Geprüft und gebunden

Royale Hochzeit Kate Middleton und Prinz William hatten genug Zeit, um sich kennenzulernen. Ihre Verlobung lenkt die Engländer von der Wirtschaftskrise ab und die Medien feiern Diana II

Eine Aristokratin hat uns einst den Roman Love in a Cold Climate (in Deutschland 1953 unter dem Titel Liebe eisgekühlt, 1990 als Liebe unter kaltem Himmel veröffentlicht) beschert. Nun wird die königliche Familie eine Hochzeit in Zeiten des Sparkurses ausrichten.

Als David Cameron über die Pressemeute hinweg Prinz William und Kate Middleton vor Downing Street Number 10 seine Glückwünsche übermittelte, war die Freude auf seinem Geicht die eines bescheidenen Kerls, der sich freut, ein junges Glück zu feiern. Vielleicht war auch ein Hauch regional bedingter Solidarität mit Kate dabei, die in einem Dorf nur wenige Meilen von Camerons eigenem Heimatort in West Berkshire aufgewachsen ist und wie er durch und durch eine aus den „Home Counties“ ist.

Aber man könnte es ihm auch nachsehen, wenn sein Strahlen auch das eines Politikers war, der erleichtert ist – endlich einmal – der Überbringer guter Nachrichten zu sein, denn er wird sich wohl ausgerechnet haben, dass eine königliche Hochzeit eine willkommene Ablenkung von der wirtschaftlichen Resignation und den Ausgabensenkungen ist, die in den ersten Monaten 2011 greifen werden. Er könnte sogar auf einen Aufwärtstrend des von ihm erst kürzlich ausgerufenen National Happiness Index hoffen.

Wie uns die anderen sehen

Zunächst brachte auch die Presse genau diese zynischen Gedanken unters Volk. Sie wurden jedoch schnell beiseite gespült, als die Nachrichtensender auf Hysterie umschalteten: Die BBC schickte einen Helikopter los, der eine stillstehende Luftaufnahme des Buckingham Palace lieferte und drängte ihre wichtigsten politischen und diplomatischen Korrespondenten dazu, alles rund um die bevorstehende Hochzeit zu diskutieren.

Das alles lässt sich natürlich leicht als Überreaktion schlechtreden, doch die Wahrheit über Großbritannien ist, dass es eben diese Momente sind – königliche Geburten, Todesfälle und Hochzeiten – die uns Aufschluss darüber geben, was für ein Land wir sind. Der Bund fürs Leben zwischen dem Mädchen, das er „Babykins“ nennt, und dem Jungen, den sie als „Big Willie“ kennt, wird da keine Ausnahme sein.

Zuerst einmal bekommen wir eine Ahnung davon, wie andere uns sehen. Der Sender ABC eröffnete seine Sendung Good Morning America mit einem Fanfarenstoß über Bildern des Paares, was einmal mehr beweist, dass wir in den USA eher als Historiendrama denn als echtes Land wahrgenommen werden, ein ruritanischer Freizeitpark, altmodisch und bezaubernd bis in alle Ewigkeit.

Zuhause wurde uns in Erinnerung gerufen, dass die britischen Medien so versessen auf die Royals sind wie eh und je. Der Fototermin und das Fernsehinterview werden nur der Auftakt einer endlosen Presse-Manie gewesen sein, Middletons Gesicht wird nun mit Sicherheit jede Woche bis zur Hochzeit und auf Jahre hinweg auf den Titelseiten von Hello! und OK! zu sehen sein. Die Blitzlichtgewitter, die ihren offiziellen Phototermin begleiteten, haben sie – zumindest was des Medientinteresse betrifft – zur neuen Diana erkoren.

Prinz Charles ist außer sich

Der Tag hat uns auch gezeigt, wie viele britische Gewohnheiten weiter fortleben. Sexismus zum Beispiel ist nicht tot zu kriegen: Über die Verlobung wurde ausschließlich als seine, anstatt als beider Entscheidung berichtet. Die Spekulationen über das Hochzeitskleid bestätigten, dass in königlichen Angelegenheiten immer noch die Regeln der Märchenwelt als Maßstab gelten.

Auch die Klassenzugehörigkeit bleibt von Belang. Die BBC bezeichnete Middleton völlig ironiefrei als „Bürgerliche“, während das Palast-Gefolge ihre Selfmade-Eltern als ordinäre Mittelschicht verspottete (als Millionäre sind sie – zumindest wirtschaftlich – meilenweit von der durchschnittlichen Mittelschicht entfernt).

Einige fanden, eine königliche Hochzeit inmitten von Rezession, Tumulten und Streiks sei ganz schön 1981, als hätten sich die Windsors entschieden uns à la Life on Mars auf eine Reise dreißig Jahre in die Vergangenheit mitzunehmen. Und auch Prinz Charles, wie er immer noch unbeholfen und gehemmt auf eine emotionale Frage reagierte – auf Nachfrage eines Reporters spuckte er ziemlich gereizt aus, er sei „augenscheinlich außer sich vor Freude“, um dann mir seinem Meet-and-Greet fortzufahren – ließ uns mutmaßen, dass die Zeit zurückgedreht worden war.

Sinn für schmutzigen Humor

Doch auch die Unterschiede zwischen damals und heute traten offen zu Tage. Kate und William haben als Studenten zusammengelebt, eine Tatsache, über die weniger Augenbrauen hochgezogen wurden, als es 1981 der Fall gewesen wäre. In einem gemeinsamen Fernsehinterview scherzte William, er und seine Braut teilten einen „schmutzigen Sinn für Humor“. Unvorstellbar, dass Charles so etwas gesagt hätte, und was die Queen betrifft, nun denn. Als der zukünftige König erzählte, wie er und Kate früher zusammen „abhingen“, war das ein deutliches Signal, dass sich die Zeiten verändert haben.

Doch noch etwas anderes hat sich verändert. Die Briten konnten in jüngster Vergangenheit zusehen, wie drei von vier Windsor-Ehen gescheitert sind, und so werden heute nur wenige, anders als einst, erwarten, dass diese Geschichte ein Happy End haben wird. Doch das Paar vermittelte den Eindruck sich zusammen wirklich wohl zu fühlen und sie konnten viel Zeit miteinander verbringen – eine Möglichkeit, die Charles und Diana nie hatten.

Selbst die hartgesottensten Anhänger der Republik werden ihnen alles Gute wünschen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:15 17.11.2010
Geschrieben von

Jonathan Freedland | The Guardian

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