Für ihren Hass bezahlt

Rechte Neonazis erhalten über das Revenue-Sharing-System bei Youtube Zahlungen von Unternehmen wie Virgin Media oder O2. Die betroffenen Firmen wissen noch nicht einmal davon
Für ihren Hass bezahlt
Hass- und Einnahmequelle: Die so genannten Turner-Tagebücher haben schon mehrere Rechtsterroristen zu ihren Taten inspiriert

Foto: Youtube

Wenn extremistische Gruppierungen wie Blood & Honour oder Combat 18 Videos bei Youtube hochladen, profitieren sie davon, dass daneben automatisch Werbung platziert wird. Im Rahmen des Google-Programms Adsense erlauben Revenue-Sharing-Vereinbarungen den Mitgliedern des Portals, nicht urheberrechtlich geschützte Videos hochzuladen und von den Anzeigen zu profitieren, die in einer Leiste rechts neben den Videos erscheinen.

Ein Teil des Erlöses dieser Anzeigen wird an diejenigen ausgezahlt, die die Videos hochgeladen haben. Genau diesen Aspekt des Geschäftsmodells machen sich extremistische Gruppen zu Nutze, um an Geld zu kommen. Als Youtube-Eigner Google davon erfuhr, wurden die entsprechenden Videos gelöscht – allerdings weist nichts darauf hin, dass Vorkehrungen getroffen wurden, um derartige Vorfälle künftig zu vermeiden.

Mit den Videos, die sie hochladen, scheinen Neonazis oft die Absicht zu verfolgen, Unterstützer zu gewinnen, indem sie Hass gegen Minderheiten und andere Ethnien schüren. Dies verstößt eigentlich gegen die Youtube-Richtlinien, in denen es heißt: „Wir gestatten keine Hassreden, die eine Gruppe aufgrund von Rasse oder ethnischer Herkunft, Religion, Behinderung, Geschlecht, Alter, Veteranenstatus oder sexueller Orientierung/Geschlechtsidentität angreifen oder erniedrigen."

Laut Google wird bei Youtube jede Minute Videomaterial im Umfang von 60 Stunden und damit jeden Tag Filme mit einer Gesamtlänge von zehn Jahren hochgeladen. Geprüft werden die Inhalte nicht. Stattdessen verlässt man sich auf die selbstregulierende Kontrolle durch Crowdsourcing, bei der die Nutzer unangemessene Videos melden.

Zum Google-Partnerprogramm eingeladen

„Die YouTube-Community-Richtlinien gestatten keine Hassreden und wir rufen unsere User dazu auf, Materialen zu melden, die ihres Erachtens nach gegen die Regeln verstoßen“, so ein Unternehmenssprecher. „ Wir prüfen alle gemeldeten Videos rasch und entfernen regelwidriges Material umgehend. Videos, zu denen anhand des automatisierten Content-ID-Systems von YouTube-Anzeigen gestellt wurden, unterliegen dabei den gleichen Regelungen, wenn sie von Nutzern gemeldet wurden“

Allerdings dürften Combat 18-Mitglieder oder Sympathisanten der Gruppe, die sich die entsprechenden Videos ansehen, wohl kaum ein Interesse daran haben, diese zu melden. Und je öfter die Videos angeklickt werden, desto mehr verdienen diejenigen, die sie eingestellt haben. Laut den Adsense-Bedingungen werden Inhaber urheberrechtlich nicht geschützter Videos, die oft angeklickt werden, zum Google-Partnerprogramm eingeladen.

Über Youtube-Kanäle werden oft Links zu extremistischen Materialien und Websites mit Diskussionsgruppen und Lesestoff verbreitet. So finden sich etwa Links zu den Turner-Tagebüchern, mit denen eine Reihe von Hassverbrechen, darunter auch das Bombenattentat von Oklahoma 1995 in Verbindung gebracht werden, oder die Tagebücher des White Supremacy-Anhängers Kevin Harpham, der im vergangenen Dezember zu 32 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er auf der Strecke der Martin Luther King Jr.-Day-Parade eine Rucksackbombe platziert hatte.

Die deutschen Behörden haben den Youtube-Account eines der Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrund untersucht. David Copeland, der Londoner „Nagelbomber“ und auch der norwegische Amokläufer Andreas Breivik haben sich bekanntermaßen im Internet inspirieren lassen und wohl auch in Online-Communitys Zuspruch erhalten.

"Wie Google, versteckt sich auch YouTube hinter der Redefreiheit"

Mit der Tatsache konfrontiert, dass die Anzeigen des eigenen Unternehmens im Zusammenhang mit neonazistischen Inhalten erscheinen, sagte eine Sprecher von des Unterhaltungskonzern Virgin Media: "Virgin Media hat bezüglich der Anzeigenplatzierung strikte Maßgaben. Wir sind deshalb beunruhigt darüber, dass bei Youtube unsere Anzeigen zusammen mit unangemessenen oder unpassenden Inhalten zu sehen sind. Wir arbeiten gegenwärtig mit unseren Werbepartnern und Google daran, herauszufinden, mit welchen Maßnahmen verhindert werden kann, dass so etwas weiterhin passiert.“

Im Dezember twitterte der britische Schauspieler, TV-Moderator und Autor Stephen Fry, dessen Tante, Cousins und Cousinen in Auschwitz ermordet wurden: „Verstörend, dass solche Großunternehmen in gewisser Hinsicht Neonazi-Inhalte bei Youtube unterstützen.“

Der ehemalige Chefredakteur des Billboard-Magazins Robert Levin, der über Copyright-Technologien schreibt, es handle sich um ein ethisches Problem: „Ich habe mir diese Videos angesehen, sie sind sehr verstörend. Wie Google überhaupt, versteckt sich auch YouTube hinter der Redefreiheit. Manchmal allerdings scheint man dort aber vor allem an der eigenen Freiheit interessiert zu sein, Anzeigen zu verkaufen.“

Der Science Fiction-Autor und Kolumnist Cory Doctorov spricht sich gegen ein Eingreifen aus: Er sei sich nicht sicher, ob das Argument, das Ganze sei „gefährlich und unverantwortlich“ zutreffe. Er sei für die Redefreiheit und glaube, dass man sich inhaltlich-argumentativ mit diesen Inhalten auseinandersetzen müsse.

„Obwohl ich aus Kanada komme, wo es Gesetze gegen Hassreden gibt, bin ich zu dem Schluss gelangt, dass diese schlimmer sind als die Alternativen. In der Regel werden sie von mächtigen Leuten gegen Leute eingesetzt, die weniger Macht haben. Tatsächliche „Hassverbrechen“ sind meistens per se Verbrechen und müssen nicht noch zu „Überverbrechen“ gemacht werden, damit sie erfolgreich strafrechtlich verfolgt werden können.“

Übersetzung: Zilla Hofman

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09:00 23.06.2012
Geschrieben von

JF Derry und Charles Arthur | The Guardian

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The Guardian

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