Gelegentlich der Kadaver einer Kuh

Niger Millionen ist in Westafrika nicht zuletzt durch steigende Preise das Recht auf Nahrung entzogen. "Stillen Massenmord" nennt das der Schweizer UN-Experte Jean Ziegler

Eine Reklametafel neben der staubigen Landstraße offeriert, was die Erde, auf der sie steht, nicht hervorbringen kann: Ein Sack Getreide wird dem Gewinner der Verlosung einer Mobilfunkgesellschaft in Aussicht gestellt.

In Niger können Lebensmittel in den Rang eines außergewöhnlichen Lotteriegewinns aufsteigen. Wirft man einen Blick hinter die Plakatwände längs der brütend heißen Trasse nach Tillabérie – sie führt aus der Hautpstadt Niamey heraus und weiter nach Norden in die Sahara und nach Timbuktu –, dann ist leicht zu erkennen, weshalb die Verlosung von Nahrung Spielerleidenschaften weckt. Auf Feldern mit verkrüppelter Hirse brennt die Sonne, das Land wird von ausgetrockneten Flussbetten zerfurcht, ab und zu stößt man auf den Kadaver einer Kuh. Episodische Bilder des Jammers und der Entbehrung, die internationale Hilfsorganisationen mit wachsender Besorgnis quittieren.

Derzeit sind zwölf Millionen Menschen in Niger – rund vier Fünftel der Bevölkerung – von Lebensmittelknappheit heimgesucht, was bedeutet: Für jeden von ihnen bleiben bestenfalls Vorräte für zehn Tage, wenn alle anderen Einkommen schaffenden Maßnahmen ausgeschöpft sind. Gibt es keine schnelle, keine kompakte Hilfe, steht zu befürchten, dass viele in den kommenden Monaten verhungern.

Bis zu 400.000 Kinder

Das Unheil zog im Vorjahr herauf, als schwere Regenfälle die Saaten zerstörten, so dass kaum geerntet werden konnte. Der daraus resultierende Einbruch bei Grundnahrungsmitteln wie Mais, Hirse und Sorghum hatte Auswirkungen auf die gesamte westliche Sahelzone sowie den Tschad und den Norden Nigerias. Eine Gegend, die selbst zu besten Zeiten ein labiler Versorger ihrer Bewohner ist,

Doch keine Region ist derart betroffen wie der Staat Niger. Unter der Misere leiden besonders Kinder, von denen gegenwärtig 17 Prozent als unterernährt gelten, was über der 15-Prozent-Schwelle liegt, die nach den Kriterien der Welternährungsorganisation (FAO) einen nationalen Notstand markiert. Die Organisation Save the Children geht davon aus, dass bis zu 400.000 Kindern in Niger ein qualvolles Siechtum droht.

Hilfsverbände beobachten die Auszehrung des Landes seit 2005, als es gleichfalls an extremer Trockenheit lag, dass es keine Lebensmittel gab. Im Jahr darauf vernichtete eine Heuschrecken-Plage die Aussaat und traf den Lebensmut der Menschen. „2009 fielen die Ernteverluste weit schlimmer aus als erwartet“, meint Gianluca Ferrera, Vizedirektor für das UN-Ernährungsprogramm (WFP) in Niger, „die magere Jahreszeit begann für dass Gros der Bevölkerung früher als erwartet. In einigen Gebieten ist die Hälfte der Kinder unter zwei Jahren unterernährt. Viele von ihnen werden nicht überleben.“ Fatoumata Soumana von der nigerischen Division des Kinderhilfswerks Plan International teilt diese Befürchtung: „Die Dinge stehen schlechter als bei der Heuschrecken-Plage 2005.“ Leider interessiere die Medien in Europa dieses Desaster nicht.

Am Rand der Route nach Tillabéri hat sich eine große Menschenmenge auf einer geschäftigen Lichtung versammelt. Hunderte aus den umliegenden Dörfern – Kuhhirten im Teenageralter, ältere Farmer, stillende Frauen. Sie drängeln, um sich in der sengenden Hitze Platz zu verschaffen. Es gibt zwei Schlangen – getrennt nach Männern und Frauen – vor zwei Stapeln mit Getreidesäcken. Eine siebenköpfige Familie hat Anspruch auf eine 100-Kilo-Ration. Ein Maß, das sich an die familiäre Durchschnittsgröße in Niger hält, aber nicht immer respektiert wird.

Frau Talata wartet lange

Talata Sourghakoy, eine aufgeweckte ältere Frau, die unter einem langen, schwarzen Hijab, der zusätzlich ihre traditionelle Kleidung bedeckt, erbarmungslos schwitzt, ist aus dem Dorf Sakoria hierher gereist und wartet bereits den ganzen Tag. „Zu meiner Familie gehören 15 Personen. Denen wird nicht reichen, was ich hier kriege. Wenn ich es kriege.“ Trotz ihrer ausgemergelten Gestalt kann Sourghakoy über die Situation noch scherzen. Ihr Lachen, das ein paar verbliebene Zähne in ihrem Unterkiefer freilegt, veranlasst die Frauen, die in ihrer Nähe stehen, zu lebhafter Debatte. Während sie sich langsam auf die Getreidestapel zubewegen, um endlich ihre Esel mit der Nahrungsspende beladen zu können, bekräftigt jede von ihnen, was man hier bekäme, genüge niemals, um die Familien vor Hunger zu schützen.

Im Juni räumte auch ein Regierungsbericht ein, dass in Niger die Unterernährung enorm sei, so dass die Schwelle zum Notstand überschritten werde. Frau Sourghakoy erzählt, die Nahrungsmittel, die bisher verteilt wurden, seien stets nach zwei Wochen verbraucht. Sie habe sich ein jämmerliches Jahr über Wasser gehalten, indem sie Pfeffer und getrocknete Zwiebeln auf dem Markt verkaufte. Das brachte umgerechnet 60 Cent am Tag, um Saatgut für Feldfrüchte zu kaufen, doch dann kam die Dürre. „Ich ernähre meine Familie mit halben Portionen, koche eine Mahlzeit und teile sie in zwei Hälften, die eine bewahre ich für den anderen Tag auf. Ich bete zu Gott, dass wir in diesem Jahr ernten können. Wenn nicht, werden wir sterben.“

Das Paradoxe an der derzeitigen Lebensmittelnot ist der Umstand, dass es auf vielen Märkten Nigers reichlich zu kaufen gibt (s. unten). „Das hiesige Angebot offenbart florierende Importe, doch sind die Preise für diese Waren extrem hoch“, erklärt Gianluca Ferrera, der Resident des UN-Ernährungsprogramms (WFP). „In einigen Nachbarländern war die Agrarproduktion ergiebig. Was dafür jetzt bezahlt werden muss, ist abnormal.“ Zudem werden Spekulationen auf Agrarerzeugnisse, wie sie von den internationalen Finanzmärkten ausgehen, für einen Preisschub bei Grundnahrungsmitteln wie Reis und Mais um bis zu 300 Prozent verantwortlich gemacht. Jean Ziegler, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, nennt dieses Phänomen „stillen Massenmord“.

„Auf den Märkten gibt es Essen, doch die Kaufkraft der Menschen ist zu schwach“, konstatiert auch Nigers Premierminister Mahamadou Danda. „Ohne Subventionen kann es sich kaum jemand leisten, dort zu kaufen.“ Dass er den Ernst der Lage so bereitwillig zugibt, hat viele Entwicklungshelfer erstaunt. Die gewählte Regierung war im Februar nach einem Staatsstreich durch eine Militärjunta ersetzt worden, die nach und nach die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft gewinnt und für Anfang 2011 Wahlen versprochen hat.

„Wir haben es inzwischen mit zwei oder drei Notständen zu tun“, meint Colonel Abdoulkarim Goukoye, Vorsitzender der Kommission für Nahrungssicherheit und Mitglied der Junta. „Ende Juli haben die ersten Regenfälle zu starken Überschwemmungen geführt. Von manchen Dörfern blieb nicht viel übrig. In den nördlichen Regionen ist außerdem die Sicherheitslage prekär, wir bekommen von dort teilweise keine Informationen, manche Dörfer erreichen wir nicht. Es kommt hinzu, dass die Bevölkerung nomadisch lebt, permanent in Bewegung ist, so dass es schwierig wird, die Bedürfnisse einzuschätzen.“

Einige an Öl und Uran reiche Gegenden Nigers sind bewaffneten Aufständen ausgesetzt, die auf Gruppen zurückgehen, die mit al-Qaida in Verbindung gebracht werden. Ende Juli wurde bekannt, dass der 78-jährige französische Entwicklungshelfer Michel Germaneau an der Grenze zu Mali entführt und von der Organisation al-Qaida des Islamischen Maghreb umgebracht wurde. „Wir sind wegen der Sicherheitslage in einigen Teilen Nigers äußerst besorgt“, sagt der FAO-Mann Ferrera. „Sie hält uns davon ab, die Lebensmittelknappheit zu überwachen.“

Internationale Organisationen geben hingegen zu verstehen, das größte Hindernis wirksamer Hilfe sei ein Spendendefizit von über 100 Millionen Dollar. „Die Leute sind des Spendens müde“, so Ferrera, „und in vielen westlichen Ländern momentan drastischen Sparmaßnahmen ausgesetzt. Die Hilfsgelder tröpfeln nur. Aber noch ist das Zeitfenster offen, um Nahrung zu kaufen.“

In der Schlange der Bedürftigen an der Straße nach Tillabéri wartet die 19-jährige Ramatou – hochschwanger und schrecklich dünn – auf ihre Rationen. „Ich weiß nicht, wie das reichen soll. Ich erinnere mich an schlechte Zeiten, als ich ein Kind war, aber das ist mit dem, was jetzt passiert, nicht zu vergleichen. Weil ich eigene Kinder habe, weiß ich nicht, wie wir durchkommen sollen. Ich fürchte, es kommt eine Zeit, in der wir einfach ohne Nahrung bleiben.“

Afua Hirsch ist Juristin. Sie hat als Strafverteidigerin praktiziert und unterrichtet Verfassungsrecht. Unter guardian.co.uk/law/afua-hirsch-law-blog bloggt sie für den Guardian

Übersetzung: Christine Käppeler
14:00 07.09.2010
Geschrieben von

Afua Hirsch | The Guardian

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