenn alle relevanten Informationen, Ideen, kreativen Werke, Patente, Rezepte und Lösungsmethoden der ganzen Menschheit zu deren freien Nutzung in einer Universalbibliothek zur Verfügung gestellt werden, dann sind auch alle untereinander bereit diese Informationen zu teilen. Der Nutzwert für die Menschheit auf dem „Raumschiff Erde“ wäre gigantisch. Dann ließen sich in wenigen Jahrzehnten aus heutiger Sicht scheinbar geradezu unlösbare Elementarprobleme wie Hunger, Kriege, Energieknappheit und Wassernot beenden. Diese Art Freiheit wäre die systemische Grundlage für Weltfrieden.

Was also tatsächlich begraben gehört, ist nicht die „Freiheit der Informationen“ wie von Herrn Doctorow systemimmanent gefordert, sondern der Kapitalismus als Produktionsweise und totalitäres Regime, der meint alles dem Zwang der Verwertungslogik unterwerfen zu können.

...und

2. Der Widerspruch zwischen den beiden Reichtumsformen zeigt sich doch gerade darin, dass einerseits das menschliche Bedürfnis nach Informationen (z.B. auch Musikwerken, Filmen usw.) besteht, andererseits durch deren Anbieter auf die Urheberrechte und deren technische Kontrollherrschaft (Hardware, Kopierschutz, Digital Right Management usw.) gepocht wird. Doch nur eine diesen beiden Reichtumsformen ist mit der Struktur und Natur des Universums im Einklang. Informationen im weitesten Sinne gehören zur Kategorie des stofflichen Reichtums. Vom wertmäßigen Reichtums, den wir uns als Menschen nur in die stofflichen oder immateriellen Träger hinein denken ,weiß“ das Universums quasi nichts. Je weiter sich also die Produktivkräfte, insbesondere die modernen Informationssysteme entwickeln (was ja zur Evolution dazu gehört), desto mehr wird diese künstliche – also von der eigentlichen Natur abweichende - gesellschaftliche geschaffene Doppelform aufgesprengt, in dem sich die Menschen dieser neuen Möglichkeiten frei bedienen und sich die Sachen „kostenlos“ herunter laden. Man könnte auch flappsig sagen „Kosten“ hatte der leibe Herrgott in seinem Schöpfungsplan nicht vorgesehen.

Insofern vielen Dank meinerseits für den Artikel. Das Thema ist durchaus anregend. Ähnliches – in Bezug auf die Probleme der Musikindustrie - gab es hier beim Freitag Online vor einigen Monaten schon mal...da hatte ich auch was dazu geschrieben.

Verwendungszweck 19.05.2010 | 12:23

Ich verstehe scheint's das Problem nicht. Das Internet ist so wenig frei, wie Zeitungen oder Kinos frei sind. Das Eintrittsgeld ins Internet sind mehr oder weniger teure elektronische Geräte, die zumindest mit einem IP-Stack umgehen können müssen und des weiteren wird Mal für Mal wieder ein Internet-Zugang benötigt. Für beides muss bezahlt werden, ebenso wie für das Zeitungspapier bezahlt werden muss, auf dem die Informationen stehen.

Angenommen ich kaufe mir alle drei Jahre ein neues Computer-Equipment für 1000 Euro. Das sind pro Tag fast 1 Euro. Plus die Flatrate für monatlich min. 30 Euro sind das schon 2 Euro pro Tag. Den Strom, die Zeit, die Nerven und die Zusatzprogramme für den Betrieb der Anlage noch nicht eingerechnet.

Informationen waren noch nie frei. Wenn ich etwas von meinem Nachbarn wissen will, muss ich mit irgend einer Währung bezahlen. Entweder ich erzähle ihm auch was oder ich lade ihn zum Grillen ein. Einfach so bekommt niemand Informationen.

Alles womit sich die Unterhaltungs- und Nachrichten-Händler derzeit schwer tun, ist der Technikwandel, und drum schreien sie nach dem Staat. Sie wollen neue Gesetze. Neue Urheberrechtsgesetze hat Papa Staat ihnen schon geschenkt. Der Bürger darf jetzt nur noch kopieren, wenn die Daten nicht kopiergeschützt sind und der Bürger muss natürlich parallel, ober kopiert oder nicht, Geräteabgaben für immer mehr Geräte und Leermedien an die Verwertungsgesellschaften zahlen.

Bald kommen noch die Leistungsschutzrechte dazu, die den Verlegern Rechte an Nachrichten (!) einräumen. Diese neuen Leistungsschutzrechte sollen Unterparagrafen im Urheberrecht werden. Die Verleger haben schon mal formuliert und platziert, und sie werden nicht müde, als Gestalter und Gebieter der öffentlichen Meinung ihren publizistischen Interesse den legislativen Weg zu ebnen.

Wenn sich C, Kika und H daran ein Beispiel nehmen, und sich ähnliche Paragraphen ins Gesetzeswerk implantieren lassen, sind die Zeiten bald vorbei, in denen wir unsere unchicken Pullis und doch nicht so gut sitzenden Jeans auf Flohmärkten für ein paar Euro verscherbeln durften. Denn dann sind die Klamotten für 50 Jahre leistungsschutzrechtlich von merkantiler Verwertung ausgenommen.

Das darf nicht sein! Auch Unterhosen wollen frei sein -- im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Verwendungszweck 19.05.2010 | 14:15

@Fritz Teich
Stimmt. Zuerst denkt man, es wäre Unfug, und dann ist es plötzlich Gesetz. Versuchen Sie doch mal ihre Musik-Dateien aus dem iTunes-Store, die ihnen nicht mehr gefallen, oder ihre online gekaufte Software, die Sie nicht mehr benötigen, zu verkaufen, dann reden wir über Unfug.

@CMS-Chef
Halli, hallo. Die Wörter mit den Et-Zeichen sehen jetzt viel besser aus. Bitte, machen Sie den doppelten Kommentar doch auch weg.

Fritz Teich 19.05.2010 | 15:10

@v-zweck. auch sehr richtig!! ABER: iTunes ist DRM, Faschismus pur, lange Geschichte und typischer Fall vgon Regieren ueber Bruessel und "Luegen" (gehoert dazu, weil Berlin immer nich was draufsetzt) und kein Pullover. Und Software ist auch etwas spezielles. Ok, in dem Zusammenhang mit Internet macht es einen Sinn, der Pullover ist aber noch der Normalfall.

(CMS ist ein Schwachpunkt, mit dem man leben muss, nobody is perfekt und Rauschen ist eben Rauschen)