Freunde wie diese

Facebook Während die EU das "Recht auf Vergessen" fordert, führt Facebook die Timeline für alle ein und droht mit Konsequenzen. So handeln Soziopathen, meint John Naughton

Vergangene Woche fielen zwei Ereignisse auf interessante Weise zusammen. Die Europäische Kommission kündigte eine „umfassende Reform“ der EU-Datenschutzrichtlinien von 1995 an, um „Online die Rechte des Einzelnen auf Wahrung der Privatsphäre zu stärken“ und „die digitale Wirtschaft Europas anzukurbeln“. Die Reform umfasst ein „Recht auf Vergessen“, das nach Auffassung der Kommission den Bürgern „eine bessere Beherrschung der bei Onlinediensten bestehenden Datenschutzrisiken ermöglichen“ wird und sie berechtigt, „ihre eigenen Daten zu löschen, wenn keine legitimen Gründe für deren Vorhaltung bestehen“.

In derselben Woche verkündete Facebook auf seinem offiziellen Blog: „Vergangenes Jahr haben wir Timeline eingeführt, eine neue Art von Profil, mit dem Du die Fotos, Posts und Ereignisse aus Deinem Leben hervorheben kannst, die Dir helfen, Deine Geschichte zu erzählen. In den nächsten Wochen wird jeder Timeline erhalten. Sobald Du Timeline bekommst, hast Du sieben Tage für eine Vorschau auf die Neuerungen. Das gibt Dir die Möglichkeit, Dinge hinzuzufügen oder zu verstecken, bevor sie alle anderen sehen.“ Beachten Sie den autoritären Ton: „Jeder wird Timeline erhalten.“ Soll heißen: Du bekommst es – ob es Dir passt oder nicht. Darauf werden wir später noch zurückkommen.

Man muss kein Genie sein, um zu bemerken, dass eine ernsthafte Kollision zwischen der Europäischen Kommission und einem mächtigen US-Unternehmen bevorsteht, das den Börsengang plant. Und wissen Sie was? Facebook holte zuerst zum Gegenschlag aus. Am Tag vor der Ankündigung der Kommission hielt Sheryl Sandberg, Facebook-Vorstand für das operative Geschäft, eine Rede auf einer Technologie-Konferenz in München. Ihr drohender Unterton wurde von der New York Times treffend so zusammengefasst: „Besorgt um die Privatsphäre? Vielleicht sollten Sie sich lieber um die Wirtschaft sorgen.“ Soll heißen: Legt euch mit uns an, Eurotrash, und wir machen euch fertig.

Haftungsbeschräkung statt Faktencheck

Sandbergs Rede war aufschlussreich, weil sie die Argumentation aufzeigt, die Google, Facebook et al nutzen werden, um staatliche Instanzen zu untergraben, die versuchen, ihre Freiheit bei der Ausbeutung der Identitäten ihrer Nutzer und dem Missbrauch der Privatsphäre zu regulieren. Sandbergs Argument lautet, dass Internetfirmen viele Arbeitsplätze schaffen und gut für die Wirtschaft sind, und dass die europäischen Regierungen ihnen nicht im Weg stehen sollten.
Während sie diesen Kurs festsetzte, stellte Sandberg Behauptungen über den ökonomischen Nutzen des Missbrauchs privater Daten auf, die jeder Parodie spotten. So präsentierte sie einen Bericht, den Facebook bei der Unternehmensberatung Deloitte in Auftrag gegeben hatte. Dieser kommt zu der Einschätzung, dass Facebook – ein Laden mit einer weltweiten Belegschaft von etwa 3.000 Angestellten – indirekt dazu beigetragen habe, 2011 in Europa 232.000 Arbeitsplätze zu schaffen und Einnahmen von über 32 Milliarden US-Dollar zu ermöglichen.

Eine Prüfung dieses „Berichts“ bestätigt den Verdacht, dass man dieses Zeug nicht besser hätte erfinden können. Oder vielmehr, dass nur eine internationale Unternehmensberatung es erfinden konnte. Interessanterweise scheint Deloitte selbst die Angelegenheit mit gemischten Gefühlen zu betrachten. „Die in dem Bericht enthaltenen Informationen“, warnt man, „wurden von Facebook Inc. und dritten Parteien gewonnen, auf die in den entsprechenden Abschnitten des Berichts klar verwiesen wird. Deloitte hat weder versucht, diese Informationen zu untermauern, noch ihre allgemeine Plausibilität zu überprüfen. Weiterhin beruhen alle Ergebnisse der in diesem Bericht enthaltenen Analysen auf den Informationen, die zum Zeitpunkt der Abfassung des Berichts verfügbar waren, und daher sollte man sich auf sie in der Folgezeit nicht verlassen.“ (Hervorhebung John Naughton)

Dementsprechend, fährt Deloitte fort, „wird keine ausdrückliche oder indirekte Zusicherung oder Garantie erteilt, und keine Verantwortlichkeit oder Haftung ist oder wird akzeptiert von oder im Namen von Deloitte oder einem seiner Partner, Angestellten oder Vertretern oder jeder anderen Person hinsichtlich der Genauigkeit, Vollständigkeit oder Richtigkeit der in diesem Dokument enthaltenen Informationen oder einer mündlich erteilten Information, und eine jede solche Haftung wird ausdrücklich abgelehnt.“

Der Soziopath der Geschäftswelt

Ganz recht. Der einzige Zweck von „Berichten“ wie diesem besteht darin, Politiker und Behörden zu beeindrucken oder einzuschüchtern. Noch immer scheint vielen von ihnen nicht bewusst, in welchem Maße internationale Unternehmensberatungen von Konzernen genutzt werden, um Schwachsinn eine Aura empirischer Respektabilität zu verleihen.

In Wahrheit sind Unternehmen wie Facebook in der Geschäftswelt im Grunde die Entsprechung zu Soziopathen, also zu Individuen, denen es völlig an Gewissen und Respekt vor anderen fehlt. In ihrem Buch „Der Soziopath von nebenan“ versucht Martha Stout von der Harvard Medical School zu vermitteln, was im Kopf eines solchen Individuums vor sich geht. „Stellen Sie sich vor“, schreibt sie, „Sie hätten kein Gewissen, überhaupt keins, keine Schuldgefühle oder Reue, was immer Sie auch tun, kein einschränkendes Gefühl der Sorge um das Wohlergehen von Fremden, Freunden oder sogar Familienmitgliedern. Stellen Sie sich vor, Sie hätten nie mit Scham zu kämpfen, nicht ein einziges Mal in ihrem ganzen Leben, egal, wie selbstsüchtig, faul, schädlich oder unmoralisch ihr Handeln war. Und tun sie so, als ob das Konzept der Verantwortung ihnen unbekannt ist, außer als Bürde, die andere ohne Fragen zu akzeptieren scheinen, als seien sie leichtgläubige Narren.“

Willkommen bei der Mentalität von Facebook.

Übersetzung: Steffen Vogel

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12:05 31.01.2012
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

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The Guardian

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