Gates' Wahlverwandtschaften

Autismus und IT Eine neue Studie geht dem so genannte "Geek-Syndrom" auf die Spur: Sind Autisten die besseren Computer-Spezialisten?

Als 2001 bekannt wurde, dass sich im kalifornischen Silicon Valley die Diagnose Autismus innerhalb von nur zehn Jahren verdreifacht hatte, erfand das Technologie-Magazin Wired für dieses Phänomen den Ausdruck "Geek-Syndrom". Passenderweise verbreitete sich insbesondere im Netzrasant das Gerücht, Microsoft-Gründer und IT-Industrie-Aushängeschild Bill Gates weise selbst die Symptome des Asperger-Syndroms auf. Asperger ist eine Form des Autismus, bei der die Intelligenz nicht beeinträchtigt ist.

Über ein Jahrzehnt später führt das Autism Research Centre der Cambridge University nun eine Studie durch, die untersucht, ob Kinder , deren Eltern in der IT-Branche oder auf dem Gebiet der Naturwissenschaften oder Mathematik tätig sind, vermehrt autistische Merkmale aufweisen. Die National Autistic Society berichtet in der aktuellen Ausgabe ihres Magazins darüber, dass die Zahl an Software und Applikationen, die speziell für Menschen mit Autismus entwickelt wurden, rapide zunimmt. IT-Unternehmen im Vereinigten Königreich und anderswo sollen dem Artikel zufolge aktiv autistische Mitarbeiter wegen ihrer technischen Fähigkeiten und ihres hohen Konzentrationsvermögenskrutieren

Es ist allgemein bekannt, das Autisten ein besonderes Verhältnis zu Computern haben – im Guten wie im Schlechten. Viele Autismus-Experten teilen die Einschätzung der Professorin Temple Grandin von der Colorado State University, die selbst Autistin ist und glaubt, dass es ohne die „Gaben des Autismus“ wahrscheinlich weder die Nasa noch die IT-Industrie gäbe. Andererseits zeigen die Fälle der bekannten Hacker Gary McKinnon und Ryan Cleary, die beide Asperger haben, dass sich aus der intensiven Beziehung zum Computer auch Probleme ergeben können.

Vergangenen November ging eine von Research Autism organisierte Konferenz diesem offenkundigen Widerspruch nach und befasste sich mit der Frage, ob Computer für Menschen mit Autismus nun eher Fluch oder Segen sind. Richard Mills, der die Forschungsabteilung der Stiftung leitet und der Konferenz vorsaß, meint dazu: „Das Computerzeitalter verändert die Welt des Autismus völlig. Die Dinge sind unmittelbar und unreguliert. Wir sind der Ansicht, dass dies enorme Vorteile birgt, wenn man richtig damit umgeht – und enorme Gefahren, wenn nicht genügend Sorgfalt an den Tag gelegt wird.“

Vorteil der langsamen Kommunikation

Das Potenzial von Computern, Menschen mit Kommunikationsschwierigkeiten zu helfen im echten Leben Beziehungen aufzubauen, liegt auf der Hand. Professor Simon Baron Cohen, Direktor des Autism Research Centre ist der Ansicht, dass die Vorteile gegenüber den potenziellen Risiken überwiegen: „Wir können Computer nutzen, um Leuten bei der Erkennung von Gefühlen zu helfen. Die Kommunikation kann vereinfacht werden, indem der stimmliche und mimetische Ausdruck von Emotionen isoliert wird und mittels der Verwendung von E-Mails anstelle von unmittelbaren Echtzeit-Modi eine Verlangsamung der Kommunikation stattfindet.

Untersuchungen an den Universitäten von Nottingham und Carnegie Mellon in Pittsburgh haben ergeben, dass Menschen mit Autismus die erhöhte Kontrolle über ihre Interaktionen, die sich aus dem Filter eines Computerbildschirms ergibt, zu schätzen wissen. Sie können Interaktionen beobachten und entscheiden, wann sie sich mit anderen einlassen und in Kontakt treten wollen. Die visuelle Darbietung von Informationen in einem genauen und vorhersagbaren Computer-Format kommt Baron Cohen zufolge dem autistischen Verstand entgegen und kann „ein Tool oder eine Plattform sein, um weitere Fähigkeiten auszubilden“.

Des Weiteren würden Computer die Attraktivität von Geeks erhöhen: „Die neue Technologie ist schick. Menschen, die im Umgang mit ihr ein gewisses Talent aufweisen, beziehen hieraus ein gewisses Renommee und verringern so die Stigmata, die oft mit einer Behinderung einhergehen.“

Atari für das Selbstbewusstsein

Es besteht allerdings das Risiko, dass der Computer selbst zur Obsession wird. Das wiederum kann den Nutzer in extremen Fällen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Die Geschichte des Teenagers Ryan Cleary aus Essex, der wegen eines Angriffs auf die Serious Organised Crime Agency angeklagt wurde und der seinen Computer nur verließ, um auf Toilette zu gehen, mag extrem sein, aber sie ist bei weitem kein Einzelfall, so Mills: „Wir müssen die bei Autisten vorhandene Neigung berücksichtigen auf bestimmte Aktivitäten sehr fixiert zu sein. Sie mögen mit einem Computer zwar umgehen können, wissen aber vielleicht nicht, wann es Zeit ist, Schluss zu machen.“

Im März jährt sich die Verhaftung von Gary McKinnon wegen mutmaßlichen Hackens einer Reihe von Computern des US-Militärs zum zehnten Mal. Richter am Obersten Gerichtshof Großbritanniens haben vergangenen Monat dem Innenminister eine Frist bis Juli gesetzt, um zu entscheiden, ob McKinnon an die USA ausgeliefert werden soll. Dort würde er in einer Verhandlung möglicherweise zu einer Haftstrafe von 60 Jahren verurteilt werden. Seine Mutter Janis Sharp ist sich des zwiespältigen Verhältnisses von Computernutzung und Autismus sehr wohl bewusst. „Als Gary neun war, kaufte er sich einen ganz einfachen Atari. Er bettelte mich an, ihn nicht zum spielen hinauszuschicken, um mit dem Computer spielen zu können. Wir wollten, dass er mehr unter Leute kommt, wollten ihm aber auch nicht die Informationen, den Spaß und die Sicherheit verweigern, die ihm Computer gaben. Sie waren für ihn ein Ventil, um er selbst zu sein. Das beförderte sein Selbstbewusstsein ungemein.“

Sie erinnert sich daran, wie sie ihren bereits erwachsenen Sohn zu einer Weihnachtsfeier bei der Familie seiner Freundin begleitete. „Gary holte seinen Computer raus. Ich sagte ihm, er könne das bei einer Feier nicht machen, aber er konnte nicht verstehen, was ich meinte.“ Die Beziehung scheiterte und McKinnon zog sich noch weiter in seine virtuelle Welt zurück. „Menschen mit Autismus brauchen Raum für sich und Computer können ihnen das bieten“, sagt Sharp. „Wir müssen nur sichergehen, dass der Computer nicht alles bestimmt und andere Beziehungen noch schwieriger macht als sie für Autisten ohnehin schon sind.“

Sie rät Eltern, Computer in Gemeinschaftsräumen unterzubringen, ihre Nutzung zu begrenzen und Kindern zu helfen, das, was sie lesen, infrage zu stellen. Die Richtlinien kann Mills nur unterstützen. „Die virtuelle Welt muss den Menschen helfen, einen Zugang zur realen Welt zu finden, nicht, sich noch weiter von ihr zu isolieren. Sie müssen sie kontrollieren, anstatt von ihr kontrolliert zu werden.“

Übersetzung: Holger Hutt

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16:15 28.02.2012
Geschrieben von

Giulia Rhodes | The Guardian

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The Guardian

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