Joëlle Weil, Tracy McVeigh
Ausgabe 3414 | 03.09.2014 | 06:00 30

"Gaza ist eigentlich ein hübscher Ort"

Interviews Im Moment sind wir auf die Arbeit von Journalisten in Krisengebieten besonders angewiesen. Wie aber macht man diesen Job als Frau? Vier Interviews mit Kriegsfotografinnen

"Gaza ist eigentlich ein hübscher Ort"

Loulou d’Aki hat in den vergangenen Wochen in Gaza gearbeitet. Dieses Foto zeigt eine junge Frau, deren Mann bei den Angriffen auf Chan Yunis getötet wurde

Loulou d‘Aki, geboren 1978 in Malmö, Schweden. Nach ihrem Master in Fotografie in Rom arbeitete sie u.a. im Iran, Jemen, Jordanien, der Türkei und Ägypten. Von 2010 bis 2012 lebte sie in Israel. Ihre Fotografien werden in Die Zeit, Stern, New York Magazine, Vanity Fair und El País publiziert

Im Vergleich zu dem kurzen Schlagabtausch im November 2012, was war diesmal anders?

Es gab viel mehr Verluste. 2012 waren es vor allem Luftangriffe, die die Infrastruktur der Hamas zerstört haben. Die Zivilisten damals starben durch unglückliche Zufälle, weil sie versehentlich am Angriffsort vorbeiliefen. Der Krieg jetzt war viel gewaltvoller.

Sind Sie als Fotografin eigentlich denselben Risiken ausgeliefert wie die Zivilbevölkerung?

Nein, wir werden nicht angegriffen, unser Auto ist als Pressewagen gekennzeichnet, wir tragen kugelsichere Westen und Helme. Wir gehen auch nicht an Orte, von denen wir wissen, dass sie gerade unter Beschuss stehen. Als beispielsweise die Nachbarschaft Shuja’iyya angegriffen wurde, haben wir den Waffenstillstand abgewartet und sind erst dann hingegangen.

Welche Eindrücke haben Sie aus Gaza mitgenommen?

Ich habe sehr viel Tod gesehen. Viele tote und verwundete Kinder. Aber mir bleibt vor allem der Geruch in Erinnerung. Es ist Sommer in Gaza, 35 Grad. Das verstärkt den Geruch der Verwesung. Es stinkt wahnsinnig, auch wegen der vielen toten Tiere. Was mich am meisten getroffen hat, ist der Anblick von Kindern, die schon so viel Krieg haben sehen müssen. Ich habe Verwundete in einem Krankenhaus fotografiert. Zu sehen, wie diese jungen Körper neue Wunden tragen und zusätzlich noch Narben von den letzten Kriegen, ist herzzerreißend. Ich erinnere mich konkret an ein zehnjähriges Mädchen, das behandelt wurde. Ihre Beine waren von vergangenen Kriegen mit Narben übersät.

Gaza ist sehr klein. Ist der Konkurrenzkampf deshalb größer als anderswo?

Natürlich, es gibt im Moment viele Journalisten in Gaza. Aber Konkurrenz hat man als Freelancer immer. Das Besondere ist, dass meine Konkurrenten auch meine Freunde sind. Man kennt sich aus anderen Krisengebieten.

Israel hat aus der Luft und am Boden operiert, die Hamas im Untergrund. Wie fühlt man sich zwischen diesen Fronten?

Es hat sich sehr surreal angefühlt: Wenn ich hochgesehen habe, sah ich die israelischen Drohnen und gleichzeitig wusste ich, dass unter mir die Hamas operiert. Als Beobachter in Gaza sieht man vor allem eine Konsequenz dieses Kriegs: die toten Menschen. Während Bodenoffensiven haben wir uns in Sicherheit gebracht. Ich habe die israelische Armee demnach nicht beim Operieren beobachten können. Es wäre viel zu gefährlich gewesen, sich ihnen zu nähern. Die Hamas sieht man auch nicht. Sie kämpft nur im Untergrund. Ich habe lediglich Männer gesehen, die sich als Frauen verkleidet haben, um unter ihren Gewändern Waffen zu transportieren.

Wie ist es in Gaza, wenn kein Krieg ist?

Gaza ist eigentlich ein hübscher Ort. Natürlich ist es sehr arm, aber es liegt am Strand, mit Promenaden, auf denen es viel Leben gibt. Ich mag die Atmosphäre in Gaza mehr als die im Westjordanland. Das ist aber alles dem Meer zu verdanken.

Das Gespräch führte Joëlle Weil

 

Lynsey Addario hat 2007 US-Soldaten bei ihrem Kampf gegen die Taliban in Afghanistan begleitet

Lynsey Addario wurde 1973 im US-Bundesstaat Connecticut geboren. Sie machte sich als Kriegsfotografin einen Namen, weil sie bereits vor Kriegsbeginn im Jahr 2001 aus dem Irak berichtete. Außerdem war sie im Sudan, dem Libanon und im Kongo. Sie bekam 2009 und 2011 zusammen mit einem New-York-Times-Team den Pulitzerpreis

Sie waren sehr jung, als Sie zu fotografieren begannen?

Mein Alter war mir egal. Ich wurde unterschätzt, was toll war, dann kann man die Leute beeindrucken. Aber ich denke, dass es heute viel schwieriger für junge Fotografen ist. Die Budgets sind viel niedriger. Als ich zum ersten Mal für das New York Times Magazine in den Irak flog, durfte ich zwei Monate dort bleiben. Heute bin ich froh, wenn sie mir fünf Tage genehmigen.

Arbeiten Sie als Frau anders?

Ja, sehr. Ich bin bis jetzt immer sehr gut behandelt worden, weil ich eine Frau bin. 2011 wurde ich zusammen mit drei Männern in Liberia entführt (Addario wurde zudem 2004 im Irak als Geisel genommen) und während ich immer ins Gesicht geschlagen wurde, bekamen die Männer jeden Tag mehrere Tritte in den Hinterkopf. Dafür wurde ich belästigt und begrapscht. Natürlich hinterlässt beides traumatische Spuren, aber was ich sagen will, ist, dass die Männer viel mehr Brutalität und Gewalt ertragen müssen. Unser Fahrer wurde damals getötet. Der Gedanke, dass ich für seinen Tod verantwortlich bin, hat mich eine Zeit lang pausieren lassen. Ich musste viel nachdenken.

Ihr Beruf ist sehr gefährlich.

Seit 2010 habe ich einige Freunde verloren. Nur wenige Tage bevor Anja Niedringhaus erschossen wurde, haben wir noch zusammen zu Mittag gegessen. Wir waren so glücklich, uns wiederzusehen, es gibt nicht viele weibliche Kriegsfotografen. Und dann war sie plötzlich tot. Was für ein Verlust! Je älter ich werde, desto mehr denke ich über den Tod nach. Ich beobachte, dass Journalisten mehr und mehr zur Zielscheibe werden. Als Kriegsfotografin ist man eine Augenzeugin für die Welt, aber es gibt so viele Diktatoren, die alles dafür tun, dass man nichts sehen und bezeugen kann.

 

Alixandra Fazzina nahm diese somalischen Flüchtlinge auf, bevor sie das Boot bestiegen. Nur die wenigsten können, wie gehofft, ihre Verwandten mitnehmen. Schließlich kommt nur ein Bruchteil von ihnen in Jemen an

Alixandra Fazzina wurde 1974 in London geboren. Sie arbeitete in Osteuropa, Afrika, dem Nahen Osten und Asien. Ihre Fotos wurden im Observer, dem Guardian sowie im TIME Magazine, Newsweek, der New York Times und im Stern veröffentlicht. Zudem wurden ihre Arbeiten mehrmals ausgezeichnet

Sie wurden von Charles Taylor in Liberia einmal mehrere Tage als Geisel festgehalten.

Posttraumatischer Stress gehört zu meinem Beruf dazu. Ich wurde mehrmals angeschossen und habe Entführungsversuche erlebt. Es gab viele Situationen, in denen ich Todesangst hatte. So etwas kann dich verfolgen, sogar jetzt, wenn ich London jemanden auf der Straße sehe, der seine Hände in den Hosentaschen vergräbt. Da denke ich fast automatisch: Er hat eine Waffe! Es gibt viele Menschen, die ich getroffen habe, deren Leid ich noch immer in mir trage. Mir sind die persönlichen Geschichten derer, die ich fotografiere, sehr wichtig. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das versucht hat, aus Somalia zu fliehen. Ihr Mann und das Kind wurden umgebracht, sie war gerade hochschwanger. Sie brachte das Baby auf diesem kleinen Flüchtlingsboot zur Welt und die Menschenschmuggler brachten es vor ihren Augen um. Ihr Schicksal verfolgt mich. Eine furchtbare Geschichte, über die ich nicht hinwegkomme.

Sehen Sie die Welt als Frau anders?

Auf jeden Fall, ich bekam oft Zugang zu Menschen, weil ich eine Frau bin. Ich war mal an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan plötzlich von Hunderten Talibankämpfern umgeben. Ich trug eine Burka, sie konnten nicht erkennen, dass ich eine Fremde war. Ich habe jeden Moment mit dem Todesschuss gerechnet. Ich weiß nicht, warum sie uns am Leben gelassen haben – außer der Tatsache, dass wir Frauen waren.

 

Maggie Steber fotografierte 1986 diesen Jungen auf Haiti, der versucht, Essen aus einem Supermarkt zu stehlen

Maggie Steber wurde 1949 in Texas geboren. Sie hat im Laufe ihres Lebens als Fotografin in über 60 Ländern gearbeitet. Ihre Bilder erscheinen regelmäßig im Guardian, Newsweek, dem Life Magazine und im National Geographic

Wie gehen Sie mit dem ständigen Risiko in Ihrem Beruf um?

Wenn man jung ist, denkt man darüber nicht nach. Man ist furchtlos und lässt sich auf Risiken bewusst ein. Und natürlich arbeiten viele zu Beginn als Kriegsfotografen, um ihre Karriere zu befeuern. Wenn man älter wird, denkt man viel mehr über den Tod nach. Aber ich hatte ein wundervolles und interessantes Leben. Wenn ich morgen sterbe, bin ich glücklich. Schauen Sie, wo ich überall war und was ich alles gesehen habe.

Wo hatten Sie am meisten Angst?

Ich wurde mal fast von einem Mann auf Haiti geköpft. Aber irgendwie waren es selten die wirklich gefährlichen Orte, an denen ich Angst hatte. Am meisten habe ich mich gefürchtet, als ich von einem afrikanischen Guide mit einem Messer in der Hand in einen Käfig getrieben wurde. Ich habe damals an einer großen Geschichte über den Sklavenhandel in Senegal gearbeitet, war also an einem recht schönen Ort, nicht im Kriegsgebiet. Und die meisten sexuellen Angriffe, wenn auch nur verbal, habe ich in der New Yorker U-Bahn erlebt.

Was schätzen Sie an Ihrem Job am meisten?

Die Menschen, die ich treffe. Menschen, die dir in den schwierigsten Zeiten erlauben, in ihr Leben einzutreten. Ich habe mal eine Frau kennengelernt, die ihren Sohn im Irakkrieg verloren hatte. Vier Tage saßen wir zusammen und haben geredet. Dann habe ich sie fotografiert: Auf dem Bett ihres Sohnes, wie sie ihren Blick von seinem Foto abwendet. Diese Aufnahme sollte symbolisieren, dass ihr Leben weitergehen muss, irgendwie. Bis heute denke ich, dass wir uns so nahegekommen sind, weil ich eine Frau bin. Genau das sind die Menschen, an die ich mich gern erinnere, die bescheidenen, die wirklich etwas zu erzählen haben.

Die Gespräche mit Lynsey Addario, Alixandra Fazzina und Maggie Steber führte Tracy McVeigh für den Observer

Übersetzung: Lisa Leinen

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 34/14.

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