Google stellt Facebook ein Bein

Netzwelt Facebook-User sind plötzlich nicht mehr in der Lage, Kontakte ihrer Google-Dienste automatisiert zu importieren oder sie einzuladen

Der Trommelschlag der diplomatischen Anspannungen zwischen den beiden Internet-Schwergewichten Facebook und Google wird von Tag zu Tag lauter. In einer öffentlichen Erklärung mahnte Google vergangene Woche einen seiner Rivalen – oder besser gesagt angehenden Rivalen – ab und beendete die Synchronisation seiner Googlemail-Kontakte mit Facebook mit dem Argument, das soziale Netzwerk leiste keinen eigenen Beitrag in „einer Welt der echten Daten-Befreiung“.

Mit Betonung auf Facebook als Hauptmissetäter erklärte Google, Dienste, die es ihren Usern nicht ermöglichen, ihre Kontaktdaten auf andere Anwendungen zu übertragen, und das auf eine Art, die „im Wesentlichen so schnell und einfach ist, wie solche Daten von Google Contacts zu exportieren“ dürften nicht länger auf seine Programmierschnittstelle Contacts-API zuzugreifen.

Facebook, so der Suchmaschinen-Riese, halte den User in einer „Daten-Sackgasse“ fest, sein sorgfältig aufgebautes Kontakte-Netzwerk sei „gewissermaßen eingekeilt“. Das Resultat des Streits ist, dass neue Facebook-User plötzlich nicht mehr in der Lage sind, Kontakte ihrer Google-Dienste automatisiert zu importieren oder sie einzuladen.

Facebook reagiert patzig. Dem Technik-Blog TechCrunch zufolge hat Facebook die Google-Blockade umgehend unterlaufen, indem es eine eigene Lösung zusammenhackte. Neue User können jetzt eine Datei mit ihren Google-Kontakten herunterladen – und dann hochladen – ohne Facebook verlassen zu müssen. Darüber hinaus unterminiert diese Lösung Google, da sie sich die Data Liberation Front (DLF) des Suchmaschinengiganten bedient.

Ja, die DLF ist ein echtes Ding. Ein Team von Google-Technikern, um genau zu sein, deren „einziges Ziel es ist, es den Usern zu erleichtern, ihre Daten in Google-Produkte hineinzubekommen und sie wieder zu extrahieren“. (Im September 2009 sprach der Guardian darüber mit Brian Fitzpatrick, dem Chef der Seite).

Gewiss lässt Google seine User ihre Kontaktdetails in aller Ruhe im Format ihrer Wahl exportieren oder importieren. "Welch fantastische Großzügigkeit", sagt Facebook. "Wir werden das nutzen, um über euer schnell zusammengezimmertes Hindernis zu hüpfen."


Update

Google hat den Guardian inzwischen mit folgendem Kommentar kontaktiert: Wir sind enttäuscht, dass sie bei Facebook ihre Zeit nicht darauf verwandt haben, es ihren Usern zu ermöglichen, ihre Kontakte aus Facebook heraus zu übertragen. Als leidenschaftliche Anhänger des Gedankens, dass Menschen die Daten, die sie erzeugen, kontrollieren können sollen, werden wir unseren Nutzern weiterhin erlauben, ihre Google-Kontakte zu exportieren.“ Resolut, was?

Facebook lehnt weiterhin jeden Kommentar zu dem Thema ab und zieht es vor, sich um die Bedürfnisse der User zu kümmern.

Die ursprüngliche Erklärung von Google ist eine genaue Lektüre wert:

„Google engagiert sich dafür, es seinen Usern zu erleichtern, ihre Daten in Google-Produkte hineinzubekommen und sie wieder zu extrahieren. Deshalb haben wir ein „Data Liberation“-Team, dessen Aufgabe es ist, Import- und Export-Tools für User zu bauen. Wir sind nicht allein. Viele andere Seiten ermöglichen es ihren Usern, ihre Informationen – darunter auch ihre Kontakte – schnell und einfach zu importieren und exportieren. Doch Seiten wie Facebook, die das nicht tun, halten ihre User in einer Daten-Sackgasse fest. Deshalb haben wir uns entschieden unseren Ansatz etwas zu ändern, um der Tatsache gerecht zu werden, dass den Usern oft nicht bewusst ist, dass ihre Daten gewissermaßen eingekeilt sind, wenn sie ihre Kontakte auf Seiten wie Facebook importieren. Google-Usern steht es immer noch frei, ihre Kontakte von unseren Produkten in einem offenen, computerlesbaren Format auf ihre Computer zu exportieren. Wir werden Webseiten jedoch nicht länger erlauben, den Import von Google Contacts (über unser API) zu automatisieren, solange sie anderen Seiten nicht einen vergleichbaren Export erlauben. Wenn wir den Transfer von Kontakten auf andere Dienste automatisieren, dann ist es wichtig, dass die User eine gewisse Sicherheit haben, dass der neue Dienst ein Minimum an Daten-Übertragbarkeit erfüllt. Wir hoffen, dass die Reziprozität ein wichtiger Schritt in Richtung einer Welt der echten Daten-Befreiung sein wird – und dass dieser Schritt andere Webseiten dazu anregt, es ihren Usern zu ermöglichen, den Export ihrer Kontakte zu automatisieren.“

Google will, dass auch andere Internetfirmen mit den Daten ihrer User fair umgehen. Ich zeige euch meine, ihr zeigt mir eure. Bei Facebook neigt man zu schnellen Reflexhandlungen, wenn man das Gefühl hat, dass eine andere Firma einem auf die Füße tritt – um einiges langsamer ist man, wenn es darum geht, es den Nutzern zu ermöglichen, das soziale Silo zu verlassen.

Die Frage ist nun, ob Google weitere Schritte unternehmen wird – schwierig, da DLF bereits existiert – oder ob es eine Möglichkeit finden wird, die Systeme von Facebook mit dem Brecheisen zu öffnen um bei der Einrichtung des vieldiskutierten Google Me zu helfen. Letzteres sieht eher unwahrscheinlich aus; Kontakte sind die geheime Soße von Facebook, so wie die präzisen Suchalgorithmen die von Google ist. Wo wird der Krieg ohne Kriegserklärung als nächstes ausbrechen?


Übersetzung: Christine Käppeler

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16:35 10.11.2010
Geschrieben von

Josh Halliday | The Guardian

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