Gegen die Klima-Resignation

Klimawandel Fluten, Waldbrände und andere Naturkatastrophen führen uns die drohende Klimakrise vor Augen. Doch noch ist nicht alles zu spät, meint die Autorin Rebecca Solnit. Zehn Wege, die Hoffnung im Kampf gegen die Klimakatastrophe nicht aufzugeben
Gegen die Klima-Resignation
Überall auf der Welt kämpfen Menschen gemeinsam gegen Klimakrise und fossile Energien. Wir müssen ihren Einsatz und ihre Erfolge sehen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Mit der Welt, wie wir sie kennen, geht es zu Ende. Dabei hängt es von uns ab, wie das vonstattengehen wird und was danach passiert. Dass das Zeitalter der fossilen Brennstoffe endet, ist sicher – dass dieses Ende von den entsprechenden Konzernen so lange wie möglich aufgeschoben und noch so viel Kohlenstoff wie möglich verbrannt werden wird, auch. Wenn es dem Rest von uns gelingt, sich durchzusetzen, werden wir die Nutzung von Kohle, Erdöl und Co. bis 2030 radikal zurückfahren und bis 2050 (fast) vollständig aus den fossilen Energien aussteigen. Wir werden dem Klimawandel mit echtem Wandel begegnen und die fossilen Industrien in den nächsten neun Jahren besiegen.

Gelingt uns das, werden nachfolgende Generationen irgendwann auf die Ära fossiler Brennstoffe als ein Zeitalter voller Korruption und Gift zurückblicken. Die Enkelkinder derer, die heute jung sind, werden Horrorgeschichten aus einer Zeit erzählt bekommen, als die Menschen noch Unmengen giftiger Stoffe verbrannten, die Kinder krank machten, Vögel töteten, die Luft verschmutzten und den Planeten aufheizten.

Es ist an uns, die Welt zu erneuern, denn wir können sie besser machen. Die Corona-Pandemie ist der Beweis dafür: Nehmen wir eine Krise ernst, können wir unseren Lebensstil ändern, dramatisch und weltweit – quasi über Nacht. Wie aus dem Nichts können große Geldbeträge locker gemacht werden, so wie die drei Billionen US-Dollar, die die USA zu Beginn der Pandemie für deren Bekämpfung einsetzte.

Die verdrückten Tränen von Alok Sharma, Präsident des Klimagipfels in Glasgow, sagt mehr über die Ergebnisse als das Abschlusspapier

Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images

Der Klimagipfel in Glasgow hat es nicht geschafft, ein solches Zeichen zu setzen. Dort ist zwar viel wichtiges besprochen und beschlossen worden, doch scheinen die meisten Vertreter:innen ihren Aufgaben nicht gewachsen: Während sie von den Forderungen Klima-Aktivist:innen und Vertreter:innen von Ländern, die bereits heute in ungeheurem Ausmaß vom Klimawandel betroffen sind, einerseits angetrieben wurden, wurden sie gleichzeitig von traditionellen Interessensgruppen, die von der anhaltenden Zerstörung profitieren, zurückgehalten. Der US-amerikanische Klima-Journalist David Roberts bringt es auf den Punkt: „Ob und wie schnell Indien aus der Kohle aussteigt, hat nichts damit zu tun, was die Diplomaten des Landes in Glasgow sagen. Ausschlaggebend ist die indische Innenpolitik, die ihrer eigenen Logik folgt und kaum durch internationale Politik beeinflusst wird.“

Vor sechs Monaten rief die normalerweise zurückhaltende Internationale Energieagentur (IEA) zu einem Stopp der Investitionen in neue fossile Brennstoff-Projekte auf und erklärte: „Es gibt einen Weg für die Welt, bis 2050 auf einen globalen Energiesektor mit Netto-Null-Emissionen umzustellen. Es ist ein schmaler Grat, der eine beispiellose Veränderung der Art und Weise erfordert, wie Energie weltweit produziert, transportiert und genutzt wird.“ Aktivist:innen hatten die IEA zu dieser Aussage gebracht, woraufhin 20 Nationen auf der Klimakonferenz in Glasgow einen Ausstieg aus der Finanzierung fossiler Brennstoffprojekte im Ausland beschlossen.

Unterdessen ist der emotionale Preis, den die Klimakrise von den Einzelnen fordert, zu einer eigenen dringlichen Krise geworden, der wir wohl am besten auf Faktenbasis und engagiert für eine lebenswerte Zukunft, begegnen. Dabei sollten wir anerkennen, dass eine drohende Klimakatastrophe und die Untätigkeit der Institutionen gute Gründe für Furcht, Ängste und Depressionen sind. Ich habe zehn Strategien zusammengestellt, die mir persönlich helfen, im Innern meinen Gemütszustand stabil zu halten und außen gegen die Klimakrise anzukämpfen – wobei diese Aufgaben zusammenhängen.

1. Gefühle mit Fakten füttern

Vorsicht vor Gefühlen, die nicht auf Fakten basieren: Nicht selten beobachte ich emotionale Reaktionen auf falsche Analysen der aktuellen Lage. Nicht selten wurzeln sie in nichts weiter als der vagen Annahme, wir seien verloren.

Ein Phänomen der Klimakrise ist, dass Leute ohne Fachwissen oft düsterer und fatalistischer sind als die Expert:innen selbst – Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen oder Politiker:innen, die Daten und Fakten genauestens kennen und sich mit der Politik intensiv beschäftigen. Viele Menschen tun ihre Verzweiflung mit Aussagen, wie „Es ist sowieso zu spät“ und „Da können wir nichts machen“, kund. Ausreden dafür, nichts zu tun, beziehungsweise Abwertungen derer, die etwas tun. Und vor allem: Die Expert:innen sagen etwas Anderes.

Noch haben wir Zeit, uns für das beste und nicht das schlimmste Szenario zu entscheiden. Auch wenn es stimmt, dass immer drastischere Maßnahmen nötig sein werden, je länger wir warten. Aber wir wissen mittlerweile auch, was zu tun ist, und die Erkenntnis wird immer klarer, präziser und kreativer. Die einzigen Hürden sind der politische Wille und eine mangelnde Vorstellungskraft.

2. Darauf achten, was schon passiert

Auch weit verbreitet ist die Klage: „Es tut ja niemand etwas dagegen“. Häufig lassen diese Jammerer außer Acht, was so viele andere mit großer Leidenschaft und oft großer Wirkung bereits tun. Die Klimabewegung hat an Macht, Wissen und Inklusivität deutlich zugelegt und schon viele Kämpfe gewonnen. Ich lebe mittlerweile lange genug, um mich an früher zu erinnern: Es gab eine Zeit, in der die Bewegung gegen das, was man damals „globale Erwärmung“ nannte, noch klein und milde gestimmt war, Hybrid-Autos und Leuchtstofflampen predigte – und meist ignoriert wurde.

Es ist einer der großen Siege des Klima-Aktivismus – und die Folge zahlreicher klimabedingter Katastrophen – dass heute sehr viel mehr Menschen, einfache Leute bis hin zu mächtigen Politiker:innen, wegen des Klimas besorgt sind als noch vor ein paar Jahren. Die Klimabewegung – die in Wahrheit aus vielen tausend Bewegungen mit tausenden Kampagnen weltweit besteht – hat in dieser Hinsicht enorm viel bewirkt.

In den USA, wo ich lebe, passiert sehr viel auf lokaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene. Lokale Maßnahmen können unbedeutend wirken, aber häufig sind sie nur der Anfang. Vor einigen Jahren etwa verbot die kalifornische Stadt Berkeley den Einbau von Gasgeräten in Neubauten. Berkeley ist eine kleine Stadt, weswegen die Wirkung leicht abgetan werden könnte – aber es folgten mehr als 50 kalifornische Städte dem Beispiel Berkeleys und rein elektrische Versorgung könnte nun, weit über den Bundesstaat Kalifornien hinaus, zum Standard werden. In Großbritannien organisierte unterdessen eine Gruppe namens „Insulate Britain“ Blockaden, um von der Regierung höhere Isolierungsstandards für Gebäude zu fordern. Ich hätte niemals gedacht, dass Menschen wegen so etwas demonstrieren würden. Aber Gebäudeisolierung ist in Zeiten steigender Brennstoffpreise und -knappheit nicht nur eine Frage des Klimas, sondern auch des Überlebens und sozialer Gerechtigkeit.

Organisationen, Initiativen und Versuche die Gesetzgebung zu ändern, gibt es auf verschiedenen Ebenen und dabei ist für jede:n das passende Maß an Engagement dabei. Manche versuchen ihre Universität davon zu überzeugen, nicht mehr in fossile Energieträger zu investieren, andere wollen in ihrer Heimatstadt eine Änderung der Bauvorgaben zu erreichen. Oder man engagiert sich für einen radikalen Plan für saubere Energie im eigenen Wohnort (wie er diesen Sommer in Oregon verabschiedet wurde), dafür Fracking zu verbieten (wie in New York State vor einigen Jahren) oder dafür, einen alten Wald zu schützen.

Manche Erfolge der Vergangenheit im Kampf gegen die Klimakrise sind auch deswegen so schwer zu sehen, weil im wahrsten Sinne einfach nichts übrig bleibt, das zu sehen wäre: die Kohlegrube, die nie gebaut wurde, die gestoppte Pipeline, die verhinderte Öl-Bohrung, ein Wald, der nicht gerodet wurde.

Wie mein Freund Daniel Jubelirer vom Sunrise Project rät: Wenn dir die reine Menge an Daten und Themen überwältigend vorkommt, tritt einer Organisation bei, lerne beim Tun und finde dabei vielleicht sogar ein Gebiet, auf dem du Expert:in wirst.

3. Über das Individuum hinausblicken – tolle Menschen treffen

Wenn ich Leute frage, was sie angesichts der Klimakrise tun, nennen sie häufig lobenswerte Entscheidungen, wie einen veganen Lebensstil oder Verzicht auf Flüge. Es ist gut, solche Dinge zu tun. Allerdings sind sie auch relativ unbedeutend. Die Welt muss sich verändern, doch das wird nicht geschehen, nur weil eine Person etwas konsumiert oder nicht konsumiert. Abgesehen davon sollten wir uns nicht allein als Verbraucher:innen betrachten.

Als Bürger:innen dieser Erde haben wir die Verantwortung, uns einzubringen. Gemeinsam haben wir die Macht, Veränderung zu bewirken, und erst in dieser Größenordnung ist ein Wandel möglich. Individuelle Entscheidungen können langsam wachsen oder manchmal Auslöser für Veränderungen sein, aber dafür haben wir, ehrlich gesagt, keine Zeit mehr. Es zählt nicht, was wir nicht tun, sondern das, was wir gemeinsam und mit Leidenschaft tun. Dabei ist persönliche Veränderung nicht losgelöst von kollektivem Wandel: in einer Gemeinde, die auf saubere Energie setzt, ist auch jede:r Einzelne Verbraucher:in von sauberer Energie.

Viele Mainstream-Medien stellen Promis und ausgewählte Politiker:innen in den Mittelpunkt und haben den Begriff „mächtig“ ausschließlich für bekannte und reiche Menschen reserviert. Hier bekommt man auf unterschiedlichste Weise erzählt, man würde – abgesehen von den Verbraucher-Entscheidungen – für das Schicksal der Erde keine Rolle spielen.

Dabei sind es Bewegungen, Kampagnen, Organisationen, Bündnisse und Netzwerke, die einfache Menschen mächtig machen – so sehr, dass sie Eliten, Regierungen und Unternehmen in Angst und Schrecken versetzen können, die alles daransetzen, sie zu stoppen und zu unterwandern. In solchen Bewegungen und Organisationen sind häufig Träumer:innen, Idealist:innen, Altruist:innen anzutreffen – Menschen, die hoffnungsvoll sind oder sogar mehr als das: Große Bewegungen beginnen nicht selten mit Menschen, die für Sachen kämpfen, die anfangs völlig aussichtslos scheinen – sei es das Ende der Sklaverei, das Frauenwahlrecht oder die Rechte für LGTBQI+.

Werte und Gefühle sind ansteckend – das stimmt! Es ist egal, ob du mit Zapatistas oder den Kardashians Zeit verbringst. Häufig denken Leute, dass ich aus reinem Pflichtgefühl und um einen Beitrag zu leisten so viel Zeit mit progressiven Bewegungen verbringe. Aber tatsächlich ist die Zeit dort häufig schon an sich eine Bereicherung – weil es so gut tut, in einer Welt von Gleichgültigkeit und Zynismus wahrem Idealismus zu begegnen.

4. Die Zukunft kommt erst noch

Leute, die mit großer Autorität verkünden, was passieren wird oder nicht, stärken damit nur ihr eigenes Ego und sabotieren den Glauben an das, was möglich ist. Nach gängiger Meinung hätte es niemals die Ehe für alle in Irland oder Spanien geben können – genauso wenig wie einen US-Präsidenten, der den Trans-Visibility-Tag ehrt. Niemand hätte gedacht, dass Kanada 20 Prozent seines Landes unter indigene Selbstverwaltung stellen würde, dass Großbritannien sich von der Kohleenergie abwenden würde oder dass Costa Rica einmal fast 100 Prozent saubere Energie nutzen würde. Aber die Geschichte zeigt uns, dass das Unerwartete regelmäßig passiert – und mit unerwartet meine ich unerwartet für Leute, die dachten, sie wüssten, was passieren würde.

Im Jahr 2015 führte Christiana Figueres 192 Nationen zu einem erfolgreichen globalen Klimavertrag in Paris. Als sie gefragt wurde, ob sie diese Aufgabe übernehmen wolle, bezeichnete sie sie als nicht machbar. Figueres nahm den Job trotzdem an. In der Nacht vor der Bekanntgabe des Abkommens sagten einige Leute immer noch, die Aufgabe sei unmöglich. Sie bereiteten sich auf ein Scheitern vor. Doch Figueres war erfolgreich – nicht indem sie die Aufgabe vollendete, aber indem sie damit vorankam.

Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Wir schreiben sie jetzt.

5. Indirekte Wirkung nicht unterschätzen

Im September verkündete die Universität Harvard, dass sie aus den Investitionen in fossile Energien aussteigt. Aktivist:innen hatten zehn Jahre gebraucht, um das zu erreichen. Mehr als neun Jahre lang hätte man die Kampagne als erfolglos betrachten können. Dabei war sie Teil einer weltweiten Bewegung, die Billionen Dollar aus Investitionen in fossile Brennstoffe abzog, die fossile Industrie als kriminell brandmarkte und ethische Fragen an alle Investoren aufwarf. Schließlich berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg vor Kurzem, dass die „Kapitalkosten” für Projekte in fossilen und erneuerbaren Energien früher vergleichbar waren. Inzwischen – vor allem dank Aktieninhabern und „Divestment“-Aktivist:innen – lägen die Kosten für fossile Projekte bei rund 20 Prozent, die von erneuerbaren aber nur zwischen drei und fünf Prozent. Das wirkt sich darauf aus, was finanziert wird und was profitabel ist.

Protestieren geht über feiern. Dabei hat die Klimabewegung schon viel erreicht

Foto: Daniel Slim/AFP via Getty Images

Auch die Kampagne gegen die US-Öl-Pipeline Keystone XL war über viele Jahre hinweg ein Wechselbad aus Siegen, Stillständen und Rückschlägen – dann wurde das Projekt eingestellt, als Joe Biden die US-Präsidentschaft übernahm. Aber das war kein Geschenk Bidens; es war den Klima-Aktivist:innen geschuldet, die es zu einem wichtigen Ziel gemacht hatten. Geduld zählt und Wandel ist nicht linear. Er strahlt nach außen aus wie die Wellen, die ein in den Teich geworfener Stein auslöst. Er kann auf eine Weise wirken, die niemand voraussieht. Dabei können indirekte Folgen mit am bedeutsamsten sein.

Die Keystone XL-Kampagne war lang und schwer, und die Held:innen, die diese Kampf ausgefochten haben, haben weitaus mehr getan, als eine Pipeline zu stoppen. Sie sorgten dafür, dass die Ölsande im kanadischen Alberta — eines der schmutzigsten Projekte zur Gewinnung fossiler Brennstoffe auf der Erde – stärker als Umweltkatastrophe und globale Klimabombe erkannt wurde, die entschärft werden musste. Die Organisator:innen bauten großartige Koalitionen zwischen Landwirt:innen, indigenen Landbesitzer:innen, lokalen Gemeinschaften und einer internationalen Bewegung auf. Sie lehrten uns, warum Pipelines ein Druckmittel sind und inspirierten die Menschen, viele andere Pipeline-Kämpfe zu kämpfen – und zu gewinnen.

Die Keystone XL-Kampagne hat vielleicht auch die Lakota-Führer in Standing Rock inspiriert, die sich 2016 gegen die Dakota Access Pipeline wehrten. Dieser Kampf hat die Pipeline nicht gestoppt, aber er könnte es noch. Er ist noch nicht zu Ende. Und er hat noch viel mehr bewirkt. Ein Freund aus Standing Rock erzählte mir, dass der Kampf den jungen Ureinwohner:innen dort und anderswo Hoffnung und das Gefühl gegeben hat, dass sie selbst etwas bewirken können und ihr Beitrag wertvoll ist. Der Kampf hat zu vielen bemerkenswerten Dingen geführt, darunter eine große Versammlung verschiedener indigener Stämme und die Heilung alter Wunden — insbesondere als hunderte ehemaliger US-Soldaten auf die Knie gingen, um sich für das zu entschuldigen, was die US-Armee den amerikanischen Ureinwohner:innen angetan hat.

Und es inspirierte eine junge Frau, die mit Freunden aus New York dorthin gefahren war, in die Politik zu gehen. Damals war sie noch unbekannt, heute kennen sie alle: Alexandria Ocasio-Cortez. Als Kongress-Abgeordnete tat sie enorm viel, um die Notwendigkeit eines Green New Deal deutlich zu machen. Der Deal wurde im Kongress nicht verabschiedet, aber er veränderte das Gefühl dafür, was möglich ist. Und er machte Schluss mit der falschen Gegenüberstellung von Jobs und Umwelt. Er dürfte den Schwerpunkt der Regierung Biden auf grüne Arbeitsplätze als Teil einer Energiewende geprägt haben, und lebt in dem Sinne in Form des Gesetzesplans „Build Back Better” weiter.

Folgt man den von Standing Rock ausgehenden Wellen bis zur Entscheidung einer jungen Frau, für den Kongress zu kandidieren, und zum Eintreten der Sunrise-Bewegung für ein neues Klimaschutz-Rahmenwerk, sieht man indirekten Wandel. Es zeigt, dass unsere Handlungen oft etwas bewirken, auch wenn wir unser Hauptziel nicht sofort erreichen. Und selbst wenn wir das tun, sind die Folgen vielleicht viel komplexer als angenommen.

6. Fantasie ist eine Superkraft

Die Ursache der Klimakrise ist auch ein trauriges Versagen der Vorstellungskraft. Die Unfähigkeit, das Schreckliche aber auch das Wundervolle wahrzunehmen. Die Unfähigkeit, sich vorzustellen, wie alle diese Dinge verknüpft sind, wie das, was wir in unseren Kraftwerken und Automotoren verbrennen, Kohlenstoffdioxide in die Luft schickt. Manche können nicht sehen, dass die Welt, die über 10.000 Jahre stabil war, jetzt wackelt und voller neuer Bedrohungen und gefährlicher Rückkoppelungseffekte ist. Andere können sich nicht vorstellen, dass wir sehr wohl in der Lage sind, das Nötige zu tun – auch wenn das nicht weniger ist, als eine neue und bessere Welt zu schaffen.

Die Krise macht bemerkenswert deutlich: Die frühe Klimabewegung legte den Schwerpunkt aufs Sparen, aber vieles von dem, was wir aufgeben müssen, sind Gift, Zerstörung, Ungerechtigkeit und Verwüstung. Die Welt könnte weitaus reicher sein, wenn wir täten, was die Klimakrise von uns verlangt. Andernfalls zwingen Katastrophen wie die heftigen Überflutungen, die kürzlich in Vancouver Kanadas größten Hafen abschnitten, zu einer neuen Bewertung: Die Kosten für die Krisenbekämpfung erscheinen plötzlich klein verglichen mit den Folgekosten des Nichtstuns.

7. Fakten checken (und Vorsicht vor Lügnern)

Das Nachdenken über die Zukunft erfordert Fantasie, aber auch Genauigkeit. Jahrzehntelang überrollten Wellen von Klimalügen die Öffentlichkeit. Das Zeitalter der Klimawandel-Leugnung ist zwar größtenteils vorbei, aber es folgten eine subtilere Verfälschung der Tatsachen und falsche Lösungsansätze, die von denen propagiert werden, die vom Stillstand profitieren.

Die Ölkonzerne geben viel Geld für Werbung aus, in der sie offen lügen und kleinere Projekte oder falsche Lösungen anpreisen. Damit soll verhindert werden, was passieren muss: dass der Kohlenstoff im Boden bleibt und sich von der Lebensmittelproduktion bis zum Transportwesen alles ändert.

Es gibt viel Wirbel um Technologien zur Kohlenstoffbindung – und einen sehr schönen alten Witz darüber, dass die beste Technologie dafür „Baum“ heißt. Die nicht vorhandene Technologie der großtechnischen, vom Menschen betriebenen Kohlenstoffbindung wird oft angeführt, um zu suggerieren, dass wir diese Emissionen weiterhin produzieren können. Aber das können wir nicht. Geoengineering ist ein weiteres Ablenkungsmanöver, das bei Technokraten beliebt ist, weil sie sich offensichtlich zwar große, zentralisierte technologische Innovationen vorstellen können, nicht aber die Auswirkungen zahlreicher kleiner, lokal begrenzter Veränderungen.

Bereits 2017 kam Mark Jacobson vom Solutions Project der Stanford University zu dem Schluss, dass fast jedes Land der Erde über die natürlichen Ressourcen für den Umstieg auf erneuerbare Energien verfügt. „Wir haben die Lösungen schon“, hieß es auf einem Transparent auf dem großen Klimamarsch 2014 in New York City. Und seither sind sie nur noch effektiver geworden.

8. Aus der Geschichte lernen

Die US-amerikanische Linke sei schlecht darin, ihre Siege zu feiern, sagte mal jemand zu einem meiner Freunde. (Das Gleiche trifft sicher auch auf die Linke in anderen Ländern zu). Wir haben Siege zu verzeichnen. Manche davon sind sehr groß und der Grund dafür, warum unser Leben aussieht, wie es aussieht. Die Siege erinnern uns daran, dass wir nicht machtlos sind und unsere Arbeit nicht nutzlos ist. Die Zukunft ist noch nicht geschrieben und beim Lesen der Vergangenheit erkennen wir Muster, die uns helfen können, die Zukunft zu gestalten.

Die Erinnerung daran, dass es früher einmal anders war, und wie wir das geändert haben, bereitet uns darauf vor, Veränderungen voranzutreiben. Gleichzeitig hilft es dabei, optimistisch zu bleiben, denn Hoffnung liegt in der Möglichkeit, dass die Dinge auch anders sein könnten. Verzweiflung und Depression dagegen haben ihre Ursache häufig in dem Gefühl, dass sich nichts verändern wird oder wir nichts ändern können.

Manchmal hilft es, sich klar zu machen, dass wir in einer beeindruckenden Zeit leben. Früher in diesem Jahrhundert hatten wir keine adäquate Alternative zu fossilem Brennstoff. Wind- und Solarenergie waren relativ teuer sowie ineffizient und die Batterie-Technologie steckte noch in den Kinderschuhen. Die am wenigstens bemerkte Revolution unseres Zeitalters ist die Energierevolution: Die Kosten für Solar- und Windenergie sind mit der Erfindung neuer, effizienterer Technologie stark gefallen. Sie gelten heute weithin als mehr als ausreichend für die Energieversorgung der menschlichen Zukunft.

Allein das Ausmaß der Veränderungen in den vergangenen 50 Jahren ist der Beweis für die Macht von Bewegungen. In dem Land, in das ich vor 60 Jahren geboren wurde, gab es eine winzige Bewegung für die Rechte von Homosexuellen, nichts, was einer feministischen Bewegung ähneln würde, eine von Schwarzen angeführte Bürgerrechtsbewegung, deren Siege größtenteils noch vor ihr lagen, sowie eine kleine Umweltschutzbewegung. Und nur wenige erkannten die systemischen Interdependenzen, die den Kern des Umweltschutzes ausmachen. Viele Annahmen mussten erst hinterfragt, viele Alternativen erst geboren werden.

9. Sich Vorbilder nehmen

Wir sind die ersten Generationen, die vor einem Klimawandel dieser Breite, dieses Ausmaßes und dieser Dauer stehen. Aber wir sind bei weitem nicht die Ersten, die im Angesicht einer Bedrohung leben oder mit der Unsicherheit und Angst vor dem, was kommt. Oft denke ich an Mutigen und Prinzipientreuen in Nazi-Deutschland, die in die Vernichtungslager kamen. Oder ich denke an meine lateinamerikanischen Nachbar:innen, von denen einige eine schreckliche Flucht auf sich genommen haben und tagelang durch die Wüste gelaufen sind, um Todeskommandos zu entkommen oder einer Diktatur oder der Klimakatastrophe. Ich denke auch an die indigenen Völker in Nord- und Südamerika, die bereits das Ende ihrer Welt durchgemacht haben, als ihr Land gestohlen und ihre Bevölkerung dezimiert wurde, während die Kolonialherrschaft auf allen möglichen Ebenen ihr Leben und ihre Kultur zerstörte. Was es brauchte, um unter diesen Bedingungen durchzuhalten, ist fast unvorstellbar, und doch überall um uns herum zu finden.

Die führende Rolle der Ureinwohner ist für die Klimabewegung von enormer Bedeutung, sowohl in spezifischen Kampagnen als auch als ständiges Zeugnis dafür, dass es andere Wege gibt, über Zeit, Natur, Wert, Reichtum und menschliche Rollenmuster nachzudenken. Ein in diesem Sommer veröffentlichter Bericht zeigt, wie mächtig und entscheidend die indigenen Anführer für die Klimabewegung waren: „Der Widerstand der indigenen Bevölkerung hat die Verschmutzung durch Treibhausgase im Umfang von mindestens einem Viertel der jährlichen Emissionen der USA und Kanadas gestoppt oder verzögert.“

10. Die Schönheit nicht vergessen

Die Klimakrise lässt uns befürchten, dass wir das Schöne auf der Welt verlieren. Aber auch in 50 Jahren und in 100 Jahren wird der Mond aufgehen. Er wird schön sein und mit seinem silbrigen Licht aufs Meer scheinen, selbst wenn die Küstenlinien nicht mehr an der gleichen Stelle verlaufen. Das Licht auf den Bergen oder die Art und Weise, wie jeder Regentropfen auf einem Grashalm das Licht bricht – auch das ist in 50 Jahren noch schön. Blumen werden blühen und Kinder werden geboren, auch sie schön.

Die Klimakrise bedroht die Schönheit der Natur

Foto: David McNew/Getty Images

Erst wenn die gegenwärtige Ära der fossilen Brennstoffe und ungezügelten ökonomischen Ungleichheit vorbei ist, werden wir ihre Hässlichkeit wirklich erkennen. Ein Teil dessen, wofür wir kämpfen, ist Schönheit. Es gilt daher, auch in der Gegenwart auf das Schöne zu achten, um nicht zu vergessen, wofür man kämpft. Denn das kann uns deprimiert, bitter und orientierungslos machen.

Lange Zeit haben wir jetzt schreckliche Geschichten von schmelzendem Eis, bedrohten Korallenriffen und Wetterkatastrophen erzählt, damit die Leute auf die Tatsache des Klimawandels aufmerksam werden. Aber jetzt befürchte ich etwas Anderes, nämlich dass dieses Chaos nicht abwendbar erscheint, vielleicht sogar als normal gesehen wird, so wie der Krieg für jemanden, der nie etwas Anderes erlebt hat.

Daher müssen wir jetzt darüber sprechen, wie schön, reich und harmonisch die von uns geerbte Erde war und in Teilen noch ist, und was wir dafür tun können, sie wiederherzustellen und zu schützen, was noch da ist. Diese Schönheit zu bewahren, sollten wir als Pflicht verstehen und die Erinnerung daran feiern. Um nicht zu vergessen, wofür wir kämpfen.

Rebecca Solnit ist eine der wichtigsten feministischen Denkerinnen unserer Zeit. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Wenn Männer mir die Welt erklären, Die Mutter aller Fragen und Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde. Sie ist Kolumistin der US-Ausgabe des Guardian

Übersetzung Carola Torti

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Geschrieben von

Rebecca Solnit | The Guardian

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